soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 10 (2013) / Rubrik "Geschichte der Sozialarbeit" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/299/503.pdf


Karl Fallend & Klaus Posch:

Erste Hinweise zur Schriftenreihe zur Geschichte der Sozialarbeit und Sozialarbeitsforschung


Entsprechend Freuds Diktum versteht man wohl auch die Sozialarbeit am besten, wenn man ihre Geschichte und Entwicklung verfolgt. Dies war ein Motiv für die Begründung unserer Schriftenreihe. Ein weiteres, das Anliegen, PionierInnen, Brüche und Kontinuitäten, Sonnen- und Schattenseiten in der Geschichte der Sozialarbeit in Erinnerung zu halten. Unsere Bücher verstehen sich als Aufforderung, in der Rasanz von Pragmatismus und Aktionismus inne zu halten, zu lesen, aus der Geschichte zu lernen. Nicht jedes Rad muss neu erfunden werden. Im Gegenteil.

Eine ausführliche Rezension der Buchreihe erscheint in der nächsten Ausgabe von „soziales_kapital“.


Bisher erschienen im Wiener Löcker-Verlag:


Aichhorn, Thomas (Hg.) (2011): August Aichhorn. Pionier der psychoanalytischen Sozialarbeit. Wien: Löcker-Verlag.
August Aichhorn (1879-1949) zählt zu den Pionieren der Psychoanalyse, die jenseits der Couch versuchten, die Erkenntnisse Freuds in der öffentlichen Sozialarbeit umzusetzen. Vor allem durch seine Arbeit mit delinquenten Jugendlichen in der Fürsorge-Anstalt Oberhollabrunn, die er von 1918-1923 leitete, wurde Aichhorn als Vorläufer der gewaltfreien Erziehung international bekannt. Er widersetzte sich dem herrschenden, autoritären Wertekanon, einer Pädagogik der Unterdrückung und stellte Kategorien wie Kameradschaft, Freundlichkeit, Empathie, Geduld und Ruhe als Alternativen in den Mittelpunkt seiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Diese Erfahrungen hat August Aichhorn in dem Buch „Verwahrloste Jugend“ (1925) niedergeschrieben, das noch heute zu den Standardwerken der psychoanalytischen Sozialarbeit zählt. Während bis dahin der Psychoanalyse nur ein Verfahren zur Verfügung stand, das zur Heilung neurotischer Erkrankungen führt, machte die von ihm ausgearbeitete psychotherapeutische Technik es möglich, die „Triebenthemmten“, „Aggressiven“ wieder in die Gemeinschaft einzugliedern. Diese neue, von August Aichhorn erschlossene Anwendung der Psychoanalyse, nahm als „Psychoanalytische Pädagogik“ oder „Psychoanalytische Sozialarbeit“ ihre weitere Entwicklung.


Kuschey, Bernhard (Hg.) (2012): Ernst Federn. Sozialismus, KZ, Psychoanalyse und Sozialarbeit. Wien: Löcker-Verlag.
Ernst Federn (1914-2007) entstammte der Kultur des assimilierten Wiener Judentums. Seine Eltern waren Ärzte, Pädagogen, Sozialisten und unter den ersten Schülern und Weggefährten Sigmund Freuds. Die Eindrücke des Kindes und Jugendlichen Ernst Federn, der die Experimente der psychoanalytischen Pädagogik mitbekam, waren mitverantwortlich dafür, dass er Jahrzehnte später die psychoanalytische Sozialarbeit zu seinem Arbeitsfeld erkor.

Das austrofaschistische Regime inhaftierte ihn für ein Jahr und am 14. März 1938 wurde er von den Nazis gefangen genommen. Ernst Federn hatte die NS-Zeit im KZ Dachau und Buchenwald verbracht. Mit den Erfahrungen des langjährigen Häftlings, einem linkssozialistischen Freundeskreis und viel Glück konnte er den Horror überleben. Hilde und Ernst Federn folgten 1949 seinen Eltern nach New York, wo Ernst Federn Sozialarbeiter und Historiker der Psychoanalyse wurde. In der Ära Kreisky konnte das Ehepaar nach Österreich zurückkehren, wo Ernst Federn als Sozialpsychologe prägend zur Humanisierung des Strafvollzugs beitrug.


Fallend, Karl (2012): Caroline Newton, Jessie Taft, Virginia Robinson. Spurensuche in der Geschichte der Psychoanalyse und Sozialarbeit. Wien: Löcker-Verlag.
Auf hundert Jahre kritisch-intellektuelle Sozialarbeits-Ausbildung könnte man zurückblicken, wäre nicht durch die Zäsur des Austrofaschismus und Nationalsozialismus eine Zerstörung, Vertreibung und damit ein Wissenstransfer erfolgt, von dem sich Österreich bis heute nicht erholt hat. Verborgen sind die Spuren der verlustig geratenen Denktraditionen und ProtagonistInnen.

So etwa der Lebensweg der amerikanischen Sozialarbeiterin Caroline Newton, die Anfang der 1920er Jahre in Wien Psychoanalyse studierte und mit einem innovativen Vortrag über Psychoanalyse und soziale Fürsorge hervortrat. Zurückgekehrt in die USA, waren es die dortigen Psychoanalytiker, die ihre weitere Karriere verhinderten. Die wohlhabende Quäkerin, Buchliebhaberin und Antifaschistin sollte schließlich in der Literaturgeschichte als Freundin und Gönnerin Thomas Manns ihren Platz finden.

Ihr Wiener Analytiker Otto Rank emigrierte über Frankreich in die USA, wo er in den Sozialarbeiterinnen Jessie Taft und Virginia Robinson Schülerinnen fand, die dem Freud-Abtrünnigen in der Pennsylvania School of Social Work ein neues Wirkungsfeld schufen. Die Lebenspartnerinnen Taft und Robinson prägten durch praktische soziale Arbeit, Unterricht und Forschung über Jahrzehnte die Sozialarbeits-Ausbildung in Philadelphia, wobei Otto Rank und seine Schriften im Mittelpunkt standen.


Maiss, Maria (Hg.) (2013): Ilse Arlt. Pionierin der wissenschaftlich begründeten Sozialarbeit. Wien: Löcker-Verlag.
Ilse Arlt (1876-1960) gründete 1912 die erste österreichische Fürsorgerinnenschule mit integrierter Forschungsstätte. Was effektive Hilfe bedeutet – sei sie wohlfahrtsstaatlich oder privat organisiert – müsse, so Arlt, erst einer wissenschaftlichen Untersuchung zugeführt werden. Die von ihr konzipierte „Fürsorgewissenschaft“ und -praxis ankern in einer sowohl empirisch als auch sozialphilosophisch vorgehenden Armuts- und Wohlergehensforschung.

Als Pädagogin wandte sich Arlt entschieden gegen eine Bürokratisierung des Fürsorgewesens und vertrat ein individualisierendes bedürfnisorientiertes Hilfekonzept.

Die Texte Arlts repräsentieren die unterschiedlichen Wirkdimensionen, welche Arlt mit ihrem Denken bereicherte: Diskurse der Sozial- und Reformpädagogik, der Fürsorgewissenschaft und -praxis, der empirischen Armuts- und Wohlergehensforschung, der Sozialpolitik und Frauenbewegung. Nicht wenige ihrer kreativen und kritischen Gedankenzüge erweisen sich angesichts gegenwärtiger einschlägiger Debatten als überaus aktuell.


Vorschau Herbst 2013:


Wolfgruber, Gudrun (2013): Von der Fürsorge zur Sozialarbeit. Wiener Jugendwohlfahrt im 20. Jahrhundert. Wien: Löcker-Verlag
Dieser Band widmet sich der engen Verknüpfung der Professionsgeschichte von der Fürsorge zur Sozialarbeit und der beinahe hundertjährigen Geschichte des Wiener Jugendamtes. FürsorgerInnen und SozialarbeiterInnen stellen die größte Berufsgruppe des Jugendamtes dar. Als „HüterInnen des gesetzlichen Auftrags“ und zugleich als „AgentInnen der Klientel“ waren und sind sie genötigt, sich an der Schnittstelle zwischen Öffentlichem und Privatem zu verorten und im Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle, dem „doppelten Mandat“ der Sozialarbeit zu positionieren.

Auf der Basis berufsbiografischer Erzählungen gibt der Band Aufschlüsse über Kontinuitäten und Brüche im Feld Sozialer Arbeit über diverse politische Machtverhältnisse hinweg. Vor diesem Hintergrund sowie im Kontext institutioneller Rahmenbedingungen wird der Frage nachgegangen, inwiefern zeitgenössische Diskurse der Jugendwohlfahrt sowie Prozesse der Professionalisierung Niederschlag gefunden haben. Die Schwerpunkte der Untersuchung umfassen die Jahre der Pionierphase der Wiener Jugendwohlfahrt der 1920er-Jahre bis zur Reformierung in den 1990er- und 2000er-Jahren.


Über die Autoren


Univ. Doz. Dr. Karl Fallend / karl.fallend@fh-joanneum.at
FH-Prof. HR Mag. Dr. Klaus Posch / klaus.posch@fh-joanneum.at

Institut für „Soziale Arbeit“ der FH JOANNEUM, Graz






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