„Zeig mir eine Frau, die freiwillig sagt, ‘I stö‘ mi da raus, als Hure.‘" - Freier und ihre Wahrnehmung von Zwangsprostitution und Menschenhandel.

Benjamin Lustig (Standort St. Pölten)

Abstract


Österreich ist aufgrund seiner Lage im Zentrum von Europa Transit- und Zielland gehandelter Zwangsprostituierter. Während jährlich 500.000 Frauen in Europa Opfer von Zwangsprostitution als Folge von Menschenhandel werden, nehmen in Wien täglich ca. 15.000 Männer die Dienste einer Prostituierten in Anspruch. Somit ist davon auszugehen, dass einige von ihnen mit Prostituierten ins Geschäft kommen, die ihre Arbeit nicht freiwillig ausführen.
NGOs konzentrieren sich kurativ auf die betroffenen Frauen und verfolgen somit eine hauptsächlich reaktive Handlungsstrategie. Freier, also die Personengruppe, die das Feld mitkonstituiert, durch ihr Geld aufrecht erhält, seine Existenz letztendlich überhaupt erst möglich macht, werden von NGOs und sozialpolitischen Akteuren weitgehend ausgespart.
Mit vorliegender Arbeit wird zum ersten Mal in Österreich versucht, die Thematik mit
Ausrichtung auf die Freier zu beleuchten, indem diese selbst zum Forschungsgegenstand werden. In der qualitativen Forschungsarbeit wurde mittels Leitfadeninterviews der Frage nachgegangen, inwieweit männliche, heterosexuelle Freier in Wien bezüglich Menschenhandel und Zwangsprostitution sensibilisiert sind.
Die Interviewfragen wurden anhand von Studien, Tatsachenberichten und soziologischer Literatur über Freier, Prostitution und Menschenhandel erstellt. Hauptaugenmerk lag darin, festzustellen, ob und wie Wissen über Menschenhandel und Zwangsprostitution das Handeln als Freier beeinflusst. Mittels der neunzig- bis hundertzwanzigminütigen Interviews konnte abgebildet werden, wie Freier das Feld Prostitution wahrnehmen. Ebenfalls wurde untersucht, wie und ob die verschiedenen Prostitutionsformen -kontexte und -örtlichkeiten bestimmte Wahrnehmungsmuster konstruieren, die sich positiv oder negativ auf die Wahrnehmung von Indikatoren für Zwangsprostitution und Menschenhandel auswirken können.
Zu Wort kamen vier in Wien lebende Freier: Ein dreiunddreißigjähriger Architekt, der Prostituierte in Peepshows besucht, ein fünfundvierzigjähriger Buchhalter, der hauptsächlich den Straßenstrich frequentiert, ein einundsechzigjähriger Yogalehrer, der sowohl in Studios als auch auf dem Straßenstrich Prostituierte in Anspruch nimmt und ein Freier, der seine Erfahrungen auf der Internetplattform erotikforum.at veröffentlicht. Letzterer ließ sich nur anonym per Telefon interviewen. In den über 8000 Postings, die er auf erotikforum.at verfasst hat, beschreibt er sich öfter als älter. Er ist sowohl mit dem Straßenstrich als auch mit Studio- und Wohnungsprostitution vertraut.
Die gewonnenen Informationen bieten Organisationen und Akteuren, die sich mit
Menschenhandelsopfern und Prostituierten befassen, einerseits Argumente zur Untermauerung sozialpolitischer Forderungen und liefern andererseits konkrete Ansatzpunkte für ein präventives Vorgehen im Sinne von auf Freier ausgerichteter Sensibilisierungsarbeit. Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst. Direkte Zitate aus Literatur und Interviews wurden kursiv gesetzt und sind, genauso wie die zitierte Literatur in der Langfassung verquellt.

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