soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 10 (2013) / Rubrik "Junge Wissenschaft" / Standort Vorarlberg
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/293/495.pdf


Kornelia Bauer, Alexandra Büchel, Monika Fehr, Asli Günay, Eva Heel, Rebecca Heusser, Cindy Hofrichter, Hilal Iscakar, Michael Lux & Mirela Mahmutovic:

Kultursensible Altenarbeit in der Stadt Feldkirch


1. Einleitung
In Österreich, wie auch in anderen europäischen Ländern, wird die Bevölkerung immer älter. Mit dem höheren Alter steigt auch die Betreuungs- und Pflegebedürftigkeit der älteren Generation und das Gesundheits- wie auch das Sozialsystem stehen vor der Herausforderung dem gerecht zu werden. Denn durch den demographischen Wandel steigt die Forderung in Politik und Gesellschaft nach mehr und professionelleren Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen mit gut qualifizierten BetreuerInnen und PflegerInnen. Die zu pflegenden oder zu betreuenden Personen sind heute nicht mehr nur Einheimische, sondern vermehrt auch MigrantInnen der ersten und bald auch der zweiten Generation. Doch trotz der wachsenden Anzahl älterer MigrantInnen sind diese nur vereinzelt in Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen anzutreffen (vgl. Oldenburger 2010: 1).

Auch die Stadt Feldkirch (Vorarlberg, Österreich) hat dies festgestellt und erachtete es als notwendig, diese Thematik anzugehen. Feldkirch hatte laut Statistik Austria im Jahr 2012 31.025 EinwohnerInnen, davon waren 84,8% österreichische und 15,2% keine österreichischen StaatsbürgerInnen. Von der Gesamteinwohnerzahl sind zudem 19,8% der Bevölkerung nicht in Österreich geboren (vgl. Statistik Austria 2012). Menschen mit Migrationshintergrund sind daher in der Stadt Feldkirch zu fast 20% vorhanden. Im Wintersemester 2012/2013 reichte der Bürgerservice von Feldkirch ein Projekt beim Studiengang Soziale Arbeit an der FH Vorarlberg ein und bat darum, eine quantitative Erhebung durchzuführen und die Bedürfnisse und Wünsche von Menschen mit Migrationshintergrund für Betreuung und Pflege im Alter zu erfassen. Studierende sollten fachlich begründete und auf der Auswertung basierende Empfehlungen an die Stadt Feldkirch erarbeiten. Die Studie verfolgt mehrere erkenntnisleitende Fragen: Inwiefern kennen ältere Personen mit Migrationshintergrund und deren Angehörige die städtischen Betreuungs- und Pflegeangebote für SeniorInnen? Falls bekannt: Warum nehmen sie diese dann nicht an? Falls nicht bekannt: Wie kann dies geändert werden? Dieser Artikel präsentiert zentrale Ergebnisse der Studie. Er zeigt auf, was SeniorInnen mit Migrationshintergrund und deren Angehörige brauchen, um Angebote der Stadt Feldkirch vermehrt in Anspruch zu nehmen.

Trotz des bestehenden Pflegeangebotes in der Stadt Feldkirch nutzen ältere Migranten und Migrantinnen die gesundheitliche und pflegerische Versorgung in der Regel weniger als die einheimische Bevölkerung. In vielen Literaturquellen werden Kommunikationsprobleme und Informationsdefizite als größte Zugangsbarrieren zum Gesundheitssystem beschrieben. Dies wird damit begründet, dass ältere MigrantInnen häufig nur lückenhaft Deutschkenntnisse und Kenntnisse über Körper- und Gesundheitsthemen vorweisen. Der eingeschränkte Wortschatz kann dazu führen, dass Bedürfnisse nicht differenziert beschrieben werden. Ebenfalls sind Informationen oft nicht in einer für diese Menschen verständlichen Form und Sprache verfasst. Besonders im Bereich der Altenhilfe ist die Informationsvermittlung optimierungsbedürftig (vgl. Oldenburger 2010: 8). Es werden kaum Dolmetscherdienste in den Einrichtungen angeboten und es stehen auch nur wenige muttersprachliche MitarbeiterInnen zur Verfügung. Daraus resultiert, dass älteren MigrantInnen auf Übersetzungshilfen ihrer Kinder oder weiterer Begleitpersonen angewiesen sind. Dies kann zu Schwierigkeiten führen, gerade dann, wenn es um Geschlecht oder Sexualität geht. Zudem sind solche Übersetzungen oftmals unqualifiziert, und der medizinische Sachverhalt kann nicht optimal dargelegt werden. Als weitere Komponente kommt hinzu, dass auch bei ausreichenden Sprachkenntnissen Missverständnisse bei der Wahrnehmung von Symptomen seitens der Pflegenden auftreten können (vgl. Oldenburger 2010: 9). Das ist durch ein unterschiedliches Gesundheits- bzw. Krankheitsverständnis begründet, welches in der Literatur als weitere Zugangsbarriere genannt wird. Einfühlungsvermögen und Verständnis von Gesundheit und Krankheit sind mit der jeweiligen Kultur verknüpft. So werden kulturspezifische Verhaltensweisen, wie zum Beispiel die zeitliche Strukturierung der Gebets- und Fastenzeiten sowie die kulturspezifische Nahrung, häufig nicht berücksichtigt. Diese möglichen Zugangsbarrieren können dazu führen, dass MigrantInnen die zahlreichen bestehenden Angebote in der Stadt Feldkirch nicht wahrnehmen.

Die Datenerhebung hat den Stellenwert einer quantitativen explorativen Studie. Sie wird in den Sozialwissenschaften dann erhoben, wenn kein oder nur unzureichendes Wissen zu einem speziellen Themengebiet vorliegt (Schwetz et al. 2010: 41). Über Schneeballverfahren bei kulturellen Vereinen und Vereinigungen wurden 100 Interviews mit der Zielgruppe durchgeführt, wobei die in Feldkirch lebende Grundgesamtheit (N) nicht bekannt war. Die Daten wurden anhand eines gemeinsam mit VertreterInnen der Stadt Feldkirch entwickelten quantitativen Fragebogens im persönlichen standardisierten Interview erhoben und mittels der Statistiksoftware SPSS ausgewertet. Die explorative quantitative Studie machte es notwendig den Fragebogen thematisch breit zu gestalten, um die Fehlerrate durch nicht genannte Möglichkeiten so gering wie möglich zu halten. Vorteil einer quantitativen Datenerhebung ist die relativ leichte Verarbeitung der Ergebnisse mittels SPSS. Jedoch birgt sie die Gefahr, bewusst, oder in Unkenntnis der Materie, verschiedene Gesichtspunkte auszublenden oder zu vergessen. Im Rahmen dieser Studie sollte ein Mittelweg gewählt werden, um überhaupt erste Erkenntnisse über den Forschungsgegenstand generieren zu können.

Die Interviews wurden im April 2013 mit Menschen mit Migrationshintergrund durchgeführt, die in der zweiten Generation in Feldkirch ansässig, deutschsprachig und im Alter zwischen 35 und 55 Jahren sind. Durch die spezifischen Zielpersonen war eine Befragung nach dem Zufallsprinzip nicht durchführbar. Die Auswahl der InterviewpartnerInnen erfolgte deshalb mittels Schneeballverfahren. Es wird herangezogen, wenn eine bestimmte Zielgruppe (meist Minderheiten) zu einem bestimmten Thema befragt werden sollte, die auf anderen Wegen kaum zu erreichen und zur Beteiligung zu motivieren sind. Somit wird zwar das Zufallsprinzip verletzt, es können aber ein schneller Überblick über ein bestimmtes Thema oder eine spezifische Personengruppe gewonnen werden (vgl. Dupart 2005: 1ff). Die ersten AnsprechpartnerInnen wurden von der Stadt Feldkirch genannt, die dann als sogenannte MultiplikatorInnen dienen sollten. In einem ersten Schritt wurden diese Personen befragt und auf Grund von Hinweisen und Empfehlungen aus der ersten Gruppe ergaben sich neue Kontakte zu Personen, die dann ihrerseits weitere Nennungen machen konnten, bis die gewünschte Anzahl von InterviewpartnerInnen befragt wurde (vgl. Dupart 2005: 3).

Die in diesem Artikel dargestellten Ergebnisse des quantitativen Forschungsprojekts dürfen daher nicht als ein repräsentatives Abbild der Feldkircher Gesellschaft interpretiert werden, sondern nur als erster theoriebildender Einblick in eine komplexe soziale Thematik.


2. Theoretische Grundlagen
2.1 Alter
Der Begriff „Alter“ ist ebenso wie „Kindheit“ und „Jugend“ ein gesellschaftliche und sozial ausgehandelte Zuschreibung, dessen Basis der biologische Alterungsprozess ist. Es geht um subjektive Erfahrungen: Wie sehen sich ältere Menschen? Welche Zuschreibungen erhalten sie von anderen Gruppen? Objektiv gesehen wird der Beginn des Alters oft mit der Pensionierung, das heißt mit dem Austritt aus dem Erwerbsleben und dem Eintritt in den Ruhestand, gleichgesetzt. Die Altersforschung bezieht sich weniger auf das biologische, das Lebensalter, sondern auf den mehrdimensionalen Prozess des Alterns und auf die Veränderungen, die mit dem Alter einhergehen. Die Lebenslage, die wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Position spielen eine große Rolle auf das individuelle und körperliche Altern. Menschen, die schwer körperlich gearbeitet, in wirtschaftlich schwierigen Situationen gelebt hatten, altern meist anders, als gut abgesicherte, sozial vernetzte Personen. Entsprechend groß ist die Bandbreite der körperlichen und psychischen Alterungsprozesse und selbst die biologisch Gleichaltrigen ergeben eine äußert heterogene Gruppe. Zudem prägen biografische Aspekte, wie zum Beispiel Migrationserfahrungen, den Alterungsprozess. Arbeit mit älteren Menschen sollte sich deshalb an ihrer Lebenswelt orientieren und zielgruppenspezifisch ausgerichtet werden (vgl. Höpflinger 2009: 13-15).


2.2 Migration
Wanderungsbewegungen gibt es seit der Besiedelung der Erde, es handelt sich hierbei um ein globales Phänomen. Fast jeder von uns hat eine Binnenmigration (Wohnortwechsel) bereits hinter sich. Schnelle und komfortable Beförderungsmittel erleichtern uns das Zurücklegen großer Distanzen innerhalb kurzer Zeit. Migration bedeutet jedoch mehr als nur einen längerfristigen Umzug von einem Ort zum anderen. Die Lebenswelt, die sozialen Kontakte eines migrierenden Menschen werden mit einbezogen. Der Lebensmittelpunkt, der für die Person und ihr Wohlbefinden von großer Wichtigkeit ist, wird durch die Migration verändert. Folgende Bereiche können davon betroffen sein: Wohnung, Familie, Arbeit, soziales Netz, kulturelle, religiöse und politische Orientierungen. Der Begriff der Grenze ist zum Beispiel nicht mit Landesgrenze gleichgesetzt, sondern kann auch eine Sprach-, Kultur- oder Religionsgrenze sein (vgl. Oswald 2007: 13-16).

Migrationsgründe der Menschen werden durch miteinander in Verbindung stehende Motive und Ansprüche „kultureller, politischer, wirtschaftlicher, religiöser, demographischer, ökologischer, ethnischer und sozialer Art“ (Han 2005: 8) veranlasst. Diese sind das Resultat von mehreren Faktoren, die sowohl auf der gesellschaftlich-strukturellen, als auch auf der persönlich-individuellen Ebene betrachtet werden können. Des Weiteren ist Migration ein Prozess, der von den Vorbereitungen bis zum vorläufigen Abschluss in einem langen zeitlichen Rahmen stattfindet. Der Wohnortwechsel setzt ein deutliches Zeichen, ist aber keinesfalls ein Schlusspunkt in der Migration (vgl. ebd.).

Der Begriff „Ausländer“ wird alltagssprachlich für „Fremder“ verwendet. Um ein Beispiel hierfür zu nennen: Eingebürgerte Österreicher werden immer noch als Ausländer wahrgenommen (vgl. Bauböck 2001: 16). Parnreiter definiert den Begriff „Ausländer“ wie folgt: Es ist weder ein kultureller noch ein sprachlicher, sondern ein rechtlicher Begriff. „Er fasse die Rechtsfolgen zusammen, die aus der Tatsache entspringen, dass eine Person nicht die Staatsangehörigkeit des Staates besitzt, in dessen Rechtsgebiet sie sich aufhält.“ (Parnreiter 1994b: 36f) Durch diese rechtliche Unsicherheit wird sowohl der Aufenthalt als auch die Arbeitserlaubnis von unvorhersehbaren Bestimmungen bedroht. In der österreichischen Rechtsordnung hat sich der Begriff „Ausländer“ durchgesetzt, hingegen wird in anderen europäischen Staaten die Definition „Immigrant“ verwendet. Lässt man die Relevanz der Staatsbürgerschaft beiseite, spricht man von „Menschen mit Migrationshintergrund“. Dabei geht es um alle Personen, die oder deren Eltern im Ausland geboren sind. Unter dem Begriff „erste Generation“ wird jener Teil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund bezeichnet, welcher selber im Ausland geboren und nach Österreich zugezogen ist. Als „zweite Generation“ werden die in Österreich geborenen Nachkommen von Eltern mit ausländischem Geburtsort bezeichnet. Schließlich zählen zu den Personen mit Migrationshintergrund auch eingebürgerte ausländische Staatsbürger mit „tertiärem Migrationshintergrund“. Mit den Begriffen des primären, sekundären und tertiären Migrationshintergrundes „wird einerseits die zeitliche Reihenfolge in der Migrationsbiografie veranschaulicht und andererseits das wahrscheinliche Integrationsniveau der Menschen mit Migrationshintergrund ausgedrückt“ (Gruber 2010: 25).


2.3 Kultursensible Altenarbeit
Menschen, die in den vergangenen Jahrzehnten als ehemalige „GastarbeiterInnen“ und andere MigrantInnen nach Österreich gekommen sind und sich sowohl familiär als auch sozial verwurzelt haben, sind hier bei uns alt geworden. Ihre Ursprungsheimat ist ihnen zum Teil fremd geworden. Die Erfahrungen mit der ärztlichen Versorgung wurden hier gemacht, diese unterscheiden sich oft auch zu jenen in ihrem Herkunftsland. Eine Rückkehr ins Heimatland wird deshalb für viele nicht in Betracht gezogen. Fällt dann die familiäre Unterstützung im Alter aus, so beginnen für viele Betroffene Schwierigkeiten mit der gewohnten Lebensführung. Die Stadt Feldkirch möchte nun mit ihren Angeboten alle in ihr lebenden Menschen unterstützen. Dies beinhaltet, dass Maßnahmen und Angebote der Stadt so gestaltet sein müssen, dass sie individuelle Anliegen ausländischer MitbürgerInnen berücksichtigen und einbeziehen. In diesem Zusammenhang begegnen uns die Begriffe „kultursensible, transkulturelle und ethniespezifische“ Pflege. Es geht um die Pflege von Menschen, welche aus einem anderen Kulturkreis kommen – entsprechend werden von den Pflegenden zusätzliche Kompetenzen erforderlich. So sind Sensibilität, Einfühlungsvermögen und das Wissen über eine andere Kultur sowie die Bereitschaft zum Umdenken und Lernen zentrale Aspekte in der Pflege von Menschen mit Migrationshintergrund. Der Begriff der „kultursensiblen Altenpflege“ wird zusammengesetzt aus „Kultur“, also die Gesamtheit von Menschen Geschaffenem und somit ein wesentlicher Teil seiner Lebenswelt und „sensibel“, also das Empfinden auf geistiger Ebene. Kultursensible Pflege bedeutet somit, dass Menschen gepflegt werden, die einem anderen Kulturkreis angehören als die beruflich Pflegenden. Professionelle Pflegekräfte sind sich dann der kulturellen Unterschieden bewusst und berücksichtigen diese in der täglichen Pflegearbeit (vgl. Köhter 1990: 843f).


3. Das Befragungsinstrument
Die Studiengruppe entwickelte in Abstimmung mit der Stadt Feldkirch und unter Betreuung ihres Dozenten1 ein standardisiertes Instrument zu folgenden inhaltlichen Schwerpunkten:

  • Migrationsstatus,
  • Derzeitige Wohnsituation der Eltern (getrennt erhoben),
  • Einschätzung der Deutschkenntnisse der Eltern (getrennt erhoben),
  • Pflegebedürftigkeit der Eltern (getrennt erhoben),
  • Bedarf bei potenzieller Pflegebedürftigkeit der Eltern,
  • Kenntnis der Pflege- und Betreuungsangebote der Stadt Feldkirch,
  • Kommunikationswege zur Kenntnis der Pflege- und Betreuungsangebote,
  • Informationsbedarf über Pflege- und Betreuungsangebote,
  • Weitere hilfreiche Quellen für den Fall der elterlichen Pflegebedürftigkeit (offene Frage),
  • Kenntnis über Finanzierungs- und Unterstützungsleistungen,
  • Bereitschaft zu finanziellen Eigenbeteiligung für Pflege- und Betreuungsangebote,
  • Inanspruchnahme von Pflege- und Betreuungsangeboten,
  • Eigener Wohnbedarf für das höhere Alter,
  • Wunschregion für das höhere Alter,
  • Bedarf bei eigener potenzieller Pflegebedürftigkeit,
  • Kulturspezifische Wünsche für den Fall eigener Pflegebedürftigkeit,
  • Ängste in Bezug auf das Alter,
  • Sicherheitsfaktoren in Bezug auf das Alter,
  • Weitere Anregungen zum Thema (offene Frage).

Da zur Studiengruppe KommilitonInnen mit Migrationshintergrund gehörten, war es möglich, einige Interviews in der türkischen oder einer serbokroatischen Muttersprache zu führen.


4. Ergebnisse der Interviews
Aus Platzgründen – und weil es sich um eine explorative, theoriebildende Studie handelt – wird im Folgenden auf die Darstellung von Tabellen und Zahlen verzichtet. Vielmehr folgen wir in der Ergebnisbeschreibung dem qualitativen Paradigma, zentrale Aspekte zur Situation der Zielgruppe in Feldkirch verbal zu beschreiben.

Die demografische Entwicklung hin zu einer Alterung der Gesellschaft und die damit einhergehenden Erhöhung des Pflege- und Betreuungsbedarfs kann von der Gesellschaft nicht ignoriert werden. Ältere MigrantInnen sind dabei die am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe. Die Situation älterer Menschen mit Migrationshintergrund unterscheidet sich nicht erst im Alter von der der einheimischen Bevölkerung. In Österreich, wie in anderen europäischen Ländern, bedeutet für Menschen mit Migrationshintergrund das Altern, vor dem Hintergrund einer ungünstigen und benachteiligten Ausgangsituation, eine noch stärker verunsichernde Lebenssituation. Es kommt zu einer Kumulation von migrationsspezifischen und altersspezifischen Merkmalen, woraus eine besondere Problemkonstellation resultiert (vgl. Kökgiran/Schmitt zit. in Marschke/Brinkmann 2011: 239-246). Aus dieser besonderen Problemkonstellation ergeben sich auch spezielle Anforderungen an die Pflege- und Betreuungsangebote sowie an die PflegerInnen und BetreuerInnen. Was kann nun diesbezüglich zur Situation in Feldkirch angenommen werden?

Anhand der Daten ist zu erkennen, dass verschiedene prägnante Punkte bei einer kultursensiblen Altenarbeit beachtet werden müssen. Bei der Abfrage der Sprache zeigte sich, dass Deutschkenntnisse meist nur als Grundkenntnisse angegeben werden, wobei den Vätern von ihren Kindern häufig bessere Deutschkenntnisse zugesprochen werden als den Müttern. Es zeigte sich, je besser der Vater Deutsch spricht, desto besser sind auch die Deutschkenntnisse der Mutter. Die Auswertung von generellen und kulturspezifischen Wünschen im Alter zeigt, dass Pflege- und Betreuungspersonen in eigener Sprache sowie Informationsmedien in eigener Sprache häufig gewünscht werden. Sprache dient der sozialen Interaktion und dem Beziehungsaufbau, dem Austausch von Fakten, Ansichten und Emotionen, der Kontrolle über die Realität und ist ein Ausdruck von Identität (vgl. Payer 2011) und hat in diesem Pflegekontext eine besondere Bedeutung. Haben Menschen mit Migrationshintergrund geringe Deutschkenntnisse, können sie ihre Wünsche und Anliegen bezüglich der Pflege und Betreuung im Alter nicht adäquat ausdrücken und fühlen sich dementsprechend machtlos und unverstanden. Es fehlt ihnen in den Einrichtungen oder bei Angeboten an Lebensqualität. Weiterhin kann die Sprache eine Barriere sein, die verhindert, dass Informationen bezüglich des Angebots der Stadt Feldkirch überhaupt bei dieser Zielgruppe ankommen. Somit ist die weiterführende Frage zu stellen, ob es in Feldkirch PflegerInnen und BetreuerInnen gibt, die eine andere Sprache sprechen als Deutsch, und ob die Informationen in anderen Sprachen als Deutsch erhältlich sind.

Eine weitere Herausforderung für eine kulturspezifische Altenarbeit ist die enge Bindung der Familie von Menschen mit Migrationshintergrund. Die Daten zeigen, dass bei Unsicherheiten bezüglich des Alters die Familie Sicherheit gibt und sich Menschen mit Migrationshintergrund im Alter eine Wohnform wünschen, bei der sie im eigenen Haus mit Unterstützung der Kinder oder aber im Haus der Kinder wohnen können. Das SeniorInnenheim ist dagegen als Wohnform kaum gewünscht. In vielen Kulturen herrscht die Vorstellung vor, dass die Pflege und Betreuung älterer Familienmitglieder in der Familie und durch Familienmitglieder, meist durch die Töchter oder Schwiegertöchter, verrichtet werden soll. Eine Pflege und Betreuung außerhalb der familialen Struktur ist daher meist ein Tabuthema und mit Vorurteilen, Ängsten und Unsicherheiten behaftet (vgl. Kökgiran/Schmitt zit. in Marschke/Brinkmann 2011: 246). Die Daten unserer Studie verweisen darauf, dass Ängste und Unsicherheiten gegenüber dem Alter nicht kulturspezifisch sind, sondern allgemein als Problemfaktoren gesehen werden können. So haben die Befragten angegeben, dass sie unsicher sind in Bezug auf den Verlust der Selbstständigkeit, der Mobilität und des Kontakts zur Familie sowie auf das Thema „Wer schaut im Alter nach mir?“. Auch die Wünsche bezüglich der Pflege und Betreuung im Alter können als generelle Wünsche angesehen werden. Die befragten Personen wünschen sich Respekt, Verständnis, Kontakt zur Familie und zum Freundeskreis, Rücksicht, Wärme und Zeit. Als kulturspezifische Wünsche werden überwiegend angegeben: Kulturangepasstes Essen und die Möglichkeit, die eigene Religion ausüben zu können. Diese Anliegen basieren auf dem Wunsch, auch im Alter als Mensch mit den bisherigen Bedürfnissen wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden. Die migrantische Familie basiert auf einem Solidaritäts- und Kooperationsverhältnis und bietet dies daher meist schon (vgl. Schneekloth/Wahl 2006) – eine gesellschaftliche Betreuung im Alter weist hier Entwicklungspotenzial vor. Die Frage stellt sich, was die Stadt Feldkirch unternehmen kann, um das Tabuthema „Pflege und Betreuung außerhalb der Familie“ anzusprechen, um Ängste und Unsicherheiten abzubauen und die generellen, wie auch die kulturspezifischen Wünsche in die Pflege- und Betreuungspraxis einfließen zu lassen. Zudem stellt sich die Frage, wie das System Familie als Teil eines Pflege- und Betreuungsnetzwerks in das staatliche System eingebettet werden kann.

Die zentrale Herausforderung für Feldkirch ist es, Menschen mit Migrationshintergrund für die städtischen Pflege- und Betreuungsangebote zu erreichen. Die Daten zeigen, dass die befragten Personen die Angebote nur teilweise kennen. Vor allem die Seniorenheime, das Essen auf Rädern, der Krankenpflegeverein, der mobile Hilfsdienst und die Tagesbetreuung sind bekannt. Meist erfahren die Menschen mit Migrationshintergrund durch Freunde, die Zeitung oder durch Familie und Verwandte von den Pflege- und Betreuungsangeboten der Stadt Feldkirch. Bei den Kenntnissen über die Angebote spielt es keine Rolle, ob die befragte Person österreichischer Nationalität ist oder nicht. Auffallend ist jedoch, dass die meisten der befragten Personen keine Kenntnisse über die Finanzierungs- und Unterstützungsleistungen haben, obwohl sie Pflege- und Betreuungsangebote finanzieren würden. Die Frage stellt sich nun, weshalb Menschen mit Migrationshintergrund die Pflege- und Betreuungsangebote der Stadt Feldkirch dann nicht nutzen. Die Daten legen die Vermutung nahe, dass die Feldkircher Angebote für die befragte Zielgruppe zu hochschwellig sind. Bei den migrantischen Zielgruppen bestehen Sprachbarrieren und somit Unsicherheiten und Ängste. Sie erhalten zu wenig Informationen, oder diese wird für die Zielgruppe in unangepasster Form kommuniziert. Weiterhin scheinen die bestehenden Angebote der Stadt Feldkirch in zu geringem Ausmaß auf die kulturspezifischen Wünsche von Menschen mit Migrationshintergrund einzugehen, weswegen sie für diese Zielgruppe nicht attraktiv erscheinen.


5. Empfehlungen
5.1 Sprache
Sprache stellt ein wichtiger Zugangsfaktor zu einzelnen Pflegeangeboten dar. Im Forschungsprojekt wurde erfasst, dass die befragten Personen die Sprachkenntnisse ihrer Eltern als eher gering einschätzen. Hierbei erscheint es äußerst sinnvoll, ältere Menschen auf dem Niveau ihrer sprachlichen Kenntnisse abzuholen. Es wäre durchaus denkbar, dass auch ältere Menschen mit Migrationshintergrund bereit sind an Sprachkursen teilzunehmen. Diese sollten allerdings ältere Menschen als Zielgruppe berücksichtigen. Zudem können Sprachkursangebote auch speziell für Frauen oder Männer ausgerichtet sein.

Außerdem wurde der Wunsch nach muttersprachlicher Pflege und Betreuung geäußert. Um diesem Wunsch nachzugehen und die Zugangsbarriere „Sprache“ abzubauen, kann mehr Pflege- und Betreuungspersonal mit Fremdsprachenkenntnissen oder mit nicht deutscher Muttersprache eingesetzt werden. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, sollten im Pflege- und Betreuungsbereich mehr Menschen aus anderen Herkunftsländern aus- und weitergebildet werden. Die vorhandenen Ressourcen, wie z. B. Menschen mit Pflegediplomen aus ihrem Heimatland, können dahingehend genutzt werden, indem diese Diplome anerkannt und die Personen eingeschult werden. Somit kann der zunehmende Bedarf an muttersprachlicher Pflege und Betreuung abgedeckt werden.

Bei der Vermittlung der Angebote an die entsprechende Zielgruppe sollte in erster Linie die Sprache berücksichtigt werden. Wie dies konkret umgesetzt werden kann, wird im Abschnitt Öffentlichkeitsarbeit genauer erläutert.


5.2 Öffentlichkeitsarbeit
In Bezug auf die Öffentlichkeitsarbeit einzelner Pflegedienste und Angebote können weitere Empfehlungen formuliert werden. Die Ergebnisse zeigen, dass die Befragten Pflege- und Betreuungsangebote durch Familie, Verwandte, Freunde sowie durch Zeitungen kennen. Das Zielpublikum kann aber durch Infobroschüren nicht erreicht werden. In diesem Sinne scheint die Zeitung ein Medium zu sein, welches Menschen mit Migrationshintergrund nutzen, um sich über Angebote zu informieren. Daher erscheint es sinnvoll, die Öffentlichkeitsarbeit auf dieser Ebene zu erweitern. Hierzu können gezielte Inserate in Vorarlberger Zeitungen oder Infozeitungen der Stadt veröffentlicht werden. Diese Inserate können in den unterschiedlichen verschiedenen Sprachen verfasst sein, um die gewünschte Zielgruppe zu erreichen und um auf die einzelnen in Feldkirch angebotenen Pflege- und Betreuungsmöglichkeiten hinzuweisen.

Familie und Freunde scheinen eine wichtige Position einzunehmen, um Angebote adäquat zu vermitteln und über dieselben zu informieren. Netzwerke können in diesem Bereich sehr wichtig sein. Die Zusammenarbeit und Vernetzung mit verschiedenen Kulturvereinen kann hier von Nutzen sein, um die Angebote vorzustellen und diese gezielt weitervermitteln zu können. Weitere Informationsveranstaltungen zu Pflege- und Pflegeeinrichtungen an Schulen, in Moscheen und in den schon genannten Vereinen wären sinnvoll. Zudem können MultiplikatorInnen eingesetzt werden, um eine Brückenfunktion zu den einzelnen Angeboten herzustellen. Dadurch können Hemmschwellen abgebaut werden.

Das Internet wurde im Rahmen der Befragung auch erwähnt. Die Zielgruppe nutzt es durchaus als Informationsquelle. Daher kann die Internetseite der Stadt Feldkirch und des Bürgerservices auf Passungsaspekte hin überprüft werden. Es ist zu empfehlen, die dort präsentierten Informationen in mehreren (relevanten) Sprachen zugänglich zu gestalten. Zusätzlich könnten die Homepage einzelner Pflege- und Betreuungsangebote in mehreren Sprachen vorzufinden sein. Das erleichtert es Menschen mit Migrationshintergrund, gewünschte Informationen ohne sprachliche oder soziale Hürden einzuholen.

Zudem ist sichtbar geworden, dass die Befragten nur äußerst geringe Kenntnisse über Finanzierungsmöglichkeiten im Alter haben. Eine übersichtliche, mehrsprachige Information zu diesem Thema könnte diese Schwachstelle ausgleichen und Zielgruppen spezifisch ansprechen. Diese Informationen könnten z. B. als Inserate in Zeitungen, durch Netzwerke in Vereinen, Spitalinfo usw. weitergegeben werden. Beispielsweise könnten das AMS, Banken und weitere Beratungsstellen diese Informationen verteilen.


5.3 Sicherheit
Ein großes Thema bei allen alten Menschen, nicht nur bei MigrantInnen, stellt die Sicherheit dar. Aus Sicht der Befragten vermittelt Familie Sicherheit. Um Ängste abzubauen und mehr Sicherheit zu vermitteln, wäre es daher sinnvoll, das Thema Alter in Schulen und anderen Beratungsstellen einzubeziehen. Dies beinhaltet zudem, dass Informationsmöglichkeiten auch in anderen Beratungs- und Bildungseinrichtungen zugänglich sind. Ziel ist es, Familienangehörige genügend über die Angebote und die Kostenfragen zu informieren, da diese Informationen an weitere Familienmitglieder informell weitergegeben werden.

Eine weitere Möglichkeit, Menschen mit Migrationshintergrund Sicherheit zu vermitteln, stellt die Öffentlichkeitsarbeit dar. Die Vermittlung von Informationen bietet Sicherheit, und viele ältere Menschen mit Migrationshintergrund brauchen Hilfe bei Anträgen und Formularen. Daraus lässt sich ableiten, dass in der Stadt Feldkirch eine Informationsstelle benötigt wird, die sich mit dem Thema Alter auseinandersetzt, Öffentlichkeitsarbeit übernimmt sowie Vernetzungsarbeit zwischen Menschen im Alter leistet.


5.4 Wünsche im Alter
Die Mehrheit der Befragten hat auf die Frage „Wie möchten Sie im Alter wohnen?“ mit dem Wunsch geantwortet, im eigenen Haus mit der Unterstützung der Kinder zu leben. In diesem Falle können Überlegungen und Klärungen von möglichen Konzepten in die Richtung von Kooperationen mit Familienangehörigen und Menschen aus dem direkten Umfeld sowie professionellen AnbieterInnen von Pflege und Betreuung geprüft werden.

SeniorInnenheime wurden von den befragten Personen selten bis gar nicht als Wohnstätte für das höhere Alter genannt. Daher sollte die Betreuung zu Hause erweitert werden. Dies könnte neue Betreuungsformen, wie z. B. Mehrgenerationenhäuser beinhalten, oder das derzeitige Angebot der SeniorInnenheime müsste angepasst werden.

Die Antworten in Bezug auf die kulturspezifischen Wünsche sind nicht eindeutig ausgefallen. So wurde z. B. der kulturspezifische Wunsch nach PflegerInnen mit Migrationshintergrund nur von der Hälfte der befragten Personen genannt. Hingegen überwiegt der Wunsch nach Pflege und Betreuung in der eigenen Sprache. Daraus folgt, dass Mehrsprachigkeit bei allen Angeboten sinnvoll ist. Auch kulturangepasstes Essen kann als starker Wunsch identifiziert werden, ebenso die Möglichkeiten, die eigene Religion ausüben zu können. Um als Institution auf diese zentralen Bedürfnisse eingehen zu können, bedarf es einer Mehrsprachigkeit und interkulturellen Kompetenz des Personals. Der Wunsch nach kulturspezifischem Essen ist bei einigen Befragten vorhanden und könnte bei den einzelnen Angeboten wie Mittagstisch, Essen auf Rädern, sowie auch in den SeniorInnenheimen berücksichtigt werden.


5.5 Schlussfolgerung
Grundsätzlich halten wir fest, dass es notwendig ist, soziale Pflege- und Betreuungsangebote interkulturell zu öffnen, um migrantische Zielgruppen zu erreichen. Interkulturellen Öffnung ist jedoch ein langfristiger Prozess, und in der Anfangsphase sind sicher zusätzliche Kosten damit verbunden. Sollte das Ziel städtischer Integrationsbemühungen jedoch darin bestehen, migrantischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern bis ins hohe Alter dieselben Unterstützungen zu bieten wie allen anderen, dann sind höhere Ausgaben sowie breiteres und früheres Eingehen auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen gerechtfertigt. Das Bilden von Netzwerken in den bestehenden Einrichtungen und das Weiterdenken von Konzepten in der Verbindung von stationären und ambulanten Einrichtungen mit dem speziellen Netzwerk der migrantischen Familie gehört dazu und sollte unbedingt weiterentwickelt werden. Letztendlich kann jedoch davon ausgegangen werden, dass dieser Mehraufwand zu einer Entlastung des Gesundheitssystems führen kann. Können MigrantInnen mit angemessenen Informationen, Gesundheits- sowie Kostenaufklärung und durch die Verbesserung der Kommunikation einbezogen werden und dadurch an der Gesellschaft teilnehmen, kann sich das nur positiv auf das Gesamtsystem auswirken.


6. Schlusswort
Die Auswertung der Interviews eröffnet die Grundsatzfrage, inwieweit Interkulturalität in der aktuellen Pflege- und Betreuung der bestehenden Einrichtungen in der Stadt Feldkirch überhaupt eine Rolle spielt. Es wurde ersichtlich, dass eine gesamte Situationsanalyse der bestehenden Pflegeeinrichtungen in der Stadt Feldkirch sinnvoll wäre. Damit könnte erfasst werden, wie sich einzelne Einrichtungen mit dieser Thematik auseinandersetzen, welche Elemente bereits vorhanden sind, und wie mit diesem Thema aktuell umgegangen wird. Dabei können Fragen, wie zum Beispiel: „Wie werden Migranten und Migrantinnen in unserer Einrichtung wahrgenommen?“, zentral sein, um die Ist-Situation aus Sicht der professionell Pflegenden aufzunehmen. Ebenso sollen Daten gesammelt werden über MigrantInnen, welche schon in der Pflege- und Betreuung tätig sind. Deren Erfahrungswissen und kulturelle Ressourcen können ein wichtiges Fundament in der Weiterführung der Bedürfnisklärung und Anpassung der Gegebenheiten bilden.

Ist diese Ist-Situation erfasst, können in den Einrichtungen bzw. im Pflegemanagement weitere Schritte eingeleitet werden. Dies können spezifische Weiterbildungsangebote sein sowie Supervision und Workshops im Rahmen der Interkulturellen Teamentwicklung. Gemäß Oldenburger besteht in der Altenarbeit das Ziel, „(…)Kenntnisse über Migration und Kultur an das Personal weiterzuleiten“ (Oldenburger 2010: 42). Die konkrete Umsetzung von Interkultureller Öffnung sowie Interkultureller Teamentwicklung liegt letztlich in der Hand des jeweiligen Trägers (Meso-Ebene). Auf der Makro-Ebene gilt zudem zu prüfen und anzuerkennen, wie Ressourcen von zugewanderten Menschen mit fremdländischen Ausbildungen im Betreuungs- und Pflegebereich genutzt werden können. Es ist davon auszugehen, dass professionelle Altenpflege auch in Zukunft auf Zuwanderung angewiesen sein wird. Inwieweit schon in der Ausbildung der Pflegefachpersonen auf das Thema der kultursensiblen Arbeit als ein Teilbereich der Pflege eingegangen wird, ist der Projektgruppe nicht ersichtlich geworden und könnte demnach ebenfalls künftig geprüft werden.

Nicht zuletzt ist interkulturelle Öffnung als ein langfristiger sowie einschließender Prozess in der Organisationsentwicklung zu verstehen und bedeutet sicherlich vor allem in der Anfangsphase zusätzlichen Kostenaufwand. Letztendlich kann jedoch davon ausgegangen werden, dass dieser Mehraufwand zu einer Entlastung des Gesundheitssystems führen kann. Mittels angemessenen migrationsspezifischen Informationen, Gesundheitsaufklärung und Verbesserung der Kommunikation können MigrantInnen einbezogen werden und auch am Gesundheitssystem teilhaben. An dieser Stelle wäre es vermehrt von Bedeutung, wenn geschulte Ehrenamtliche als MultiplikatorInnen fungieren würden und eingesetzt werden, was keine zusätzlichen Kosten generieren würde. Allerdings ist zu beachten, dass professionelles Fachpersonal nicht durch MulitplikatorInnen und ehrenamtliche MitarbeiterInnen ersetzt werden kann, sie können höchstens die Aufgaben ergänzen und dienen zur Entlastung des Fachpersonals.

Eine große Rolle spielen auch die vorhandenen Netzwerke von MigrantInnen in Feldkirch, da durch sie ein guter Zugang zur Thematik gefunden werden kann. Wie unsere Studie zeigt, erhalten die meisten Befragten die Informationen über Freunde und/oder die Zeitung. Wie bereits vorgeschlagen, könnte in weiterer Folge ein zweites Projekt durchgeführt werden, in welchem auch der Zugang von MigrantInnen zu unterschiedlichen Netzwerken abgefragt wird, wie zum Beispiel Freizeitvereine, religiöse Vereine, soziale Gemeinschaften, Arbeit, Bildungseinrichtungen etc. Durch diese Abfrage könnte ermittelt werden, welche Netzwerke besonderes stark genutzt werden und somit in diesen Netzwerken MultiplikatorInnen eingesetzt werden.

Alles in allem sind Bedarfe für das Leben in höherem Alter nicht zwingend durch einen Migrationshintergrund definiert. Die hier dargestellten Ergebnisse spiegeln durchaus allgemeine Wünsche und Bedürfnisse aller Bevölkerungsgruppen wider.


Verweise
1 Prof. (FH) Dr. Fredersdorf


Literatur
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Höpflinger François (2009): Neue Leitmodelle zum Altern. In: SozialAktuell, 10, S. 13-15.
Kökgiran, Gürcan / Schmitt, Anna-Lena (2011): Altwerden in der Migration. In: Marschke, Britta / Brinkmann, Heinz Ulrich (Hg.): Handbuch Migrationsarbeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 239-248.
Köther, Ilka (1990): Altenpflege. http://books.google.ch/books?id=0TCPoRPrXXgC&pg=PA844&lpg=PA844&dq (16.05. 2013).
Oldenburger, Jenny (2010): Pflegekräfte mit Migrationshintergrund im interkulturellen Team als Ressource für eine erfolgreiche kultursensible Altenpflege. Hamburg: Diplomica Verlag.
Oswald, Ingrid (2007): Migrationssoziologie. Konstanz: UVK.
Parnreiter, Christof (1994): Migration und Arbeitsteilung, Ausländerbeschäftigung in der Weltwirtschaftskrise. Wien: Promedia.
Payer, Margarete (2011): Funktion von Sprache. http://www.payer.de/kommkulturen/kultur033.htm (09.07.2013).
Schneekloth, Ulrich / Wahl, Werner (Hg.) (2006): Selbständigkeit und Hilfebedarf bei älteren Menschen in Privathaushalten. Pflegearrangements, Demenz, Versorgungsangebote. 1. Auflage. Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH.
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Michael Lux, BA
Mirela Mahmutovic, BA

Master of Arts in Social Sciences (MA)
Studienjahrgang 2012

FH Vorarlberg
University of Applied Sciences
Studienrichtung Soziale Arbeit
Vertiefungsschwerpunkt „Interkulturelle Soziale Arbeit“






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