soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 10 (2013) / Rubrik "Sozialarbeitswissenschaft" / Standort St. Pölten
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/296/505.pdf


Elfa Spitzenberger:

Zur (Weiter-)Entwicklung der Gemeinwesenarbeit in Österreich


Gemeinwesenarbeit (GWA), seit etwa den 1970er-Jahren als ein Arbeitsprinzip verstanden, konnte erst einige Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich Fuß fassen. Lange Zeit war das Arbeitsprinzip bedauerlicher Weise fast in Vergessenheit geraten, jedoch werden in Ausbildung und Praxis zurzeit ähnliche Ansätze diskutiert. Thematisiert wird, wie sich Soziale Arbeit gemeinwesenorientiert (Oelschlägel), sozialraumbezogen (Hinte), ressourcenorientiert im Lebensumfeld von Bewohner/innen (Wolff) oder Zielgruppe bewegen könnte. In diesem Kontext haben sich viele Persönlichkeiten wiederholt zu Wort gemeldet. Eines ist all den beschriebenen Ansätzen gemeinsam: Es wurde bisher noch keine umfassende Theorie entwickelt, die gleichermaßen für Wissenschaft und Praxis richtungweisend sein könnte.

Bezug nehmend auf meine Arbeiten will ich im vorliegenden Beitrag die Entwicklung der GWA in Österreich anhand eines Fallbeispiels skizzieren, das in die Gegenwart reicht, und ziehe sodann ein Resümee für Bestrebungen in der Weiterentwicklung der GWA.


GWA in Österreich bis etwa 1990
Das Bundesinstitut für Erwachsenenbildung St. Wolfgang führte über Jahre eine Seminarreihe zum Thema GWA durch, an der am Arbeitsprinzip interessierte Persönlichkeiten aus ganz Österreich mitwirkten. Die Vorstellungen der heimischen Fachkräfte über Inhalte der GWA wurden vorwiegend durch Konzepte des Brasilianers Paulo Freire (1921-1997), deutschsprachige Literatur, einschlägige Fortbildungen und Supervision bestimmt. Hingegen orientierte man sich in der Bundesrepublik Deutschland bis in die 1970er-Jahre vorwiegend am US-amerikanischen Konzept des Community Organizing.

Die Fachkräfte diskutierten im Rahmen der Seminarreihe seit 1979 insbesondere in Österreich durchgeführte Projekte, um ihre Arbeit zu reflektieren und inhaltlich weiter zu entwickeln. Erörtert wurden vorwiegend an GWA orientierte Ansätze, sowie einige GWA-Projekte nach heutigem Verständnis. Auffällig sind gemeinwesenorientierte Beschäftigungsprojekte, die auch die wirtschaftliche Infrastruktur in ländlichen Regionen förderten. Solche Erwägungen waren Folge der damaligen Förderung seitens der öffentlichen Hände. Das Bundeskanzleramt entwickelte schließlich Modelle der Regionalentwicklung für alle Bundesländer, wobei man Anregungen der Österreichischen Bergbauernvereinigung aufgriff.

Ein Vorschlag im Rahmen des Seminars von 1990, eine Bundeszentrale für GWA und Selbsthilfegruppen in Österreich zu gründen, lehnten die teilnehmenden Fachleute ab, weil sie die Seminarreihe als Plattform für ausreichend hielten und zentralistische Strukturen fürchteten. GWA sollte aus ihrer Sicht primär von der Basis aus betrieben werden. Die weitere Entwicklung seit 1990 im Sozial- und Kulturbereich, die GWA zu einer Randerscheinung in Österreich werden ließ, lässt aus heutiger Sicht vermuten, eine Vereinsgründung oder ähnlich strukturierte Organisationsform hätte die Verbreitung des Arbeitsprinzips besser gefördert. Leider wurde auch 2008 eine Vereinsgründung für GWA in Österreich von den Praktiker/innen erneut abgelehnt.


GWA in Oberösterreich: ein Fallbeispiel
Als Fallbeispiel wähle ich hier das Linzer Projekt Auwiesen, da dieses 1988 vom Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung in Wien evaluiert wurde. Seit Beginn der 1970er-Jahre wurden im Süden von Linz ca. 3000 Wohnungen errichtet. Zum Zeitpunkt der Evaluation bestanden etwa 2000 Mietwohnungen; die Mieten lagen um diese Zeit über dem Linzer Durchschnitt. Bei den zwei bis viergeschossigen Objekten wurden erst später Infrastruktureinrichtungen errichtet, jedoch waren viele Frei- und Grünflächen vorgesehen, der motorisierte Individualverkehr wurde eingeschränkt.

Zur Durchführung des Projekts gründeten der Verein für prophylaktische Sozialarbeit, der Verein Bewährungshilfe, das Jugendamt der Stadt Linz und das Pastoralamt der Diözese Linz als Proponenten den Verein ARGE für soziale Arbeit in Auwiesen; diese erhielt finanzielle Hilfe seitens der Gründer, des Sozialministeriums und des Landes Oberösterreich. Die ARGE stellte eine Sozialarbeiterin und eine Fachkraft im Rahmen eines Akademikertrainings an. Ein Beirat diente der Reflexion und Unterstützung der praktischen Arbeit. Das Projekt war auf drei Jahre befristet (1983 bis 1986). Einige Bewohner/-innen hielten jedoch weiterhin Netzwerke aufrecht.

Aufgabe der ARGE war es, eventuell entstehende soziale Probleme im Vorfeld zu entschärfen, das Zusammenleben durch BewohnerInnenaktivitäten zu fördern, gemeinsame Anliegen zu realisieren. Dies geschah im Rahmen von Arbeitskreisen, Veranstaltungen, Kursen etc.; das Büro stellte Information, persönliche und materielle Ressourcen zur Verfügung. Zielsetzungen waren: Koordination der Sozial- und Bildungseinrichtungen, Aufgreifen der Interessen der Bewohner/innenschaft, Motivation zu Mitverantwortung und Mitgestaltung, Organisation bedarfsgerechter Veranstaltungen, präventive Maßnahmen für Jugendliche, Förderung der Kommunikation im Stadtteil, kulturelle Aktivitäten, Verbesserung der Infrastruktur und Unterstützung von Gruppenaktivitäten.

Der praktischen Arbeit hinderlich waren zeitaufwändige Finanzierung, fehlender Zugang zur Elite der Kommunalpolitik, sowie die dort fehlende Akzeptanz des Projektes. Als günstig beschrieben wurde die Erfahrung der Bewohner/innenschaft, sich für ihre Anliegen selbst einzusetzen. Auch andere Lernerfahrungen waren für die Bewohner/innenschaft von hoher Bedeutung. Aktivierungsarbeit und Beraterfunktion der Gemeinwesenarbeiterin wurden von den aktiven Bewohner/innen hoch eingeschätzt.

Nach Jahren besann man sich auf Seiten der Entscheidungsträger der Vergangenheit: Stadt Linz und Land Oberösterreich finanzierten 2008 bis 2011 die Stadtteilarbeit „view“ des Vereins VSG mit dem Ziel, die Integration der Bewohner/innen in Auwiesen zu unterstützen. Im Rahmen des Projektes wurden Begegnung gefördert, Konflikte angesprochen und bearbeitet, und man trachtete, das Image des Stadtteils zu verbessern. Auch dieses Projekt, dessen Erfolg unbestritten war, wurde eingestellt. Im Mai 2013 beschloss der Linzer Gemeinderat im Rahmen des neuen Sozialprogramms ein Stadtteilzentrum Auwiesen zu eröffnen. Dieses soll sowohl die GWA im Stadtteil fortsetzen, als auch als kommunale Serviceeinrichtung dienen, daher werden ebenso Aufgaben des Sozialbereiches vor Ort angeboten. Letztere ermöglichen eine erstaunliche Frequenz an Besucher/-innen und machen das Stadtteilzentrum bekannt.


Resümee
Ab Ende der 1970er-Jahre bis zu Beginn der 1990er-Jahre wurde eine Fülle von GWA-Projekten in Österreich initiiert, z. B. im Rahmen der Regionalentwicklung in benachteiligten Bergbauerngebieten. Hier wurden Strategien im Bereich alternativer Vermarktung bäuerlicher Produkte verfolgt. Es entstanden dabei neue Ideen in Bezug auf das Verständnis regionaler Kultur und soziokultureller Zusammenhänge. Die Initiativen im Rahmen der GWA in strukturschwachen Bergbauerngebieten wurden vom Staat in der Ära Kreisky stark gefördert. Da die Politik auch Mittel zur Begleitforschung zur Verfügung stellte, kam es zum Einsatz von Aktionsforschung, zu Dorfanalysen und anderen sozialwissenschaftlichen Methoden. Verschiedenste Einrichtungen griffen GWA auf, darunter auch aus den Bereichen Erwachsenenbildung und Arbeitsmarktförderung.

Auf Grund mangelnder Finanzierung wurden an GWA orientierte Projekte nach 1990 kaum mehr begonnen. Da geförderte Projekte überwiegend zeitlich begrenzt waren, boten sie den Fachkräften keine längerfristigen Perspektiven, weshalb sich diese schließlich anderen Arbeitsgebieten zuwandten. GWA ist jedoch erst mittel- bis langfristig wirksam. GWA als Methode zur Ausbildung demokratischen Handelns, zu Förderung von Chancengleichheit und Bürgerengagement, steht meist dem Anliegen der Auftraggeber/innen entgegen, die Bevölkerung kurzzeitig zu begleiten und zu aktivieren, damit diese bestimmte gesellschaftliche Aufgaben aus eigenem bewältigen kann.

Erfreulicher Weise ist heute manchen Orts ein Revival der Stadtteilarbeit zu erkennen. Auch Medienberichte über zivilgesellschaftliche Bewegungen unterstützen die zaghafte Bereitschaft, sich über Eigenengagement und Einbindung von Zielgruppen Gedanken zu machen. Wie eingangs erwähnt stellt sich am Anfang eines Projektes immer die Konzeptfrage, die eng mit dem theoretischen Hintergrund verbunden ist.

Nicht nur im Sinne der wissenschaftlichen Weiterentwicklung der Sozialen Arbeit sollten sich Theoretiker/innen und Praktiker/innen jetzt intensiv mit der Theorieentwicklung befassen, bevor theoretische Überlegungen und praktische Versuche zu weit auseinander driften. Daher bedarf es organisatorischer Strukturen, die es Fachkräften aus den Disziplinen ermöglichen, gemeinsam an der Weiterentwicklung des Arbeitsprinzips GWA zu arbeiten.


Literatur
Hinte, Wolfgang / Budde, Wolfgang / Früchtel, Frank (2006): Sozialraumorientierung. Wege zu einer veränderten Praxis. Wiesbaden.
Oelschlägel, Dieter (2004): Selbstständig in der Lebenswelt – der Beitrag der Gemeinwesenarbeit (Vortrag an der Hochschule Berlin, vermutlich 2004), https://www.google.at/#q=Oelschl%C3%A4gel+Gemeinwesenorientiert (20.9.2013).
Spitzenberger, Elfa Beate (2010): Gemeinwesenarbeit. Bildung eines Handlungskonzeptes aus der Praxis. Saarbrücken.
Wolff, Mechthild (2000): Integrierte Erziehungshilfe – Eine exemplarische Studie über neue Konzepte in der Jugendhilfe. Weinheim/München.


Über die Autorin

Mag. Dr. Elfa Spitzenberger
elfa.spitzenberger@liwest.at

Soziologin, Sozialarbeiterin, Sozialmanagerin; Leiterin der Abteilung Erziehungshilfe im Amt für Soziales, Jugend und Familie Linz: Das Arbeitsfeld beinhaltet Sprengelsozialarbeit, Jugendgerichtshilfe, Besuchscafé Eltern-Kind-Zentrum Ennsfeld, Projektleitung der Gemeinwesenorientierten Stadtteilarbeit &bbquo;Leben im Franckviertel“ und bis 2008 Stadtteilarbeit solarCity Pichling






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