soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 11 (2014) / Rubrik "Sozialarbeitswissenschaft" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/316/555.pdf


Frederic Fredersdorf & Klaus Posch:

Vom Nutzen der Sozialarbeitsforschung


Die Hochschulausbildung in Sozialer Arbeit an Österreichs Fachhochschulen war von Beginn an eng mit dem Aufbau von Forschungszentren an den jeweiligen Standorten verbunden. Im Vergleich zu naturwissenschaftlich-technischer oder wirtschaftswissenschaftlicher Forschung ist sie zwar nach wie vor in geringerem Ausmaß etabliert, gibt aber schon längst kräftige Lebenszeichen von sich1. Die weitere Entwicklung der Themenausrichtungen und ihres Status als unabhängige Forschung hängt davon ab, inwiefern es in naher Zukunft gelingen wird, ein Modell zu ihrer Basisfinanzierung zu implementieren. Ein Argument dafür ist der hohe Nutzen, der aus diesem Forschungszweig gezogen werden kann. Dies kann am besten anhand ausgewählter Forschungsprojekte gezeigt werden. Aus dem breiten Kanon realisierter anwendungsorientierter Forschung und Entwicklung im Kontext der Studiengänge „Soziale Arbeit“ an Österreichs Fachhochschulen wird nachfolgend pro Standort ein exemplarisches Projekt mit gesellschaftlicher Bedeutung präsentiert. Nur in Salzburg wurde bis dato nicht zur Sozialarbeit geforscht.


1. ÖKOTOPIA – Ressourcenschonende Stadtteilentwicklung (FH JOANNEUM Graz)
Untersucht wurden Aspekte schonender Nutzung der drei Ressourcen Energie, Fläche und Soziales Kapital. Im Mittelpunkt mehrerer empirischen Studien standen Wechselwirkungen zwischen diesen drei Ressourcen in sieben Grazer Stadtgebieten.

Auf der Grundlage empirischer Untersuchungen wurde ein interaktionistisches Prozessmodell entwickelt, mit dem die verhaltensbasierte Schonung von Baufläche und Energie ebenso analysiert werden kann wie die Aktivierung sozialer Ressourcen durch die „Stadt der kurzen Wege“. Anhand eines erarbeiteten Kriterienkatalogs können Stadtteile in ihrer Nachhaltigkeitsperformance bewertet werden. Die dazu entwickelten Erhebungsinstrumente können durch ein multidisziplinäres Team eingesetzt werden.

Planungsgrundlagen für Stadtteilentwicklungen sind empirisch ermittelt und werden derzeit in Kooperation mit der Stadt Graz in die Entwicklung der Reininghausgründe einbezogen. Mit der Stadt Graz wird im Rahmen der „Smart Energy Demo – Fit 4 Set“ bei der Entwicklung eines Demoprojekts kooperiert.


2. Echter/wahrer Wohlstand in Tiroler Gemeinden (MCI Management Center Innsbruck)
In Tiroler Gemeinden wurden zentrale Elemente von „echtem“ Wohlstand und Bürgerfreundlichkeit empirisch erfasst.

Das „Genuine Wealth Assessment (GWA)“ – ein in Kanada entwickeltes Methodeninventar – wurde in Tirol auf sieben Gemeinden übertragen. Untersuchungen, Workshops, Befragungen und Interviews kreierten einen multiperspektivischen Dialog, der die Grundwerte von über 500 Gemeindeeinwohnern zum Ausdruck brachte. Um soziale Bedürfnisse und Werte der Gemeinden strukturell zu erfassen, wurden darüber hinaus Sekundärinformationen und Statistiken zu den Gemeinden in den Einschätzungs- und Bewertungsprozess einbezogen.

Alle teilnehmenden Gemeinden haben durch die Anwendung des Instrumentariums in Anlehnung an das Genuine Wealth Assessment Bereiche erkannt, in denen sie bereits „gut“ aufgestellt sind. Darüber hinaus konnte das adaptierte Instrumentarium den Gemeinden aufzeigen, in welchen Kategorien sie Verbesserungspotenzial besitzen. Insgesamt trug die Studie dazu bei, den Gemeinden Perspektiven zu bieten, wie sie ihren Lebensraum „liebens- und lebenswerter“ gestalten können.


3. Schulsozialarbeit in Kärnten (FH Kärnten)
Das Pilotprojekt „Schulsozialarbeit in Kärnten“ wurde zwischen 2009 und 2011 prozessbezogen quantitativ evaluiert. Gegenstand bildeten faktische und gewünschte Ziele, Inhalte, Interaktionsformen, Angebotsstrukturen und Organisationsformen von Schulsozialarbeit. Dazu wurden in zwei Wellen SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern an allen Standorten – und in der zweiten Welle auch MitarbeiterInnen der Jugendwohlfahrt bzw. der Kinder- und Jugendhilfe – zu Erwartungen an die und Erfahrungen mit der Schulsozialarbeit befragt.

Eine hohe Beteiligung, wie auch die Befragungsergebnisse, belegen das große Interesse an diesem Reformprojekt. Allerdings zeigen sie auch eine problematische Engführung der Aufgaben von Schulsozialarbeit (vor allem die Reduktion auf Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit) sowie erhebliche Erwartungswidersprüche bezüglich ganztägiger Betreuungsangebote: Diese werden von Eltern deutlich stärker favorisiert als von den Kindern/Jugendlichen.

Die Ergebnisse helfen Lehrkräften und Schulleitungen sowie SchulsozialarbeiterInnen, entsprechende Angebote kind- und jugendgerechter zu gestalten und die eigene Professionalität weiter zu entwickeln. Sie informieren die Instanzen und Personen der Bildungsplanung über pädagogische Trends und Entwicklungsherausforderungen in absehbarer Zukunft und geben den Instanzen der Bildungs- und Sozialpolitik empirische Daten zu den anstehenden Entscheidungen bezüglich der Zukunft der Schulsozialarbeit in Kärnten an die Hand.


4. Familienrat (FH St. Pölten)
Seit Jänner 2011 wurde in zwei Bezirkshauptmannschaften Niederösterreichs ein Pilotprojekt zur Implementierung des Verfahrens Familienrat im Kontext der Jugendwohlfahrt umgesetzt. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Begleitstudie wurde das Pilotprojekt systematisch evaluiert, was einen Beitrag zur Qualitätssicherung leistete.

Die Implementierung des Verfahrens „Familienrat“ und seine Anwendung in Trennungsgeschehen oder strittigen Besuchsrechts- und Obsorgestreitigkeiten belegte die nachhaltige Wirksamkeit des F&E-Projekts. Das Besondere an familiären Netzwerken besteht unter anderem darin, dass diese mehr können und wissen, als es Interventionen von SozialarbeiterInnen alleine vermögen.

Die Begleitstudie zeigte, dass mit diesem Verfahren die Beteiligung der erweiterten Familie an Lösungen für gefährdete Kinder und Jugendliche wesentlich erhöht wird, womit die Erfolgswahrscheinlichkeit von Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe steigt.


5. Multimodale sozialwissenschaftliche Erhebung für die Caritas Vorarlberg (FH Vorarlberg)
Mit Bezug auf den Ansatz der Handlungsforschung werden in den Jahren 2013 und 2014 gemeinsam mit der Caritas Vorarlberg standardisierte Instrumente für die Bereiche Flüchtlingshilfe, Hospiz und Suchthilfe sowie für Image-Analysen unter SystempartnerInnen und Medienvertretungen und für eine Umfrage unter SpenderInnen entwickelt, realisiert, ausgewertet und interpretiert.

Bisher erstellte Teilergebnisse der Image-Analyse von SystempartnerInnen verweisen auf die relevante Bedeutung, die der Caritas Vorarlberg transkonfessionell zugesprochen wird. Bereichsleitungen der Caritas Vorarlberg beteiligen sich engagiert an der organisationalen Weiterentwicklung. Eine standardisierte Befragung von Spender/innen belegt verschiedenartige Muster der Beziehung zur Caritas Vorarlberg und des für sie ausgeübten Engagements.

Die Caritas Vorarlberg gewinnt mit den Resultaten der Teilstudien erstmals ein umfassendes standardisiertes externes Bild über die Wirkung zentraler Dienstleistungen aus verschiedenen Perspektiven (Klienten, Partner, Förderer), das Anknüpfungspunkte liefert, Soziale Arbeit zu optimieren. Die fünf entwickelten Instrumente können künftig kontinuierlich für das interne Qualitätsmanagement eingesetzt werden.


6. „ways2gether“ (FH Campus Wien)
„Augmented Reality“ und „Web 2.0“ wurden zielgruppenspezifisch in partizipativen Verkehrsplanungsprozessen eingesetzt. Das Forschungsprojekt entwickelte und testete Instrumente neuer Technologien, welche die bürgerschaftliche Beteiligung in Verkehrsplanungs- und Gestaltungsprozessen unterstützen.

Im Rahmen des Forschungsprojekts stellte sich heraus, dass Augmented Reality und der Einsatz von Web 2.0 das Potenzial haben, Planungsvorhaben, u. a. im Rahmen von bürgerschaftlicher Beteiligung, realitätsnäher vermitteln zu können. Zusätzlich zu herkömmlichen Beteiligungsmethoden können damit weitere Zielgruppen erreicht werden (u. a. technikaffine jüngere Menschen und Menschen mit weniger Zeit).

Mit Augmented Reality und dem Einsatz von Web 2.0 lassen sich bürgerschaftliche Beteiligungsprozesse breiter und realitätsnäher gestalten. Das Forschungsprojekt hat darüber hinaus die Entwicklung inter- und transdisziplinäre Kooperationen im Rahmen sozialräumlicher Forschung befördert.


7. Zur Lebenswelt der Pflegekinder in der Wiener Nachkriegszeit von 1955-1970 (FH Campus Wien)
Seit dem Frühjahr 2010 werden seitens der Stadt Wien (MA 11) Studien in Auftrag gegeben, die die Geschichte der Fremdunterbringung von Kindern und Jugendlichen in Heimen untersuchen. Das Ziel der vorliegenden Studie liegt darin, alltags- und lebensweltliche Erfahrungen ehemaliger Pflegekinder zu erfassen. Zugleich ist es zentrales Anliegen, einst in Pflegefamilien untergebrachten Wiener Kindern eine Stimme zu geben.

Die Studie belegt die Ausbeutung von Pflegkindern als Arbeitskräfte am Land sowie damit vielfach verbundene Gewaltmechanismen. Viele der ehemaligen Pflegekinder waren mit sozialer Stigmatisierung konfrontiert und wurden in ihrer psychosozialen Entwicklung beeinträchtigt. Als lebenslange beeinträchtigende Folgen der ehemaligen Fremdunterbringung in einer Pflegfamilie konnten psychische und physische Schädigungen wie auch verringerte Schulbildungs- und Berufschancen nachgewiesen werden.

Die Bearbeitung der Geschehnisse ist für die ehemaligen Pflegekinder im Sinne einer Anerkennung als Opfer sehr bedeutsam. Seitens der MA 11 ergaben sich wichtige Informationen in der Auseinandersetzung mit den damaligen Gegebenheiten.


8. Interkulturelle Freundschaften von Jugendlichen in multikulturellen Schulen (FH Oberösterreich)
Freundschaften sind für die positive Entwicklung von Jugendlichen zentral bedeutsam. Die Förderung von interkulturellen Freundschaften in der Schule ist im Hinblick auf die soziale Integration von Jugendlichen mit Migrationserfahrungen besonders wichtig. Eine interkulturelle Freundschaft liegt vor, wenn zwei Jugendliche mit verschiedenen Muttersprachen befreundet sind.

In dem vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank in den Jahren 2012 bis 2013 geförderten Projekt wurden persönliche und kontextuelle Einflussfaktoren für das Vorhandensein interkultureller Freundschaften untersucht. Die Analysen zeigen, dass neben individuellen Eigenschaften der Jugendlichen auch strukturelle Merkmale der Schulklassen mit dem Vorhandensein interkultureller Freundschaften in Zusammenhang stehen.

Mit diesem Forschungsprojekt wurden wissenschaftliche Grundlagen für die Entwicklung eines Maßnahmenkatalogs zur Förderung interkultureller Freundschaften in multikulturellen Schulen erarbeitet.


Verweise
1 Einen umfassenden Einblick dazu gibt Fredersdorf Frederic in „Empirische Sozialforschung an sozialarbeiterischen Studiengängen österreichischer Fachhochschulen“: http://www.zfhe.at/index.php/zfhe/article/view/403/488 (17.1.2014)


Über die Autoren

FH-Prof. HR Mag. Dr. Klaus Posch, Jg. 1950

FH-Prof. HR Mag. Dr. Klaus Posch, Jg. 1950
klaus.posch@fh-joanneum.at

Fachhochschul-Professor und Leiter des Studiengangs Sozialarbeit mit Ausbildungsschwerpunkt Sozialmanagement an der FH JOANNEUM in Graz. Zuvor ab 1979 Bewährungshelfer und von 1983 bis 2001 Leiter der Bewährungshilfe Steiermark. Studium der Evangelischen Theologie, Psychologie und Soziologie an den Universitäten Wien und Salzburg; außeruniversitäre Ausbildungen u. a. zum Psychoanalytiker und Gruppenpsychotherapeut. Publikationen auf den Gebieten der Sozialen Arbeit, insbesondere Methoden in der Sozialarbeit, klinische Psychologie (Dissozialität), Psychoanalyse und Sozialmanagement.

Prof. (FH) Dr. Frederic Fredersdorf, Jg. 1955

Prof. (FH) Dr. Frederic Fredersdorf, Jg. 1955
fre@fhv.at

Ist examinierter Sport- und Geschichtslehrer, promovierter Soziologe und habilitierter Erziehungswissenschaftler mit dem Schwerpunkt Weiterbildung (Freie und Technische Universität Berlin). Seit April 2009 leitet er den Forschungsbereich „Sozial- und Wirtschaftswissenschaften“ an der Fachhochschule Vorarlberg (FHV). Zwischen 2002 und 2009 war er dort für die sozialarbeiterischen Studiengänge verantwortlich, in denen er nach wie vor zu Aspekten der empirischen Sozialforschung lehrt. Seit Anfang der 90er-Jahre fungierte er in Deutschland als Bildungsmanager, Sozialforscher, Dozent und Unternehmensberater in leitender Position von Non-Profit-Organisationen, Unternehmen und Hochschulen. Forschungsschwerpunkte und -projekte stammen aus den Bereichen Bildung (Bildungscontrolling), Gesundheit (Suchthilfe, Suchtprävention, Gesundheitsmanagement) und Soziales (Sozialkapital, Sozialerhebungen, Kulturstudien). Frederic Fredersdorf begutachtet seit 2008 im Auftrag des österreichischen FH-Forschungsforums eingereichte Tagungsbeiträge sowie im Auftrag der österreichischen Ernst-Mach-Gesellschaft eingereichte Stipendiatsanträge ausländischer Studierender. Seit 2012 ist er zudem als einziger Sozialwissenschaftler Senatsmitglied in der österreichischen Christian-Doppler-Gesellschaft (JR-Kurie) zur Begutachtung von Förderanträgen zu Josef-Ressel-Zentren.






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