soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 9 (2013) / Rubrik "Sozialarbeitswissenschaft" / Standortredaktion Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/276/449.pdf


Roswitha Harner, Yann Arhant, Marc Diebäcker & Magdalena Habringer:

Hegemoniale Männlichkeit und Soziale Arbeit.


Ein Forschungsansatz zu Väterlichkeiten in der Wohnungslosenhilfe.


1. Männlich – Vater – wohnungslos: Geschlechtsblindheit in einem männerdominierten Handlungsfeld?
In der Obdach- bzw. Wohnungslosenhilfe ist eine Auseinandersetzung mit genderspezifischen Themen ein relativ junges Phänomen. Obwohl Hilfsangebote geschlechtsneutral konzipiert wurden, richteten sie sich implizit eher an Männer. Seit Ende der 1990er Jahre wird diese „Geschlechtsblindheit“ der politischen Programme und die verdeckte Wohnungslosigkeit von Frauen zunehmend problematisiert. In Österreich wurde diese Debatte wesentlich durch den 2001 gegründeten Frauenkreis der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAWO) vorangetrieben. Dies führte zu einer stärkeren Wahrnehmung des weiblichen Geschlechts, einer zunehmenden Erfassung der Bedarfe von Frauen und zu einer Entwicklung frauenspezifischer Angebote. Erhebungen und Berichte zu europäischen Obdach- und Wohnungslosensystemen heben inzwischen spezifische Infrastruktur und sozialarbeiterische Begleitung für Frauen hervor, bei denen auch Elternschaft häufiger thematisiert wird. (vgl. z. B. FEANTSA 2012: 31ff; BAWO 2009: 17-18, 75, 78, 82)

Eine differenzierte Auseinandersetzung mit Eltern, die von ihren Kindern getrennt leben, bleibt dabei weiterhin selten. In Bezug auf wohnungslose Männer wird die Thematisierung von Vaterschaft sogar weitgehend ausgeblendet. Ein Blick auf die Wiener Wohnungslosenhilfe zeigt beispielweise, dass sich geschlechtsneutrale Angebote tendenziell eher an Männer richten, geschlechtsspezifische Angebote hauptsächlich an Frauen. (vgl. Harner 2012: 21) Für alleinerziehende Eltern sind Mutter-Kind-Einrichtungen vorgesehen, wo „(…) Müttern – in Ausnahmefällen auch Vätern und Paaren – und ihren Kindern (…) eine vorübergehende Wohnmöglichkeit mit intensiver Begleitung [geboten wird].“ (FSW 2009: 29) Väter scheinen implizit mitgedacht zu werden, wenn Angebote an Familien adressiert sind; als Klienten, die spezielle Unterstützung in Bezug auf Männlichkeit oder Väterlichkeit benötigen, scheinen sie nicht wahrgenommen zu werden. (vgl. Harner 2012: 21-23) Alleinerziehende oder nicht mit ihren Kindern untergebrachte Väter bleiben ebenso wie soziale Väter und väterliche Bezugspersonen in der Wohnungslosenhilfe weitgehend unsichtbar. (vgl. Paquette/Bassuk 2009: 294; Coley 2001: 743; siehe auch McArthur 2006) Obwohl das männliche Geschlecht weiterhin als Norm und wesentlicher Bezugspunkt der Wohnungslosenhilfe gilt bzw. sich ein Großteil der Unterstützungsleistungen nach diesem ausrichtet, ist Väterlichkeit als eine Dimension von Männlichkeit kaum repräsentiert.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Wohnungslosigkeit ist von einer ähnlichen Leerstelle gekennzeichnet: Die Ergebnisse empirischer Untersuchungen basieren aufgrund der stärkeren Sichtbarkeit von Männern überwiegend auf deren Lebensvorstellungen und Lebensführungen – Geschlechterbeziehungen, Männlichkeit und Väterlichkeit werden kaum thematisiert, sodass von einer „geschlechtsblinden Männerforschung“ gesprochen werden kann. (vgl. Fichtner 2004: 50; Liu et al. 2009: 131; Coley 2001: 743) Die geschlechtsbezogene Datenlage zu Ursachen oder institutionellen Ressourcen im Feld der Wohnungslosigkeit ist in der Regel sehr begrenzt, qualitative Selten werden Untersuchungen zu Konstruktionen und sozialen Beziehungen von Betroffenen durchgeführt (vgl. aber Liu et al. 2009; Schindler/Coley 2007; McArthur 2006; Fichtner 2005) und Forschungsprojekte, die auf die Praxis von Sozialarbeiter_innen in den Hilfesystemen fokussieren, sind Mangelware.

Als Autor_innenteam grenzen wir uns von anti-feministischen, essentialistisch argumentierenden und/oder patriarchalen Männlichkeits- und Vaterdiskursen ab und bekennen uns zu einer herrschaftskritischen, feministischen Perspektive, die als politische Haltung nicht vom biologischen Geschlecht abhängt. Bell Hooks (2000: 7) hält diesbezüglich fest: „Feminists are made, not born. One does not become an advocate of feminist politics simply by having the privilege of having been born female. Like all political positions one becomes a believer in feminist politics through choice and action.“1

Ziel dieses Artikels ist es, einen theoretischen Blick auf die Auseinandersetzung mit Männlichkeit und Väterlichkeit im Arbeitsfeld Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit zu entwickeln und Anregungen für mögliche Forschungsperspektiven in diesem Feld Sozialer Arbeit zu formulieren. In einem ersten Schritt erläutern wir das Konzept hegemonialer Männlichkeit. (vgl. z. B. Carrigan/Connell/Lee 2001[1985]; Connell 2000; Connell/Messerschmidt 2005) Dieses stellt eine theoretische Perspektive für eine kritische Männerforschung dar, problematisiert die ungleichen und patriarchalen Geschlechterverhältnisse und beruht auf einer politisch-feministischen Perspektive. Wir argumentieren, dass dieser relationale Zugang die normative, duale Konzeption der Geschlechterrollentheorie überwindet und ermöglicht, verschiedene Varianten von Männlichkeit bzw. Väterlichkeit zu denken sowie Beziehungen sowohl zwischen als auch innerhalb der Geschlechter zu analysieren. Davon ausgehend, dass Väterlichkeit unserer Ansicht nach nur in Verschränkung mit Männlichkeit gedacht werden kann, skizzieren wir in einem zweiten Schritt den aktuellen und sehr begrenzten Forschungsstand von kritischer Männerforschung und Väterlichkeit im Feld der Obdach- bzw. Wohnungslosenhilfe. Des Weiteren argumentieren wir für die produktive Nutzbarmachung des Konzepts hegemonialer Männlichkeit für eine sozialarbeitswissenschaftliche und sozialarbeiterische Praxis in Situationen von Wohnungslosigkeit. In einem dritten Schritt präsentieren wir einen multiperspektivischen Forschungsansatz, der uns für eine relationale Analyse von Väterlichkeit im Feld der Wohnungslosenhilfe sowie für eine kritisch-reflexive Praxis Sozialer Arbeit sinnvoll erscheint.


2. Hegemoniale Männlichkeit als theoretische Perspektive
In der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung, die sich seit den 1950er Jahren ausdifferenzierte, dominierten lange Zeit rollentheoretische Zugänge, die u. a. betonten, dass Geschlecht aus der Verinnerlichung von Rollennormen und -erwartungen entstehe. Die seit den 1970er Jahren einsetzende Kritik dieser Geschlechterrollentheorien problematisiert u. a., dass die sich gegenseitig bedingenden Rollen von Mann und Frau als relativ statisches und komplementäres Konzept gedacht werden und dabei von einer weitgehenden Übereinstimmung von Geschlechternormen und Persönlichkeiten der Subjekte ausgegangen wird. Rollentheoretischen Zugängen wird vorgeworfen, dass die Normvorstellungen von „männlich“ und „weiblich“ funktionalistisch vorausgesetzt werden und rollenkonformes bzw. -anpassendes Verhalten positiv bewertet wird. Negative Effekte des Abgleiches zwischen Rolle und Selbst würden weitgehend ausgeblendet. (vgl. Connell 2000: 42-44; Pleck 1982: 155-160) Die Kritik an der normativen Geschlechterrollentheorie, dass sie das Verhalten von Menschen durch Rollenbestimmungen zu stark vorstrukturiert, Widersprüchlichkeiten bzw. Inkohärenzen nicht genügend in den Blick nimmt, soziale Ungleichheiten und Machtbeziehungen vernachlässigt sowie durch Kategorisierungen soziales Geschlecht homogenisiert, brachte ihr den Vorwurf ein, dass sie selbst ein Instrument der Geschlechterpolitik sei und einen sozialen Wandel der Geschlechterbeziehungen weitgehend verhindere. (vgl. Connell 2000: 44-46)

Als Antwort auf die Kritik an dem Geschlechterrollenmodell formulierten Tim Carrigan, Raewyn Connell2 und John Lee aus der Perspektive einer kritischen Geschlechtertheorie und Männerforschung das Konzept der hegemonialen Männlichkeit. (vgl. Carrigan/Connell/Lee 2001[1985]) Dieses wurde vor allem von Connell (2000) weiter ausformuliert. Ausgehend vom Konzept des sozialen Geschlechts, mit dem die dynamischen Ordnungs- sowie Konstituierungsprozesse von sozialer Praxis und Geschlecht herausgestellt werden, differenziert Connell (2000: 92-96) diesbezüglich drei Strukturdimensionen des sozialen Geschlechts, um die Analyse und Darstellung vor dem Hintergrund einer gesellschaftskritischen Perspektive zu ermöglichen: Mit Machtbeziehungen wird die – trotz zahlreicher Ausnahmen und Widerstände in den Praktiken der Subjekte – Strukturierungsdimension des Verhältnisses von männlicher Dominanz und weiblicher Unterordnung gefasst; mit Produktionsbeziehungen sollen die Ungleichheitsverhältnisse zwischen den Geschlechtern, die aus vergeschlechtlichten Arbeitsteilungen entstehen und ungleiche Akkumulation von Lohn und Kapital bewirken bzw. reproduzieren, in den Blick genommen werden; die emotionale Bindungsstruktur (Kathexis) wiederum fokussiert auf „die Praktiken, die das sexuelle Begehren formen und realisieren“ (Connell 2000: 95) und über die sich Geschlechterordnungen (z. B. Heterosexualität/Heteronormativität) herstellen.

Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit ist durch einen mehrfach relationalen Zugang geprägt, indem es sich erstens im Verhältnis zum weiblichen (sozialen) Geschlecht konstituiert und zugleich für weitere strukturierende Ungleichheitskategorien wie beispielsweise Klasse, Ethnizität, Herkunft oder Körper offen (siehe auch Meuser 2009) und damit beispielsweise für intersektionale Theorieperspektiven anschlussfähig ist. (vgl. z. B. Winker/Degele 2009; Beiträge in Klinger/Knapp 2008 und Klinger/Knapp/Sauer 2007) Zweitens stellt das Konzept der hegemonialen Männlichkeit für die kritische Männerforschung insofern eine innovative Erweiterung dar, als es grundsätzlich von vielfältigen Männlichkeiten ausgeht und damit die Relationen zwischen unterschiedlichen Formen von Männlichkeit einen zentralen Stellenwert einräumt.

Nach Connell sind Beziehungen zwischen verschiedenen Männlichkeiten durch Hegemonie3, Unterordnung, Komplizenschaft und Marginalisierung strukturiert. Unter mehreren Spielarten der Männlichkeit kann hegemoniale Männlichkeit

„als jene Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis definier[t werden], welche die momentan akzeptierte Antwort auf das Legitimitätsproblem des Patriarchats verkörpert und die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleistet (oder gewährleisten soll).“ (Connell 2000: 98)

Der Begriff „hegemoniale Männlichkeit“ bezeichnet demnach sowohl das Konzept als auch eine gewisse Spielart von Männlichkeit, der es gelingt eine übergeordnete Position in Relation zu anderen Männlichkeiten einzunehmen. Für die Herausbildung bzw. Beibehaltung einer hegemonialen Männlichkeit sind mehrere Faktoren von Bedeutung: Zum einen ist ein gewisses Maß an Überzeugung notwendig. Öffentliche und massenmediale Diskurse scheinen einen bedeutenden Beitrag zu leisten, gewisse Arten von Geschlecht zu konstruieren und wirksam werden zu lassen. Auch staatliche und institutionalisierte Praxen fördern und regulieren gewisse Formen von Männlichkeit und/oder Sexualität und/oder geschlechtlicher Arbeitsteilungen mehr als andere. Als Instrumente können zum Beispiel steuerliche Erleichterungen, die Ausgestaltung von sozialen Sicherungssystemen oder die Kriminalisierung von nicht gewünschten Formen, etwa von Homosexualität, fungieren. (Carrigan/Connell/Lee 2001: 64-65) Hegemoniale Männlichkeit reagiert demnach auf gesellschaftliche Veränderungen und vermittelt erfolgreich den Anspruch auf Autorität. Da sie durch Ideologie bzw. Kultur gesellschaftlich getragen wird, erfüllt sie eine Führungsfunktion zur Aufrechterhaltung einer ungleichen Geschlechterordnung. Nur bei Widerstand gegen diese hegemonialen Bilder und Praktiken muss auf staatliche bzw. private Gewalt zurückgegriffen werden, um Ungleichheitsverhältnisse zu stabilisieren.

Wird davon ausgegangen, dass nur wenige Männer dem Ideal hegemonialer Männlichkeit entsprechen und dennoch viele sich an dieser Spielart orientieren, ist dies nicht nur als geschlechtsspezifische Anpassungsleistung von Männern an dominante Männlichkeitsnormen zu verstehen, sondern kann auch als Teilhaben und Profitieren an der „patriachalen Dividende“ – dem allgemeinen Vorteil, welcher Männern durch die Unterdrückung von Frauen zukommt, begriffen werden. Die vorherrschende Normvorstellung von Männlichkeit wird von vielen Männern offensichtlich auch dann befürwortet, akzeptiert bzw. toleriert, wenn diese nicht erreicht wird oder ihre Beziehungen zu Frauen nicht durch „bloße Dominanz“, „unbestreitbare Autorität“ oder Gewalt geprägt sind. Dies wird als Komplizenschaft bezeichnet. Connell und Messerschmidt (2005: 838) argumentieren, dass nicht nur die eindeutigen Festschreibungen von Männlichkeit, sondern auch eine ambivalente und widersprüchliche Praxis als Mechanismus von Hegemonie beachtet werden muss.

Ausgehend von der grundsätzlichen Pluralität von Männlichkeiten und der gleichzeitigen Herausbildung einer hegemonialen Männlichkeit in einem spezifischen, historischen und räumlichen Kontext setzt der Connell‘sche Zugang Unterordnungen bzw. Hierarchisierungen unterschiedlicher Formen von Männlichkeit voraus. (Connell/Messerschmidt 2005: 846; Connell 2000: 99-100) Während sich die Konzepte Hegemonie, Komplizenschaft und Unterordnung auf die „internen“ Relationen verschiedener Männlichkeiten beziehen, wird mit dem u. E. unglücklich gewählten Begriff der Marginalisierung versucht, Einflüsse weiterer Ungleichheits- und/oder Identitätskategorien – wie Klasse, Ethnizität, Herkunft oder Körper – auf die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Männlichkeiten „von außen“ zu erfassen (Connell/Messerschmidt 2005: 839-840), womit nochmals deutlich wird, dass die hierarchisierten Ordnungsprozesse von Männlichkeiten grundsätzlich umkämpft und veränderbar sind. (vgl. Connell 2000: 101-102)

Diese gesellschaftlichen Ordnungen von dominanten und untergeordneten Männlichkeiten zu erfassen, stellt für die kritischen Sozialwissenschaften insofern eine Herausforderung dar, als sie im Kontext gesellschaftlich dominierender Geschlechtervorstellungen den Blick für das Andere, Abweichende oder Gegenhegemoniale erst öffnen und empirisch in den Praktiken der Subjekte erschließen muss. Sylka Scholz (2004: 40) beispielsweise identifiziert in ihren Untersuchungen, dass „(…) in ganz konkreten sozialen Praxen ein sehr spezifisches Männlichkeitsideal konstruiert wird, welches nur in diesem Kontext hegemonial ist (…)“ und argumentiert damit für eine weitgehende, gruppenbezogene Pluralisierung von Männlichkeitsformen. Die Konstruktion eines gemeinsamen Ideals ermögliche eine Abgrenzung nach „außen“ und führe zugleich zu einer Strukturierung und Hierarchisierung von Männlichkeiten nach innen. Diese verschiedenen, kontextgebundenen Spielarten von Männlichkeit konkurrieren in einem größeren Beziehungsnetz miteinander und stehen daher „(…) innerhalb einer Gesellschaft wiederum in einem hierarchischen Über- und Unterordnungsverhältnis und reproduzieren insgesamt eine männliche Hegemonie in der Gesellschaft.“ (Scholz 2004: 41)

Wenn nun Väterlichkeit als eine Dimension hegemonialer Männlichkeit gefasst wird, dann ist eine weitgehende Forschungslücke zu erkennen. Im sozialwissenschaftlichen Diskurs der kritischen Männerforschung wird Väterlichkeit nur selten thematisiert, in der Väterforschung wiederum wird kaum auf gesellschaftskritische Perspektiven zurückgegriffen. Anja Wolde (2007: 47-50) konstatiert daher, dass Väterlichkeit in Auseinandersetzungen mit Männlichkeit, abseits der Debatte um „neue Väter“, keine Rolle spiele bzw. in der Väterforschung die Kategorie Geschlecht nicht ausreichend thematisiert werde.


3. Väterlichkeit als Dimension von Männlichkeit im Feld von Wohnungslosigkeit und Wohnungslosenhilfe
Wir betrachten Väterlichkeit4 als eine bedeutende Dimension von Männlichkeit und denken diese bezugnehmend auf das Konzept hegemonialer Männlichkeit als sozial konstruiert und als mehrfach relationales Konzept.

Väterlichkeit ist dabei in seiner Geschlechterrelation auf Mütterlichkeit/Weiblichkeit verwiesen und kann z. B. in Bezug auf Machtbeziehungen, Produktionsbeziehungen und emotionale Bindungsstruktur in Strukturierungsdimensionen erfasst werden. Zugleich gehen wir davon aus, dass vielfältige Spielarten von Väterlichkeit existieren, diese miteinander in Konkurrenz stehen, sich hegemoniale Formen ausbilden und als geschlechtsbezogene Praxis derart verdichten, dass sie Geschlechterordnungen strukturieren. Väterlichkeiten sind wie Männlichkeiten historisch und kulturell unterschiedlich ausgeformt. Anja Wolde beispielsweise sieht für den deutschsprachigen Raum derzeit eine Vorstellung von „neuer Väterlichkeit“ als bedeutend an, welche die emotionale Bindung an das Kind, das Zusammenleben mit dem Kind sowie die Kinderbetreuung betone. Diese Vorstellung von Väterlichkeit scheint dabei für viele Männer mit der Vorstellung von hegemonialer Männlichkeit zu konfligieren, z. B. wenn die fürsorgende Beziehung zum Kind als „mütterlich“ abgespalten werde (Wolde 2007: 46-47) und z. B. mit der Vorstellung einer männlichen Ernährerfunktion (male breadwinner model), im Sinne der Verantwortung des Mannes für die finanzielle Sicherung der gesamten Familie, nicht vereinbar scheint.

Wird der Begriff der Väterlichkeit auf das Feld von Wohnungslosigkeit und Wohnungslosenhilfe bezogen, zeigt sich auch hier eine tiefgehende Forschungslücke: Im deutschsprachigen Raum sind uns abseits der Arbeiten von Jörg Fichtner (siehe z. B. 2004, 2005) keine wissenschaftliche Studien und Publikationen zu Väterlichkeit von wohnungslosen Männern bekannt. In angloamerikanischen Ländern sowie in Australien ist diesbezüglich zwar eine Auseinandersetzung mit Väterlichkeit zu verzeichnen, eine explizite Auseinandersetzung mit Geschlecht fehlt jedoch meist. Einige Studien setzen sich mit der speziellen Situation von alleinerziehenden Vätern und deren Herausforderungen im Obdach- bzw. Wohnungslosensystem auseinander (siehe z. B. McArthur et al. 2006; Bui/Graham 2006), in anderen Arbeiten steht die Wichtigkeit des speziell männlichen Beitrages des Vaters zur Entwicklung des Kindes im Vordergrund (siehe z. B. Ferguson/Morley 2011), die sich allerdings häufig auf essentialistische bzw. heteronormative Bilder von Geschlecht beziehen, z. B. wenn gelungene Elternschaft ausschließlich für heterosexuelle Paare als möglich erachtet wird.

Einige internationale Studien zur Wohnungslosigkeit von Männern untersuchen explizit die Kategorie Geschlecht und greifen dabei auch weitere Ungleichheitskategorien im Sinne einer intersektionalen Perspektive auf. Eine Untersuchung von Holly S. Schindler und Rebekah L. Coley (2007), die sich mit der Relation von Männlichkeit und Väterlichkeit beschäftigt, konstatiert eine nach wie vor enorme Strukturierungskraft des male breadwinner models, im Sinne einer männlichen Ernährerfunktion für die Gesamtfamilie5, auf beide Kategorien. Die Studie von William M. Liu et al. (2009: 142-143) thematisiert die Bedeutung von Klasse und die Auswirkungen von Wohnungslosigkeit auf die Perzeption von Männlichkeit. Zugleich zeigen beide oben genannten Untersuchungen, dass in der Situation der Wohnungslosigkeit Männer hegemoniale Vorstellungen von Männlichkeit in Frage stellen. Das Erleben der Diskrepanz zwischen eigenen Erwartungshaltungen und der Situation materieller Deprivation wird von obdach- bzw. wohnungslosen Männer einerseits als Scheitern und enorme Belastung und Verunsicherung erlebt, könne von ihnen aber auch als Chance für eine Stärkung untergeordneter Vorstellungen von Männlichkeit bzw. Väterlichkeit sowie für das Gewinnen von Handlungsfähigkeit genutzt werden. (vgl. Schindler/Coley 2007: 41, 46-50; Liu et al. 2009: 139f; Coley 2001: 747)

Die Anwendung des Konzeptes hegemonialer Männlichkeit ermöglicht, den Aspekt der Ernährerfunktion nicht als manifest oder essentiell aufzufassen, sondern als eine Spielart von Männlichkeit bzw. Väterlichkeit zu verstehen, die konstruiert wird, veränderbar ist und durch spezifische soziale Lagen beeinflusst wird. (siehe auch Fichtner 2005: 3) Väterlichkeit wird also nicht als statisches Rollenmuster wahrgenommen, an dem sich obdach- bzw. wohnungslose Männer ausrichten müssen, sondern es wird stattdessen danach gefragt, wie Männer in der Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit Väter sind. Das bedeutet für forschende und sozialarbeiterische Praxis, dass in Konstruktionen von Männern nach dominanten aber eben auch untergeordneten Vorstellungen von Väterlichkeit gesucht wird und heißt auch, dass Väterlichkeit weder von den Betroffenen noch von Sozialarbeiter_innen aufgehoben werden kann.

Die subjektiven bzw. inkorporierten Vorstellungen von Väterlichkeit einerseits sowie die Ausgestaltung des Hilfesystems andererseits sind für Väterlichkeit von obdach- bzw. wohnungslosen Männern von besonderer Relevanz. In der qualitativen Untersuchung Jörg Fichtners (2005) zu Männern in Wohnungsnot nimmt die Mehrzahl der Interviewpartner ihre eigene Praxis von Väterlichkeit als problematisch wahr, wobei insbesondere die Scham über die eigene Lebenssituation eine Rolle spielt. Wird Väterlichkeit trotz einer schwierigen (Wohn-)Situation als unproblematisch dargestellt, dann wird dies u.a. auf die zur Verfügung stehenden Unterstützungsmöglichkeiten sowie günstige institutionelle Rahmenbedingungen zurückgeführt. (vgl. Fichtner 2005: 88-90)

Ein geschlechtssensibles Hilfesystem sollte auf Beziehungen und Bedürfnisse von obdach- bzw. wohnungslosen Vätern und väterlichen Bezugspersonen eingehen, um mit ihnen Restriktionen und Erfordernisse, Probleme und Ressourcen für Wege von Väterlichkeit zu gestalten. (vgl. Fichtner 2005: 6) Schindler und Cole (207: 50) plädieren für die Implementierung unterstützender Maßnahmen, um Voraussetzungen zu schaffen, die Betroffenen in der Situation der Wohnungslosigkeit zu begleiten und als Chance für eine produktive Neukonstitution ihrer Männlichkeits- und Väterlichkeitskonzepte zu nutzen, die „may have positive repercussions for both men and their children.“ (Schindler/Cole 2007: 50)

Die hier aus KlientInnenperspektive erkennbare Bedeutung Sozialer Arbeit bei der möglichst gelingenden Bewältigung von Väterlichkeit in Situationen der Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit ist ohne eine kritische Reflexion von Geschlecht bzw. Gender kaum zu leisten. Birgit Bütow und Chantal Munsch (2012) problematisieren die Reproduktion von hegemonialen Geschlechterstereotypen in der Sozialen Arbeit und argumentieren, dass ihre Institutionen und Funktionen

„(…) auf bestimmten, rhetorisch neutralisierten aber inhärent geschlechtshierarchischen Normalitätsvorstellungen von Menschen in Familien, als Frauen und Männer, als Mädchen und Jungen beruhen. Da gesellschaftliche Normalitätsvorstellungen institutionell durch Soziale Arbeit umgesetzt und Geschlechtsrollen in Profession und Disziplin verankert sind, erschüttert deren kritische Reflexion Grundfesten von Profession und Disziplin – deren Marginalisierung kann daher als funktionaler 'Systemschutz' betrachtet werden.“ (Bütow/Munsch 2012: 11-12)

Die Autorinnen arbeiten heraus, dass es einer hohen Reflexivität bedarf, damit es nicht zu einem funktionalistischen Einsatz von hegemonialen Geschlechterkonstruktionen kommt – zumal der zunehmende Druck auf Soziale Arbeit durch Ökonomisierungstendenzen und wirkungsorientierte Steuerung einer kritisch-reflexiven Praxis entgegen stehe. (vgl. Bütow/Munsch 2012: 15-16)


4. Ein multiperspektivischer Forschungsansatz zu Väterlichkeit im Feld der Wohnungslosigkeit
Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit ist international vielfältig diskutiert und weiterentwickelt worden. Unterschiedliche Schwerpunktsetzungen internationaler Studien bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte für empirische Forschung. (siehe z. B. Meuser 2009; Connell/Messerschmidt 2005; Scholz 2012; Holter 2003) Mit Blick auf Väterlichkeit als eine Dimension von Männlichkeit skizzieren wir, wie eingangs erläutert, im Folgenden einen multiperspektivischen Forschungsansatz für das Feld der Wohnungslosigkeit.

Mit der hier vorgestellten theoretischen Analyseperspektive hegemonialer Männlichkeit zielt Forschung u. E. erstens darauf ab, vielfältige Muster von Väterlichkeit in unterschiedlichen gesellschaftlichen, räumlichen und institutionellen Kontexten über die Analyse von Machtbeziehungen zu erfassen, um Konstruktions- und Ordnungsprozesse von Väterlichkeiten in Situationen von Wohnungslosigkeit zu rekonstruieren. Davon ausgehend, dass Männlichkeit und Väterlichkeit sich diskursiv konstituieren, plädieren wir für ein mehrfache Analyseperspektive, die diskurs- und praxisanalytische Perspektiven kombiniert (siehe auch Diebäcker 2012: 121-152) und Konstruktionsprozesse, Interaktionsmuster und Beziehungsverhältnisse von Geschlecht, Männlichkeit und Väterlichkeit im Feld von Wohnungslosigkeit untersucht.


4.1 Die diskursanalytische Rekonstruktion öffentlich-hegemonialer Väterlichkeits- und Männlichkeitsbilder
Eine diskursanalytische Perspektive ermöglicht die Identifizierung von verallgemeinerten und hegemonialen Zuschreibungs- und Deutungsmustern männlicher Wohnungslosigkeit und gewährt Einblicke darauf, mit welchen Adressierungen von Väterlichkeit wohnungslose Männer konfrontiert sind. Dabei plädieren wir für eine Kombination von öffentlich-medialen Diskursausschnitten, z. B. über Berichterstattungen von Tageszeitungen, Fernseh- und Radiobeiträgen oder Online-Medien, mit öffentlich-parlamentarischen Diskursausschnitten, z. B. über parlamentarische Anträge, Stellungnahmen und Redebeiträge, um über diese Kontrastierung einerseits Wechselwirkungen bzw. Differenzen zwischen Massenmedien und repräsentativer Politik zu erfassen und andererseits um Rahmungen von politischen Programmen im Feld der Wohnungslosigkeit herauszuarbeiten. Über Analysedimensionen wie Begriffsbestimmmungen, Wissensbestände, Sprecher_innenpositionen, Phänomene/ Problemdefinitionen und Maßnahmenformulierungen können allgemeine Symboliken, Strukturierungskategorien und Beziehungsrelationen von Männlichkeit und Väterlichkeit in den jeweiligen Diskursausschnitten analysiert werden (vgl. Keller 2011: 47-48; Foucault 2008[1969]: 514-548). Im Kontrast dazu muss der Textkorpus aber auch auf Widerständiges und Nichtgesagtes analysiert werden, um Machtbeziehungen und damit verbundene Selektivitäten von Wissen im Diskurs reflektieren zu können und so für weitere methodische Schritte nutzbar zu machen. (vgl. Carabine 2001: 285).


4.2 Die programmanalytische Rekonstruktion von Väterlichkeit in der Wohnungslosenhilfe
Über eine Programmanalyse im Feld der Wohnungslosenhilfe, die z. B. Kontrakte zwischen sozialen Organisationen und staatlichen Stellen, organisationsinterne Leitlinien, Geschäftsberichte, Evaluationen oder wissenschaftliche Studien zum Gegenstand haben kann, können Fachdiskurse und politische Zielsetzungen in ihrem jeweils räumlich-spezifischen Kontext (z. B. Gemeinde, Stadt, Region, Bundesland etc.) erfasst werden. Fachspezifische Konstruktionen, dominante Problematisierungs- und Lösungsmuster, fachliche Zielsetzungen und klient_innenbezogene Adressierungen eines institutionalisierten Hilfesystems können so erhoben und im Hinblick auf hierarchisierte Ordnungen von Geschlechtern, Männlichkeiten und Väterlichkeiten untersucht werden. Ein solch programmanalytischer Zugang stellt insofern eine bedeutende Analyseebene dar, als Einflüsse öffentlich-diskursiver Figuren hegemonialer Männlichkeit und Väterlichkeit auf Übereinstimmungen und Differenzen mit fachlichen Argumentationsmustern bestimmt werden können. Des Weiteren repräsentieren die politischen, institutionellen, fachlichen und wissenschaftlichen Manifestationen einen herrschenden Kompromiss und stellen damit eine wesentliche Rahmung von sozialer Praxis in der Wohnungslosenhilfe dar: Sie legen juridische Regelungen aus, bestimmen infrastrukturelle Rahmenbedingungen, skizzieren professionelle Leitvorstellungen, definieren organisationsbezogene Ressourcen und versuchen die Art und Weise sozialarbeiterischer Interventionen zu organisieren.


4.3 Die qualitative Rekonstruktion von Väterlichkeit in der Sozialen Arbeit
Eine diskurs- und programmanalytische Perspektive ist für die Erfassung von Männlichkeiten und Väterlichkeiten nicht ausreichend, da zwar die Anrufungsmuster der Subjekte, z. B. wie sich wohnungslose Männer als Klient_innen oder Sozialarbeiter_innen selbst verstehen sollen, herausgearbeitet werden – die Differenz zu dem, was sie wirklich tun, kann aber nicht gefasst werden. (vgl. z. B. Diebäcker 2012: 121-122; Pieper 2007: 104-105; Bührmann 2007: 71) Gerade um einen Determinismus von strukturierendem Diskurs und individuellem Denken, Verhalten und Handeln zu vermeiden, müssen die konkreten Konstruktionen von Sozialarbeiter_innen und den von Wohnungslosigkeit Betroffenen in den Blick genommen sowie ihre Interaktionen und Beziehungsverhältnisse analysiert werden. Insofern ist ein qualitativer bzw. ethnografischer Forschungszugang (z. B. mit Interviews, Gruppenverfahren und teilnehmenden Beobachtungen) von zentraler Bedeutung, auch um in den Machtbeziehungen von Männern (sowie in der Beziehungsrelation zu Frauen) vielfältige, gruppenbezogene Männlichkeits- und Väterlichkeitsmuster zu identifizieren und deren Identitätskonstruktionen und Wissensbestände zu erfassen.

Die subjektiv erhobenen Vorstellungen von Väterlichkeit und die individuellen Praktiken von Väterlichkeit bei wohnungslosen Männern müssen interpretativ auf ihre Vorstellungen und gelebten Beziehungen von Männlichkeit und Weiblichkeit/Mütterlichkeit erschlossen werden. Ebenso gilt es die Konstruktionen und Interaktionen des Fachpersonals in der Wohnungslosenhilfe zu erheben, um hegemoniale und untergeordnete Vorstellungen von Väterlichkeit/Männlichkeit sowie Mütterlichkeit/Weiblichkeit zu erfassen und mögliche Geschlechterstereotypen zu identifizieren. Über das Kontrastieren klient_innen- und fachpersonalbezogener Ergebnisse sowie über die Analyse der aufeinander bezogenen Interaktionen lassen sich u. E. hierarchisierte Geschlechterordnungen sowie reproduzierende oder reflexive (und möglicherweise emanzipatorische) Praktiken und Beziehungsverhältnisse in der Sozialen Arbeit erschließen.

Um diese qualitativ-interpretative Perspektive umsetzen zu können, scheint ein vergleichender Forschungsansatz auf Basis von Fallstudien im Feld der Wohnungslosenhilfe hilfreich. Nur über einen weitgehenden Einblick in institutionalisierte Praxis können die Beziehungsverhältnisse zwischen Fachpersonal und von Wohnungslosigkeit Betroffenen festgemacht und in ihrer organisatorischen Einbettung untersucht werden. Der Einfluss von institutionellen Rahmenbedingungen im Sinne von Leitlinien und festgesetzten Normen (z. B. Hausregeln), infrastrukturellen Ressourcen (z. B. räumliche Kapazitäten für Mitwohnen von Kindern oder für Begegnungen zwischen Eltern und Kindern), Qualifizierung und Zeitressourcen des Personals oder organisationsinterne Modi reflexiver Fachlichkeit (z. B. Fallbesprechungen, Supervision, Weiterbildung,) darf u. E. nicht unterschätzt und sollte deshalb miteinbezogen werden.


4.4. Die multiperspektivische Analyse hegemonialer Männlichkeit und Väterlichkeit
Die verschiedenen, kontextgebundenen Spielarten von Väterlichkeit/Männlichkeit konkurrieren in einem größeren Beziehungsnetz miteinander, ordnen sich hierarchisch und reproduzieren eine gesellschaftliche Konfiguration männlicher Hegemonie. (vgl. Scholz 2004: 41) Connell und Messerschmidt (2005: 847-851) streichen in ihrer Reformulierung des Ansatzes hegemonialer Männlichkeit die besondere Bedeutung von Geschlechterhierarchien sowie Ordnungsprozessen von Männlichkeiten in unterschiedlichen räumlichen Kontexten heraus. Dabei stellt sich insbesondere die Herausforderung den komplexen und über Machtbeziehungen verlaufenden Prozess, in dem gewisse Aspekte von Männlichkeit selektiert werden und andere sich zu einer hegemonialen Männlichkeit verdichten, für empirische Forschungszugänge in den Sozialwissenschaften zu erschließen. Eine raumanalytische Differenzierung erscheint uns diesbezüglich sinnvoll, um soziale Dynamiken an unterschiedlichen Orten und auf unterschiedlichen Ebenen herleiten sowie das strategische Wechselspiel zwischen staatlichem Handeln und vielfältigen Praktiken der vergesellschafteten Subjekte in den Blick nehmen zu können. (vgl. Diebäcker 2012)

Mit dem hier am Feld der Wohnungslosigkeit und auf die Männlichkeitsdimension von Väterlichkeit vorgeschlagenen Forschungsansatz können u. E. Verbindungen von Konstruktions- und Beziehungsmustern an verschiedenen Orten und auf unterschiedlichen räumlichen Maßstabsebenen erfasst werden. Das Wählen öffentlicher Diskursausschnitte, das fokussierte Sammeln von Programmformulierungen sowie das Design des qualitativ explorativen Zugangs sollen so kombiniert werden, dass individuelle, gruppen- und angebotsbezogene Perspektiven von Väterlichkeit auf lokale, regionale oder länderspezifische Schwerpunktsetzungen bezogen werden können. Der Vergleich der jeweiligen Ergebnisse und das Entdecken von Übereinstimmungen und Differenzen ermöglicht, über- und untergeordneten Vorstellungen von Geschlecht, Männlichkeit und Väterlichkeit in einem spezifischen sozialen Feld wie der Wohnungslosigkeit zu erkennen. In den Verwebungen könnten? dann zusätzlich „Überkreuzungen“ von wesentlichen Strukturkategorien sozialer Ungleichheit wie Klasse, Ethnizität, Herkunft oder Körper in den verschiedenen Praxen identifiziert werden.


Verweise
1 Warum sich Frauen in diesem Kampf engagieren ist nachvollziehbar – doch warum beteiligen sich daran auch Männer? Diese scheinen doch von einer patriarchal strukturierten Gesellschaft zu profitieren. Zum einen können pro-feministische Argumente angeführt werden, um das Engagement von Männern zu erklären: Demnach wird eine patriarchale Gesellschaftsstruktur profeministisch als ungerecht für Frauen empfunden und daher bekämpft. Hier wird kritisiert, dass Männer häufig die Position des Helden, des Asketen oder des Beschützers einnehmen und damit weiterhin „traditionell“ männlichen Vorstellungen entsprechen. Männeridentifizierende Ansätze, die sich eher feministisch als pro-feministisch bezeichnen würden, gehen dagegen davon aus, dass sowohl Frauen als auch Männer unter einer patriarchal strukturierten Gesellschaft leiden. Männer hätten demnach ein Eigeninteresse daran, eine patriarchale Gesellschaftsstruktur zu bekämpfen. Eine privilegierte gesellschaftliche Stellung im Vergleich zu Frauen wird dabei nicht geleugnet. (Walter 2001: 18-19)
2 Siehe auch Veröffentlichungen unter den Namen R.W. Connell, Robert W. Connell oder Bob Connell.
3 Bezugnehmend auf Antonio Gramscis klassentheoretischen Hegemoniebegriff, mit dem Herrschaftsverhältnisse und Machtbeziehungen nicht allein auf der Durchsetzung von Interessen gründen, sondern ebenso auf Bündnissen und Konsensbildung mit den Regierten selbst basieren, ist die zivilgesellschaftliche Herausbildung einer dominierenden Ideologie bzw. Kultur, die von Großteilen der Bevölkerung mitgetragen wird, wesentlich um die erlangte Vormachtstellungen aufrecht zu erhalten. (siehe u. a. Wolde 2007: 35)
4 Diskursive und soziale Praxis von Väterlichkeit ist von Vaterschaft, das wir als biologisches Vatersein definieren, zu differenzieren.
5 Auch wenn Jane Lewis (2001) für postfordistische Wohlfahrtsstaaten einen Übergang vom männlichen Alleinernährermodell (male breadwinner model) zu verschiedenen Doppelernährermodellen von Mann und Frau (dual breadwinner models) beschreibt, womit neue Konstellationen von Familien- und Reproduktionsarbeit einhergehen, ist die Allein- oder Haupternährerfunktion für viele Männer ein wesentliches identitäres Merkmal ihrer Männlichkeit, welches in der Situation von Wohnungslosigkeit nicht realisiert werden kann.


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Über die AutorInnen

BA Roswitha Harner
Roswitha.HARNER@gmx.net

Studium der Sozialen Arbeit an der FH Campus Wien. Tätigkeiten im Bereich der Wohnungslosenhilfe und in der niederschwelligen Drogenarbeit.

BA Yann Arhant
yann_arhant@gmx.at

Studium der Sozialen Arbeit an der FH Campus Wien und Studium der Internationalen Entwicklung an der Universität Wien. Tätigkeiten im Bereich der Wohnungslosenhilfe, der niederschwelligen Drogenarbeit und Kinder- und Jugendarbeit.

FH-Prof. Dr. Marc Diebäcker
marc.diebaecker@fh-campuswien.ac.at

Studium der Politischen Wissenschaft, Geschichte und Sozialen Arbeit. Promotion 2012 zum Thema „Soziale Arbeit als staatliche Praxis im städtischen Raum“. Seit 2005 in Lehre und Forschung an Studiengängen der Sozialen Arbeit der FH Campus Wien tätig.

BA Magdalena Habringer
lena_habringer@yahoo.de

Studium der Sozialen Arbeit an der FH Campus Wien. Sozialpädagogische Tätigkeiten in der Jugendwohlfahrt und im Feld von Migration.






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