soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 12 (2014) / Rubrik "Einwürfe/Positionen" / Standort Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/347/597.pdf


Christoph Stoik:

Sozialraumorientierung zwischen neoliberaler Umprogrammierung und Perspektive für die Disziplinentwicklung


1. Einleitung
Unbestritten ist, dass mit dem Diskurs über Sozialraumorientierung ganz unterschiedliche Aspekte angesprochen und thematisiert werden. Und tatsächlich wurden bereits mehrere Klärungs- und Ordnungsversuche unternommen, um diese unterschiedlichen Verständnisse von Sozialraumorientierung zu beschreiben. (vgl. u. a. Kessl/Reutlinger 2007: 38ff, Schreier/Reutlinger 2013, Stoik 2011) Obwohl diese Klärungsversuche nur begrenzt Wirkung in der Fachdebatte haben (vgl. Schreier/Reutlinger 2013), stellt der vorliegende Beitrag einen weiteren Klärungsversuch dar. Er beschäftigt sich zuerst mit den unterschiedlichen Verständnissen und Diskurssträngen rund um Sozialraumorientierung und Sozialraumarbeit, beginnend mit der Gemeinwesenarbeit, über das Fachkonzept der Sozialraumorientierung, wie es bei der Umgestaltung der Jugendhilfe zum Einsatz kommt, bis zur Sozialraumorientierung in der Offenen Jugendarbeit. In Bezug auf das „Fachkonzept Sozialraumorientierung“ wird versucht zu klären, warum gerade dieses Konzept so kontrovers diskutiert wird.

In der Folge soll aber auch gezeigt werden, dass die Debatte um Sozialraumorientierung nicht nur aus der Perspektive der Gestaltung und des Einflusses auf die Praxis betrachtet werden kann, sondern auch aus einer disziplinären Perspektive. Die These lautet, dass die Auseinandersetzung mit Sozialem Raum nicht nur eine Dimension der Profilierung und Marktpositionierung hat, sondern auch eine, die Einfluss nimmt auf die Weiterentwicklung einer eigenständigen Disziplin der Sozialen Arbeit.


2. Gemeinwesenarbeit als praxisbezogene Ausformung von sozialraumbezogener Sozialer Arbeit
Die Gemeinwesenarbeit (GWA) mit ihren Wurzeln um 1900 (insbesondere Settlement-Bewegung und Jane Adams, vgl. Staub-Bernasconi 2013) wird im deutschsprachigen Raum heute als Konzept der Sozialen Arbeit verstanden, das sich schon in ihren historischen Ausprägungen mit sozialen Phänomenen in der Wechselwirkung zwischen Gesellschaft, menschlichem Handeln und (sozialem) Raum auseinandersetzt. (vgl. Stövesand/Stoik 2013: 14ff) GWA hat im Gegensatz zur eher theoretischen Auseinandersetzung um Sozialen Raum einen starken Praxisbezug, wobei Methoden entwickelt wurden, die sich auf Kollektivierungs-, Veröffentlichungs- und Aushandlungsprozesse beziehen. (vgl. Stövesand/Stoik 2013: 18ff) Erst seit jüngerer Zeit wird der Diskurs zu Sozialem Raum, wie er beispielsweise von Kessl und Reutlinger betrieben wurde, mit der Tradition, Theorie und Praxis der GWA verknüpft. (vgl. u. a. Kessl/Reutlinger 2013, Kessl 2011, Stoik 2011, Stövesand/Stoik 2013)


3. Sozialraumorientierung als Programm der Verwaltungsmodernisierung
Besonders kontrovers wird über Sozialraumorientierung als Programm für eine Verwaltungsmodernisierung diskutiert, wie sie insbesondere in der Kinder- und Jugendhilfe im deutschsprachigen Raum zur Anwendung kommt. Geprägt wurde dieses Verständnis von Sozialraumorientierung besonders von Wolfgang Hinte (u. a. vgl. Hinte/Treeß 2007), aber auch von Wolfgang Budde, Frank Früchtel und Stefan Bestmann. (vgl. Budde et al. 2006, Bestmann 2014) Es wird von einem Fachkonzept gesprochen, das zwei wesentliche Aspekte beinhaltet, ein theoretisch und fachlich argumentiertes Konzept sowie ein Steuerungsmodell für die Soziale Arbeit. In einer neoliberalen Gesellschaft birgt dieses Steuerungsmodell nun aber Gefahren – Fabian Kessl und Christian Reutlinger haben dies „Responsibilisierung“ und „Territorialisierung“ genannt (vgl. Kessl/Reutlinger 2007: 10ff) – die in der Folge beschrieben werden.


3.1 Flexible Hilfen im Sinne der Adressat_innen oder Beitrag zum „schlanken Staat“?
Das fachlich argumentierte Konzept beinhaltet unterschiedliche theoretische Bezüge. Wolfgang Hinte hat das Fachkonzept aus einem Konzept der „Gemeinwesenarbeit“ entwickelt. Mit der starken Thematisierung des „Willens“ der Menschen, der Ausgangspunkt für die Soziale Arbeit sein soll, stellt sich Sozialraumorientierung in eine Tradition der Antipädagogik und hat Anknüpfungspunkte zur Lebensweltorientierung. (vgl. Hinte 2007a: 18ff)

Der antipädagogische Hintergrund erscheint zweischneidig. Einerseits ist das Konzept darauf ausgerichtet, dass die Menschen als Adressat_innen der Sozialen Arbeit in ihren Interessen gehört werden – eine Ausrichtung in der Sozialen Arbeit, die weitgehend fachlich begründet ist. Andererseits steht diese Haltung im Spannungsfeld zu Normierungsvorstellungen, die auch institutionell vertreten werden, wie der Schutz des Kindeswohls. Die kritische Positionierung zu Institutionen, die in der Forderung mündet, flexible, den Bedürfnissen der Menschen angepasste Hilfen zu organisieren, ist dabei sehr nachzuvollziehen. Andererseits ist die kritische Haltung des Fachkonzepts in Bezug auf Institutionen anknüpffähig an neoliberale Staatsmodelle. (vgl. dazu u. a. Hinte 2006: 8ff, Budde/Früchtel 2006, Hinte 2007b: 99) Das ist in hohem Maße passfähig zur Vorstellung einer schlanken Verwaltung, die die Verantwortung bei den Menschen sieht und in der die institutionelle Funktion der Vertretung von kollektiven Rechtsansprüchen geschwächt wird. (vgl. dazu Diskurs zu Ökonomisierung der Sozialen Arbeit: Bakic et al. 2008 und zu neosozialem Staat Otto/Ziegler 2004)

Auf die widersprüchlichen Deutungsmöglichkeiten von „Sozialraumorientierung“ verweisen Maren Schreier und Christian Reutlinger, wenn sie von der „Elastizität“ der Sozialraumorientierung sprechen (2013). Aber es lässt sich demzufolge auch erklären, warum der Diskurs so verbittert um Sozialraumorientierung geführt wird. Die einen beharren darauf, dass es um die Durchsetzung eines Fachkonzepts im Sinne der Adressat_innen der Sozialen Arbeit geht (vgl. Hinte 2006), die anderen werfen dem Fachkonzept und deren Vertreter_innen vor, sich mitverantwortlich zu machen bei einem Umbau des Sozialstaats, der einer neoliberalen Logik folgt. (vgl. bspw. Otto/Ziegler 2004)


3.2 Ressourcenorientierung als Verlagerung der Verantwortung auf die Hilfsbedürftigen und auf soziale Netze
Im Rahmen des „Fachkonzepts Sozialraumorientierung“ sollen die Ressourcen „im sozialen Raum“ erforscht und für die Soziale Arbeit (für die Jugendhilfe) genutzt werden. (vgl. u. a. Hinte 2007a: 60-72)

Ressourcenorientierung kann im Rahmen dieses Steuerungsmodells aber umgedeutet werden von einer eher fachlich argumentierten Vorstellung der Entstigmatisierung, der Emanzipation und des Empowerments von Klient_innen der Sozialen Arbeit hin zur „Responsibilisierung“ der Menschen im Sinne einer neoliberalen Logik. Während soziale Sicherungssysteme abgebaut werden bzw. brüchiger werden, Armut und soziale Ungleichheit zunimmt (und sich räumlich konzentriert), die öffentlichen finanziellen Mittel für Soziale Arbeit und deren Einrichtungen nicht in dem Ausmaß wachsen wie die Fallzahlen, werden in einer Logik des aktivierenden Sozialstaats nicht nur die Individuen vermehrt für ihre Lebensgestaltung verantwortlich gemacht (unbeachtet von ungleichen Chancen), sondern auch ganze „Sozialräume“ bzw. „Stadtteile“. Dabei besteht nicht nur die Gefahr einer Stigmatisierung der Räume („Territorialisierung“, Kessl/Reutlinger 2007: 11), sondern auch, dass soziale Netzwerke in den Dienst des neosozialen Staats gestellt werden. Das sozialräumliche Programm verkommt dann zu einem „Handlanger“ neoliberaler Logik und pervertiert sozusagen den Anspruch, die Interessen, den „Willen“ der Menschen stärken zu wollen. Von besonderer Brisanz ist diese sozialräumliche Responsibilisierung dann, wenn es nicht nur um nachbarschaftliche Unterstützungen geht, sondern letztendlich um staatliche Kontrollaufgaben, z. B. im Sinne des Schutzes des Kindeswohls – wenn sozialräumliche Netze also Kontrollaufgaben übernehmen würden, die aus fachlichen und ethischen Gründen bisher als staatliche Aufgabe gesehen wurden.


3.3 Sozialraumbudgets als Verlagerung von politischer Verantwortung auf die Einrichtungen der Sozialen Arbeit
Die Soziale Arbeit soll in diesem Konzept nicht über den „Fall“, sondern über das „Feld“ gesteuert werden. (vgl. Hinte 2007a: 109ff, Budde/Früchtel 2006) Die Steuerung über den Fall rege Träger der Sozialen Arbeit an, Fälle zu produzieren, um die Finanzierung der Sozialen Arbeit zu sichern (vgl. Hinte 2007a: 109ff) – so die Kritik. Die Träger hätten daher nicht das Interesse, Fälle abzuschließen und Menschen dabei zu unterstützen, selbstständig zu werden. Die Steuerung über das Feld verschiebe den Fokus auf die Unterstützung, die die Klient_innen in einer administrativ definierten räumlichen Einheit brauchen. Die Einrichtungen erhalten ein „Sozialraumbudget“, mit dem die Hilfen entsprechend der Bedürfnisse („Willen“) der Menschen gestaltet werden sollen. Erhofft werden eine stärker präventive Ausrichtung der Sozialen Arbeit, die Nutzung lokaler („sozialräumlicher“) Ressourcen und ein effektiverer (oder effizienterer?) Einsatz von finanziellen Mitteln. (vgl. Hinte 2006: 15, Budde/Früchtel 2006: 40ff)

Wieder zeigt sich eine Ambivalenz: Was die Soziale Arbeit lange gefordert hat, wird mit der Sozialraumbudgetierung (scheinbar) umgesetzt. Die Einrichtungen können die Soziale Arbeit auf fachlicher Grundlage entsprechend den Bedürfnissen und Interessen der Menschen gestalten. Die Steuerung über das „Feld“ birgt bei knapper werdenden öffentlichen Budgets (Deckelungen) aber die Gefahr, dass bei steigenden Bedarfen, steigenden Fallzahlen, zunehmender Armut und sozialer Ungleichheit in den Stadtteilen die Verantwortung zunehmend von einer politischen zu einer der Sozialen Arbeit umdefiniert wird. Es geht dann schnell nicht mehr um die Frage der Armutsbekämpfung, sondern um die Frage, wie die vorhandenen Mittel durch die Einrichtungen besser eingesetzt werden können, damit Armutserscheinungen wirksamer entgegengewirkt werden kann.


3.4 Abbau von Versäulung der Sozialen Arbeit – noch mehr Versäulung und Konformität?
Die Sozialraumorientierung tritt mit dem Anspruch an, der Versäulung der Verwaltung und der Sozialen Arbeit entgegenzuwirken. (vgl. Hinte 2007a: 72ff) Die Versäulung widerspreche den Interessen und Lebenswelten von Menschen und verhindere, dass diese seitens der Verwaltung und der Sozialen Arbeit ausreichend berücksichtigt werden. (vgl. ebd.) Durch Sozialraumteams, in denen Einrichtungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten vertreten sein sollen, und durch die starke Orientierung am „Willen“ sollen die Interessen der Menschen in der Gestaltung der Sozialen Arbeit im Vordergrund stehen. Angesichts eines Diskurses der „knappen Kassen“ kann diese Vorstellung aus der Sicht einer fachlich orientierten Sozialen Arbeit auch nach hinten losgehen. Das lässt sich anhand der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Wien verdeutlichen: Aufgrund der eigenständigen Finanzierung und fachlichen sowie politischen Beauftragung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Wien folgen die Einrichtungen einer lebensweltlichen Logik. Sie sehen sich als Vertreter_innen der Interessen von Kindern und Jugendlichen in Wien und stellen sich parteilich auf deren Seite. Sie verstehen sich in der Tradition einer lebensweltorientierten Jugendarbeit, die die Aufgabe habt, darauf zu achten, dass Kinder und Jugendliche Räume haben, um sich in der Gesellschaft entwickeln zu können. (vgl. Magistratsabteilung 13 2014) Durch Sozialraumbudgets könnte dieser klare gesellschaftspolitische Auftrag geschwächt werden, insbesondere, wie schon erwähnt, bei steigenden Fallzahlen und bei knapper werdenden Mitteln. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit könnte verstärkt unter Druck kommen, ihre Angebote mehr im Sinne der Jugendhilfe, des Kindesschutzes oder auch der Bildung im Sinne der Employability der Jugendlichen anzupassen. Die starke Lebensweltorientierung und parteiliche Haltung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit könnte so geschwächt werden. Es könnte in Umkehrung der Forderung des Fachkonzepts „Sozialraumorientierung“ ebenso dazu beigetragen werden, dass eine Versäulung im Sinne der Jugendhilfe verstärkt und die Offene Kinder- und Jugendarbeit in den Dienst der Jugendhilfe (früher Jugendwohlfahrt) gestellt wird.


4. Raumverständnis des „Fachkonzepts Sozialraumorientierung“
Insgesamt stellt sich überhaupt die Frage, ob von einem „sozialräumlichen“ Konzept oder Steuerungsmodell gesprochen werden kann. Das Fachkonzept zeigt eher lebensweltorientierte Züge, während raumtheoretische Überlegungen und Erkenntnisse unberücksichtigt bleiben (trotz aller wiederholten Beteuerungen). Es scheinen eher noch Vorstellungen vom absoluten Raum vorzuliegen, v. a. weil als Steuerungseinheit der territoriale Raum gewählt wird, ohne gesellschaftliche Verhältnisse in der Steuerung der Arbeit ausreichend zu berücksichtigen. Mehrfach schon wurde gezeigt, dass die Responsibilisierung und Territorialisierung Sozialer Arbeit nicht losgelöst davon gesehen werden kann, dass nationalstaatliche Verantwortungen und Sicherungssysteme aufgrund von Globalisierung bzw. neoliberaler Politik auf Individuen und lokale Räume verlagert werden. (vgl. Kessl/Reutlinger 2007, Otto/Ziegler 2004) Der lokale Raum ist gleichzeitig mit steigenden (räumlichen) Ungleichheiten konfrontiert und mit der dauernden Rede der „knappen Kassen“. Es erscheint nicht nur raumtheoretisch naiv, sondern auch zynisch, zu glauben, Probleme auf einer lokalen und individuellen Ebene besser lösen zu können.

Ein raumtheoretisch fundiertes Konzept müsste eine Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen – verknüpft mir räumlichen Ausdrucksformen für gesellschaftliche Entwicklungen – als Ausgangspunkt für jede weitere Programmatik haben. Wird der Erkenntnis gefolgt, dass Raum etwas Produziertes ist und v. a. von gesellschaftlichen Verhältnissen geprägt ist (einer relativen bzw. relationalen Raumvorstellung folgend), dann bedarf es einer Betrachtung sozialer Phänomene, die sich im Raum zeigen und eine Analyse der bestehenden Unterstützungs- und Hilfsstrukturen, bevor ein „sozialräumliches“ Konzept für ein Handlungsfeld umgesetzt wird. Dem relationalen Raumverständnis folgend könnte auch gesagt werden, dass alle schon bestehenden Praktiken „sozialräumlich“ sind, nämlich als tätige Formen der Beantwortung auf gesellschaftliche Phänomene, die auch einen Raumbezug haben. Am Beispiel der Wiener Jugendhilfe würde sich aus sozialräumlicher Perspektive dann u. a. die Frage stellen, wie sich die Einrichtungen und Hilfen aktuell zum Wiener Raum und den Bezirken regional und lokal beziehen („Regionalstellen“), wie schon jetzt sozialräumliche Ressourcen genutzt werden (Regionalforen in Wien) und wie aktuell die Interessen der Klient_innen in die Steuerung der Arbeit einbezogen werden (bestehendes Dokumentationssystem, 4-Augen-Prinzip). Eine Analyse, die sich mit den bestehenden Strukturen auseinandersetzt – so meine These – würde schon jetzt sozialräumliche Ansätze in der Wiener Jugendhilfe zeigen, was auch eine Masterarbeit an der FH Campus Wien von Anja Tschötschel (2009) gezeigt hat.


5. Sozialraumorientierung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit
Im Rahmen der Offen Kinder- und Jugendarbeit wurde insbesondere von Ulrich Deinet und Richard Krisch ein spezifisches Verständnis von Sozialraumorientierung entwickelt (vgl. Deinet/Krisch 2002, Krisch 2009) Ausgangspunkt ist die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Mit der Entwicklung von Methoden, bei denen es darum geht, diese Lebenswelten zu erforschen und zu verstehen, um die lebensweltlichen Interessen als Ausgangspunkt für die Konzeptentwicklung der Kinder- und Jugendarbeit zu wählen. Die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen wird dabei in einem Wechselverhältnis zwischen Aneignungsverhalten und -handeln von Kindern und Jugendlichen und Raum, wie auch gesellschaftlicher Umgang mit Kindern und Jugendlichen, verstanden. Die Sozialraumorientierung in der Kinder- und Jugendarbeit bezieht sich auf Lebensweltorientierung (vgl. Thiersch et al. 2005) und Lebensbewältigung (vgl. Böhnisch 2005) sowie auf aneignungstheoretische und stadtsoziologische Theorien. (vgl. dazu Krisch 2009: 31ff) Aus aneignungstheoretischer Perspektive wird das Handeln von Kindern und Jugendlichen als Aneignungsprozess von Raum, Gesellschaft und Welt verstanden. Die Methoden der Sozialraumanalyse fokussieren insbesondere auf das Handeln der Kinder und Jugendlichen. Aus dieser handlungstheoretischen Perspektive kommen v. a. qualitativ ausgerichtete Methoden zum Einsatz.


6. Sozialraumanalyse als Potenzial für eine Methodenentwicklung für die Disziplin der Sozialen Arbeit1
Die aktuelle Auseinandersetzung mit dem Thema Produktion und Gestaltung von Sozialem Raum und die damit verbundene Entwicklung von sozialraumanalytischen Methoden verweist auf das Potenzial für eine sich entwickelnden eigenständige Wissenschaft und Disziplin der Sozialen Arbeit. Die Methoden der Sozialraumanalyse, die in den letzten Jahren entwickelt wurden, folgen einem relationalen Raumverständnis, befinden sich also im Wechselverhältnis zwischen menschlichem Handeln, Raum und Gesellschaft sowie strukturellen Rahmenbedingungen. Um soziale Phänomene in ihren räumlichen und gesellschaftlichen Dimensionen verstehen zu können, wird ein triangulatives Vorgehen verlangt. Bereits 2002 haben Marlo Riege und Herbert Schubert auf die unterschiedlichen Methoden der Sozialraumanalysen verwiesen und diese in eine Ordnung gebracht. Sie zeigen, dass quantitative und qualitative Methoden zum Einsatz kommen (müssen). Quantitative Methoden, bzw. die Auseinandersetzung mit quantitativen Daten, beziehen sich auf gesellschaftliche Strukturen – also eher materialistische bzw. strukturalistische Raumproduktions-Perspektiven, während qualitative Methoden sich auf eher konstruktivistische Vorstellungen von Raumproduktion beziehen. Aus einem relationalen Raumverständnis macht es also Sinn, soziale Phänomene in ihrer Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Strukturen und menschlichem Handeln zu erforschen. Deutlich wird an dieser Stelle auch, dass die Debatte über die Sozialraumorientierung und die Sozialraumanalyse einen Beitrag leisten kann in Bezug auf die Klärung des Gegenstands der Sozialen Arbeit.

Die Entwicklung und Anwendung der lebensweltlichen qualitativen Methoden der Sozialraumanalysen verweisen auf ein Potenzial für eine eigenständige Disziplinsentwicklung. Methoden, wie die Nadelmethode oder die Stadtteilbegehung (vgl. Krisch 2009), umfassen nicht nur eine analytische Perspektive – also das Interesse, die Lebenswelt verstehen zu wollen – sondern auch einen interventionistischen Aspekt. Die lebensweltlichen, qualitativen Methoden stellen Interventionsmethoden dar. Der_die Forscher_in geht in Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen. Sie wirken auf die Lebenswelt und den Raum ein. Die Kinder und Jugendlichen nehmen Einfluss auf den_die Forscher_in und der_die Forscher_in nimmt Einfluss auf die Kinder und Jugendlichen. Forschung wird dabei nicht als einseitiger und objektiver Prozess verstanden, sondern in Wechselwirkung zwischen Forscher_in und Adressat_in. Dieses Forschungsverständnis ist anknüpfungsfähig an Vorstellungen der Aktionsforschung, die sich auch in anderen Bereichen und Traditionen der Sozialen Arbeit zeigen, z. B. die Aktionsforschung nach Fals-Borda, u. a. in der Soziale Arbeit in Lateinamerika (vgl. Fals-Borda 1991), oder die Methode der „aktivierenden Befragung“ in der GWA. (vgl. Lüttringhaus/Richers 2003) Dieses Methodenverständnis folgt wiederum einem relationalen Raumverständnis, das Akteur_innen im Raum nie als neutral Handelnde verstehen kann. Jede_r Forscher_in, jede_r Sozialarbeiter_in ist Akteur_in in Raumproduktionsprozessen – Interventionen verändern das Handeln und nehmen Einfluss auf Strukturen.


7. Perspektiven für die Entwicklung der Disziplin der Sozialen Arbeit
Die Auseinandersetzung zu Sozialem Raum in der Sozialen Arbeit ist demzufolge also mehr als ein Programm neoliberaler Umprogrammierung Sozialer Arbeit. Es ist auch mehr als eine amorphe und aufgrund ihrer „Elastizität“ und „Sogwirkung“ scheinbar die Soziale Arbeit vereinigende Bewegung. Sie stellt einen Beitrag für die Weiterentwicklung einer jungen Disziplin der Sozialen Arbeit dar. Während der Diskurs über die Lebensweltorientierung in der Folge der 1970er-Jahre verdeutlichte, dass Soziale Arbeit sich auf die Lebenswelt und die Handlungsmöglichkeiten und -beschränkungen von Menschen beziehen muss, um soziale Probleme bearbeiten zu können, so fokussiert die Debatte um Sozialen Raum darauf, dass gesellschaftliche Verhältnisse, räumliche Dimensionen und menschliches Handeln nur in einem Wechselspiel verstanden werden können. Während das zwar bereits in der Debatte um die Lebensweltorientierung thematisiert wurde (vgl. Thiersch et al. 2005), legte die Lebensweltorientierung den Schwerpunkt stärker auf das Handeln der Adressat_innen. Mit der Debatte um die Sozialraumarbeit wird deutlich, dass Soziale Arbeit sich auf die Auseinandersetzung mit dem Handeln von Menschen genauso beziehen muss wie auf die Gestaltung von sozialen Verhältnissen, bei der außerdem räumliche Aspekte berücksichtigt werden müssen. Dieser Prozess folgt einer reflexiven relationalen Haltung, wie sie von Fabian Kessl und Christian Reutlinger als „Sozialraumarbeit“ vorgelegt wurde. (vgl. Kessl/Reutlinger 2007) Die Debatte über soziale Phänomene im relationalen sozial produzierten Raum gibt die Begründung dafür, dass Soziale Arbeit sich sowohl auf Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten als auch auf Verhältnisänderung beziehen und diese in Wechselwirkung sehen muss. Das stellt eine Klärung des Gegenstands der Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit dar; dabei ist diese Klärung nicht ahistorisch, wie beispielsweise die Arbeiten von Staub-Bernasconi (2007) oder Lothar Böhnisch (2005) zeigen.

Diese disziplinäre Perspektive hat mehrere Konsequenzen: In Bezug auf die Gegenstandsklärung besteht die Herausforderung, sich mit den unterschiedlichen Theorien des Sozialen Raums theoretisch auseinanderzusetzen: Zu klären ist, was die unterschiedlichen Vorstellungen von Wechselverhältnissen zwischen Gesellschaft, Raum und Menschen bedeuten. Immerhin liegen eher konstruktivistische auf der einen Seite und eher materialistische Raumtheorien auf der anderen Seite vor. Ebenso gilt es die Frage zu beantworten, welche Auswirkungen die Betrachtung dieser Theorien auf die Gegenstandsbeschreibung der Sozialen Arbeit hat. Diese theoretische Auseinandersetzung kann – der relationalen Raumtheorie folgend – nicht losgelöst von professionellem Handeln erfolgen. Eine Auseinandersetzung mit der Praxis der Sozialen Arbeit und v. a. eine Verbindung zwischen theoretischer Auseinandersetzung und der Praxis ist eine weitere Konsequenz, entsprechende Praxis-Forschungsmodelle hat beispielsweise Peter Sommerfeld bereits 2000 vorgelegt.

Als dritte Konsequenz ergibt sich eine vertiefende Auseinandersetzung mit den Methoden der Sozialraumanalyse, einerseits in Bezug auf die Weiterentwicklung in Kooperation mit der Praxis und in Bezug auf deren theoretischen Untergrund (insbesondere auch in Bezug auf das wissenschaftstheoretische Verständnis der Disziplin der Sozialen Arbeit).

Es ist zu hoffen, dass der Diskurs zukünftig weniger Markt- und Machtgeleitet geführt wird, sondern mehr fachlich-inhaltlich, damit die Potenziale, die diese Auseinandersetzung für die Entwicklung der Sozialen Arbeit mit sich bringt, nicht zerstört werden.


Verweise
1 Entgegen einiger theoretisch nur schwer nachvollziehbaren Trends, Sozialpädagogik und Sozialarbeit als unterschiedliche Gegenstände zu verstehen, wird hier an der theoretisch begründeten Zusammenführung von Sozialpädagogik und Sozialarbeit unter „Sozialer Arbeit“ festgehalten.


Literatur

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Über den Autor

Christoph Stoik, MA, Jg. 1971

Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FH Campus Wien, Department Soziales.
Arbeitsschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, Sozialraumarbeit und -orientierung, Sozialraumanalyse. Soziale Arbeit im öffentlichen Raum, Stadt- und Regionalentwicklung






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