soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 14 (2015) / Rubrik "Junge Wissenschaft" / Standort St. Pölten
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/389/715.pdf


Thomas Truppe:

Archipel Erinnerung

Eine Fallstudie


1. Einleitung
Erinnerungen sind die Inseln unseres Bewusstseins, wenn die Vergangenheit ein Meer ist. Sie bilden das Festland auf dem wir stehen, um auf das Meer der verstrichenen Zeit zu blicken. Einzeln treten sie nicht im Meer der Vergangenheit auf, sondern in Inselgruppen, die durch die angrenzenden Gewässer miteinander verbunden sind. Wie Archipele, die jede/r individuell konstruiert und die trotzdem ähnlich wie die unserer Mitmenschen strukturiert sind. Nach Halbwachs (1985) sind sie ein zentraler Teil des menschlichen Bewusstseins. Vielleicht sogar der zentralste Teil, der uns erst zu dem macht, was wir sind.

Im Frühjahr 2012 lernte ich Herrn Sokov kennen. Nach mehreren gemeinsam gespielten Schachpartien, gab er einen Satz, dessen Wortlaut ungefähr folgendermaßen lautete, von sich: „Die Menschen wissen heutzutage nicht mehr, wie es ist, in einer Diktatur zu leben.“ Persönlich konnte ich dieser Aussage nur zustimmen, denn Diktaturen sind mir nur aus Geschichtsbüchern oder Medien bekannt. Nun, ich war zu dieser Zeit am Anfang meiner Ausbildung zum Sozialarbeiter. Besonders in dieser Profession stellt sich die Frage, wie sich die Lebenswelt meines/meiner AdressatIn gestaltet. Die Erinnerung an meinen Schachpartner erzeugte in mir die Annahme, dass das Begreifen der Lebenssituation von Menschen erst möglich ist, wenn seine/ihre Vergangenheit mitberücksichtigt wird. Dieser Gedankengang weckte das Interesse für die Auseinandersetzung mit dem Thema Erinnerungsarbeit.

Im Herbst 2013 entstand an der FH St. Pölten eine Projektwertstatt, die sich mit Erinnerungsarbeit in der Sozialen Arbeit beschäftige. Im Rahmen dieses Bachelorprojektes der FH St. Pölten wurde die Entscheidung getroffen, eine Fallstudie im Bezug auf Erinnerung zu machen. Die meiste Zeit, in der dieses Projekt durchgeführt wurde, verbrachte ich, aufgrund eines Auslandssemesters, in Dresden. Dieser Umstand ermöglichte es, Erkenntnisse, die im Zuge meines Forschungsprozesses gewonnen wurden, mit ForscherInnen des Apfelinstitutes der EHS Dresden, zu reflektieren.

In dieser Fallstudie tritt Herr Sokov als Hauptdarsteller auf. Ein Rückblick auf seine Vergangenheit in der ehemaligen Sowjetunion bildet die Grundlage für diese empirische Forschung. Je mehr ich mich nun mit diesem Thema auseinandergesetzt habe, desto mehr trat in mein Bewusstsein die Erkenntnis, dass die Aussage, die mich zu dieser Arbeit anregte, auch nur eine Erinnerung war. Vielleicht sogar eine Insel, die es so nie gegeben hat, sondern die nur ein Produkt meines Kopfes darstellt, um auf das Meer der Vergangenheit zu blicken.

Diese Arbeit gliedert sich in fünf Kapitel. Der erste Teil, von der Idee zum Fall, stellt dar, wie es vom Erkenntnisinteresse zur Forschungsfrage kam. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit den Methoden der Datenerhebung sowie dem Auswertungsverfahren. Zum besseren Verständnis dieser Fallstudie wird eine Deskription des Falles – sowohl das Leben als auch der historische Kontext des Interviewten – geboten. Die gewonnenen Erkenntnisse werden in der Ergebnisdarstellung präsentiert und zum Teil mit Fachliteratur verknüpft. Im letzten Kapitel, Resümee, wird auf den theoretischen Diskurs eingegangen und dargestellt, inwieweit Erinnerungsforschung für die Soziale Arbeit von Relevanz ist.

Im Zuge der Forschung wurden der Name und die Daten der untersuchten Person – Herr Sokov – anonymisiert.


2. Von der Idee zum Fall
Laut Assmann (2011 zit. in Detsch 2011) ist Erinnern, im Hinblick auf Kultur und Geschichte, das Nachdenken und der Austausch persönlicher Erfahrung, die man durchaus mit anderen teilen kann. Diese Definition bestimmt Erinnern somit als sozialen Vorgang, der durch theoretische Perspektiven beobachtet werden kann. In dieser Forschung soll der soziale Vorgang – Erinnerungen von einer Einzelperson – erforscht werden. Soziologisch betrachtet befindet sich das Niveau der Analyse für diese Arbeit auf der Mikroebene (vgl. Giddens/Fleck/Egger de Campo 2009: 50).


2.1 Forschungsfrage
Im Zentrum der Forschung steht Erinnerung als sozialer Vorgang. Um eine mögliche Beeinflussung dieses sozialen Vorgangs gering zu halten, wurde eine offene Forschungsfrage formuliert:

Wie gestalten sich Herrn Sokovs Erinnerungen in Bezug auf Erlebnisse aus der Vergangenheit nach einer narrativen Erzählanregung?


3. Datenerhebung und -auswertung
Die Daten wurden mithilfe eines narrativen Interviews erhoben.

„Die narrative Gesprächsführung bietet den Interviewten […] einen größtmöglichen Raum zur Selbstgestaltung der Präsentation ihrer Erfahrungen und bei der Entwicklung ihrer Perspektive auf das angesprochene Thema bzw. auf ihre Biographie.“ (Rosenthal 2014: 150)


3.1 Datenauswertung und Strukturierung der Ergebnisse
Um die Komplexität des Datensatzes zu reduzieren und dadurch einen gesonderten Blick auf die subjektive Handlungsweise zu gewinnen, wurde das Auswertungsverfahren nach Strauss/Corbin (1996), das im Zuge der Grounded Theory weiterentwickelten wurde, angewandt. Hierbei wird ein Text in Sinneinheiten, sogenannte Kategorien, aufgebrochen. Anschließend werden die Daten mittels Kodierparadigma ausgewertet. Dieses Verfahren bildet ein Teilstück zur Generierung neuer Theorien.

Folgendes Schaubild, das von Wagner entworfen wurde, stellt einen Teil des Auswertungsverfahrens dar.

„Dieses Modell eignet sich dazu, das jeweils interessierende Phänomen einer sozialen Situation bzw. Konfiguration ins Zentrum des Forschungsprozesses zu stellen, ohne damit bereits Wertungen oder inhaltliche Vorentscheidungen treffen zu müssen.“ (Wagner 2000: 76)


Abbildung 1: Paradigmatisches Modell laut Wagner (2000; eigene Darstellung)

Die gewonnenen Erkenntnisse dieser Forschung werden anhand des paradigmatischen Modells laut Wagner (2000) präsentiert. Hierbei wird das beobachtete Phänomen (1), welches immer zentral positioniert ist, beschrieben. Die ursächliche(n) Bedingung(en) (2) werden im linken Teilbereich angeführt. Rechts davon steht der Kontext (3), welcher beschreibt, wie sich das Phänomen darstellt. Darunter werden die intervenierenden Bedingungen (4) angeführt. Sie stellen Einwirkungen auf das Phänomen dar. Im Bereich Handlungs-/Interaktionsstrategie (5) werden Aktionen beschrieben, die auf das Phänomen wirken. Im Feld Konsequenzen (6) werden die Auswirkungen des Phänomens dargestellt.

Diese Vorgehensweise ermöglicht ein Phänomen in Wirkungszusammenhänge zu setzten, d. h. es wird nicht nur beschrieben, aber es bedarf auch keiner vorher festgelegten allumfassenden Theorie (vgl. Wagner 2000: 76).


4. Deskription des Falles
Herr Sokov wurde 1939 in Sibirien geboren. Seine Familie stammt ursprünglich aus der Umgebung von St. Petersburg und war wohlhabend. Da sein Vater Sozialist war, wurde die Familie, noch vor der Geburt von Herrn Sokov, aus St. Petersburg verbannt. Sein Bruder diente während des Zweiten Weltkrieges in der sowjetischen Armee. Nach 1945 lebte Herr Sokov im Gebiet der Wolgadeutschen. Hier erlebte er zum ersten Mal politische Repressalien. Nach Erlangen seiner Hochschulreife studierte er in St. Petersburg, wo er seine erste Frau kennenlernte. Die Mutter seiner Frau war mit der politischen Einstellung ihres Schwiegersohnes und deren Familie nicht einverstanden. Herr Sokov arbeitete in einer Chemiefabrik. Sein erster Sohn kam auf die Welt. Er war Bekannten bei der Aufbewahrung von verbotenen Büchern behilflich. Die Behörden bekamen das mit und Herr Sokov verlor seinen Job. Daraufhin ließ sich seine Frau scheiden. Danach bekam er keine Anstellung, die seiner Ausbildung entsprechend gewesen wäre, und musste in einem Labor arbeiten. Herrn Sokov wurde eine leitende Position angeboten. Dazu sollte er einen Vortrag vor der Belegschaft über das Thema Marxismus halten. Sein Vortag sorgte für Unmut in der politischen Abteilung der Arbeitsstelle und er wurde entlassen. Herr Sokov begann, aktiven Widerstand gegen das politische System zu leisten. Er schrieb Briefe an öffentliche Stellen und traf sich mit Leuten, die die gleiche Gesinnung wie er hatten. Bei einem Treffen wurden die Ausführungen Herrn Sokovs aufgezeichnet und er wurde verhaftet. Er bekannte sich nicht schuldig und wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. Nach seiner Entlassung emigriert er mit seiner zweiten Frau nach Wien. (vgl. Gedächtnisprotokoll 1)


4.1 Biografischer Zeitbalken
Nach Pantuček (2009: 204) bietet das Diagnostikinstrument des biografischen Zeitbalkens folgende Vorteile:

„[Der biografische Zeitbalken] ordnet die Erzählbestandteile in einer Übersicht – einer mehrdimensionalen Timeline – an und fragt auch nach der genauen zeitlichen Verortung, nach dem vorerst Unerzählten.“ (Pantuček 2009: 204)

In dieser Arbeit wurde der biografische Zeitbalken einerseits zur optischen Darstellung der Daten verwendet. Dies soll gewährleisten, die Ereignisse, die während des Interviews geschildert wurden, in eine zeitliche Abfolge zu bringen. Andererseits wurde während des Auswertungsverfahrens der biografische Zeitbalken herangezogen, um Kategorien miteinander in Beziehung zu setzen.

Da der biografische Zeitbalken in dieser Arbeit nicht als Diagnostikinstrument, sondern als Hilfsmittel zur Datendarstellung bzw. Datenauswertung fungierte, wurde das von Pantuček (2009: 204-214) beschriebene Instrument für diese Arbeit adaptiert.


Abbildung 2: Ausschnitt aus dem biografischen Zeitbalken von Herr Sokov (eigene Darstellung)


4.2 Politische Verhältnisse
Herrn Sokovs Erzählungen erstrecken sich über einen Zeitraum von etwa 120 Jahren. Im Folgenden werden die wichtigsten politischen Ereignisse, in Bezug auf den Fall, dargestellt.

Die staatlichen Reformen in der Übergangszeit vom 19. bis ins 20. Jahrhundert waren Versuche, das russische Gesellschaftssystem zu verändern. Diese Reformen wurden jedoch den Anforderungen der Industriegesellschaft nicht gerecht. (vgl. Bohn/Neutatz 2009: 167) Die folgenden Spannungen, ausgehend vom Bürgertum

„überstiegen […] die Möglichkeiten des zairischen Regimes und letztendlich auch die nach der Februarrevolution 1917 regierende linksbürgerliche Koalitionsregierungen.“ (ebd.: 169)

Nach Bohn und Neutatz (2009: 168) mussten die Bolschewiki nur noch in ein Machtvakuum vorstoßen.

Die Kriegshandlungen Russlands im Ersten Weltkrieg, sowie die sozialen Unterschiede in der Bevölkerung führten zur Revolution (vgl. Luks 2000: 17ff). Ab dem 28. Februar 1917 wurde Russland „aus bürgerlicher Provisorischer Regierung und dem Kontrollorgan der werkstätigen Massen, dem Petrograder Sowjet“ (Bohn/Neutatz 2009: 172) regiert.

Luks (2000) gibt an, dass bei der sogenannten Februarrevolution zwei Faktoren im Zentrum standen. Zum einen war es ein Aufstand der Bildungsschicht, die Russland nach westlichen Mustern ausrichten wollte. Zum anderen war es ein Aufstand der gesellschaftlich Benachteiligten, die sich gegen das hierarchische Prinzip auflehnten. (vgl. Luks 2000: 19f) Nach der Februarrevolution entstand ein Bürgerkrieg, der bis 1921 dauerte, aus welchen die marxistischen Parteien der Bolschewiki, die Gewalt institutionalisierten, als Sieger hervor gingen. (vgl. Bohn/Neutatz 2009: 172-176) Die Bolschewiki erwirkten 1921 ein Verbot der gemäßigten Menschewiki Partei, da sie von ihnen mit marxistischen Argumenten kritisiert wurden (vgl. Luks 2000: 153f).

Es ist anzunehmen, dass Herrn Sokovs Vater Mitglied war oder in einem Naheverhältnis mit den Menschewiki stand. Grund für diese Vermutung ist die Erzählung, dass die Partei seines Vaters bereits unter Lenin verboten wurde (vgl. Gedächtnisprotokoll 1: Z. 46f). Erhärtet wird diese Annahme dadurch, dass Herr Sokov seinerseits das System mittels marxistischen Argumenten kritisierte (vgl. ebd.: Z. 162-170).

1922 wurden die UdSSR gegründet sowie ein Fraktionsverbot erlassen. Dies führte dazu, dass die Bolschewiki, die sich ab 1918 die Kommunistische Partei Russlands (bzw. später Kommunistische Partei der Sowjetunion) nannten, uneingeschränkt herrschen konnten. 1924 starb der Führer der Kommunistischen Partei Russlands – Wladimir Iljitsch (Lenin). Nach dessen Tod übernahm Josef Wissarionowitsch (Stalin) die Führung der Partei und errichtete ein Herrschaftssystem, das später den Namen Stalinismus (1928-1953) erhalten sollte. (vgl. Bohn/Neutatz 2009: 180-185)

„Der Stalinismus war gekennzeichnet durch Willkür, unberechenbare Gewalt, Aktionismus, […] verbunden mit einem gigantischen Verschleiß an personellen und materiellen Ressourcen.“ (Bohn/Neutatz 2009: 181f)

Herr Sokov wurde zu Beginn des Zweiten Weltkrieges geboren und erlebte die stalinistische Herrschaft bis zu seinem 15. Lebensjahr mit. Die Hauptzeit seines politischen Widerstandes war etwa zwischen den Jahren 1975 und 1978 angesiedelt. (vgl. Abbildung 4)

Nach Stalin übernahm Nikita Chruschtschow (1953-1964) die Führung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Durch ihn folgten widersprüchliche und inkonsequente Reformen. Nach der Ära Chruschtschow wurde die Partei und Staatsführung wieder getrennt. Es folgten Leonid Breschnew als Parteichef und Alexei Kossygin als Ministerpräsident, die die Sowjetunion lenkten. (vgl. Bohn/Neutatz 2009: 184) Auch als Breschnew 1980 „wieder beide Ämter auf sich vereinigte, wurde das Prinzip der kollektiven Führung […] beibehalten.“ (ebd.: 184)

In den 60er- und 70er-Jahren war die sowjetische Dissidentenbewegung aktiv. Dies war eine Bürgerrechtsbewegung, die für mehr Reformen eintrat.

„In der Sowjetunion gelang es dem Regime […] die organisatorische Infrastruktur der Bürgerrechtsbewegung, die ohnehin sehr bescheiden war, weitgehend zu zerschlagen.“ (Luks 2000: 466)

Nach 1980 war diese Bewegung durch Verbannung der führenden Mitglieder nicht mehr existent. (vgl. ebd.: 463-466)

Herrn Sokovs politische Aktivitäten verliefen zeitgleich mit denen der sowjetischen Dissidentenbewegung (vgl. Abbildung 4 bzw. Luks 2000: 463-466). Circa sieben Jahre nach der Emigration von Herrn Sokov nach Wien löste sich die Sowjetunion auf (vgl. Abbildung 4 bzw. Luks 2000: 499-506).


5. Ergebnisdarstellung
Auslöser für die Begegnung von Herrn Sokov und dem Interviewer war ein Anruf bei der untersuchten Person. Bei diesem fragte der Interviewer den potenziellen Interviewpartner, ob er sich an ihn erinnern könne. (vgl. Gedächtnisprotokoll 2: Z. 3) Nach Bejahung dieser Frage verwies der Forscher auf folgende Aussage, die Herr Sokov einmal im Zuge eines Gespräches getätigt hat: „Die Menschen wissen heutzutage nicht mehr, wie es ist in einer Diktatur zu leben“. (Gedächtnisprotokoll 2: Z. 5). Die erste Frage an den möglichen Interviewpartner sollte erheben, ob noch eine Erinnerung an den Forscher besteht und somit eine Basis für ein Interview gegeben wäre. Mit dem Verweis auf die eigene Erzählung, wollte der Interviewer Herrn Sokov anregen, sich für das Thema zu interessieren. Nach der Frage, ob es vorstellbar wäre, etwas aus dem Leben des möglichen Interviewpartners zu erfahren, konnte ein Treffen ausgehandelt werden. (vgl. Gedächtnisprotokoll 2: Z. 5-9)


5.1 Beziehung zwischen den Akteuren
Der Einfluss auf die Erzählung der bestehenden Beziehung zwischen den Interviewpartnern ist ein Aspekt, der die Situation prägte. Bevor es zu der Fragestellung des Interviews kam, wurde über den Rahmen des Interviews gesprochen. Zu Beginn gegenseitig nach dem Befinden gefragt und schnell wurde die Frage seitens Herrn Sokov aufgeworfen, wozu dieses Interview dienen solle. Die darauf folgenden Ausführungen des Interviewers erwiesen sich als nicht förderlich, um das Gegenüber für das Interview zu gewinnen. (vgl. Gedächtnisprotokoll 1: Z. 12-15)

Die bestehende Beziehung zwischen den Protagonisten dieses Gespräches kam am Ende des Interviews noch einmal zum Vorschein. Das Thema wechselte zu dem Hobby, das für ein vorangegangenes Kennenlernen verantwortlich war.

„Nach dieser Erzählung blickte Herr Sokov auf die Uhr und merkte an, dass es schon spät geworden wäre. Ich stimmte dem zu. Er stand auf und wir kamen noch kurz auf das Thema der aktuellen Schachweltmeisterschaft zu sprechen.“ (Gedächtnisprotokoll 1: Z. 279-281)

Somit ist festzuhalten, dass der Austausch über intime Erfahrungen aus den Leben beider Beteiligten mit einem im Vergleich dazu belanglosen Thema endet. Dieser Ablauf lässt erkennen, dass die Beendigung des narrativen Interviews mit der Wiederherstellung der ursprünglichen Beziehung vollzogen wurde.

Rosenthal verweist darauf, dass es wesentlich ist, den Interviewabschluss nicht bei belastenden Phasen durchzuführen, sondern bei Themen oder Erlebnissen, die aufbauend oder stärkend wirken. (vgl. Rosenthal 2014: 164)


5.2 Verweis auf besser geeignete Person
Als Interventionsstrategie des Interviewten konnte der Verweis auf eine geeignetere Interviewperson erkannt werden. Der Meinung des Probanden nach wäre sein Bruder ein besser geeignetes Untersuchungsobjekt, da dieser ein interessanteres Leben geführt hätte. (vgl. Gedächtnisprotokoll 1: Z. 33f)

Eine plausible Interpretation wäre hier, dass diese Geschichte im familiären Kontext weitergegeben wurde, sodass Herr Sokov diese verinnerlichte. Es ist durchaus vorstellbar, dass sie als Beweis für die erlebte Ungerechtigkeit der Familie weitergetragen wurde. Herr Sokov sieht in seinem Bruder möglicherweise eine Art Held, da dieser Widerstand leistete und dadurch anscheinend einen besonderen Stellenwert in der Familie einnahm. Dies könnte die Intervention „Verweis auf geeignetere Person“ erklären: Die Geschichte seines Helden aufzuzeichnen empfindet er als wichtiger als die eigene.


5.3 Erklären von Handlungen bzw. Ereignissen
Während des Gespräches erklärte die interviewte Person Handlungen oder Ereignisse, an die er sich erinnerte. Im Folgenden wird das Phänomen anhand des paradigmatischen Modell dargestellt.


Abbildung 3: Erklären von Handlungen bzw. Ereignissen (eigene Darstellung)

In der narrativen Erzählung von Herrn Sokov kommt dieses Schema zum ersten Mal bei einer Erzählung über tote polnische Soldaten zum Vorschein.

„In Sibirien war es sehr kalt. Sein Bruder stahl Kohle von Zügen. Dazu kletterten er und seine Freunde auf Zugwaggons, die vorbeifuhren, und warfen dann die Kohle hinunter. Bei so einem Unternehmen fand sein Bruder, unter einer Abdeckplane, polnische Soldaten. (Es hat den Anschein, dass sie tot sind […]) Herr K. merkte hierzu noch an, dass Stalin die Polen hasste, da sie ihm eine empfindliche militärische Niederlage zugefügt haben. Daraufhin schrieb sein Bruder in seinem Pass einen Vermerk: Herkunft Polen. Herr Sokov merkte dazu noch an, dass sein Bruder nun mal so war. Seine Entdeckung am Zug veranlasste ihn zu politischem Ungehorsam.“ (Gedächtnisprotokoll 1: Z. 52-61)

Diese Erzählsequenz beginnt mit einer Argumentation. Sie legitimiert die Handlungsweise des Bruders und seiner Freunde, nämlich den Diebstahl von Heizungsmaterial aufgrund der Kälte in Sibirien. Das Erlebnis des Bruders wird geschildert. Dass die Soldaten tot sind, wird nicht direkt ausgesprochen. Erst die Anmerkung des Interviewers verweist darauf.


5.4 Zusammensetzung von Erinnerungsformen – historisch und erlebt
Herr Sokov erklärte den Grund für den Tod der polnischen Soldaten aus einer historischen Sichtweise. Die militärische Niederlage, von der Herr Sokov berichtete, bezieht sich auf den polnisch-sowjetischen Krieg. Stalin machte im Juli 1920 eine folgenschwere Fehleinschätzung, die zu einer verheerenden militärischen sowie politischen Niederlage führte. Vonseiten bolschewistischer Parteigenossen wurde er dafür heftig kritisiert. Luks (2000) gibt an, dass sich Stalin an vielen seiner Kritiker später rächte. (vgl. Luks 2000: 137)

Es ist eher unwahrscheinlich, dass Herr Sokov bei dem Erlebnis seines Bruders zugegen war (vgl. Abbildung 4). Der Umstand, dass diese Erzählung Platz einnahm und die dazugehörigen Argumentationen sowie Erklärungsschemata verweisen auf die Bedeutung dieses Ereignisses zur eigenen Identifikation. Bei dem Verweis auf Stalin handelt es sich zum einen um weitergegebenes Wissen, das historisch belegt werden kann und zum anderen um eine Erklärung, warum der Machthaber so handelte – Stalin hasste die Polen, deshalb lies er sie töten. Diese Begründung verbindet zwei Erinnerungsstränge miteinander: Zum einen Erinnerungen, die für die eigene Person wichtig sind, zum anderen eine kulturelle Erinnerung, die die eigene Biografie rechtfertigt.

Die geschilderte Erzählsequenz endet nicht bei der Erklärung der Handlung von Stalin, sondern sie gibt zusätzlich eine Überleitung zu einer Reaktion seines Bruders auf das Erlebnis am Zug. Diese Reaktion scheint eine erlebte Erinnerung von Herrn Sokov zu sein. „Darauf hin schrieb sein Bruder in seinem Pass einen Vermerk: Herkunft Polen.“ (Gedächtnisprotokoll 1: Z. 65f) Diese Schilderung zeigt, dass in Herr Sokovs Erinnerung die Handlung des Bruders mit dem staatlichen Einfluss, verkörpert durch Stalin, in Verbindung gesetzt wird.

Bei der Erinnerung an das eigene Aufwachsen lässt sich ein ähnliches Schemata erkennen. Zuerst gibt er an, wann und wo er geboren ist. Sogleich beginnt er über eine Handlung Stalins, die Auswirkung auf den Wohnort seiner Familie hatte, zu berichten.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg veranlasste Stalin, dass alle begnadigt wurden, die Tschetschenen die Rumänen aber nicht die Wolgadeutschen.“ (ebd.: Z. 85f)

Nach dieser Erzählung bezieht Herr Sokov den Interviewer mit ein und fragt, ob der Begriff „Wolgadeutsche“ bekannt sei. Er ergänzt die Antwort des Interviewers, indem er kurz auf historische und milieubezogene Aspekte dieser Volksgruppe eingeht. Zudem gab er an, dass er dort aufwuchs. (vgl. ebd.: Z. 85-92) Diese Erzählsequenz beinhaltet zwei Verweise, die erklärend sind. Zum einen, dass seine Familie und er in ein Gebiet gekommen sind, das ursprünglich von einer Volksgruppe, die unter staatlichen Repressionen stand, besiedelt wurde. Zum anderen einen historischen Verweis auf den Ursprung dieser Volksgruppe (vgl. ebd.: Z. 85-92).

Schippan und Striegnitz (1992) schreiben, dass bereits im August 1941 ein staatlicher Erlass zu tragen kam, der beinhaltete, alle Wolgadeutschen umzusiedeln. Grund dafür war Hitlers Überfall auf die Sowjetunion sowie die Angst der bolschewikischen Politführung, dass sich unter den Wolgadeutschen Spione befinden. Nach dem Krieg wurde die Situation nicht besser, da veranlasst wurde, dass Deutsche und Angehörige anderer repressierter Völker in den Gebieten bleiben mussten, in welche sie während des Krieges umgesiedelt wurden. (vgl. Schippan/Striegnitz 1992: 186ff)

Dieser Auschnitt festigt die Annahme, dass Herr Sokov zwei Erinnerungsstränge zusammenführt. Zum einen das Erlebte, in diesem Fall das Aufwachsen im Gebiet der Wolgadeutschen und zum anderen der historische Rahmen, der dieses Erleben einordnet um dem Gegenüber ein besseres Verständnis für die Erfahrungen ermöglicht.

Bei einer Erzählung, in welcher Herr Sokov eine eigene Handlungen schilderte, kommt die Erklärung vor der Erzählung der erlebten Situation. Ein Beispiel hierfür ist seine Schilderung im Bezug auf die Verhöre unmittelbar nach seiner Verhaftung. Zuerst erklärt die interviewte Person, dass es keine körperliche Gewalt seitens der VerhörerInnen gab. Danach wurde das Erlebnis geschildert, wobei auffallend war, dass es zu keiner detaillierten Beschreibung kam.

„Es wurde der Anschein erweckt, dass durch gezielte Informationsenthaltung oder -preisgabe versucht wurde, so viel wie möglich von Herrn Sokov herauszubekommen, um Personen aus seinem Umfeld zu diskreditieren.“ (Gedächtnisprotokoll 1: Z. 182f)

Es folgte eine Umschreibung der erlebten Situation.

„Herr Sokov bezeichnete dies als ein Schachspiel, welches er mit dem System gespielt hat. […] Dazu merkte Herr Sokov an, dass sich die Verluste, die durch sein Reden entstanden, in Grenzen hielten“ (ebd.: Z. 185f).

Die interviewte Person stellt die Handlungsstrategie bei diesen Verhören mit einem Spiel gleich. Möglicherweise ist das Ablegen der eigenen Persönlichkeit und ein Einnehmen einer anderen Sichtweise eine Bewältigungsstrategie, für solch aussichtslose Lagen. Die Strategien, mit der die Vergangenheit bewältigt wurden, werden erzählt. Es kommt zu Argumentationen für ein Verhalten bzw. es wird erklärt, warum diese Handlung auf das geschilderte Ereignis folgte. Diese Rechtfertigungen bringen dem Gegenüber die jeweilige Situation und deren Rahmenbedingungen näher.


5.5 Spiegeln des Gegenübers
Das Erklären und Argumentieren der interviewten Person hatte auf das Interview unmittelbare Auswirkungen. Der Interviewer verhielt sich kongruent zu seinem Gegenüber.

Die Haupterzählung endete, indem Herr Sokov feststellte, sich in Österreich eingelebt zu haben. Danach stellte er dem Interviewer eine Frage:

„[W]ieso ich mich dafür interessiere, wie ich zum Sozialismus stehe und woher ich komme.“ (Gedächtnisprotokoll 1: Z. 243f)

Die Beantwortung dieser Frage folgte einem ähnlichen Schema wie die Erzählung von Herrn Sokov. Es wurde das Gebiet genannt, in welchem der Interviewer aufwuchs und über den beruflichen Werdegang der Eltern, wurde versucht auf das Thema Sozialismus einzugehen:

„außerdem denke ich, dass sich die Zeit geändert hat und meine Generation nicht von großen politischen Überzeugungen geprägt ist. Vielleicht hat ja der Kapitalismus alles befriedet, in meiner Umgebung.“ (ebd.: Z. 252-255)

Diese Ausführung beantwortet nicht nur die gestellte Frage, sondern birgt auch eine Erklärung in sich. Der Interviewer erlebt sein Umfeld als wenig von politischen Idealen motiviert und erörtert, dass das vielleicht am Kapitalismus liegt. Es ist anzunehmen, dass eine Beeinflussung durch die vorangegangenen Schilderungen von Herrn Sokov und dessen Erzählweise stattgefunden hat. Zusätzlich wird die eigene Person beschrieben, Sichtweisen werden erläutert und dem Gegenüber im Kontext der Vergangenheit erklärt.

Die Erinnerung an politischen Widerstand ist ein zentrales Thema in Herrn Sokovs Erzählung. Im Folgenden (Abbildung 4f) wird dieser Vorgang mithilfe des paradigmatischen Modelles analysiert.


Abbildung 4: Widerstand gegen das politische System (eigene Darstellung)


5.6 Erlebnisse Person/Umfeld
Zu Beginn der Haupterzählphase erzählt Herr Sokov über politische Ereignisse, die zuerst seinen Vater und danach die ganze Familie betroffen haben.

„Sein Vater begann sich für den Sozialismus zu interessieren. Bereits unter Lenin wurden die Sozialisten verboten und sein Vater bekam Probleme. Viele seiner sozialistischen Gesinnungsgenossen wurden erschossen. […] Somit kam seine Familie nach Sibirien.“ (Gedächtnisprotokoll 1: Z. 45-49)

Die Verbannung geschah noch vor der Geburt von Herrn Sokov (vgl. Abbildung 4) somit kann es nur eine Erinnerung an eine Erzählung sein. Trotz dieses Nichterlebens, ist sie zentral im Bewusstsein verankert, da sie erklärt, weshalb sich die Familiengeschichte so entwickelt hat. Im Laufe des Interviews treten Erinnerungen, die einen politischen Bezug haben, vermehrt auf. Beispiele hierfür sind die Situation des Bruders am Zug (vgl. Kapitel 5.3) bzw. die Situation der Wolgadeutschen (vgl. Kapitel 5.4).

Eigene Erfahrungen, bezüglich politisch motivierter Eingriffe in sein Leben, schildert der Interviewte aus seiner Kindheit.

„[Der Volksschullehrer] verschwand plötzlich, da herausgefunden wurde, dass er unter den Deutschen als Lehrer tätig war.“ (Gedächtnisprotokoll 1: Z. 103f)

Das Verschwinden des Volksschullehrers ist ein reales Erlebnis. Es ist unwahrscheinlich, dass im Volksschulalter bereits das politische Verständnis so ausgeprägt war, dass das Verschwinden mit politischen Verhältnissen in Verbindung gebracht werden konnte. Die Annahme liegt nahe, dass Herr Sokov diesen Vorfall erst später mit politischen Umständen in Zusammenhang gebracht hat.

Diese Erinnerungen scheinen ein Zugehörigkeitsgefühl zu erzeugen. Zuerst die Familie, die unter politischen Einfluss stand. Danach die Umgebung, die unter diesem Einfluss zu leiden hatte. Schlussendlich traf es die eigene Person. Welzer, Moller und Tschuggnall (2008: 134) verwenden für „Vorstellungs- und Denkweisen sowie Haltungen und Überzeugungen, über die sich eine Gruppe als Gruppe definiert und ihre Identität über die Zeit hinweg sichert“ den Begriff des kollektiven Bezugsrahmens. Dieser Begriff geht auf Halbwachs (1985) zurück. Herr Sokov definiert hier keine Gruppe, welcher er angehört, doch hat es den Anschein, dass er darstellen möchte, wie es seinem Umfeld ergangen ist.

In der weiteren Erzählung verweist der Interviewte auf persönliche Erlebnisse mit politischen Konsequenzen. „Leute aus der Partei […] lobten sein Organisationstalent und wollten, dass er ihnen beitritt.“ (Gedächtnisprotokoll 1: Z. 111) Es folgte ein Gespräch mit dem Vater, worauf „er die Einladung der Partei höflich aber bestimmt“ (ebd.: Z. 113) ablehnte.

„Die Konsequenz dieser Handlung war, dass er nach seiner Schullaufbahn nur die Silbermedaille bekam. Mit der Goldenen hätte er an der Universität weniger Prüfungen absolvieren müssen.“ (ebd.: Z. 119f)

Diese Erfahrung ist die Erste in der Herr Sokov direkt als Person von politischen Einflüssen betroffen war (vgl. Abbildung 4). Zuvor hatte Politik nur Auswirkungen auf sein Umfeld. Diese Erinnerung deckt auf, dass auch die eigene Person direkt von den Umständen, die zuvor eher die Umgebung beeinflusst hatten, betroffen war. Es hat den Anschein, dass dadurch der Bezug zum Umfeld, das unter der Politik zu leiden hatte, gestärkt wurde. Was durch Erzählungen weitergegeben wurde, wurde nun selbst erlebt. Somit ergänzt sich der kollektive Erinnerungsrahmen mit den eigenen Erlebnissen.

Nach Welzer, Moller und Tschuggnall (2008) ist

„Erinnerung […] immer […] beides: Erinnerung an eine Episode, die für das eigene Leben oder das Leben der Gruppe Bedeutung erlangt hat, und Vergegenwärtigung jener Sätze, Orte oder Gestalten, über die sich eine Gruppe definiert.“ (ebd.: 135)


5.7 Verlust der Familie
Bevor es zu der Schilderung über den aktiven persönlichen Widerstand gegen die Sowjetunion kommt, erinnert er sich an die erste Ehe.

„Während des Studiums lernte Herr Sokov seine erste Frau kennen. Seine Schwiegermutter war mit ihrem Schwiegersohn nicht zufrieden. Sie mochte seine Familie nicht.“ (Gedächtnisprotokoll 1: Z. 126f)

Aufgrund des Besitzes von verbotenen Büchern verlor er seinen Arbeitsplatz (vgl. ebd.: Z. 143-149). Die Ehe wurde geschieden. Herr Sokov erörterte, dass er sich mit seiner Frau zusammensetzte und Folgendes sagte: „Okay, die Angst ist größer als die Liebe, ich verstehe das.“ (ebd.: Z152f)

Herr Sokov sieht den Besitz der verbotenen Bücher nicht als aktiven Widerstand gegen das System, denn erst später im Interview verwies er auf ein aktiv werden seinerseits (vgl. Abbildung 4, bzw. Gedächtnisprotokoll 1: Z. 172ff).

Diese Schilderungen erwecken den Anschein, dass die subjektiv erlebte Einflussnahme des Staates auf Lebenswelten, wie Familie bzw. Beruf, mehr und mehr dazu beitrugen, Widerstand gegen die staatliche Autorität zu leisten.


5.8 Delinquentes Verhalten
Herr Sokov stellt sein delinquentes Verhalten als bewusste Entscheidung dar (vgl. Gedächtnisprotokoll 1: 172ff).

„Herr Sokov meinte dazu, dass das System wie ein Panzer war, der auf einen zurollt. Er konnte nicht ausweichen.“ (Gedächtnisprotokoll 1: Z. 196f)

Die Schilderung bezüglich des Panzers erinnert an eine Szene, die unter dem Namen „Tank Man“ berühmt geworden ist. Auf einen Unbekannten rollen mehrere chinesische Panzer zu. Dieser weicht jedoch nicht aus. Diese Bilder wurden daraufhin weltweit medial veröffentlicht. Die Times wählte den Unbekannten zu den „100 bedeutendsten Personen des 20. Jahrhunderts“. (vgl. o. A. 2009)

„Medien besitzen, obwohl sie nur momentane und mikroskopische Ausschnitte von Geschehenszusammenhängen oder gestellten Ereignissen sind, eine Art Überzeitlichkeit: Sie manifestieren scheinbare authentische, in Wirklichkeit aber höchst artifizielle Perspektiven auf Geschehensverläufe, und damit werden sie zu Deutungsvorgaben, zu Interpretamenten dafür, wie etwas gewesen ist.“ (Welzer/Moller/Tschuggnall 2008: 105)

Möglicherweise verbindet Herr Sokov dieses Bild mit der Lage, in der er sich während seines politischen Engagements befand. Er versuchte, seine Empfindungen im Bezug auf die damaligen Lebensumstände bildlich zu schildern. Unabhängig von der zutreffenden Interpretation, wurde diese Schilderung während des Auswertungsprozesses mit dem Bild „Tank Man“ in Zusammenhang gebracht.


6. Resümee
Diese Fallstudie stellt dar, dass es eine Wechselwirkung zwischen Person und deren sozialem Umfeld gibt. Zum einen ergibt sich dies aus den Erzählungen der Untersuchungsperson und zum anderen aus der Situation des Interviews. Bei Ersteren kommt der Einfluss des politischen Systems auf die Einzelperson bzw. deren Umfeld zum Vorschein (vgl. Kapitel 5.6). Die Einzelperson bzw. das Umfeld reagieren ihrerseits mit Beeinflussung des politischen Systems (vgl. Kapitel 5.8). Diese Wechselwirkung ist auch in der Interview-Situation der narrativen Erzählung zu erkennen. Der Interviewer bzw. dessen Forschungsvorhaben beeinflussen den Interviewten und umgekehrt (vgl Kapitel 5.1 und 5.2). Giddens (1997) geht in der Theorie der Strukturierung noch weiter:

„Menschliche soziale Handlungen sind – wie einige in sich selbst reproduzierende Phänomene in der Natur – rekursiv. Das bedeutet, daß sie nicht durch die sozialen Akteure hervorgebracht werden, sondern von ihnen mit Hilfe eben jener Mittel fortwährend reproduziert werden, durch die sie sich als Akteure ausdrücken.“ (Giddens 1997: 52)

Erinnerung wird in dieser Fallstudie als soziale Handlung dargestellt. Somit ergibt sich, dass auch diese von sozialen Akteuren fortwährend reproduziert werden und die Akteure sich dadurch identifizieren. In dieser Arbeit wurde aufgezeigt, dass Erinnerung von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird, z. B. von individuellen Erlebnissen, dem familiären Umfeld oder den historischen Rahmenbedingungen (vgl. Kapitel 5.4). Es konnte zusätzlich festgestellt werden, dass Erinnerungen durch Medien beeinflussbar sind (vgl. Kapitel 5.8).

Welzer (2001: 11) gibt an:

„aus gutem Grund, ist doch die Wahrnehmung und Interpretation der Vergangenheit und der Wir-Gruppe, zu der man gehört, der Ausgangspunkt für individuelle und kollektive Identitätsentwürfe und dafür, für welche Handlungen man sich in der Gegenwart entscheidet.“

Assmann (1988) unterscheidet zwischen zwei Arten des Gedächtnisses: Dem kulturellen Gedächtnis, das als Sammelbegriff für den jeder Gesellschaft und jeder Epoche eigentümlichen Bestand an Wiedergebrauchs-Texten, -Bildern und -Riten, in deren Pflege ihr Selbstbild stabilisiert und vermittelt wird – also ein kollektiv geteiltes Wissen, vorzugsweise über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewusstsein von Einheit und Eigenart stützt. (vgl. Assmann 1988: 9-19) –, und ein kommunikatives Gedächtnis.

„[Dieses fast] jene Spielarten des kollektiven Gedächtnisses zusammen, die ausschließlich auf Alltagssituation beruhen.“ (Assmann 1988: 10)

„Etwas überpointiert würde das kommunikative Gedächtnis demgegenüber die eigensinnige Verständigung der Gruppenmitglieder darüber beinhalten, was sie für ihre partikulare Vergangenheit im Spiel mit der identitätskonkreten Großerzählung der Wir-Gruppe halten und welche Bedeutung sie dieser beilegen.“ (Welzer 2001: 15)

Die in dieser Forschungsarbeit dargestellten Erinnerungen lassen sich dem Konstrukt des kommunikativen Gedächtnisses zuordnen. Die Verweise auf die historische Ebene (vgl. Kapitel 5.4), die bei der Erinnerung der untersuchten Person festgestellt wurden, belegen einen Einfluss des kollektiven Gedächtnisses auf das kommunikative.

Handlungen in der Gegenwart sind in der Sozialen Arbeit ein zentrales Thema. Für SozialarbeiterInnen, die im direkten KlientInnenkontakt stehen, sollte nach Pantuček (2009) Folgendes beachtet werden:

„Keine ‚Lösung’ aktueller Lebensprobleme ohne Suche nach den ‚Ursachen’, und diese ‚Ursachen’ werden in der Biografie der KlientInnen vermutet. Die Crux dieser Anschauung ist, dass sie zwar in gewissem Sinne stimmt, aber gerade für sozialarbeiterische Diagnose und Praxis systematisch kontraproduktiv ist.“ (Pantuček 2009: 91)

Weiters gibt er an, dass Prozesse veränderbar sind, ohne sie verstehen zu müssen bzw. ist es auch möglich ein Verständnis zu haben ohne Veränderungsmöglichkeiten. (vgl. ebd.: 92)

Diese Arbeit gibt weder ein Verständnis für Erinnerung, noch zeigt sie auf, wie Prozesse verändert werden können. Sie blickt jedoch auf ein Mikrosystem und stellt Faktoren dar, die dieses beeinflussen. Sozialarbeiterische Hilfsmittel wie der biografische Zeitbalken erleichtern es, Ergebnisse zu generieren bzw. darzustellen. Die Auseinandersetzung mit dem politischen Kontext des Forschungsfeldes geben weitere Aufschlüsse und stellen mögliche Beziehungen zu Handlungen dar.

Auch wenn es nicht möglich ist, als SozialarbeiterIn die Lebenswelten der KlientInnen immer genau zu erfassen, so scheint es doch unabdingbar, eine Vorstellung davon zu haben, wie Lebenswelten konstruiert sein können. Erinnerungen sind Baustoffe von Lebenswelten, deren Zusammensetzung nicht genau festgestellt werden kann. Gerade diese Substanzvielfalt sollte die Soziale Arbeit anregen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Der genaue Blick auf den Einzelfall durch die sozialarbeiterische Forschung schärft die Sinne und ermöglicht neue Erkenntnisse in die Arbeitswelt einzubringen.


Literatur

Assmann, A. (2011): Was bedeutet eigentlich Erinnerung? – Aleida Assmann im Gespräch. Interview geführt von Detsch R. (2011), http://www.goethe.de/ges/pok/pan/de7000483.htm (23.02.2014).

Assmann, J. (1988): Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. In: Assmann, J. / Hölscher, T. (Hg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt am Main.

Bohn, T. / Neutatz, D. (2009): Studienhandbuch Östliches Europa. Band 2: Geschichte des Russischen Reiches und der Sowjetunion. 2. Auflage, Köln/Wien/Weimar.

Detsch, R. (2011): Was bedeutet eigentlich Erinnerung? – Aleida Assmann im Gespräch. Interview mit Assmann A., http://www.goethe.de/ges/pok/pan/de7000483.htm (23.02.2014).

Giddens, A. (1997): Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung. 3. Auflage, Fulda.

Giddens, A. / Fleck, C. / Egger de Campo, M. (2009): Soziologie. 3. Auflage, Graz-Wien.

Halbwachs, M. (1985): Das Gedächtnis und seine sozialen Beziehungen. Berlin/Neuwied.

Luks, L. (2000): Geschichte Russlands und der Sowjetunion. Von Lenin bis Jelzin. Regensburg.

o. A. (2009): Der Mann, der sich allein gegen den Panzer stellte. In: der Standard online, 2.6.2009, http://derstandard.at/1242317283401/Tankman-Tango-Der-Mann-der-sich-allein-gegen-die-Panzer-stellte (10.03.2014).

Pantuček, P. (2009): Soziale Diagnostik. Verfahren für die Praxis Sozialer Arbeit. 2. Auflage, Wien/Köln/Weimar.

Rosenthal, G. (2014): Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung. 4. Auflage, Weinheim/Basel.

Schippan, M. / Striegnitz, S. (1992): Wolgadeutsche. Geschichte und Gegenwart. Berlin.

Strauss, A. / Corbin, J. (1996): Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Weinheim.

Wagner, H. (2000): Milieu und Subkultur als Elemente eines empirischen Strukturmodells zum Phänomen des Rechtsradikalismus. In: Hirschfeld, U. / Kleinert, U. (Hg.): Zwischen Ausschluß und Hilfe. Soziale Arbeit und Rechtsextremismus. Leipzig.

Welzer, H. (2001): Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung. Tradierung. Hamburg.

Welzer, H. / Moller, S. / Tschuggnall, K. (2008): Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus im Familiengedächtnis. 6. Auflage, Frankfurt am Main.


Interviews

Gedächtnisprotokoll 1: Erstellt am 20.11.2013 (nach der narrativen Erzählung von Herrn Sokov), verfasst von Thomas Truppe

Gedächtnisprotokoll 2: Erstellt am 13.11.2013 (nach der telefonischen Interviewvereinbarung), verfasst von Thomas Truppe


Über den Autor

Thomas Truppe BA, Jg. 1986
thomastruppe@gmx.at

Sozialarbeiter in der Wiener BerufsBörse, Tätigkeitsschwerpunkt Sucht und Arbeitslosigkeit seit 2014. Masterstudiengang General Sozial Work an der FH St. Pölten, Forschungsschwerpunkt ethnomethodologische Sozialforschung und Systemtheorie seit 2014.






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