soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 11 (2014) / Rubrik "Editorial" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/320/545.pdf


Klaus Posch:

Lebenslust / Demokratie / Sozialarbeit1


Zum 60er von Peter Pantuček-Eisenbacher


1. Einführung in das Thema
Sozialarbeit, Demokratie und Lebenslust sind zusammen zu denken, viel zu selten machen wir das und scheuen uns darüber hinaus davor, uns der Herausforderung zu stellen, öffentlich über diese Thematik zu diskutieren. Ich eröffne die Debatte mit drei Behauptungen:

  1. Behauptung: Sozialarbeit konnte und kann sich nur in demokratischen Verfassungsstaaten entwickeln, Demokratie ist die Voraussetzung für Theorie und Praxis von Sozialarbeit, die auf den Prinzipien von Rechts- und Wohlfahrtsstaatlichkeit aufbaut. Im Hoffnungsprojekt Europa wird diese Wechselseitigkeit noch nicht wirklich anerkannt.
  2. Behauptung: Demokratien sind ohne wohlfahrtsstaatliches Regime nicht überlebensfähig, wie umgekehrt wohlfahrtsstaatliche Prinzipien und Normen nur im demokratischen Diskurs entwickelt und legitimiert werden können. Sozialarbeit ist eine der Säulen des demokratischen Wohlfahrtsstaates.
  3. Behauptung: Neben der aufgeklärten Vernunft ist es die Lebenslust der Menschen, die demokratische Prozesse fördert, wenn nicht antreibt. Daran erinnert sich kritische Sozialarbeit allzu selten. Dabei kann sie ihre notwendige kritische Kraft nur dann entfalten, wenn sie ihr Ziel, die umfassende Ermöglichung von Lebenslust und Freude am Leben nicht nur nicht aus den Augen verliert, sondern auch davon im Alltag abgeleitete Ziele auch erreicht: wir sollen es uns nicht versagen, uns mit unseren Klienten zu freuen!

Es geht um nichts anderes als den Versuch, die Grundstrukturen von Sozialarbeit herauszuarbeiten. Bernd Dewe und Hans-Uwe Otto kommt das Verdienst zu, stets von Neuem die Begrifflichkeiten einer „reflexiven Professionalität“ als Perspektive moderner Sozialarbeit zu untersuchen. Sie legen dabei den Schwerpunkt auf die Erörterung der Frage, wie denn „Professionalität“ und „Dienstleistungsorientierung“ zu verstehen seien. Im Hintergrund ihrer Überlegungen steht auch die Frage, wie denn die Beziehungen zwischen SozialarbeiterInnen und ihren AdressatInnen ausgestaltet sind und sein sollen. Dabei verweisen sie auf das Erfordernis, deren Partizipationsmöglichkeiten zu steigern:

„Die Diskussion um die reflexive Professionalisierung in der Sozialen Arbeit basiert auf der Einsicht, dass die hergebrachten statischen Macht- und Zuständigkeitskonzepte beruflichen Handelns sich als unbrauchbar erweisen und die Handlungschancen der Individuen als AdressantInnen der sozialen Dienstleistungen nur dann als steigerbar erscheinen, wenn Professionalität dazu führt, den Bürgern erweiterte Handlungsmöglichkeiten zu bieten. Sie zielt folglich auf die Rekonstruktion eines reflexiven Handlungstypus im Kontext professioneller Aktion.“ (Dewe/Otto 2010: 204)

Dewe und Otto (2010) verorten ein Verständnis von Sozialarbeit im Kontext eines „demokratisch-rationalitätstheoretischem Verständnisses“, welches „eine immer wieder stattfindende Rückbindung professioneller Praxis an die Rechte und Interessen der AdressatInnen der Dienstleistungsangebote und an die gesellschaftlichen Prozesse, auf die sich ihre Intervention bezieht“ (ebd.: 207) erfordert. Hier wird ein Bezug zur „klassischen“ Frage nach Garantenfunktion des demokratischen Staates für die Verwirklichung der Prinzipien sozialer Gerechtigkeit deutlich. Erinnern wir uns, dass Diskussionen über soziale Gerechtigkeit primär von den grundlegenden Institutionen handeln, die eine Gesellschaft ordnen – ob man nun unter „Gesellschaft“ eine staatlich verfasste politische Gemeinschaft versteht oder auch globale soziale Zusammenhänge. Wenigstens hierzulande besteht noch recht breiter Konsens über die (ineinander verschränkten) Anforderungen der sozialen Gerechtigkeit im Abstrakten:

„1. Rechtliche Gleichheit: Alle Gesellschaftsmitglieder sollen die gleichen allgemeinen Rechte und Pflichten haben, wenn es nicht gute nicht-diskriminierende Gründe für Ungleichheiten gibt.
2. Bürgerliche Freiheit: Alle Gesellschaftsmitglieder sollen die gleiche größtmögliche soziale Freiheit genießen, die mit einem friedlichen und gedeihlichen Zusammenleben vereinbar ist.
3. Demokratische Beteiligung: Alle Gesellschaftsmitglieder sollen das gleiche Recht und die gleiche Möglichkeit haben, an der politischen Willensbildung und Entscheidungsfindung mitzuwirken.
4. Soziale Chancengleichheit: Allen Gesellschaftsmitgliedern sollen alle sozialen Positionen zu den gleichen Bedingungen offenstehen.
5. Wirtschaftliche Gerechtigkeit: Alle Gesellschaftsmitglieder sollen die gleichen Aussichten auf Einkommen, Vermögen und Berufsmöglichkeiten haben, wenn es nicht allgemein akzeptable Gründe für Ungleichheit gibt.“
(Hiebaum 2012)

Der kurze Blick auf die „klassische“ Debatte zum Erfordernis sozialer Gerechtigkeit zeigt uns, wie sehr sich in der Gegenwart die Staatsform der Demokratie von ihren Grundlagen im Sinne von „Demokratie als Lebensform“ entfernt hat. Mit der Krise der kapitalistisch verfassten Marktgesellschaft kam auch die Demokratie in die Krise, was besonders die AdressatInnen der Sozialarbeit und mit ihr die Sozialarbeit als Subsystem der Marktgesellschaft im Sinne der Sozialwirtschaft betrifft:

„Die Logik eines ökonomischen Systems, das von der Maxime der Kapitalakkumulation bestimmt wird, ist eine partielle Logik, eine Logik im Interesse des Kapitals. Sie verträgt sich nicht mit der Zielvorgabe der Demokratie, jedem durch die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse die Möglichkeit einer selbstbestimmten Lebensführung zu schaffen. Die Marktgesellschaft hat sich, so wie sie sich gebildet hat, im Widerstreit mit der humanen Lebensform ausgebildet.“ (Dux 2013)

Dies wird besonders in der bisherigen Politik der Integration Europas in den Institutionen der Europäischen Union deutlich:

„Die Debatte über ‚die Europäische Union als Solidargemeinschaft’ findet derzeit als finanzpolitisches und wirtschaftspolitisches Reizthema besondere Aufmerksamkeit. Vermutlich hat jedoch Europa sehr wohl das Potential, die uns derzeit so belastenden und verunsichernden finanziellen Schwierigkeiten zu lösen und zum ökonomischen Alltagsgeschäft zurückzukehren. Wo ich hingegen ein sehr viel größeres und langfristigeres Problem sehe, ist die Frage der sozialen Solidarität und des sozialen Zusammenhalts in Europa – sowohl heute wie auch in der Generationenperspektive. Dabei handelt es sich um die wohl komplexeste und wichtigste Herausforderung für die Zukunft unserer europäischen Gesellschaft. Leider wird die Thematik der sozialen Kohäsion in Europa – und die damit verbundene Aufforderung zur Solidarität – derzeit kaum öffentlich diskutiert. Sie wird eher verschwiegen, als handle es sich um eine zu verhüllende Obszönität.“ (Jarré 2012: 2)

Fassen wir vorläufig zusammen:

  • Pessimistisch betrachtet mit Jimmy Carter, der 1979 in einer berühmt gewordenen Rede über die Zukunft der Demokratie in den USA folgendes zum Ausdruck brachte: „Nun ist unser Volk aber im Begriff, diesen Glauben (an die Zukunft, K.P.) zu verlieren, und zwar nicht nur an die Regierung selbst, sondern an die Fähigkeit der Bürger, unsere Demokratie zu beherrschen und zu gestalten“ (Präsident J. Carter 15.7.1979 zit. in Ehrenberg 2010: 186)
  • Optimistisch betrachtet: Sozialarbeit ist wie die Psychoanalyse „Bündnispartner der Demokratie, insofern sie beim Aufbau einer reichhaltigeren und flexibleren Persönlichkeit hilft.“ (Ehrenberg 2010: 395)
  • Insgesamt betrachtet: „Solange das Abenteuer der Demokratie andauert und sich die widersprüchlichen Elemente verschieben, bleibt der Sinn des kommenden in der Schwebe. Die Demokratie offenbart sich somit als die geschichtliche Gesellschaft schlechthin, eine Gesellschaft, die die Unbestimmtheit in ihrer Form aufnimmt und bewahrt.“ (Ehrenberg 2010: 480, vgl. Robert Musils Begriff des „Möglichkeitssinns“)


2. Lebenslust – Demokratie – Sozialarbeit
Neben der systematischen Erörterung des Themas auf dem Hintergrund wissenschaftlicher Diskurse gibt es noch einen anderen Weg, sich dem Thema anzunähern: wir können es auch auf dem Hintergrund eines künstlerischen Werks erörtern. Sigmund Freuds Diktum, wonach, die Krankengeschichten, die er schrieb, „wie Novellen zu lesen sind“, betrifft nicht nur individuelle Krankengeschichten, sondern auch „gesellschaftliche Krankengeschichten“ (Freud 1895: 227) oder noch allgemeiner ausgedrückt: soziologische Themen werden nicht nur von Soziologen aufgegriffen, sondern auch von Künstlern. Die von ihnen geschaffenen Kunstwerke reflektieren in verdichteter Weise allgemeine gesellschaftliche Problemstellungen.

Diese Überlegung eröffnet uns weitere Möglichkeiten: um einen Menschen und sein Gesellschafts- und Weltbild besser verstehen zu können, gibt es verschiedene Möglichkeiten des Fragens und Beobachtens. Wenn ich einen Menschen näher kennen lernen möchte, frage ich gerne nach seinem „Lieblingsbuch“ – so auch in diesem Fall. Peter Pantuček-Eisenbacher beantwortete diese Frage mit der Angabe des Titels eines Buches, von dem ich noch nie gehört, geschweige denn es gelesen hatte: es wurde von Eginald Schlattner geschrieben, 2001 veröffentlicht und trägt den Titel: „Rote Handschuhe“ (Schlattner 2001, vgl. Rezension von Henneberg 2001).

Mittlerweile habe ich das Buch gelesen und kann es nur weiter empfehlen: der Roman „Rote Handschuhe“ erzählt die Vor-Geschichten und Geschichte eines politischen Prozesses, der 1959 im siebenbürgischen Kronstadt (damals Stalinstadt) stattfand und genau dem „klassischen“ Muster der stalinistischen Schauprozesse der 50er-Jahre folgte. Aber auch einen oft komischen Gesellschaftsroman hat Eginald Schlattner geschrieben, und seine Fabulierlust verwandelt die trostlose Zelle eines Securitate-Gefängnisses in einen idealen Ort für Geschichten. 1957 war der Protagonist des Romans und zugleich sein Autor, Eginald Schlattner, Student; er hatte einige Zeit zuvor einen deutschen Literaturzirkel in Hermannstadt gegründet. Er litt an Depressionen, die zeitweise stationär behandelt werden mussten und war somit das schwächste Glied in der Kette der vom Geheimdienst observierten siebenbürgischen Schriftsteller. Er gab damit das ideale Opfer ab, um durch körperliche und seelische Qualen zum Zeugen der Anklage gepresst zu werden. Gegen ihn selbst hatten die Ermittler zu wenig in der Hand, dass er lediglich wegen „Nichtanzeigen staatsfeindlicher Aktivitäten“ angeklagt und zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt wurde.

Das politische Tagesgeschäft sorgte für einen ständigen Wechsel der inhaftierten Personen, in denen sich die ganze Vielschichtigkeit der siebenbürgischen Gesellschaft wiederspiegelte. So finden sich an einem Tag in der Zelle ein katholischer Priester, ein proletarischer Aktivist, ein jüdischer Buchhändler und ein orthodoxer Mönch ein. Alle haben sich entweder durch zu viel oder zu wenig gesellschaftliches Engagement verdächtig gemacht und sie wissen, dass sie auf echte Ermittlungen oder gar auf Gerechtigkeit nicht hoffen dürfen. In dieser Not erzählen sie, wie um ihr Leben, tage- und nächtelang ihre Geschichten. Ein idealer Ort für das Erzählen der Geschichten wird das Gefängnis auch deswegen, weil es jeden seiner Insassen zur Konzentration auf Sprache und Gedächtnis zwingt; andere Hilfsmittel, sich nachdenkend ihres Lebens zu vergewissern, stehen nicht zur Verfügung. Beim Verhör erklärte der Securitate-Major zynisch, dass unter seiner Obhut noch so gut wie jeder zum Dichter geworden sei, aber er bedachte dabei nicht das subversive Potenzial des Erzählens. Das Überlebensprogramm des Protagonisten und Autors bestand darin, sein früheres Leben Wort für Wort zu rekapitulieren und dabei öffnet die Sprache ständig neue, unerwartete Erinnerungsspeicher. Sich diese Kräfte während der Haftjahre zu vergegenwärtigen und sich ihnen später, in Freiheit, wieder zu öffnen, rettete letztlich den Erzähler.


3. Lebenslust oder die Freude zu leben
„…Die Fähigkeit zu lieben, zu arbeiten und das Leben zu genießen“ (Freud o. J. zit. in Leuzinger-Bohleber/Stuhr 1997: 11): das ist eines der wenigen – mir bekannten – Zitate aus Sigmund Freuds Oeuvre, das nicht von der Ernsthaftigkeit und Skepsis psychoanalytischen Denkens und Handelns bestimmt ist. Man hat den Eindruck, dass es in Freuds Leben für Lebensfreude wenig Platz und wenige Anlässe gab: Freude machte Freud das Rauchen von Zigarren, gestorben ist er nach jahrelangem Leiden an Gaumenkrebs – das sind keine guten Voraussetzungen für ein Nachdenken über Sinn und Bedeutung von „Lebenslust“. Im Begriffspaar von Lust- und Realitätsprinzip hat das Realitätsprinzip insofern mehr Gewicht, als es dazu dient, Unlust zu vermeiden. Auch der mit dem Begriff von Lust eng verwandte Begriff des Begehrens umgibt eine Aura des Tragischen, als „leere Bewegung eines Mangels, der nie zu befriedigen wäre.“ (Misrahi 2013: 7-12)

Robert Misrahi, ein französischer Philosoph, der sich ein Leben lang mit den Phänomenen Freude und Glück beschäftigte, schrieb in seinem jüngst erschienen Aufsatz „Die Freude zu leben“ über Glück, Lebenslust und Freude (vgl. Misrahi 2013). Was ist Glück? „Glück ist also die große, aktive Freude zu leben, die große, fortgesetzte Gegenwart der Freude.“ Wer, wie wir SozialarbeiterInnen, so häufig mit tiefstem Unglück unmittelbar konfrontiert ist, wird Freude, Lebenslust und Glück auch als Möglichkeit unseres Lebens denken müssen, wollen wir nicht resignieren oder gar zynisch werden. Darauf verwies unter anderem auch Ilse Arlt:

„Der Armenfürsorger muß ständig danach streben, das Glück, die Freude und allen Genuß in seinem Weltbild zu erhalten, sonst kann er nie sein Hauptwerk üben: Freude zu bringen…“ (Arlt 1921: 146).

Wie können wir Lebenslust, Freude und Glück denken? Welche Reflexionsbewegungen sind erforderlich, um zu einer Ethik des wirklichen Glücks gelangen zu können? Mit Misrahi (2013) gilt es drei Bewegungen im Sinne einer Bekehrung zu vollziehen:

  • zu uns selbst und zu unserer Macht;
  • zum Anderen und zu seinem Wert;
  • zur Freude, zum Glück und zur Erfüllung.

Wie selbstverständlich gehört es zu den Aufgaben der Sozialarbeit, Kritik an gesellschaftlichen Bedingungen für Unglück zu üben, aber ohne die Frage nach den Bedingungen von Glück, Freude und nicht zuletzt Lebenslust, bleibt die Kritik seltsam leer. Anders gesagt: zum Leben der SozialarbeiterInnen gehören auch Fragen, wie die nach dem Glück, der Freude und der Lebenslust in ihren vielfältigen Formen und Möglichkeiten – nicht nur im Modus der Reflexion und Raissonements, sondern auch in den Modi von Unmittelbarkeit und Intention, also ganz im Sinne Freuds Diktum von den „Fähigkeiten zu lieben, zu arbeiten und das Leben zu genießen“.


4. „Rote Handschuhe“: Liebe, Lebenslust und das „Unglück im Glück“
Annemarie war Eginalds große romantische Liebe, als Leser begleiten wir die beiden:

„Gleich zu Anfang unserer Liebe, als wir noch das Wort Glück auszusprechen wagten, hatte ich mich mit Annemarie bei Tante Herta und meiner Großmutter eingefunden. Ich wünschte, dass meine Leute sie genauso liebten wie ich.“ (Schlattner 2001: 91)

Aber Eginalds romantische Liebe bekommt bald einen Knacks:

„Weshalb es der 31. März war, da Annemarie Schönmund wünschte, dass ich sie verführe? Und nicht der 1. Mai, der Tag der Arbeit, oder noch später, Pfingsten etwa, wo der Heilige Geist mit Feuer und Brausen Türen aufbricht? Ich weiß es nicht. Ich zögerte es hinaus. Es grauste mich vor der Entzauberung nachher, vor dem Schrecken der Leere ein Leben lang; horror vacui heißt das wohl. Wenn dies geschehen war, was blieb noch an Übergängen, an Geheimnis jenseits der Vorstellung? Allein der Tod.“ (ebd.: 105)

Ihre Liebe endet im wechselseitigen Verrat bei der Securitate:

„Und Annemarie Schönmund, die ich in der Portengasse in Kronstadt traf – sie kam von einem Begräbnis, schwarz wie ein Friedhofsengel –, sagte mitleidig und ehrlich und blickte mich dabei traurig an mit ihren unglaublich schönen Augen, von denen allein ich wußte, welches mich mied, sie sagte und reichte mir die Hand: ‚Es ist schlimm, Spitzel bei der Securitate zu sein.’ Fast vier Jahre waren vergangen, seit ich ihr den Rücken gekehrt hatte. Die messerscharfe Antwort schoß mir diesmal auf der Stelle ein: ‚Du Arme, gewiß sprichst Du aus eigener Erfahrung.’“ (ebd.: 543f)

Die Liebe der jungen Leute war eine unglückliche, sie zerbrach am diktatorischen Regime der Securitate, welches ohne Zögern in das Leben der beiden jungen Menschen eingriff. Demokratien sind unter anderem daran erkennbar, dass sie die Begrenzung der Macht der Mächtigen, in das Leben der Menschen einzugreifen, zum Gesetz erheben. Sie gewährleisten nicht Lebenslust ihrer Bürgerinnen und Bürger, aber sie fürchten sie nicht wie die Diktaturen. Lebenslust und Glück können in Demokratien grundsätzlich bestehen. Und: in der Demokratie bleiben wir grundsätzlich fähig, zueinander freundlich zu sein:

Denn zur Lebenslust gehört nämlich auch die Gabe von Freundlichkeit und zwar aus einem ganz einfachen Grund:

„Wenn wir freundlich handeln, offenbaren wir unmißverständlich, dass wir verletzlich und abhängige Lebewesen sind, die keine ergiebigere Ressource haben als ihre Mitmenschen.“ (Philips/Taylor 2010: 161)

Anzumerken bleibt noch, dass in den Spaßgesellschaften der Gegenwart Glück, Freude und Lebenslust vermarktlicht wurden: das Glück gebührt heute den Tüchtigen, Angepassten – also den SiegerInnen in den alltäglichen Wettbewerben. Sie verlor auf diese Weise ihren Grund in der Freiheit. (vgl. Zilian 2005)


5. Demokratie
In Österreich genießt die Demokratie sowohl unter den Bürgern als auch unter den Regierenden selten und wenig Ansehen und wir treffen in diesem monarchistisch-römisch-katholisch gesinnten Land – die seit Jahrzehnten auflagenstärkste Tageszeitung trägt bezeichnenderweise den Titel „Kronenzeitung“ oder kurz „Die Krone“ – nur allzu häufig auf ein Demokratieverständnis folgender Art: „Papp´n halten und grinsen – das ist meine Auffassung von Demokratie.“ So die legendäre Figur des Herrn Karl, beobachtet von Helmut Qualtinger und Carl Merz (1959/2007).

Wie weit liegt doch diese Auffassung von einem Verständnis folgender Art entfernt:

„Demokratie ist die Verfassungsform, die dazu bestimmt ist, allererst die gesellschaftlichen Bedingungen einer selbst bestimmten Lebensführung des Subjekts zu schaffen.“ (Dux 2013)

Was Demokratie sein kann und soll, erkannte man in Österreich erst, nachdem sie abgeschafft wurde. Im politischen Alltagsgeschäft der Gegenwart wird das autoritäre Verständnis von Staat und Gesellschaft gerne als „Theater“ inszeniert – so als würde den Mächtigen dieses Landes ein einziges Ministerium ausreichen, nämlich ein Bundesministerium für „Burg“-Theater und „Staats“-Oper!2 Wollen wir leben und überleben, gibt es kein Entkommen aus der Aufgabe, einen Staat demokratisch zu gestalten!

Aus einem Gefängnis kann man entkommen, nach Eginald Schlatter bieten sich diesbezüglich drei Lösungswege an:

„Nummer eins: Schnappen sie dich, sagst du dir: Das ist der Tod. In diesem Augenblick bin ich gestorben. Nichts da Freiheit. Aus mit Wein, Weib, Gesang. … Schluß für immer. Wer so denkt und redet und handelt, der ist unschlagbar. Und gerettet. Sie können einem nichts anhaben.
Nummer zwei: Du spielst den Blöden. Gebärdest Dich wie ein Narr, dem an der Welt nichts liegt. Bist der unbehauste Mensch. Hat einer das Eigene aufgegeben, bleibt nichts zu verlieren. So einer ist überall und nirgends zu Hause und somit frei, selbst eingekastelt im Loch. Illusorisch für die, … die dich erpressen oder festnageln wollen.
Nummer drei: im Angesicht der tödlichen Gefahr lässt du dich nicht fallen, sondern im Gegenteil: es packt dich eine aberwitzige Lust, zu kämpfen, das Menschenunmögliche zu versuchen … Je toller die Übermacht, umso gezielter muss man um sich schlagen, selbst wenn es aussichtlos scheine. Die Moral von der Geschicht: Ihnen Feuer unterm Arsch machen! Oder frei nach Freud: über dem Ich kein Über-Ich dulden.“
(Schlattner 2001: 288f)

„Über dem Ich kein Über-Ich dulden“: hier zeichnet Schlattner das Bild einer differenzierten und reichhaltigen Gesellschaft „unterhalb“ der oberflächlichen Uniformität – und gleichzeitig die komplizierte Mechanik des „Verrats“, der Schuld der „Opfer“ und der gelingenden und misslingenden Versuche, das Leben unter denkbar schwierigen Bedingungen zu führen.3


6. Sozialarbeit
Werfen wir nochmals einen Blick auf die „Roten Handschuhe“:

„Annemarie fuhr fort: ‚Das Modell deiner Biografie entsteht in der Kindheit, und zwar im Widerspiel von Reiz und Reaktion. Zum Beispiel: Unendlich wichtig ist für das Verhalten eines Kindes das Verhältnis zwischen Vater und Mutter – Küsse ja, nein, oder gar Ohrfeigen oder noch schlimmer: nichts. Ferner: das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Hat dein Vater dich gestreichelt, auf den Schoß genommen oder nur Watschen verteilt? Oder dich einfach übergangen? Oder war er ganz abwesend? Anders dein späteres Schicksal, wenn es für die Eltern getrennte Schlafzimmer gab, und ganz anders, wenn sich alles in einem Raum abspielte’“ (Schlattner 2001: 230).

Wie Marianne thematisiert die Sozialarbeit aus der Wahrnehmung und Kenntnis des Realen, das Unbehagen an den Beschränkungen und Einschränkungen der Lebenschancen von Menschen in allen ihren Facetten. Dies betrifft neuerdings aus guten Gründen auch die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter selbst:

„Dieses neue Unbehagen, das die ärmeren Bevölkerungsschichten heimsucht, wird von einem zweiten Unbehagen begleitet, nämlich dem der Sozialarbeiter und der anderen Fachleute aus der ersten Reihe … Zum Leiden der Hilfesuchenden kommt das Leiden der Helfer hinzu.“ (Ehrenberg 2010: 31f)


7. Lebensweltorientierte Individualhilfe
Unter Peter Pantuček-Eisenbachers umfangreichem Oeuvre sticht eines hervor, sein Buch „Lebensweltorientierte Individualhilfe. Eine Einführung für soziale Berufe.“ Es erschien 1998 im Lambertus Verlag und wartet darauf, neu aufgelegt zu werden, da es in Konzeption und Ausführung einzigartig im deutschen Sprachraum ist: lesbar und verständlich, informativ und übersichtlich, theoretisch wie pragmatisch usw. Rufen wir uns ein paar besonders wichtig erscheinende Überlegungen ins Gedächtnis (vgl. dazu Posch 2013):

„Die Individualhilfe … ist Arbeit mit dem Klienten in seiner Lebenssituation“ (Pantuček 1998: 78). Sozialarbeiter, die mit dem Konzept der lebensweltorientierten Individualhilfe arbeiten, müssen im Hinblick darauf, dass es um den Klienten in seiner Lebenssituation handelt, über methodische Kenntnisse hinaus bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten erworben haben:

  • Kenntnisse der realen Bedingungen, unter denen Menschen (und KlientInnen der Sozialarbeit) ihr Leben reproduzieren, die die SozialarbeiterInnen vor Ort in der Praxis erwerben;
  • die tatsächlichen Strategien, mit denen Menschen (und KlientInnen der Sozialarbeit) ihr Leben zu gestalten versuchen und die Chancen und Gefahren, die diese Strategien mehr oder weniger erfolgreich machen, die ebenfalls nur in den jeweiligen Praxissituationen in den Blick genommen werden können; und
  • die wirklichen Ressourcen, die im Umfeld dieser Menschen zur Verfügung stehen, und die Qualität und Brauchbarkeit dieser Ressourcen, die auch wiederum nur vor Ort erkundet werden können. (vgl. Pantuček 1998: 13)

Diese Konzeption von Sozialarbeit, die der Individualhilfe zugrunde liegt, sieht ihre genuinen Aufgaben in der Unterstützung von Menschen in schwierigen Lebenslagen bei der Bewältigung des Alltags, in der Optimierung lebensweltlicher und formeller Netzwerke, in der Herstellung von Kontakten zu Ressourcen und in der Aktivierung eigener Ressourcen der Betroffenen. Sie muss dazu wohl oder übel von den vorfindlichen individuellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten ausgehen. (ebd.: 81) Es ist eine Sichtweise, die in der Praxis entwickelt und theoretisch reflektiert wurde. Sie ermöglicht den SozialarbeiterInnen eine „respektvoll-interessierte Haltung zum Klienten: Er ist eine Person, die mit einer schwierigen Situation umzugehen versucht“ (ebd.: 79). Hier zeigen sich viele Parallelen zur Haltung des Romanautors Eginald Schlattner zu seinen Proponenten und ihren zwischenmenschlichen Beziehungen.

Peter Pantuček-Eisenbacher entwickelte eine methodologische Haltung, die ich als kritisch-reflexive bezeichnen möchte: das Professionelle, Wissenschaftliche zeigt sich nicht an der Behauptung besonderer Wirksamkeit der Vorgangsweise, sondern daran, dass SozialarbeiterInnen ihre Wahrnehmungen und Handlungen stets von neuem kritisch reflektieren. Das wäre der Kern von Innovationen in der Sozialarbeit, hierin unterscheidet sich die Sozialarbeit von „blindem“ Alltagshandeln. Nicht zuletzt bedeutet diese Haltung eine Kritik gegenüber den Versuchungen, Sozialarbeit immer effektiver und effizienter zu gestalten.

Oder, um es mit Ingeborg Bachmann zu sagen: „Das Beste ist nicht machbar, obwohl es nachweislich gemacht worden ist.“ (Bachmann 1993: 365)

Das trifft auch auf Peter Pantuček-Eisenbachers Wirken zu.


Verweise
1 Überarbeitung eines Festvortrags mit dem Titel „Lebenslust / Demokratie / Soziale Arbeit - eine psychoanalytisch inspirierte Reise“, welchen ich beim „Ilse Arlt – Festsymposium“ am 19.9.2013 an der FH St. Pölten gehalten habe. Dieses Festsymposium wurde anlässlich des 60. Geburtstages meines Freundes Peter Pantuček-Eisenbacher veranstaltet.
2 Bis in die Gegenwart blieb in Österreich „Theater“ als kollektive Haltung einer Flucht vor der Welt eine Grundlage herrschender Ideologie. Kritisch zu dieser Haltung äußerte sich jüngst Robert Schindel (2013) in seinem Roman „Der Kalte“.
3 Persönliche Mitteilung Peter Pantuček-Eisenbachers vom 23.9.2013


Literatur

Arlt, I. (1921): Die Grundlagen der Fürsorge. Wien: Deuticke.

Bachmann, I. (1993): Werke. Bd. 4, München: Piper.

Dewe, B. / Otto, H.-U. (2010): Reflexive Sozialpädagogik. Grundstrukturen eines neuen Typs dienstleistungsorientierten Professionshandelns. In: Thole, W. (Hg.): Grundriss Soziale Arbeit. 3. überarbeitete Auflage, Wiesbaden: VS-Verlag, S. 197-217.

Dux, G.(2013): Demokratie als Lebensform. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

Ehrenberg, A. (2010): Das Unbehagen in der Gesellschaft. Berlin: Suhrkamp.

Freud, S. (1895): Studien über Hysterie. In: Gesammelte Werke Bd. 1: Werke aus den Jahren 1892-1899. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, S. 75-312.

Henneberg, Nicole (2001): In der Zelle am Lagerfeuer. 
Absurde Wendung: In Eginald Schlattners Roman “Rote Handschuhe“ wird das Securitate-Gefängnis zum idealen Erzählort, an dem sich die Erinnerungsspeicher öffnen. In: Frankfurter Rundschau, 15.9.2001, http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/rotehandschuhe-r.htm (17.8.2013).

Hiebaum, Ch. (2012): Krise und Gerechtigkeit. Zur Politik der Sozialen Arbeit. In: soziales_kapital, 8 (2012), Rubrik „Sozialarbeitswissenschaft“, http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/view/226 (29.12.2013).

Jarré, D. (2012): „Quo vadis Soziales Europa?“ In: soziales_kapital, 8(2012), Rubrik „Sozialarbeitswissenschaft“, http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/view/225 (29.12.2013).

Leuzinger-Bohleber M. / Stuhr, U. (1997): Psychoanalysen im Rückblick. Gießen: Psychosozial.

Misrahi (2013): Die Freude zu leben. In: Lettre international, Sommer 2013, S. 7-12.

Pantuček, P. (1998): Lebensweltorientierten Individualhilfe. Freiburg i. B.: Lambertus.

Phillips, A. / Taylor, B. (2010): Freundlichkeit. Diskrete Anmerkungen zu einer unzeitgemäßen Tugend. Stuttgart: Klett-Cotta.

Posch, K. (2013): „Die Individualhilfe ist keine Heilslehre.“ Anmerkungen zur lebensweltorientierten Individualhilfe. In: Pflegerl, J. / Vyslouzil, M. / Pantucek, G. (Hg.): passgenau helfen – soziale arbeit als mitgestalterin gesellschaftlicher und sozialer prozesse. Berlin: Lit-Verlag.

Qualtinger, H. / Merz, C. (1959/2007): Der Herr Karl. München: Hanser Verlag.

Schindel, R. (2013): Der Kalte. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Schlattner, E. (2001): Rote Handschuhe. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag.

Zilian, H.-G. (2005): Unglück im Glück. Überleben in der Spaßgesellschaft. Wien: Styria.


Über den Autor

FH-Prof. HR Mag. Dr. Klaus Posch, Jg. 1950
klaus.posch@fh-joanneum.at

Fachhochschul-Professor und Leiter des Studiengangs Sozialarbeit mit Ausbildungsschwerpunkt Sozialmanagement an der FH JOANNEUM in Graz. Zuvor ab 1979 Bewährungshelfer und von 1983 bis 2001 Leiter der Bewährungshilfe Steiermark. Studium der Evangelischen Theologie, Psychologie und Soziologie an den Universitäten Wien und Salzburg; außeruniversitäre Ausbildungen u. a. zum Psychoanalytiker und Gruppenpsychotherapeut. Publikationen auf den Gebieten der Sozialen Arbeit, insbesondere Methoden in der Sozialarbeit, klinische Psychologie (Dissozialität), Psychoanalyse und Sozialmanagement.






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