soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 12 (2014) / Rubrik "Thema" / Standort Innsbruck
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/334/571.pdf


Jörg-Simon Löblein:

Positive Peerkultur im Spannungsfeld zwischen Aktivierung, politischer Bildung und politischer Sozialarbeit

Ein Beispiel aus der Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF) in einer Erstaufnahmeeinrichtung


1. Einleitung
In der Arbeit mit jugendlichen Flüchtlingen tauchen nicht selten Motivations- und Hoffnungslosigkeit, Dissozialität oder hohe Reaktanzen gegen professionelle Bemühungen auf. So können die jungen Menschen die integrativen Bemühungen konterkarieren. Dieser Umstand erscheint erstaunlich, da sie aufgrund einer dezidierten und aufstrebenden Zukunftsvorstellung nach Europa kommen. Einerseits erleben wir im individuellen Kontakt oft hohe Motivation und Leistungsbereitschaft sowie das Bemühen, sich in die neue Welt einzufinden, andererseits kommt es in Gruppenzusammenhängen öfter zu prosoziale Entwicklungsschritte beeinträchtigenden Effekten. Meist werden diesbezüglich Kulturunterschiede, persönliche Unreife oder Traumatisierungen als begründend angesehen. Eher unterrepräsentiert sind Erklärungsmuster, die auf den Ebenen der Gruppendynamik und politischen Bildung Hintergründe beleuchten und Bearbeitungsmöglichkeiten suchen.

Durch die Verbindung der Ansätze der politischen Bildung und der Positiven Peerkultur werden die Aktivierung der Klientel, ihre Verantwortung im Sinne demokratischer Grundsätze und ihre Partizipationsmöglichkeiten besonders gefördert. Auch das Vertrauen in die Ressourcen der jungen Menschen wird betont und eine konzeptionell geförderte prosoziale Gruppendynamik, eine erfolgreiche Integration in demokratische Gesellschaften und das persönliche Wachstum sowie Selbstverantwortung werden ermöglicht.

Nach den Kurzabhandlungen zu den konzeptionellen Rahmenbedingungen für die Arbeit mit UMF möchte der im zweiten Teil vorgelegte Praxisbericht die beispielhafte Spur legen, durch welche praktischen Maßnahmen eine möglichst effektive Bearbeitung der sozialen Probleme ermöglicht wird. Gerade durch die Asyl- und Sozialhilfegesetze für Flüchtlinge und die traditionell eher schwach ausgestatteten Hilfesysteme für diese Personengruppe entsteht immer wieder eine strukturell begünstigte Verschärfung sozialer Probleme. Der hier vorgestellte Arbeitsansatz lotet die Möglichkeiten aus, in welchen Bedingungszusammenhängen Soziale Arbeit gelingen kann.


2. Die Situation von UMF in Bezug auf Identität, Peerorientierung, politische Sozialisation und politische Sozialarbeit
2.1 Identitätsentwicklung
In der Adoleszenz findet die Entwicklung zwischen den Polen Identität und Ablehnung sowie Identitätsdiffusion statt. Das Selbstbild der jugendlichen Person wird unter dem Einfluss der Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft geformt. Die Person findet ihre soziale Rolle und es entstehen in dieser Lebensphase Grundlegungen von Toleranz und Intoleranz (Erikson 1970).

Gerade im Bereich der Identitätsentwicklung haben UMF enorme Entwicklungsherausforderungen zu meistern. Durch die Flucht- und Verlusterfahrung, durch die daraus resultierende Traumatisierung sowie durch den Aufenthalt in fremder Kultur, unbekannter Gemeinschaft und in exkludierten Milieus der Flüchtlingseinrichtungen muss von einer nicht erfolgreichen oder zumindest sehr bedrohten Identitätsentwicklung bei diesem Personenkreis ausgegangen werden.


2.2 Peerorientierung
Gemeinschaftserleben und Mitgliedschaft in einer Peergruppe haben grundsätzlich hohe stabilisierende Wirkungen und positive Effekte auf die Entwicklung der Persönlichkeit. Die Peergruppe wird in der Adoleszenz zu einer wichtigen Instanz, die Orientierung für die Identitätsentwicklung bietet. Hier werden emotional-soziale Kompetenzen und Werte gebildet oder Ziele der Selbstverwirklichung verfolgt (Opp 2006).

Dies ist für UMF in besonderem Maße wichtig, da sie sich in einer fremden Kultur – alleine und ohne familiären Bezug – befinden. Die Peergroup-Erfahrung ergänzt bei den UMF nicht die familiäre Erfahrung, sondern sie ersetzt diese in vielen Fällen im Laufe der im fremden Land weiter voranschreitenden adoleszenten Entwicklung.

Auch politische Sozialisation findet innerhalb der Peergroup statt. Im Verlauf der Freundschaften werden sich die Peermitglieder in den Bereichen des politischen Interesses wie der politischen Orientierung und Verhaltensbereitschaft ähnlicher.

Die stärksten Effekte durch Peers konnten bezüglich illegaler Protestbereitschaft nachgewiesen werden (Schmid 2006). In dem hier behandelten Arbeitsfeld spielt das eine besondere Rolle, da durch die oftmals mangelhafte Ausstattung der Flüchtlingshilfe verschiedene Protestformen wie Hungerstreik, Selbstverletzungen oder Ausschreitungen vorkommen.


2.3 Politische Sozialisation
Die Leitziele politischer Bildung sind die politisch mündige Bürgerperson und die Integration in die demokratische Gesellschaft. Es sollen Wissen über politische Abläufe und Ereignisse, politische Einstellungen und partizipative Verhaltensweisen gefördert und gebildet werden.

Bei Flüchtlingen stellen sich diese Ziele in besonderem Maße, denn eine gelungene Integration in demokratische Aufnahmeländer setzt eine gelungene politische Sozialisation voraus. Besonders bei jungen Menschen sollten hier verstärkte Bemühungen getätigt werden, denn sie haben oft hohe Erwartungen an das Aufnahmeland bezogen auf Frieden, Religionsfreiheit, Freiheit und Demokratie. Hierzu entgegengesetzte Erlebnisse in der ersten Zeit des Aufenthaltes können negative Effekte erzeugen.

Ein solcher ist politische Entfremdung, die in drei Dimensionen geschehen kann (Finifter 1972):

  1. Es wird Machtlosigkeit empfunden, also geringe interne politische Effektivität.
  2. Es stellt sich Bedeutungslosigkeit ein, also geringe externe politische Effektivität. Politische Entscheidungen werden nicht verstanden.
  3. Auch das Erleben von Normlosigkeit, also die Wahrnehmung von allgemeiner Regelverletzung und Normenbruch kann zu politischer Entfremdung führen.
Gerade unter diesen Gesichtspunkten wird die prekäre Situation von UMF deutlich. Als Flüchtling mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus und ohne familiären, Sicherheit gebenden, emotionalen Rahmen kann man die Macht- und Bedeutungslosigkeit sehr leicht zu einem Gefühl der Selbstunwirksamkeit generalisieren, die Identität kann diffundieren oder die eigene Existenz wird als belang- oder wertlos erlebt. Wenn dann die Praxis der verantwortlichen Behörden als unmenschlich oder illegal erlebt wird, kann dies die bereits eingesetzte defizitäre Entwicklung nicht nur verstärken, sondern in eine grundsätzliche Ablehnung des gesellschaftlichen und politischen Systems des aufnehmenden Landes münden.


2.4 Politische Sozialarbeit
Durch die oft mangelhafte Ausstattung der Hilfen für Flüchtlinge ist das dritte Mandat der Sozialen Arbeit an diesem Punkt besonders wichtig. Originäre Aufgabe für Fachkräfte der Sozialarbeit in diesem Arbeitsfeld ist also auch die politische Lobbyarbeit für die Klientinnen und Klienten, damit das Hilfesystem befriedigend und sinnvoll entwickelt werden kann.

„Es bedarf auch der Entwicklung eines sozialen Raums, wo die Rechte der UMF eingefordert und sie vor Fremdenfeindlichkeit geschützt werden, wo Kinder sich entwickeln und entfalten und Heranwachsende Perspektiven für sich entdecken und ausbauen können. Aus der Beratungs- und Gruppenarbeit werden Probleme erörtert und identifiziert, die Lage betrachtet und Vertrauen aufgebaut. Diese Erkenntnisse werden in der Nachbarschaft, unter Ehrenamtlichen und in Schulen, in Gremien und in der Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen der Öffentlichkeit dargestellt“ (Butterfield 2010: 40).

Es gilt also, die alltäglichen Bemühungen der Arbeit mit UMF auch vom dritten Mandat der Sozialen Arbeit aus zu gestalten. Diese Zielrichtung der Sozialen Arbeit führt auch in die Befähigung der Klientel zur politischen Interessenvertretung. Denn einerseits müssen die Professionellen für die Rechte ihrer Klientel einstehen, andererseits gilt es aber auch, Partizipation als Selbstgestaltung des politischen Raumes zu fördern und damit eine Interessenvertretung für die eigenen Themen zu ermöglichen.


3. Der Ansatz der Positiven Peerkultur
In den hier erläuterten Zusammenhängen kann das Konzept der Positive Peer Culture (Brendtro 1985) oder Positiven Peerkultur (Opp 2008) wertvolle Beiträge leisten.

Dieser Ansatz steht historisch in der Linie der reformpädagogischen Ansätze aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts. Positive Peerkultur beschreibt einen demokratischen und gruppendynamisch pädagogischen Stil, der die eigene Verantwortung, gegenseitige Unterstützung und die personalen Selbstheilungskräfte in den Blick nimmt und gezielt fördert (Löblein 2011). Das wird ermöglicht durch das große Vertrauen auf die Ressourcen der Teilnehmenden sowie die Gewissheit, dass sie ihre Entwicklungsaufgaben solidarisch und selbstständig meistern (Opp 2008). So werden Wohlbefinden und Gruppenkohäsion aufgebaut, damit Persönlichkeitsentwicklungen geschehen können.

Positive Peerkultur beschreibt also einen umfassenden Ansatz zur Bildung positiver Subkulturen von Jugendlichen (Brendtro 1985). Von Positiver Peerkultur spricht Opp, „wenn die Gruppe der Gleichaltrigen, der Peers, lernen soll, die alltäglichen Problemstellungen und Konflikte, die Ängste, Sorgen und Nöte der Gruppenakteure wahrzunehmen, zu diskutieren und, wo das möglich ist, zu lösen“ (Opp 2008: 16). Es ist ein Ansatz, der in besonderem Maße die personalen Ressourcen, die Bedeutung der Peergruppe für die Individuen, eine Kultur des Respekts, Kooperation und Partizipation sowie das veränderte Rollenverständnis der Professionellen (Leitung ohne Dominanz) in den Blick nimmt.

Es wird also das „klassische“ Verhältnis zwischen professioneller Person und Klientel verändert. Die zwei Rollen wissende/erziehende/handelnde Person sowie unwissende/hilfeempfangende/zu behandelnde Person werden reformiert: Die Professionellen geben den Macht- und Vorsprungsanspruch auf und fordern und fördern die Klientel, selber aktiv und die Chairperson der eigenen Sache (siehe „Chairman“ nach Cohn 1975) zu werden.

Die Aufgaben der Professionellen bestehen darin, ein positives und vertrauensvolles Klima vorzuleben, aufzubauen und zu pflegen, welches sich durch Offenheit, Zusammengehörigkeit, Fürsorge und gegenseitige Unterstützung auszeichnet.

Positive Peerkultur zielt als Handlungskonzept auf drei Ebenen ab:

  1. Die Ebene der psychischen Verarbeitung individueller Lebenserfahrung:
    Es werden Verarbeitung und Integration von biografischen Erlebnissen ermöglicht.
  2. Die Ebene der Festigung von Gruppen:
    Hier werden soziale Gruppenerfahrung und Gruppenselbsterfahrung gefördert sowie soziale Kompetenzen gebildet.
  3. Die Ebene der Integration:
    Hier geht es um die positive Beeinflussung der Kultur des eigenen Lebensumfeldes, der pädagogischen Institution und der Integration des Wertesystems.

UMF benötigen in besonderer Weise soziale Bezüge und Erfahrungen der Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft, da sie ohne Familie in einem fremden Land sind. Ebenso wichtig ist es, eine gute gesellschaftliche Integration und Inklusion zu fördern. Eine Basis dieser Bemühungen liegt in der politischen Bildung, um zentrale gesellschaftliche und politische Werte zu vermitteln.

Eine gelingende Wertebildung benötigt auch Erfahrungsräume. Das können Partizipationsangebote sein, solange sie keine Alibifunktion haben, sondern reale Mit- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten bieten (Speck 2010). Da die Bildung gesellschaftlicher Werte nachhaltig mithilfe partizipatorischer Ansätze gelingt, kann dies in synergetischer Weise mit dem dritten Mandat Sozialer Arbeit (vgl. politische Sozialarbeit) verknüpft werden.

Häufige modulare Elemente der Positiven Peerkultur sind sogenannte Peer Counselings. Hier beraten sich Menschen in Gesprächsrunden zu ihren Lebensherausforderungen gegenseitig. Damit werden gegenseitiges Vertrauen, Verständnis und Unterstützung in der Gruppe sowie persönliche Beziehung ermöglicht. Besondere Anwendung finden Problemlösetechniken und aktives Zuhören (Opp 2009). In diesen Gesprächskreisen werden Themen, Probleme und Sorgen konstruktiv und fürsorglich behandelt.

Die Professionellen fungieren als Modelle fürsorglichen Verhaltens, damit die Teilnehmenden lernen, sich gegenseitig und gemeinsam zu beraten und ihren Gruppenprozess eigenverantwortlich zu gestalten. Die Moderatoren-Funktion wird langsam an Teilnehmende abgegeben. Insgesamt finden eine Stärkung der sozialen Handlungskompetenzen und des Selbstbewusstseins statt sowie die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und die Initiierung von Fremdwahrnehmung (Opp 2008).

Mit der Methode des Peer Counselings kann ein angemessener Umgang mit den oft traumatisierenden Erlebnissen der UMF gefunden werden. Viele UMF sind im Rahmen ihrer posttraumatischen Belastungsstörung immer wieder an einem Punkt, wo sie die bewusste Verarbeitung im Rahmen einer Therapie nicht vorantreiben wollen – oder aus Ermangelung von therapeutischem Fachpersonal – können. Der Ansatz des Peer Counselings kann hier einen geschützten Raum schaffen, um diese Erfahrungen zumindest tangential zu bearbeiten und die Bereitschaft zur Therapie zu fördern. Auch erfahren die Jugendlichen, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine sind und es Möglichkeiten der Besserung gibt.


4. Zielsystematik
Die bisher behandelten Kurzanalysen (Kapitel 2) und die Erörterung des Ansatzes der Positiven Peerkultur (Kapitel 3) führen unter der Betrachtung der globalen Leitziele von Integration in der Arbeit mit UMF analogisch zu einem Zielkomplex. Die Einzelziele wirken auf verschiedenen Handlungsebenen. Manche haben aufbauenden, andere ergänzenden Charakter. Synergien entstehen, wenn sie auf mehreren Ebenen umgesetzt werden.


Abbildung 1: Sozialisationsziele ausgewählter Handlungsebenen in der Arbeit mit UMF in Abgrenzung, Übereinstimmung und synergetischen Nutzen.


5. Positive Peerkultur in der praktischen Umsetzung mit UMF
5.1 Kurzer Abriss der Ausgangslage
In der Erstaufnahmeeinrichtung für UMF in München (EAE) lebten zu Beginn des hier beschriebenen Projektes (November 2011) 150-190 Jungen zwischen 16 und 18 Jahren. Die häufigsten Herkunftsländer waren v. a. Afghanistan, Somalia, Pakistan, Bangladesch, die Maghrebstaaten oder Nigeria. Träger der Einrichtung war die Bezirksregierung. Den Sozialdienst leisteten ca. zwölf Mitarbeitende eines freien Trägers der Diakonie, von Dolmetscherinnen und Dolmetschern unterstützt. Das Haus wurde von einer Firma für Objekt- und Personenschutz bewacht.

Der Autor wurde mit seinem Team trägerintern in einer Phase der Zuspitzung in die Einrichtung integriert, um anfangs mit Krisenintervention ein langfristiges Konzept zur Beruhigung der Lage zu implementieren. Das Projekt lief bis Dezember 2013.

Im Focus dieser Abhandlung steht die psychosoziale Situation der männlichen Jugendlichen. Das Team vor Ort und auch die Jugendlichen selber berichteten von folgenden Symptomen:

  • Die Jugendlichen hatten fast nur Kontakt zu Mitgliedern der gleichen Ethnie. Kontakte zu Deutsch sprechenden Personen fanden selbstorganisiert nicht statt (Sprachbarrieren).
  • Es ergaben sich häufig verbale und körperliche Konflikte, auch in großen Gruppen.
  • Viele Jugendliche waren hoffnungslos und neigten zu Depressivität. Sie wollten sehr schnell aus der Massenunterkunft in eine Jugendhilfeeinrichtung überstellt werden. Sehr viele wohnten 7-12 Monate dort.
  • Daraus resultierend neigte die Mehrheit der Bewohner zu selbstverletzendem Verhalten (Alkohol- und Drogenabusus, Ritzen, Suizidversuche).
  • Es gab indirekte Anzeichen von sexuellen Kontakten zu externen Männern.
So wurde das Globalziel für das Projekt „Aufbau einer positiven Peerkultur zur Förderung der Selbstbefähigung und Selbstorganisation“ gewählt. Dies lag auch an der Einschätzung, dass eine kurzfristige Verbesserung der Rahmenbedingungen nicht möglich war. Es war also nötig, die aktuell dort lebenden UMF zu stützen und Verbesserungen in der Gruppendynamik herbeizuführen.


5.2 Rahmenkonzept
Nach Gesprächen mit Fachkräften der Sozialarbeit vor Ort, den Leitungspersonen, in einer Einführungsveranstaltung, mit Verantwortlichen der Behörden und nach objektivierendem Aktenstudium war allen klar, dass hier nur ein geordnetes und gegen kurzfristige Änderungswünsche widerstandsfähiges Konzept positive Effekte erzielen konnte. Weiter galt es, sich auf einzelne Themen zu beschränken und damit die Lückenhaftigkeit der Bemühungen einzuplanen – gerade auch angesichts der übergroßen Gruppengröße von über 150 meist traumatisierten Bewohnern – um nicht enttäuscht zu werden, wenn anderweitige negative Folgen eintraten.

Der Entwicklungsprozess des Projektes wurde dynamisch, situativ und zirkulär anvisiert. Ausgangspunkt wurden Peer Counselings. Hier sollte Kontakt mit der Dynamik der großen Gruppe hergestellt werden, um Informationen über Teilgruppen, Konfliktspezifika, Bedürfnis- und Notlagen zu bekommen.

Aufgrund der dann vorhandenen genaueren Informationslage sollten zur Verbesserung der psychischen Verfassung Einzelner sowie zur Förderung einer positiveren Gruppenkultur weitere gruppendynamisch gezielte Maßnahmen entwickelt und umgesetzt werden. Bestimmte Faktoren würden das Gesamtgeschehen auch negativ beeinträchtigen (z. B. saisonale Zunahme der Aufnahmezahlen; aufgrund mangelnder Platzkapazitäten der Jugendhilfe-Einrichtungen Zunahme der mittleren Verweildauer der Bewohnerschaft) und benötigten Konzeptanpassungen.

Ausgangspunkt wurde also der Aufbau eines Gruppenangebots nach der Methode des Peer Counselings mit folgenden Strukturmerkmalen:

  • Wöchentliche freiwillige Treffen über zwei Zeitstunden aller Bewohner
  • Leitung von zwei Fachkräften, die nicht im regulären Sozialdienst arbeiteten
  • Unterstützung durch eine Fachkraft vom Sozialdienst vor Ort
  • Anwesenheit von Dolmetscherinnen und Dolmetschern der Sprachgruppen Pashto, Dari, Hindi, Somali, Arabisch, Englisch und Französisch

Folgende innere Struktur des Peer Counselings wurde gewählt:

  1. Gemeinsames Teetrinken/Ankommen
  2. Begrüßung und Rückblick auf das letzte Treffen
  3. Blitzlichtrunde aller Jugendlichen:
    1. Wie geht es mir?
    2. Über was möchte ich heute sprechen?
  4. Auswahl des tagesaktuellen Themas
  5. Durchführung einer Interaktionsübung oder eines gruppendynamischen Spieles
  6. Themenbesprechung
  7. Verabschiedung


5.3 Beginn und Implementierung
Die ersten Treffen waren spärlich besucht. Dies lag an der noch geringen Bekanntheit. Viele Jugendliche waren vormittags noch nicht wach, da sie wegen Schlafstörungen oder nächtlicher Lautstärke erst spät nachts einschliefen. Sie wurden daraufhin geweckt. Obwohl es Zimmerschlüssel gab, war es dem Team des Peer Counselings wichtig, die Freiwilligkeit durch Anklopfen und Fragen um Eintritt zu unterstreichen.

Auf Aushängen wurden die Rahmen gebenden Themen der Gruppe beschrieben. Es waren auch gleichzeitig die Standardfragen für die konkrete Moderation der Gruppe:

  • Was muss ich wissen über das Leben in der Erstaufnahmeeinrichtung?
  • Was nervt mich? Was kann ich tun, damit es mir gut geht?
  • Wie können wir unsere Wünsche am besten zu Gehör bringen?
  • Welche Regeln möchte ich in der EAE haben?
  • Wo kann ich mich mal aussprechen?
  • Wo kann ich eine gute Gemeinschaft erleben?
  • Wo kann ich Spaß erleben?
Die Teilnahme schwankte zwischen vier und 30 Jugendlichen. Es bildete sich ein fester Kern, der oft wöchentlich zur Gruppe kam (vier bis acht Jugendliche). Dazu gab es einen weiteren Kreis, der jedes dritte bis sechste Mal kam, jedoch über einen Zeitraum von sechs bis acht Monaten. Sie erkundigten sich auch außerhalb der Gruppe nach den besprochenen Themen (15-20 Personen). Die dritte Gruppierung waren Jugendliche, die ein bis drei Mal und dann nicht mehr kamen.

Das Spannungsfeld zwischen Freiwilligkeit und Verbindlichkeit war bei allen Beteiligten deutlich bemerkbar. Nicht nur Erwachsene, sondern auch teilnehmende UMF formulierten Bedauern über die teilweise geringe Teilnahme. Dann entstand der Wunsch nach mehr Verpflichtung. Viele mussten das mit Geduld und Gelassenheit aushalten. Auch die Sinnhaftigkeit des Peer Counselings wurde in Frage gestellt. Jedoch zeigte sich im Laufe der Monate, dass die Teilnahme zunehmend umfangreicher stattfand.

Es wurde deutlich, dass in einem Umfeld von ausgeprägter Fremdgestaltung die Implementierung eines auf Freiwilligkeit basierenden Ansatzes zur Förderung von positiver Kultur, Partizipation und Selbstverantwortung eine lange Zeit der Adaptierung benötigt.

Besondere Beachtung fanden Einzelgespräche vor und nach der „offiziellen“ Gruppenzeit. Auch das gemeinsame Teetrinken zu Beginn des Counselings war ein tragendes Element zur Förderung von Beziehung. Gerade die afghanischen Jugendlichen hatten eine ausgeprägte Teekultur. Es ergaben sich hierbei sehr fürsorgliche Momente der persönlichen Begegnung.

Auch die bewusst gestaltete persönliche Begrüßung und Verabschiedung waren sehr starke Momente der Kulturförderung und gegenseitigen Akzeptanz. Es wurde selbstverständlich, sich mit beiden Händen die Hand zu geben oder mittels leichter Verbeugung und der Hand auf dem Herz Ehre zu erbieten. Diese auch aus den Heimatländern geprägten Umgangsformen waren für viele Fachkräfte der Sozialarbeit in so deutlicher Ausprägung und bewusster Anwendung gewöhnungsbedürftig. Auch Jugendliche, die nicht im Peer Counseling waren, übernahmen langsam diese Verhaltenskodizes gegenüber ethnisch anderen Personen.

Diese Beispiele zeigen, wie auch scheinbar kleine oder übertrieben erscheinende Gewohnheiten eine Gruppenkultur direkt und indirekt positiv beeinflussen.

Die gruppendynamische Arbeit mit Live-Übersetzung war entgegen vorheriger Befürchtungen sogar vorteilhaft. Jeder Beitrag musste erst ins Deutsche übersetzt werden, damit es die anderen Dolmetschenden in die jeweiligen Sprachen vermittelten. Nun hatten alle Zeit, über das Gehörte nachzudenken. Dann gab jemand eine Antwort, die wiederum ins Deutsche gedolmetscht wurde, um dann wieder in die anderen Sprachen „verteilt“ zu werden. Die vielen Redepausen hielten zum konzentrierten Nachdenken, Reden und Antworten an. Unterstützt wurde das durch den Einsatz einer Billardkugel (Symbol für Rederecht), die die Reihenfolge der Gesprächsbeiträge kanalisierte und visualisierte.

Insgesamt entwickelte sich eine Gruppenkultur, die zwischen Diskussion und Debatte einzuordnen war. Das erleichterte den Aufbau einer positiven Peerkultur ungemein, da so eine geordnete und respektvolle Besprechung schwieriger und schlimmer Themen möglich wurde.

Die selbst gewählten Themen in den Peer Counselings der ersten Wochen waren geprägt von:

  • Beschwerden über das Leben in der Einrichtung (das macht uns Kummer)
  • Erzählen von sich selber (wer bin ich, was habe ich erlebt)
  • Gemeinsame Spiele (wir erleben Freude)
Nach den ersten Wochen formulierte die Gruppe konsistent und mit Nachdruck vor allem Probleme und Wünsche:
  • Wunsch nach zügigerer Platzzuteilung in eine Jugendhilfeeinrichtung
  • Besseres Essen/größere Essenspakete
  • Nachtruhe, Konflikte mit anderen Jugendlichen
  • Freundlichere Wachleute
  • Mehr Deutschkurse
  • Hoffnungslosigkeit, die in Selbstverletzung und Drogenkonsum ausartet
Diese Themen waren sehr schwierig zu besprechen, da sie existenzielle Bedeutung hatten. So kam es immer wieder vor, dass einige sehr deutlich ihrer Verzweiflung Ausdruck gaben, weinten, zitterten, aus dem Raum stürmten oder sogar mit selbstverletzendem Verhalten drohten. Diese Reaktionen waren Übersprunghandlungen zur Stressregulation und auch bewusste Mittel zum Druckaufbau.

Es wurde immer wieder vorgetragen, die Fachkräfte der Sozialarbeit sollen diese Missstände abstellen. Es musste viel Energie dafür verwandt werden, den Grund des Peer Counselings und die geringen Möglichkeiten der Fachkräfte, die ja nicht das Haus leiteten, zu vermitteln.

Auch stand der Wunsch nach Problemlösung für ein Bild hilfloser Klienten, die nur Kraft einer machtvollen Hilfe Besserung erhalten können. Dies lag, wie langsam herausgearbeitet werden konnte, einerseits an autoritären Erfahrungen in den Herkunftsländern. Andererseits erlebten die Jugendlichen massiv Fremdbestimmung durch Behörden in Europa, da sie aufgrund der Asylgesetzgebungen bisher nur in Massenunterkünften lebten, in denen der Grad der Autonomie stark eingeschränkt ist.

Aus den konkreten Problemanzeigen arbeitete die Gruppe dann realistische Wünsche heraus, die in Teilprojekten umgesetzt wurden (siehe Kapitel 5.4)

In Treffen mit nur ca. 3-5 UMF waren biografische Themen Mittelpunkt:

  • Erzählungen aus dem Heimatland und von der Familie
  • Erzählungen von Fluchterlebnissen
Diese Treffen waren von sehr dichter und emotionaler Atmosphäre. Hier erzählten die Jugendlichen gerade so viel, wie sie erzählen wollten und sich bei den Anwesenden vertrauensvoll aufgehoben fühlten. Dies musste durch die Erwachsenen hin und wieder ins Bewusstsein gerufen und Sorge dafür getragen werden (Verhinderung von Retraumatisierung). Es war deutlich zu beobachten, dass nur die Dinge zur Sprache kamen, die in der Gruppe in guter Weise ausgehalten und aufgefangen werden konnten. Es ergab sich oft, dass eine beginnende Erzählung von anderen Jugendlichen durch Kopfnicken oder einen freundlich-fragenden Gesichtsausdruck unterstützt wurde, sodass der Erzähler tiefere Erlebensschichten ansprach. Andererseits kam es auch vor, dass durch geistige Abwesenheit von Zuhörern oder Kontaktaufnahme mit anderen Teilnehmern der Erzählfluss endete oder in oberflächlichere Ebenen kam. Die hier beispielhaft beschriebenen Verhaltensweisen der Gruppe sind eher offensichtlicher Natur. Die Einflüsse sind oft nur schwer beobachtbar und entziehen sich rational nachvollziehbarer Wahrnehmungsmuster.


Abbildung 2: Selbstregulation für bearbeitbare Themen in Peer Counselings

Die Reaktionen der anderen Jugendlichen waren durchwegs sehr empathisch, fürsorglich und helfend. Viele formulierten, dass es ihnen gut täte, zu wissen und zu erleben, dass sie mit ihrer Lebensgeschichte und -erfahrung nicht allein sind. Sie sprachen sich gegenseitig Verständnis und Mut zu und es entstanden viele Runden, in denen sie sich gegenseitig Tipps gaben, den anderen zu Terminen mit dem Psychologen oder zum Besuch des psychoedukativen Gruppenangebotes bei einer kooperierenden Einrichtung animierten.

Insgesamt stellten diese sehr heilenden und gruppenkohäsiven Erfahrungen die Basis für vertrauensvolle Prozesse dar und es konnte so gemeinsam an konkreten Verbesserungen gearbeitet werden.


5.4 Effekte und weitere entwickelte Arbeitsformen

Die Teilnehmer formulierten konkrete Forderungen der Verbesserung (siehe Kapitel 5.3) und erkundigten sich bei den Professionellen, welche Personen / Behörden dafür verantwortlich seien. Als sie sich auf die Kontaktaufnahme mit diesen Stellen vorbereiteten, erkannten sie, dass sie als Teilnehmer des Peer Counselings nur einen geringen Anteil der Bewohnergruppe darstellten (ca. 25 von 150-190 Bewohnern).

So entstand die Idee, demokratische Vertreter- oder Sprecherwahlen abzuhalten, damit diese Delegierten in den anstehenden Verhandlungen mit größerem Mandat und Selbstsicherheit reden konnten. Die Sprecher glichen die in den Peer Counselings erarbeiteten Positionen immer wieder mit den anderen Bewohnern in Zimmerversammlungen ab. Das hatte zur Folge, dass eine breite Meinungsfindung stattfand, zunehmend mehr Jugendliche an den Peer Counselings teilnahmen und insgesamt ein enormes Zusammengehörigkeitsgefühl in der Bewohnerschaft entstand.

Diese demokratische Bewegung mit konsistenten und sozial angemessenen Forderungen bewirkte, dass hochrangige Mitglieder von Regierung, Ministerium und Parlament mehrmals in das Peer Counseling kamen. Hier konnten die Jugendlichen über Essen, Nachtruhe, über Fragen der Überstellung in Einrichtungen der Jugendhilfe, über Aufgaben des Wachdienstes oder schulische Angebote verhandeln.

Die Gespräche waren anfangs in der Wahrnehmung der Teilnehmenden sehr erfolgreich. Es zeigten sich Verbesserungen beim Essen oder beim Wachdienst. So entwickelte sich in der gesamten Bewohnerschaft große Hoffnung.

Insgesamt konnte beobachtet werden, wie eine kleine Teilgruppe in den Peer Counselings einen nicht unerheblichen Einfluss auf die große inhomogene Gruppe der Bewohnerschaft ausüben konnte aufgrund Methoden der Partizipation und Kulturverbesserung.

Nachfolgend wurden Regeln für die gesamte Bewohnerschaft erarbeitet, um die Interaktion der Gesamtgruppe zu bessern. In einem Prozess der zirkulären Abstimmung und Verbesserung wurde ein Regelwerk verabschiedet, das breite Zustimmung fand.

Die Regeln umfassten die Nachtruhe (22.00 Uhr, am Wochenende 24.00 Uhr), die Abnahme von Musikgeräten bei Lärmerzeugung durch die Wachdienste und die Anzeige bei falscher Feueralarmauslösung. Auch die Frage des Alkoholverbotes wurde eindeutig behandelt, ebenso wie die Bitte an die Wachen, dieses mit Leibes- und Zimmervisitationen zu kontrollieren.

Die Sauberkeit in Zimmer, Duschen und Küche wurde durch eine Ordnung zur Mülltonnenbenutzung und Sauberkeitsregeln geregelt. So entstand die Idee, dass mit größeren Töpfen gemeinschaftliches Kochen gefördert wurde (mehr Gemeinschaft, weniger Zeitbedarf an den wenigen Kochstellen, weniger Konflikte).

Diese Regeln hatten zweierlei Effekte. Erstens konnte so ein höheres Einverständnis der Gesamtgruppe erzeugt werden, da alle sich daran beteiligen konnten, auch fühlten sich so etliche Jugendliche nun befähigt, auf diese Regeln immer wieder hinzuweisen, da sie überall aushingen. Zweitens erhielten die Jugendlichen bei der Umsetzung der Regeln vielfältige Unterstützung von Hausleitung (bessere Ausstattung an Kochtöpfen oder Mülleimern), Wachdiensten (stärkere Kontrollen) oder Sozialdienst (Hilfe bei Problemen aufgrund Regelverletzung). So konnte insgesamt die Situation in der Einrichtung verbessert werden.

Jedoch stellte sich bei vielen Bewohnern nach einigen Monaten der Eindruck ein, dass sich nichts mehr verbessere. Aufgrund geringen Abgangs und hoher Zugangszahlen entwickelte sich in der Gesamtgruppe zunehmend eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Der Ärger darüber wurde in den Peer Counselings deutlich. Weitere Treffen mit Verantwortlichen kamen leider nicht in dem Maße zustande, wie die Jugendlichen hofften.

Aufgrund dieser Situation traten die Jugendlichen in einen Hungerstreik, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Interessant dabei war, dass sie dies außerhalb des Kontextes des Peer Counselings planten und umsetzten. Sie gingen davon aus, dass die Erwachsenen sie von dem Plan abbringen würden. Am dritten Tag nahmen einige Streikende Kontakt mit den Professionellen des Peer Counselings auf. So konnten die Jugendlichen in außerordentlichen Treffen mit Hilfe der erarbeiteten Gesprächskultur der Counselings ihre Forderungen erörtern und sozial angemessen zusammenfassen. In den dann anschließenden Verhandlungen mit den Vertreterinnen und Vertretern der Behörden wurden Verbesserungen der Lage und Beendigung des Hungerstreiks erarbeitet.

Es konnte also der voran gegangene Aufbau positiver Peerkultur für eine konstruktive Begleitung einer Krisenintervention gruppendynamisch genutzt werden.

Auch später entstand eine schwierige Situation: An einem Wochenende eskalierte die Situation, sodass es zu großen Ausschreitungen und polizeilichen Arrestierungen kam. Diese Lage war für die Bewohnerschaft sehr schwierig und konflikthaft. Im Peer Counseling wurde eine gruppendynamische Verarbeitung der Abläufe und Geschehnisse ermöglicht. Es galt, Fragen der Schuldzuweisungen an einzelne Ethnien, des schlechten Gewissens, der Verantwortung und der zukünftigen Vermeidung zu bearbeiten.

Aus den Erfahrungen des bis dahin erfolgreichen Aufbaus positiver Peerkultur entstand die weiterführende Idee, für alle Neuankömmlinge eine Willkommensgruppe verpflichtend anzubieten. Dieses Gruppenkonzept hatte – im Gegensatz zum Peer Counseling – eine curriculare Form mit fünf wöchentlichen Treffen. Inhaltlich gab es atmosphärische Willkommenselemente, Informationen zur Einrichtung, zum Asylverfahren und Behörden.

Im Gesamtkonzept des Aufbaus positiver Peerkultur nahm es folgende Aufgaben wahr:

  • Orientierung im neuen Umfeld schaffen
  • Soziale Kontakte anbahnen, emotionale Sicherheit fördern
  • Frühes Vermitteln von Verhaltensstandards
  • Klarheit schaffen über behördliche und rechtliche Fragestellungen
Aufgrund der immer wieder stattfindenden Treffen und Kontakte mit Behörden und Parlamentsmitgliedern und auch aufgrund der z. T. in den Medien berichteten Vorfälle (Hungerstreik, Ausschreitungen) wurde eine Auswahl an Bewohnern in die Kinderkommission des bayrischen Landtages eingeladen, da sich die Kommission direkt informieren wollte. Das Peer Counseling bekam die Aufgabe, dieses Hearing zu planen. Die Vorbereitungen brachten eine große Energie in die gesamte Bewohnerschaft. Es wurden Zustandsbeschreibungen notiert und Forderungen sortiert. Sogar in selbstorganisierten Treffen wurden die Themen besprochen, da zu wenige Counselings anstanden. So arbeiteten die Jugendlichen selbstständig bestimmte Teilaspekte vor und führten das in den Peer Counselings zusammen.

Die Ergebnisse und auch der Prozess der Erstellung waren bewundernswert und erstaunlich konstruktiv. Die Jugendlichen zeigten nur wenig Unsicherheit bei den Fragen zum Abstimmungsprozess. Sie holten sich gezielte Informationen ein, wer welche Befugnis in einem deutschen Parlament habe, was eine Kommission mache, wieso Bayern die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention überwacht, usw.

Andererseits zeigten diese Wochen der Vor- und Nachbereitung, wie viel positive Energien freigesetzt werden, wenn Partizipation möglich ist. Durch die Teilhabe an politischen Prozessen sahen sich die Jugendlichen aufgewertet, empfanden ein Signal des Willkommens, der Aufnahme und Integration. So konnten sie politische Prozesse erleben und verstanden, wie Willensbildung in demokratischen Gesellschaften funktioniert.

Presseberichte, Hungerstreiks von Erwachsenen und möglicherweise die anstehenden Landtagswahlen führten in diesen Monaten zu zahlreichen politischen und fachlichen Verhandlungen, die auch in dem Entschluss mündete, alle UMF sofort nach Ankunft in Bayern in Jugendhilfeplätze zu vermitteln. Ein förderlicher Aspekt war sicher der Besuch der Jugendlichen in der Kinderkommission. Inzwischen wurde die hier beschriebene Massenunterkunft Erstaufnahmeeinrichtung für UMF geschlossen.


5.5 Kritische Reflexion
Trotz der dargestellten Effekte sind auch kritische Faktoren zu bedenken. Diese Arbeitsweise wird nicht selten als Macht- und Hierarchie erschütternd erlebt. Verschiedene Behörden und auch andere Fachkräfte der Sozialarbeit zeigen oft Handlungs- und Denkmuster, die von einer klaren Hilfebedürftigkeit der Klientel ausgehen. Das Formulieren der eigenen Interessen kann als störend und problematisch im Arbeitsalltag erlebt werden. In der Flüchtlingshilfe gibt es in vielen Behörden assimilierende Vorstellungen: Die Flüchtlinge sollen sich in die aufnehmende Gesellschaft einfügen und die dortigen Werte übernehmen. Politische Sozialisation ist jedoch kein einseitiger Prozess, sondern ein wechselseitiger.

Es war in der hier dargestellten Projektzeit spürbar, wie oft der Ansatz auf Unverständnis oder Gegenwehr traf. Von vielen Seiten wurden Fragen gestellt, ob „man die Jugendlichen nicht überfordere“, denn „sie kennen ja die deutschen Gepflogenheiten gar nicht“.

Manchmal wurde die Kooperation und Gesprächsbereitschaft mit dem Peer Counseling eingeschränkt oder gar verweigert. Dies führte dann zu teilw. großen Frustrationen bei den Jugendlichen, weshalb dann auch im Team die Frage diskutiert wurde, ob man solche partizipativen Prozesse anbahnen dürfe, wenn die Gefahr zu befürchten ist, dass durch Nichterreichung weitere Frustrationen ausgelöste werden. Letztlich sind auch hier paternalistische Vorstellungen im Hintergrund festzustellen.

Ein weiterer kritischer Punkt ist die psychosoziale Bearbeitung biografischer Erlebnisse in einem Gruppenkontext und die Gefahr der psychischen Überforderung. Im Team wurde oft diskutiert, wie viel Kriegs- und Fluchterzählungen zuzulassen sind, wie sehr man „erlauben“ kann, dass die Jugendlichen von Suizidgedanken in der Gruppe erzählen. In dieser Thematik sind sehr wichtige Fragen der Retraumatisierung und Nachahmungseffekte betroffen. Profunde psychologische Kenntnisse über Trauma und -behandlung sowie Massen- und Gruppenpsychologie helfen hier entscheidend, eine gute Mischung von Offenheit, Themenbearbeitung, Vertrauen, Aufgefangen-Sein, Schutz und Sicherheit zu ermöglichen. Die Erfahrung zeigte, dass je höher das Fachwissen bei den Professionellen und der Grad der Vertrautheit in der Gruppe war, umso mehr sind tiefer gehende Erzählungen möglich und die Gruppendynamik wird zur förderlichen und nachhaltig konstruktiven Verarbeitung angeregt.


6. Resümee/Konklusion
In einem kulturell-pädagogischen Milieu wie der Flüchtlingshilfe mit UMF, das sich durch massenabfertigende Maßnahmen, bevormundende Bedingungen und im günstigeren Falle durch paternalistische Einstellungen auszeichnet, erscheint es gewagt, politische Bildung praktisch und erfolgreich umzusetzen. Auch eine Aktivierung vieler Personen mit Motivationslosigkeit gilt bei so starken negativen gruppendynamischen Phänomenen mit etablierten Handlungskonzepten oft als aussichtslos.

Die Befähigung der Klientel zu eigener Interessensvertretung und politischer Partizipation ist letztlich die Ausübung des Dritten Mandats der Sozialen Arbeit unter besonderer Beachtung der Selbstbefähigung. Die hier dargestellten methodischen Ansätze besitzen eine nicht zu unterschätzende politische Veränderungskraft, wenn die Rahmenbedingungen eklatante Missstände beinhalten.

Gerade die enge Verbindung von identitätsentwickelnden Maßnahmen unter dem Fokus der Peerorientierung schafft die Brücke zu politischer Sozialisation. Damit können partizipatorische Grundsätze Raum greifen und für politisch effektive Sozialarbeit genutzt werden. Besonders dieses sehr hoch erscheinende Ziel der positiven Beeinflussung politischer Rahmenbedingungen hat aufgrund der Selbstwirksamkeitserfahrungen eine Strahlkraft auf die Individual- und Gruppenebenen. Gespräche mit Behörden führten zu größerer Gruppenkohäsion, die Einzelnen zu persönlichem Wachstum verhalf, die sich dann in der Gruppe mehr einbrachten. Weitere Ideen konnten sich in der Gruppe kristallisieren, die dann zu neuen Vorhaben führten. Das Erleben dieses Kreislaufes machte den jungen Menschen die Wirkweise demokratischer Gesellschaften deutlich. Das beförderte die Integration der UMF in das Aufnahmeland.

Sie konnten bestimmte für sie negative Situationen und auch die Schwierigkeiten bei der Verbesserung besser verstehen sowie aushalten. Eine Erhöhung der Frustrationstoleranz war bemerkbar, was den Prozess der Aktivierung wiederum vorantrieb. Insgesamt bekamen sie größere Hochachtung und formulierten mehr Zufriedenheit.

Insgesamt ist ein sich verstärkender Kreislauf von politischer Bildung und Partizipation, positiver Peerdynamik und politischer Veränderungen zu konstatieren.

Der Ansatz der Positiven Peerkultur kann auch als interventionsorientierte Maßnahme in großen Gruppen eingesetzt werden. Wenn er stark auf Partizipation und Selbstbefähigung ausgerichtet wird, kann er sogar in sehr negativen und destruktiven Milieus und Gruppendynamiken wirken.

Die entstehenden Effekte können aber teilweise Ängste und Abwehrbewegungen im Umfeld erzeugen.

Die Erfahrungen in diesem hier beschriebenen Beispiel können nicht nur die Einsetzbarkeit des Ansatzes in schwierigen Zusammenhängen, sondern auch den besonderen gesellschaftlichen Wert einer aktiven und kreativen Gestaltung Positiver Peerkultur belegen.


Literatur

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Über den Autor

Diakon Jörg-Simon Löblein, Jg. 1975
Diplom-Sozialpädagoge (FH)
Anti-Aggressivitäts-Trainer®
joerg-simon.loeblein@gmx.net

Diakon im pädagogisch-therapeutischen Intensivbereich (geschlossene Heimunterbringung), später Gruppenleiter einer heilpädagogischen Wohngruppe im Bereich für Auszubildende in Rummelsberger Anstalten der inneren Mission e.V. (2000-2005).
Diakon im Betreuten Wohnen und Ambulante Erzieherische Hilfen, später Leiter des Fachbereiches Gewaltprävention und Straffälligenhilfe in Innere Mission München e.V. (2005-2013)
Diakon im sozialpsychiatrischen Dienst, Diakonisches Werk Traunstein e.V. (seit 2013), Lehrbeauftragter am Management Center Innsbruck / Fachhochschule (seit 2009), Freiberuflich tätig als Referent, Organisationsberater und Coach (seit 2011).






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