soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 9 (2013) / Rubrik "Werkstatt" / Standortredaktion Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/263/422.pdf


AG Junge Wohnungslose:

Junge Wohnungslose in Wien

Juni 2008


1. Einleitung
In den letzten Jahren ist den MitarbeiterInnen der Wohnungslosenhilfe eine steigende Anzahl von jungen, wohnungslosen Menschen aufgefallen, die in den bestehenden Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe nicht adäquat betreut werden können. Nach diesbezüglichen Diskussionen bei der Bawo-Fachtagung 2007 in Wien kam die Idee auf, einen Arbeitkreis zu diesem Thema ins Leben zu rufen. Am 8.10.2007 fand die erste Sitzung der Arbeitsgruppe statt.

In einer ersten Erhebungsphase haben wir Konzepte, Arbeitsansätze und Angebote für junge Erwachsene in der Wiener Wohnungslosenhilfe untersucht. Im nächsten Schritt wurden die Ziele der Arbeitsgruppe abgeklärt: Eine Gruppe wurde damit beauftragt Bedürfnisse von jungen Wohnungslosen zu sammeln und daraus Vorschläge zur quantitativen sowie qualitativen Verbesserung und Erweiterung der Angebotsstruktur abzuleiten. Die zweite ExpertInnengruppe entwickelte einen Fragebogen, um zum ersten Mal aktuelle Zahlen und ein Stimmungsbild zur Situation von jungen Wohnungslosen in Wien zu erheben. Der Fragebogen wurde an die Einrichtungen der WWH ausgeschickt. Die Ergebnisse der Kleingruppen wurden schließlich in dieses Grundsatzpapier eingearbeitet.


Tabelle 1: An der Erhebung teilnehmende Einrichtungen

Der folgende Text basiert somit auf dem ExpertInnenwissen der TeilnehmerInnen der Arbeitsgruppe sowie den Ergebnissen der Fragebogenerhebung. Zusätzlich wurden Quellen aus der Fachliteratur und einer Diplomarbeit verwendet.

Ziel ist es zunächst, Ursachen und Hintergründe sowie die speziellen Bedürfnisse von jungen Wohnungslosen zu erörtern, bevor daraus im letzten Teil Schlussfolgerungen und Verbesserungsvorschläge abgeleitet werden.

Dieses Grundlagenpapier bezieht sich auf die Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen. Die Arbeitsgruppe unterschied zunächst zwischen den 18- bis 25-Jährigen und den 25- bis 30-jährigen jungen Wohnungslosen – auf diese Weise machten sich deutliche Differenzen bemerkbar waren. Da die Grenze aber dennoch fließend ist, wurde schließlich bei den Bedürfnissen und Schlussfolgerungen nicht mehr weiter unterschieden.


2. Ursachen und Hintergründe

  • meist massive Probleme im Familiensystem
  • über Jahre hin psychische, physische oder sexuelle Gewalterfahrung in der Familie
  • Gleichgültigkeit und Vernachlässigung in der Familie bis hin zur direkten Ausgrenzung durch die Eltern
  • immer wieder wechselnde Bezugspersonen und deren unterschiedliche Erziehungsstile
  • ökonomische Mangelsituationen, die die Konflikte in der Familie verschärfen
  • Migration und damit verbundene Konflikte der bikulturellen Sozialisation, Entwurzelung und Orientierungslosigkeit
  • aufgrund von fehlender Schul- bzw. Ausbildung und der damit verbundenen fehlenden Tagesstruktur entsteht häufig Perspektivenlosigkeit
  • psychische Erkrankungen
  • Suchterkrankung
  • Haftentlassung oder Entlassung nach langen stationären Aufenthalten in Krankenhäusern
  • Höhere Jugendarbeitslosigkeit bzw. Arbeitsplätzen im Niedriglohnbereich, die nur ein geringes Maß an sozialer Sicherheit bieten
  • Fehlendes Angebot an leistbaren Wohnungen

Insgesamt sind es meist Belastungskombinationen aus Dauerbelastung und kurzfristig eskalierten Problemen, die zu Straßenkarrieren führen. (vgl. Bodenmüller/Piepel 2003: 21) Weiters spielen Diskontinuität, die sich durch häufige Wechsel von Bezugspersonen oder Wohnorten auszeichnet, oder allgemein ein fehlendes soziales Netz, wesentliche Rollen. (vgl. Permien/Zink 1998: 104f)

Ein erheblicher Teil jugendlicher Wohnungsloser wird auf der Straße erwachsen. Andere, die in Einrichtungen der Jugendwohlfahrt leben, werden zum Teil mit 18 „auf die Straße entlassen“ oder verlassen nach Konflikten selbst die Einrichtung, oft ohne weitere Perspektiven. Auch jenen, die eine eigene Wohnung über die Jugendwohlfahrt erhalten, fällt die erste Zeit ohne Betreuung schwer. Ohne genügend Vorbereitung auf das selbständige Leben wachsen häufig die Probleme und vor allem Zahlungen über den Kopf und so erfolgt erneut die Rückkehr auf die Straße.

Generell zur Situation junger Erwachsener ist auffallend, dass der familiäre Rückhalt deutlich abnimmt und ihre persönliche Situation von einem „nicht mehr Kind, noch nicht erwachsen“ gekennzeichnet ist. Trotz der scheinbaren Chancenvielfalt fehlt es ihnen an Orientierung, doch gerade in diesem Lebensabschnitt müssen wichtige Entscheidungen in beruflicher und persönlicher Hinsicht getroffen werden. Insgesamt haben sich die Chancen der jungen Erwachsenen auf gesellschaftliche Teilhabe in den letzten Jahrzehnten verringert. Der Zugang zum Arbeitsmarkt erfordert immer höhere Qualifikationen und aufgrund des geringen Einkommens stehen kaum leistbare Wohnungen zur Verfügung. Viele Jugendliche und junge Erwachsene sind diesen gesteigerten Anforderungen und den damit verbundenen Verpflichtungen nicht gewachsen (vgl. Velmerig 2005: 101f).


3. Bedürfnisse und Besonderheiten von jungen Wohnungslosen

  • Auf der einen Seite wollen junge wohnungslose Erwachsene an der Gesellschaft teilhaben, sie haben ein starkes Bedürfnis nach Normalität. Zum Teilhaben gehören auch Akzeptanz, Anerkennung und Mitsprachemöglichkeiten. Dies vermittelt ihnen Respekt und Würde, die sie oft während der Zeit auf der Straße verloren haben.
  • Auf der anderen Seite leben junge Menschen aber auch in ihrer eigenen Kultur mit einer unterschiedlichen Alltagsgestaltung und Sprache. Zum Teil geschieht dies bewusst als Abgrenzung zur Erwachsenenwelt.
  • Die Unterstützung und der Zusammenhalt der Peergroup sind für junge Erwachsene grundsätzlich und ganz besonders in Krisen wichtig.
  • Weiters ist ihnen ihre Individualität ein ganz besonderes Anliegen. Jeder Mensch hat individuelle Bedürfnisse und Wünsche, so ist es auch jungen Wohnungslosen wichtig, dass diese berücksichtigt werden und sie nicht mit Standardangeboten zwangsbeglückt werden.
  • Die Wohnungslosigkeit, insbesondere die Zeit auf der Straße, ist für die Betroffenen ein Ausnahmezustand. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Bedürfnis nach Ruhe und Rückzugsmöglichkeit besonders zum Vorschein kommt. Junge Wohnungslose wünschen sich „Raum“ für sich, wobei „sich wohlfühlen“ eine zentrale Rolle spielt.
  • Immer wieder wird bei jungen Wohnungslosen ein Bedürfnis nach Regeln und Struktur deutlich. Dabei muss es sich um sinnvolle und nachvollziehbare Vorgaben handeln, da Regeln immer auch Einschränkung bedeuten und nicht gut angenommen werden können, wenn sie nicht nachvollzogen werden können oder als zu streng erachtet werden. Regeln vermitteln Sicherheit und geben Halt. Ein strukturierter, schrittweise erfolgender Ablauf zeigt einen Weg aus der Ausnahmesituation, die die Wohnungslosigkeit zweifellos ist, und kann somit einer Überforderung entgegenwirken.
  • Bei der Gruppe der jungen Wohnungslosen kommt sowohl ein Bedürfnis nach Unterstützung, Zuwendung oder Betreuung zum Vorschein als auch ein Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung. Beide Pole sind vorhanden aber bei jedem einzelnen unterschiedlich stark ausgeprägt.
  • Bei jungen Wohnungslosen sind Themen wie Essen, Schlafen oder Hygiene sehr präsent. Auch die Bedürfnisse nach Sicherheit und Zuwendung sind stark ausgeprägt. Daraus lässt sich schließen, dass die Grundbedürfnisse von jungen Wohnungslosen zu wenig gedeckt sind, insbesondere da Wohnen bzw. ein gesicherter Platz zum Schlafen und Leben auch ein Grundbedürfnis darstellt.
  • Junge Wohnungslose wollen, wie angeführt, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Dazu genügt nicht nur, die finanziellen Mittel zur Verfügung zu haben, sondern das Ziel ist eine Teilhabe am Erwerbsleben. Arbeit wird als Bereicherung erlebt. Die Jugendlichen stellen aber auch den Anspruch, dass es erfüllende Aufgaben sein müssen, damit man diese über einen längeren Zeitraum durchhalten kann. Generell, auch ohne Arbeitsverhältnis, erleben sie eine geregelte Tagesstruktur als hilfreich, um die Motivation zur Veränderung aufrecht zu halten.
  • Das Sicherheitsbedürfnis ist stark ausgeprägt. Dies zeigt sich bei den Themen Rückzugsmöglichkeit oder Regeln. Aber auch Gemeinschaft, Beziehungen und Traditionen vermitteln Sicherheit. Daher sind diese Themen bei jungen Wohnungslosen sehr präsent, wobei es aber deutliche individuelle Unterschiede gibt.
  • Beziehungsarbeit hat einen höheren Stellenwert, da Probleme erst angesprochen werden, wenn schon ein Vertrauensverhältnis besteht oder schon Lösungsansätze vorhanden sind.
  • Auch bei jungen Menschen gibt es verdeckte Wohnungslosigkeit in hohem Ausmaß. Viele ziehen über Jahre von Freund zu Freund, zwischendurch mal wieder zurück zu den Eltern, bevor sie in einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe landen.
  • Ziele können schrittweise erfolgreicher und nachhaltiger umgesetzt werden. Ein erreichbares Etappenziel erhöht die Motivation, darauf hinzuarbeiten. Wesentlich ist aber, dass gerade junge Wohnungslose oft mehr Zeit bzw. mehrere Anläufe benötigen, bis sie ihr Ziel erreicht haben.
  • Altersspezifische Angebote werden von den Betroffenen durchwegs bevorzugt. Da sie passgenauer auf Wünsche und Probleme der Zielgruppe reagieren können, ist die Akzeptanz höher und sie sind effizienter und effektiver.
  • Jungen Wohnungslosen fehlt es häufig an erreichbaren Perspektiven. Diesbezüglich gilt es besonders zu beachten, dass junge Menschen in einem andern Zeitgefühl leben. Die Aussicht auf einem Wohnplatz in einem Jahr stellt meist keine Perspektive dar, da der Zeitraum viel zu lang ist. Noch dazu führt diese lange Wartezeit zu Verhaftung im Wohnungslosensystem und Stigmatisierung.
  • Viele wohnungslose junge Erwachsene fühlen sich mit der Situation der Wohnungslosigkeit überfordert. Die Altersgruppe befindet sich generell in einer schwierigen Situation am Übergang zwischen Jugend und Erwachsensein. Dieser Abschnitt ist umso schwerer zu bewältigen, wenn noch eine akute Krisensituation wie z. B. die Wohnungslosigkeit hinzukommt. Zusätzlich üben häufig fehlende Erfahrung mit dem praktischen Leben und geringe Selbständigkeit bzw. Eigenverantwortung einen Einfluss aus. Besonders deutlich wird diese Überforderung bei jungen Wohnungslosen mit Kindern.
  • Obwohl die Höhe der Schulden im Vergleich zur „Durchschnittsbevölkerung“ eher niedrig ist, erscheint jungen Wohnungslosen ihre finanzielle Situation oft aussichtslos und mit einem niedrigen Einkommen nicht zu bewältigen. Abgesehen von der Schuldenregulierung sollten sie für ihren Neustart in einer Wohnung ansparen, der oft Priorität gegenüber der Schuldenrückzahlung hat. Beides gleichzeitig ist aber nicht zu finanzieren, wodurch die Rückzahlungen oft über Jahre gehen und die Kosten und Zinsen ins Unermessliche steigen. Dazu kommt aber auch, dass die Jugendlichen den Umgang mit Geld oft nicht gelernt haben bzw. die Prioritäten anders setzen (kurzfristiger Genuss vor Basisbedürfnissen). Besonders schwierig wird es, wenn eine Sucht finanziert werden muss.
  • Die emotionale Situation hat bei jungen Wohnungslosen häufig Vorrang gegenüber der sozialen. So haben z. B. Streit und Beziehungsprobleme Vorrang gegenüber einem Termin beim AMS oder dem/der SozialarbeiterIn, auch wenn dadurch das Einkommen oder der Wohnplatz gefährdet ist.


4. Schlussfolgerungen und Verbesserungsvorschläge
Die Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse sowie die Qualität der Angebote sind entscheidend dafür, ob wohnungslose Jugendliche und jungen Erwachsene ein Angebot längerfristig annehmen können oder nicht. Wenn dies nicht der Fall ist, kommt es dazu, dass sie immer wieder zwischen Straße, FreundInnen und Hilfseinrichtungen hin und her pendeln. (vgl. Bodenmüller/Piepel 2003: 41f) Bedürfnisorientierte Einrichtungen arbeiten effizienter und effektiver, da sie passgenauer sind und damit erhöht sich die Akzeptanz, das Durchhaltevermögen sowie die Zufriedenheit. (vgl. Müllner 2006: 77f) Daher ergeben sich folgende Schlussfolgerungen der Arbeitsgruppe als Forderungen an die Wohnungslosenhilfe (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):


4.1. Wohnen

  • Von der Wohnungslosenhilfe sind konkrete Überlebenshilfen zur Deckung der Grundbedürfnisse gefordert, dabei gilt es wiederum das beschriebene Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung zu berücksichtigen und nicht einfach Rundumversorgung anzubieten. Ebenso wichtig ist das Trainieren von „Alltagsfertigkeiten“.
  • Zielgruppengerechte Angebote sind z. B. kleinere Wohneinheiten, flexiblere Paarzimmer, flexiblere Öffnungszeiten, genauso wie eine bessere personelle Ausstattung der Einrichtungen. Perspektivenlosigkeit erfordert z.B. intensivere Betreuung. Auch ist das „Idealziel“ Gemeindewohnung (generell Finalwohnung) nicht immer passend für junge Menschen.
  • Längerfristige Wohnplätze für junge Menschen sind dringend notwendig. Viele sehen sich derzeit nicht in der Lage (z. B. aufgrund von Sucht od. Überschuldung) in einem Übergangswohnhaus auf das Ziel eigene Wohnung hinzuarbeiten. Für diese sollte es eine Art sozial betreutes Wohnen mit Schwerpunkt junge Erwachsene geben, allerdings ohne Finalcharakter. Man kann dort mehrere Jahre bis zur Stabilisierung wohnen, aber auch jederzeit wieder ausziehen.
  • Kürzere Wartezeiten im NQ bis zur Aufnahme im Wohnheim bzw. für einen Wohnplatz beim Betreuten Wohnen. Ein Jahr Wartezeit ist besonders für diese Zielgruppe zu lange und stellt keine Perspektive dar. Laut unserer Fragebogenerhebung betrug der Anteil der 18- bis 30-Jährigen in den Notquartieren 40%. Im Gegensatz dazu belegte dieselbe Altersgruppe jedoch nur 10-15 % der Wohnplätze in den großen Wohnhäusern des FSW. Daraus kann man schließen, dass viele die lange Wartezeit nicht durchhalten. Neuerdings muss man diesbezüglich auch bedenken, dass schon die Wartezeit auf einen Termin beim Beratungszentrum Wohnungslosenhilfe 2-3 Monate beträgt. Laut Telefonischer Auskunft des BezWo vom 26.03.2008 kann man sich auch erst einen Monat vor dem 18. Geburtstag für einen Termin vormerken lassen. Wenn man jedoch die derzeit vorherrschenden langen Wartezeiten im NQ bzw. für eine Startwohnung bedenkt, wäre eine frühere Anmeldung notwendig, um nicht bis zur Startwohnung die gesamte Wohnungslosenhilfe durchlaufen zu müssen.
  • Somit ergibt sich auch die Notwendigkeit der Einführung von vielfältigen und durchlässigen Angeboten von niederschwellig bis hochschwellig. Niederschwellige Angebote haben für die Stabilisierung eine wesentliche Bedeutung. Derzeit herrscht ein akuter Mangel an niederschwelligen Wohnplätzen mit längerer Verweildauer. Damit junge Menschen, die auf der Straße gelebt haben, Angebote überhaupt annehmen können, braucht es zunächst einen Vertrauensvorschuss. (vgl. Bodenmüller/Piepel 2003: 41f) Erst später, nach der Stabilisierung, sind sie für höherschwellige Einrichtungen bereit. Abgesehen davon, dass das JUCA eine höherschwellige Einrichtung darstellt, bietet es auch nur 66 Wohnplätze für die Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen an. Dem gegenüber stehen 1080 Männer und 322 Frauen, also 1402 Personen im Alter von 18 bis 30 Jahren, die im Jahr 2007 mit P7 bezüglich eines Wohnplatzes Kontakt hatten.


Abbildung 1: Verteilung Männer und Frauen vermittelt von P7

  • Angebote mit drogentolerierender Arbeitsweise und die dringende Notwendigkeit von Wohnplätzen für DrogenkonsumentInnen. Vor allem bei drogenkonsumierenden KlientInnen war bei unserer Erhebung das Durchschnittsalter in den Notquartieren wesentlich niedriger als in den Wohnhäusern.
  • Auswahl und Selbstbestimmung in der Wohnungslosenhilfe bezüglich der Wohneinrichtungen sowie Mitgestaltungsmöglichkeiten innerhalb der Einrichtung.
  • Besonders leicht zugängliche Wohnplätze für junge Frauen als Alternative zu Abhängigkeit und verdeckter Wohnungslosigkeit. Der Frauenanteil ist bei der Zielgruppe der jungen Wohnungslosen besonders hoch. Die folgenden Grafiken basieren wiederum auf den Angaben von P7 und beziehen sich auf das Jahr 2007 sowie die Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen.


Abbildung 2: Geschlechterverhältnis unter 25


Abbildung 3: Altersverteilung Männer


Abbildung 4: Altersverteilung Frauen

  • Behindertengerechte Angebote
  • Interdisziplinäres Betreuungsangebot
  • Wohnplätze für junge Menschen mit Haustieren


4.2. Arbeit und Ausbildung, Freizeit und Tagesstruktur

  • Der Aufbau von jugendadäquaten Beschäftigungsangeboten (u. a. flexiblere, niederschwelligere Stabilisierungsangebote, Ausbau von Arbeitsprojekten und Anhebung der Dauer auf mind. wieder 1 Jahr).
  • Ausbildungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel Möglichkeiten zum Nachholen der Lehre, einfacherer Einstieg in Ausbildungsprojekte, Rücksichtnahme auf mögliche mangelnde Stabilität.


4.3. Ambulante Einrichtungen

  • Die Implementierung von Informations- und Anlaufstellen. In Tages- und Nachtzentrum sollten Angebote zur Abdeckung der Grundbedürfnisse sowie Beratung und Information geboten werden. Sinnvoll wären weiters niederschwelllige ärztliche Betreuung sowie jugendadäquate Tagesstrukturangebote in „lockerer Atmosphäre“. Auffallend hoch war laut unserer Fragebogenerhebung der Anteil der 18- bis 30-Jährigen mit jeweils 40% in den niederschwelligen Tageszentren Gruft und Josi, die keinesfalls jugendadäquat sind.
  • Die Etablierung von finanzieller Unterstützung (z. B. Wohnungskaution, Schuldenregulierung) und ambulanter Betreuung in der eigenen Wohnung wäre in vielen Fällen sogar kostengünstiger als die Unterbringung in einer Wohneinrichtung.
  • Konsumräume sind seit Langem eine Forderung des Vereins Wiener Sozialprojekte. Darin können Suchtkranke unter Aufsicht Drogen konsumieren. Sie dienen als „Andockstation“ und stellen ein Angebot für jene dar, die sonst keine Einrichtungen in Anspruch nehmen. Sie gewährleisten hygienische Konsumbedingungen und wenn im Notfall Erste Hilfe geleistet wird, können Konsumräume auch zur Verminderung von „Drogentoten“ beitragen. Ein allgemeiner Nutzen wäre, dass der öffentliche Raum weniger durch herumliegende Spritzen beeinträchtigt ist. (vgl. Verein Wiener Sozialprojekte 2006: 14)
  • Leicht zugängliche, kostenlose, psychosoziale Betreuungseinrichtungen z. B. Therapiemöglichkeiten (ambulant bis stationär).


4.4. Prävention und Nachbetreuung

  • Verbesserung der Schnittstelle Jugendwohlfahrt und WWH. Prävention und Kooperation (z. B. Wohnbegleitung und Delogierungsprävention) sind kostengünstiger und wirken nachhaltiger als ein Durchlaufen der ganzen WWH.
  • Sicherung des sozialen Netzes
  • Nachbetreuung


5. Zusammenfassung
Die Einführung von lebensweltorientierten Angeboten und einer akzeptierenden Grundhaltung ist eine grundsätzliche Forderung!

Zusammenfassend möchten wir feststellen, dass junge Wohnungslose vom Hilfesystem der WWH, neben konkreten Überlebenshilfen, Normalisierung und Stabilisierung, vor allem die Erfahrung benötigen, dass sie mitsamt ihrer problematischen Situation akzeptiert werden.

Darüber hinaus ist in Anbetracht des besonders in den letzten Jahren verzeichneten rasanten Anstiegs der jungen Wohnungslosen (2007 waren 40% der NotquartiersnächtigerInnen unter 30 Jahren) eine Adaptierung als notwendig anzusehen. Dadurch wird ein frühes Auffangen der Krisensituation ermöglicht und ein Abrutschen in die manifeste Wohnungslosigkeit verhindert. Eine Verbesserung der aktuellen Angebotsstruktur ist demzufolge eine Investition in eine kosteneffiziente und nachhaltige Handlungsstrategie und somit gegen eine Verhaftung von jungen Menschen in der WWH.


Literatur
Arbeitsgruppe Junge Wohnungslose (2008): Fragebogen Junge Wohnungslose Erwachsene. Wien.
Bodenmüller, Martina / Piepel, Georg (2003): Streetwork und Überlebenshilfen, Entwicklungsprozesse von Jugendlichen aus Straßenszenen. Weinheim; Berlin; Basel.
Müllner, Andrea (2006): Wohnungslose junge Erwachsene in Wien, eine Analyse. Diplomarbeit eingereicht an der Fachhochschule St. Pölten.
Permien, Hanna / Zink, Gabriela (1998): Endstation Straße? Straßenkarrieren aus der Sicht von Jugendlichen. München.
Verein Wiener Sozialprojekte (Hrsg.) (2006): Jahresbericht 2005. Wien.
Velmerig, Thomas (2005): Hilfsangebote für junge Erwachsene an der Schnittstelle von BSHG und KJHG. In: Wohnungslos, 47. Jahrgang, Heft 3/2005. S. 101-104.


Über die TeilnehmerInnen der Arbeitsgruppe
Natascha Ettenauer (Haus Otto und R3, Samariterbund)
Irmgard Hajszan-Libiseller (Haus Miriam, Caritas-Wien)
Nora Kobermann (JOSI, wieder wohnen)
Christina Kolland (JOSI, wieder wohnen)
Oliver Korath (Gruft, Caritas-Wien)
Gilbert Medwed (Haus Hermes, Rotes Kreuz)
Andrea Müllner (JUCA, Caritas-Wien)
Maria Ramnek (Frauenwohnzentrum, Caritas-Wien)
Simone Schiffauer (Haus Siemensstraße, wieder wohnen)
Stefanie Strasser (Haus Hernals, wieder wohnen)
Reinhard Sutrich (R3 Samariterbund)
Hannah Swoboda (A_way, Caritas-Wien)
Stephan Waldner (P7, Caritas-Wien)
Daniela Wieshofer (Haus Gänsbachergasse, wieder wohnen)
Michael Zikeli (JUCA, Caritas-Wien)




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