soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 10 (2013) / Rubrik "Junge Wissenschaft" / Standort St. Pölten
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/277/468.pdf


Benjamin Lustig:

„Zeig mir eine Frau, die freiwillig sagt, ‘I stö’ mi da raus, als Hure.‘“


Freier und ihre Wahrnehmung von Zwangsprostitution und Menschenhandel


1. Einleitung: Freier und Menschenhandel
Österreich ist aufgrund seiner Lage im Zentrum von Europa Transit- und Zielland gehandelter Zwangsprostituierter (vgl. Task Force Menschenhandel 2012: 3). Während jährlich 500.000 Frauen in Europa Opfer von Zwangsprostitution als Folge von Menschenhandel werden (vgl. Kreutzer/Milborn 2008: 9), nehmen in Wien täglich ca. 15.000 Männer die Dienste einer Prostituierten in Anspruch (vgl. ECPAT 2006). Somit ist davon auszugehen, dass einige von ihnen mit Prostituierten ins Geschäft kommen, die ihre Arbeit nicht freiwillig ausüben. NGOs konzentrieren sich kurativ auf die betroffenen Frauen und verfolgen somit eine hauptsächlich reaktive Handlungsstrategie. Freier, also die Personengruppe, die das Feld mitkonstituiert, durch ihr Geld aufrechterhält und seine Existenz letztendlich überhaupt erst möglich macht, werden von NGOs und sozialpolitischen AkteurInnen weitgehend ausgespart. Untersuchungen, die sich explizit mit Freiern und Menschenhandel befassen, sind im deutschsprachigen Raum nicht zu finden, allerdings finden die „Endverbraucher der sexuellen Dienstleistungen der Zwangsprostituierten“ (Gasser 2010: 64) in der Literatur zum Thema als Teil des Problems Erwähnung. Die immer wieder gestellte Frage, wie Freier dem Phänomen Menschenhandel gegenüberstehen, wird unterschiedlich beantwortet:

Die Freier in „Ware Frau. Auf den Spuren moderner Sklaverei von Afrika nach Europa“ von Kreuzer und Milborn sind sich bewusst, dass am Straßenstrich im Wiener Prater nigerianische Menschenhandelsopfer durch Schulden gezwungen werden, auf den Strich zu gehen (vgl. Kreutzer/Milborn 2008: 75), was ein Freier mit „Umso mehr Geld die Blackys verdienen, umso eher können sie an ihrer Situation etwas ändern“ (ebd.) kommentiert. In Folge kommen die Autorinnen zu dem Schluss, dass die meisten Freier von Zwangsprostitution wissen, es ihnen aber gleichgültig ist (vgl. ebd.).

Ackermann, Bell und Koelges zitieren in „Verkauft, versklavt zum Sex gezwungen: Das große Geschäft mit der Ware Frau“ aus den Erzählungen deutscher Freier: Einer empört sich, dass eine Prostituierte gegen seinen „ausdrücklichen Wunsch“ (Ackermann/Bell/Koelges 2005: 76) das Licht ausmacht, ein anderer registriert, dass die „null Prozent professionell“ (ebd.: 80) wirkende Russin aus dem Bordell mit starker Fluktuation von Ukrainerinnen und Moldawierinnen sein Trinkgeld versteckt (vgl. ebd.: 81). „All das“, kommentieren die Autorinnen, „hätte den Männern zu denken geben können- wenn sie weitergedacht hätten“ (ebd.) und folgern daraus, dass Freier Prostituierte nicht ernst nehmen, da sie sie „für durchtrieben halten“ (ebd.) und in ihnen ein „funktionierendes ‚Sex-Spielzeug‘“ (ebd.) sehen, wodurch blinde Flecken hinsichtlich der Wahrnehmung von Zwangsprostitution entstehen (vgl. ebd.).

Obige Beispiele von Wissen über die Problematik und von Nicht-Wahrnehmen von Anzeichen für Zwangsprostitution sind inhaltlich mehrfach in österreichischen Freier-Foren, wie z. B. „erotikforum.at“ zu finden. Während sich ein Freier empört, dass sich eine Prostituierte „nicht entblödet hat“ (erotikforum.at 2012a), sich beim Geschlechtsverkehr den Kopfpolster über ihr Gesicht zu halten (erotikforum.at 2012b), antwortet ein anderer auf die Frage, warum die Afrikanerinnen am Straßenstrich im Wiener Prater jedem Auto zuwinken (erotikforum.at 2012b), mit:

„Das ist die Geldnot und das Gelernte (durch die Schlepper), welches sie zu diesem Schritt treibt...leider“ (erotikforum.at 2012a).
Die Frage drängt sich auf, warum Freier trotz Anzeichen, die auf Zwangsprostitution deuten ließen, das Vorliegen einer möglichen Zwangslage nicht in Erwägung ziehen und warum manche Freier durchaus Kenntnisse über Zwangsprostitution besitzen, sie dies allerdings offenbar nicht davon abhält, Prostituierte genau in den Bereichen aufzusuchen, in denen sie Zwangsprostitution verorten.


2. Fragestellung und Vorgehensweise
In der qualitativen Forschungsarbeit wurde versucht, die Thematik „Freier, Menschenhandel und Zwangsprostitution“ mit Ausrichtung auf die Freier zu beleuchten, indem diese selbst zum Forschungsgegenstand wurden.

Mittels Leitfadeninterviews wurde der Forschungsfrage nachgegangen, inwieweit Freier bezüglich Menschenhandel und Zwangsprostitution sensibilisiert sind. Interviewt wurden ein Architekt (33a), der Prostituierte ausschließlich in Peepshows besucht (vgl. I1: 313f), ein Buchhalter (43a), der die am Straßenstrich gelegenen Clubs frequentiert (vgl. I2: 130), ein Yogalehrer (61a) der hauptsächlich den Straßenstrich in Kombination mit einem Hotelbesuch in Anspruch nimmt (vgl. I3: 455) und ein Freier, der über Alter und Beruf keine Auskünfte geben wollte. Er hat über 8000 Postings auf www.erotikforum.at verfasst. Dort beschreibt er sich als älter. Er ist sowohl mit dem illegalen Strich am Wiener Westbahnhof vertraut, als auch mit der Straßen- und Wohnungsprostitution in Wien. Alle interviewten Personen leben in Wien und suchen dort Prostituierte auf. Die Interviewfragen wurden anhand von Studien und Tatsachenberichten über Menschenhandel und soziologischer Literatur über Freier und Prostitution erstellt. Hauptaugenmerk lag darauf, festzustellen, ob und wie Wissen über Menschenhandel und Zwangsprostitution das Handeln der Freier beeinflusst. Es wurde besonderer Fokus auf der Frage gerichtet, wie die Befragten die verschiedenen Prostitutionsformen, -kontexte und -örtlichkeiten erlebten. Hierbei wurde sich an der Arbeit der Soziologinnen Löw und Ruhne orientiert. Die Autorinnen beschreiben in „Prostitution- Herstellungsweisen einer anderen Welt“, wie Prostitution durch diverse Ausgrenzungsmechanismen „in der öffentlichen Wahrnehmung als ein Feld des ‚Anderen‘ und des ‚Anormalen‘ (re)produziert wird“ (Löw/Ruhne 2011: 11): Die Ausgrenzung wird durch die „abgrenzende Konstruktion einer ‚normalen‘ Welt mit ‚normaler Sexualität‘ und einem ‚normalen Verhältnis der Geschlechter‘“ (Löw/Ruhne 2011: 11f) vollzogen und ist räumlich festgeschrieben.- Prostitution wird aus der öffentlichen Wahrnehmung in bestimmte städtische Areale verdrängt (vgl. Löw/Ruhne 2011: 71-103), sie geschieht in „‚anderen‘ Quartieren“ (ebd.: 12). Dieser „‚anderen‘ Bereich des Sozialen“ (ebd.: 14) ist mit Unsicherheit und Angst aufgeladen, wodurch eine weitere Abgrenzung vom Normalen vollzogen und Anormalität (re-)produziert wird (vgl. ebd.: 14). Was weiters Prostitution als Feld des Anderen konstruiert, ist, dass Prostituierte die Illusion erzeugen, dass sie, unabhängig davon, ob es auch tatsächlich stimmt, dem Freier „lustvoll zugewandt“ (ebd.: 18) scheinen und ihm „positiv und offen“ (ebd.) gegenüberstehen. Überdies steht das Gewerbe im Ruf, unmoralisch zu sein. Ein weiterer ausgrenzender Faktor ist der Umstand, dass das Feld als unhygienisch oder verschmutzt gilt, wodurch eine weitere Trennung von der Normalität erzeugt wird (vgl. ebd.: 16ff). In Bezugnahme auf diese Ausgrenzungsmechanismen, Feldeffekte und Feldzuschreibungen wurde beforscht, ob Indikatoren für Menschenhandel und Zwangsprostitution in den diversen Prostitutionskontexten und -orten, also in anderen Gegenden mit einer anderen Normalität aufgrund der negativen Feldeffekte und Zuschreibungen überhaupt als solche wahrgenommen werden und wenn ja, wie. Gleichzeitig stellte sich die Frage, welche Bedingungen im Feld herrschen, die den Freiern beim Nicht-Wahrnehmen der Indikatoren für sie befriedigende Rationalisierungsstrategien anbieten. Durch diese Herangehensweise sollte keine moralische Entlastung der Freier vollzogen werden. Die Arbeit zielte darauf ab, die lebensweltliche Wahrnehmung der Freier von Prostitution möglichst wertfrei dahingehend zu untersuchen, dass für Aufklärungs- und Präventionsarbeit bezüglich Menschenhandel und Zwangsprostitution konkrete, von der Zielgruppe ausgehende Ansatzpunkte gefunden werden können.

Das Vorhaben wurde mittels Interviews durchgeführt, die 90 bis 120 Minuten umfassten. Nach der Bearbeitung von 15, als Erzählanregung formulierte Frageblöcke, wurden die Befragten mit einer Liste von als Fragen formulierte Indikatoren für Menschenhandel und Zwangsprostitution konfrontiert. Erarbeitet wurde die Liste anhand der ILO- Studie „Operational indicators of trafficking in human beings“, Veröffentlichungen des NGOs „LEFÖ“ und Schilderungen der Lebensumstände von Menschenhandelsopfern aus der Literatur zum Thema „Menschenhandel“. Die Auswertung der erhobenen Daten wurde durch die strukturierte Inhaltsanalyse Philipp Mayrings (vgl. Mayring 2010: 65) vollzogen.


3. Die Ergebnisse
Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse der Forschung zusammengefasst und zur besseren Nachvollziehbarkeit mit Ankerbeispielen illustriert.


3.1. „Wos? Wos? Wos bringt die dazu? Warum moch’n die des?“ (I2: 276-278) – Prostitution als Resultat von Zwangslagen
Alle Interviewpersonen gehen davon aus, dass sich Frauen prostituieren, weil sie aufgrund mannigfaltiger Umstände dazu gezwungen werden. Keiner kann sich vorstellen, dass Frauen ohne Zwänge Prostitution ausüben würden. Finanzielle Notlagen wurden in jedem Interview als Prostitutionsmotiv genannt. Bezüglich dessen hatten die Interviewten konkrete Vorstellungen oder auch Kenntnisse von und über die Lebensumstände der Frauen. Neben finanziellen Zwängen werden auch andere Zwänge angenommen, von diesen sind allerdings die Vorstellungen ungenauer. In ihrer stärksten Ausprägung sind sie krimineller Natur:

„Also, das is irgendwie ein Spektrum von Zwängen, das beginnt mit solchen, wo man sich leichter befreien könnte, bis zu denen, aus denen man sehr schwer rauskommt.“ (I2: 280f)

Egal an welchem Ende des Spektrums, finanziell oder kriminell, befindet sich die Prostituierte rein aufgrund ihrer Tätigkeit als Prostituierte in Zwangslagen.

„Zeig mir eine Frau, die freiwillig sagt, ‘I stö‘ mi da raus, als Hure‘.“ (I3: 548f)

Positive Stereotypen, wie zum Beispiel das der selbstständigen Sexdienstleisterin wurden teilweise angesprochen und negiert:

„Wenn da so ein neunzehnjähriges bulgarisches Mädl is, geh bitte, da müss ma uns nix vormachen, dass die hier studiert und so“. (I1: 160-162)


3.2. „Die Zeiten, wo sich a Hur a goldene Nosn verdient hat, san lang vorbei.“ (I3: 484f) – Der Preis wird von verschiedenen Einflussvariablen bestimmt und verdeutlicht größtenteils Zwangslagen
Die finanziellen Zwangslagen, die die Freier den Frauen unterstellen, beziehen sich hauptsächlich auf die ökonomischen Situationen ihrer Herkunftsländer. Dennoch ist der Schritt in die Prostitution nicht der Ausweg aus der Armut. Der große Andrang von Prostituierten aus osteuropäischen Ländern hat die Preise massiv gedrückt. Aber nicht nur die Konkurrenz hat Einfluss auf den Preis. Es wird davon ausgegangen, dass die BetreiberInnen der Örtlichkeiten, in denen die Prostituierte ihre Arbeit tätigt, die Preise festsetzen und einen Teil des Geldes ausgezahlt bekommen. Die Prostituierte ist somit gezwungen zu arbeiten, da sie sich sonst das Verdienen nicht leisten kann, was ihr wiederum bestimmte Freier aufzwingt:

„Je höher der Druck ist, die Tagesmiete zu bezahlen, desto mehr ist es unmöglich, jemanden zurückzuweisen.“ (I2: 81f)

Weiters haben Freunde, Zuhälter und ebenso das Aussehen der Prostituierten Einfluss auf den Preis:

Je älter und fetter sie ist, desto weniger kann sie ablehnen. Das is jetzt brutal, aber die Wahrheit. (…) Und dann gibt’s eine weitere Einflussvariable, wie unabhängig sie arbeitet, ob sie einen Freund oder Zuhälter hat oder ob sie wirklich auf eigene Rechnung arbeitet.“ (I2: 85-90)

Aufgrund dieser Faktoren geht nur ein Befragter davon aus, dass ein geringer Preis Anzeichen für Menschenhandel sein könnte.


3.3. „Extrem grindig“ (I1: 750) – Die Prostituierte ist gezwungen, ihre Gesundheit zu riskieren
Dass viele Prostituierte auf Safer Sex verzichten, erscheint den meisten Freiern nicht als Anzeichen für Zwangsprostitution, sondern resultiert ebenfalls aus Konkurrenzdruck und Vorgaben der BetreiberInnen, wodurch eine weitere Zwangslage deutlich wird: Die Prostituierte ist gezwungen, ihre Gesundheit zu gefährden. Diese wird nicht nur durch Geschlechtskrankheiten bedroht, sondern auch dadurch, dass sie bei schlechtem Wetter gezwungen ist, knapp bekleidet auf der Straße zu stehen. Ebenso wurde berichtet, dass viele der Beschaffungsprostitution nachgehen und/oder Rauschmittel konsumieren, um ihre Arbeit ausführen zu können.


3.4. „Randbezirk unserer gesellschaftlichen Organisation“ (I2: 240) – Prostitution befindet sich im kriminellen Kontext
Alle Interviewpersonen schreiben dem Feld in graduellen Abstufungen Kriminalität und Illegalität zu. Wenn I4 die Männer im Umfeld der Prostituierten fallweise mit

„Aufpasser und Abkassierer“ (I4: 216), „Beschützer, Betreuer oder sonst was“ (I4: 115)
bezeichnet, bringt das die Problematik eindeutiger Rollenzuschreibungen an die Personen im Umfeld der Prostituierten für alle Interviewten auf den Punkt. Die im Feld herrschende Kriminalität wird einerseits a priori angenommen, aber auch durch Erzählungen verdeutlicht. Die Prostituierte erscheint hier einerseits als (Gewalt-)Opfer von „Aufpassern“ (I4: 216) und Freiern, die eine „sadistische Ader haben“ (I4: 728f) und andererseits selber als moralisch fragwürdig. Manche berichten, von Prostituierten betrogen oder bestohlen worden zu sein, andere würden sich wegen möglicher Verbindungen zur Unterwelt nie eine Prostituierte mit nach Hause nehmen.
„Es gibt hier Zusammenhänge, von denen (…) ein Normalbürger wahrscheinlich keinen blassen Schimmer hat.“ (I3: 443-445)


3.5. „Dass irgendwas für die Damen besser wurde, denke ich nicht, warum auch?“ (I4: 262) – Das Neue Wiener Prostitutionsgesetz
Das Neue Wiener Prostitutionsgesetz wird von der Mehrheit der Befragten bezüglich der Bekämpfung von Menschenhandel und Zwangsprostitution als wenig hilfreich erachtet. Auch sonst ergeben sich aus dem Gesetz viele Nachteile für die Prostituierten. Zum Beispiel bringt die Verlagerung von der Straße in Lokale neue Abhängigkeiten für die Prostituierten mit sich. Gleichzeitig ist in den neuen Erlaubniszonen die Sicherheit der Frauen gefährdet:

„Wir können eigentlich sagen, dass der Straßenstrich für Serienmörder gemacht ist“ (I1: 349).


3.6. „Man lebt ja auch damit, dass irgendwo jetzt einbrochen wird“ (I1: 81) – Kenntnis und Praxis
Wissen über Zwangsprostitution und Menschenhandel beeinflusst direkt oder indirekt das Handeln der interviewten Freier:

„Das is halt so eine Realität, die man nicht sieht, aber man lebt mit dem ständigen Bewusstsein, dass alles immer da is.“ (I1: 78-80)

Während ein Freier dieses Wissen der Illusion willen, die Frau würde seiner selbst wegen mit ihm schlafen, bewusst ausblendet, sucht ein anderer vor der Anbahnung den Straßenstrich nach Männern ab, die die Prostituierte kontrollieren. Ebenfalls wurde berichtet, das eigene Gewissen zu beruhigen, indem die Prostituierten gefragt werden, ob sie einen Zuhälter haben. Letzteres erweist sich allerdings als leere Handlung, denn einige werden

„lügen wie gedruckt, damit sich der Freier ja schön wohlfühlt.“ (I3: 320f)

Während ein Freier dieses Wissen der Illusion willen, die Frau würde seiner selbst wegen mit ihm schlafen, bewusst ausblendet, sucht ein anderer vor der Anbahnung den Straßenstrich nach Männern ab, die die Prostituierte kontrollieren. Ebenfalls wurde berichtet, das eigene Gewissen zu beruhigen, indem die Prostituierten gefragt werden, ob sie einen Zuhälter haben. Letzteres erweist sich allerdings als leere Handlung, denn einige werden

„lügen wie gedruckt, damit sich der Freier ja schön wohlfühlt.“ (I3: 320f)

Insofern verorten zwei der Befragten Menschenhandel in einer räumlichen Umgebung, die die Prostituierte nicht im Neonlicht der Clubs und Stundenhotels inszeniert, sondern im „weniger sichtbaren Bereich“ (I2: 40) des Wiener Prater. Ein anderer wiederum verortet Menschenhandel und Zwangsprostitution im Stuwerviertel, allerdings nicht wegen Medienberichten, sondern aufgrund eigener Beobachtungen.

Die Mehrzahl der Befragten geht davon aus, im persönlichen Kontakt merken zu können, wenn eine Prostituierte Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution ist. Einer nimmt an, die Prostituierte würde sich an ihn wenden, andere geben an, dies durch die Art und Weise, wie die Prostituierte ihre Arbeit verrichtet oder welchen Eindruck sie macht, erkennen zu können.

„Man muss kein Menschenkenner sein, um rauszukriegen, wie’s einem Menschen jetzt geht. Damit will ich jetzt nicht naiv tun, dass die sich f’reun, wenn’s mit jedem mitgehen, aber trotzdem glaub‘ ich, merkt man das.“ (I2: 110-112)


3.7. „Dieselbe Geschichte wie mit schlechter Ware“ (I2: 217) – Negative Gefühlsäußerungen im persönlichen Kontakt werden nur bedingt als Anzeichen für Zwangsprostitution und Menschenhandel gedeutet
Fast alle Freier gehen davon aus, dass Prostituierte ihre Arbeit, zu der sie durch mannigfaltige Umstände gezwungen werden, nicht gerne ausführen, wodurch sie sich negative Gefühlsäußerungen der Prostituierten erklären. Einer berichtet zu merken,

„wenn jetzt eine mit Widerstand oder Ekel kämpft“ (I2: 212),
aber er vermutet dann nicht, dass die Frau zur Prostitution gezwungen werde, sondern dass sie
„ihre eigene Fähigkeit (…), diesen Job auszuführen, überschätzt“ (I2: 223f)
hat. Die Konsequenz ist dann für ihn, die Frau nicht mehr zu besuchen. Auch wird berichtet, dass negative Gefühlsäußerungen Resultat eines Fehlverhaltens des Freiers oder mangelnder gegenseitiger Sympathie sein könnten. Möglich sei auch, dass es sich bei der Prostituierten um eine Anfängerin handle. Einer der Befragten gibt an, dass schlechtes „Service“ (I4: 163) noch keine Aussagekraft bezüglich Zwangsprostitution besitzt, er allerdings auf Zwangsprostitution schließen würde, wenn er merken würde
„dass sie’s widerwillig macht“ (I4: 226).


3.8. „Da müsst ich z’erst googeln“ (I3: 246) – Freier verfügen in Fällen von Zwangsprostitution und Menschenhandel nicht über nötige Handlungskompetenzen
Die Befragten wissen, dass relevante NGOs existieren. Die Mehrheit steht ihnen positiv gegenüber. In vermutetem Fall von Menschenhandel und Zwangsprostitution, würde sich die Mehrheit der Befragten an NGOs wenden, wobei zwei hierbei besonders den Vorteil sehen, bei NGOs im Gegensatz zur Polizei anonym bleiben zu können. Alle Personen haben weder konkrete Vorstellungen von dem, was NGOs tun, noch, wer genau sie sind. Dasselbe gilt insofern für die Polizei, als keiner der Befragten von der Existenz der Meldestelle für Menschenhandel des Bundeskriminalamts weiß. Einer der Befragten hat auf www.erotikforum.at von einer NGO erfahren und fände es gut, wenn Freier dort Meldungen an NGOs abgeben könnten.


4. Fazit und abschließende Bemerkungen
Eingangs wurden die Fragen aufgeworfen, warum Freier trotz Anzeichen von Zwangsprostitution letztere nicht in Erwägung ziehen und warum manche Freier Kenntnis über Zwangsprostitution besitzen, dennoch nicht davon Abstand nehmen, Prostituierte in genau jenen Bereichen aufzusuchen, in denen sie Zwangsprostitution verorten. Die Untersuchung der Forschungsfrage, inwieweit Freier bezüglich Menschenhandel und Zwangsprostitution sensibilisiert sind, ergab, dass Wissen über Zwangsprostitution und Menschenhandel das Handeln der Freier direkt oder indirekt auf verschiedene Arten beeinflusst. In den meisten Fällen allerdings nicht so, wie es aus Sicht von NGOs und Polizei wünschenswert wäre. Die im Bereich der Prostitution herrschenden Bedingungen kaschieren und normalisieren Anzeichen für Zwangsprostitution und Menschenhandel. Diese werden sehr wohl wahrgenommen, scheinen aber in den „normalen“, gewohnten Kontexten der Prostitution auf, woraus sich kaum adäquate Handlungen und Haltungen ableiten. Die Prostituierten Wiens des Jahres 2012 werden von den interviewten Freiern als Elendsgestalten beschrieben: Sie führen ihren Beruf nicht freiwillig aus. Sie werden gezwungen, ihren Beruf auszuführen. Manchmal zwingt sie ihre Armut, die Armut ihrer Familien oder die ihrer Partner dazu, manchmal ihre Partner oder ihre Zuhälter, manchmal Sucht und manchmal ihr Asylstatus. Männer bezahlen sie dafür, so zu tun, als würden sie freiwillig handeln. Von dem Geld, das sie einnehmen, profitieren andere. Konkurrenz zwingt sie dazu, immer geringere Preise zu verlangen. Konkurrenz zwingt sie dazu, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Männer aus ihrem Umfeld sind ihnen gegenüber gewalttätig. Freier sind ihnen gegenüber gewalttätig. Das Gesetz drängt sie in Gegenden, in denen sie weiteren Gefahren ausgesetzt sind...

Freier wissen, welche Bedingungen in der Prostitution herrschen und sind mit der Bedeutung, die dieses Wissen für sie hat, alleine. – Sie bilden sich eigene Erklärungsmuster, die teilweise auf Vorurteilen dem Feld gegenüber, teilweise auf Kenntnissen basieren. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Prostituierten sind so schlecht, dass Indikatoren für Menschenhandel oder Zwangsprostitution problemlos als zur prostitutiven Normalität gehörig umgedeutet werden können –

„Man setzt voraus, dass die ja eh ein Scheißleben hat.“ (I2: 99)

Mangelnde Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit und unzureichende mediale Berichterstattung versetzen Freier in die Lage, sich selbst Deutungen zurecht zu zimmern, die sie scheinbar der Verantwortung entheben. Daraus resultieren dann Annahmen, wie z. B. dass alles, was sichtbar ist und sich überdies in Wien befindet, nichts mit Menschenhandel und Zwangsprostitution zu tun haben kann.

Freier bleiben in einem Feld weitgehend alleine, von dem sie ausgehen, dass es kriminell ist, deren AkteurInnen ihren Annahmen nach ebenfalls kriminell sind. Das Feld ist, der Wahrnehmung der Befragten nach, tatsächlich ein „Feld des ‚Anderen‘ und des ‚Anormalen‘“ (Löw/Ruhne 2011: 11), oder wie I2 sagt, ein „Randbezirk unserer gesellschaftlichen Organisation“ (I2: 240). Der Freier hält diesen Randbezirk zwar durch sein Geld aufrecht, ist aber nur Besucher. Er kann, wie Grenz schreibt, „die Freierkappe jederzeit ablegen und (…) ein sogenanntes ‚normales‘ Leben führen“ (Grenz 2007: 45).

Die interviewten Personen gehen davon aus, dass sich alle Prostituierten aufgrund von Zwangslagen prostituieren. Die Freier sind sich völlig bewusst, dass sie Profiteure sind. Dies moralisch zu verurteilen und sie auszusparen, da von ihnen aufgrund ihres Tuns und ihrer Haltungen wenig zu erwarten ist, ist leicht. Aber eine dermaßen große Anzahl von Personen, die enorm viel Macht besitzen, da sie einen gesellschaftlichen Problembereich mitkonstituieren, zusätzlich noch weitaus leichter als Beratungsstellen Zugang zu den Frauen finden, überdies über großes Wissen verfügen, darf nicht ignoriert werden. – Die Freier zu ignorieren und ausschließlich Prostituierten und Opfern von Menschenhandel und Zwangsprostitution professionell zu helfen, bedeutet, auf Missstände zu reagieren, die man wegen Ausblendung einer sie mitkonstituierenden Gruppe gleichzeitig bis zu einem gewissen Grade einzementiert.

Die Forschung ergab, dass die Freier von NGOs nicht erreicht wurden. NGOs haben sich dort einzubringen, wo Freier sind, egal ob Straße oder Internet. Letzterem kommt wegen der Gewährung der Anonymität eine hohe Relevanz zu. Hier werden, wie eingangs aufgezeigt, permanent Deutungen veröffentlicht, die Interpretationsmuster erzeugen. – Die umgedeutete Realität wird weitergegeben und verfestigt von Menschen, die ignoriert werden und deshalb ignorant bleiben. Gegenargumente erreichen die Freier nicht, weil nicht dagegen argumentiert wird. Ohne Eingriffe von NGOs, die Denkanstöße geben, Umdeutungen vornehmen und Gesprächsangebote machen, stellen Freierforen eine Gefahr dar. Durch Eingriffe von NGOs könnten Freierforen aber vielleicht eine Ressource zur Prävention und Bekämpfung von Menschenhandel und Zwangsprostitution werden.

Auch die Wissenschaft hat sich mit Freiern zu befassen. Die Meinungen, Haltungen und Einschätzungen von vier Interviewpersonen sind in Anbetracht der hohen Anzahl von Männern, die täglich in Wien und Umgebung Prostituierte auf unterschiedlichste Weise, an unterschiedlichsten Orten, aus unterschiedlichsten Motiven heraus in Anspruch nehmen, nicht zu generalisieren, verdeutlichen aber die Komplexität der Thematik, auf die mit vertiefender Forschung reagiert werden muss. Zum Beispiel wäre es relevant zu wissen, wie Medienberichte verfasst oder Öffentlichkeitsarbeit gestaltet werden soll, um Sensibilisierung und Problembewusstsein zu erzeugen. Ferner ist der Frage nachzugehen, auf welche Art Freier für relevante NGOs eine Ressource darstellen können.

Ebenso sind sozialpolitische Forderungen zur Verbesserung der Situation von Menschenhandelsopfern, Zwangsprostituierten und Prostituierten weiter und vor allem öffentlichkeitswirksamer zu verfolgen. Auf diese Weise könnten im Bereich der Prostitution andere Bedingungen geschaffen werden, sodass Indikatoren für Menschenhandel und Zwangsprostitution als solche wahrgenommen werden. – Letzteres mag utopisch sein, die Kenntnisnahme von Freiern durch NGOs und Forschung ist es nicht.


Literatur
Ackermann, Lea / Bell, Inge / Koelges, Barbara (2005): Verkauft, versklavt, zum Sex gezwungen: Das große Geschäft mit der Ware Frau. München.
ECPAT (2006): Daten – Fakten – Schätzungen. Kinderprostitution – Kinderpornographie – Kinderhandel in Österreich. www.ecpat.at/fileadmin/download/DATEN-Fakten_Oesterreich.doc [1.12.2011].
Gasser, Hannah-Isabella (2010): Zwangsprostituierte mit afrikanischen Migrationshintergrund in Österreich. Identitäten, Problemsicht und Lösungsansätze. Diplomarbeit an der Universität Wien.
Grenz, Sabine (2007): (Un)heimliche Lust. Über den Konsum sexueller Dienstleistungen. 2. Auflage, Wiesbaden.
Kreutzer, Mary / Milborn, Corinna (2008): Ware Frau. Auf den Spuren moderner Sklaverei von Afrika nach Europa. Salzburg.
Löw, Martina / Ruhne, Renate (2011): Prostitution. Herstellungsweisen einer anderen Welt. Berlin.
Mayring, Philipp (2010): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 11. aktualisierte und überarbeitete Auflage, Weinheim und Basel.
Task Force Menschenhandel (2012): Nationaler Aktionsplan zur Bekämpfung des Menschenhandels für die Jahre 2012-2014. o.O.


Weitere Quellen
erotikforum.at (2012a): Ullmannstra. 38. http://www.erotikforum.at/massagenmassagestudios.67/ullmannstr-38-a.23568-seite146, am 3.3.2012.
erotikforum.at (2012b): Afrikanerinnen. http://www.erotikforum.at/studios-hostessennachtclubs.10/afrikanerinen.65999-seite3, am 3.3.2012
Transkript des Interviews mit I1 vom 31.1.2012 verfasst von Benjamin Lustig
Transkript des Interviews mit I2 vom 6.2.2012 verfasst von Benjamin Lustig
Transkript des Interviews mit I3 vom 8.2.2012 verfasst von Benjamin Lustig
Transkript des Interviews mit I4 vom 19.2.2012 verfasst von Benjamin Lustig


Über den Autor

BA Benjaming Lustig, Jg. 1980
ben.lustig@gmx.net

2009 bis 2012 Studium der Sozialen Arbeit an der FH St. Pölten. Seit September 2012 Masterstudiengang Soziale Arbeit, Vertiefungsrichtung „Case Management“ an der FH St. Pölten.
Seit Dezember 2012 Vertretungsdienst bei der Drogenberatungsstelle Jedmayer (Suchthilfe Wien)






System hosted at Graz University of Technology