soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 15 (2016) / Rubrik "Thema" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/448/788.pdf


Martin J. Gössl:

„Diversität“ in den Vorhöfen der Macht?

Gesellschaftliche Vielfalt als Stabilisatoren. Ein Essay


1. Einleitung
Als vor einigen Jahren an den Hochschultagen des Forums Alpbach dem Thema Diversität nachgegangen wurde, waren viele neutral abwartend, manche interessiert zuhörend und nur wenige euphorisch berstend. Der Zustand spiegelt sich heute in der österreichischen Gesellschaft wieder, wobei die große Gruppe jener Menschen, die dem Thema abwertend belächelnd oder gar aggressiv negativ gegenüber stehen, – ein durchaus relevanter Anteil in der Bevölkerung – nicht unerwähnt bleiben darf.

Eines ist jedoch gewiss: Ob die gesellschaftliche Vielfalt erkannt, benannt oder gar genutzt wird oder eben nicht, Diversität ist das Thema einer aktuellen Zeit. Sie spiegelt sich in unzähligen Inhalten regionaler, nationaler und internationaler Entscheidungsprozessen wieder. Die Vielfalt der Menschen macht Angst oder schafft Profit und wird gerne als Gefahr oder Bereicherung von scheinbar klar-definierten Identitätsprofilen verstanden.

Keinem Thema schlagen so viel Desinteresse, Emotionen und politische Aufmerksamkeit entgegen wie den aktuell multiplen Verhandlungen von menschlicher Diversität im Detail.


2. Vielfalt und Diversität: Darf es ein bisschen mehr sein?
Seit der erfolgreichen Etablierung einer Frauen- und Geschlechterforschung in Österreich wurden zunehmend kritische Beiträge dieser wissenschaftlich-interdisziplinären Denkwelt nicht nur einer Academia, sondern weit über diese Grenzen einer breiten Öffentlichkeit näher gebracht. Die Ungleichstellung der Frauen, die Hartnäckigkeit von gesellschaftlichen Normen, Sexualität und Macht aber auch Erwartungen vs. Chancen u.v.m. waren und sind große Überschriften, die die Essenz einer österreichischen Gesellschaft, fundiert aufgearbeitet anhand bahnbrechender Forschungsinitiativen vor allem engagierter Wissenschafterinnen, einem kritischen Blick unterworfen wurden. Die Vielfalt der Gesellschaft und die damit verbundenen Machtverteilungen sind relativ schnell und offenkundig als nicht-gleichberechtigt verteilt entlarvt worden. Seit den 1970er-Jahren kommen immer mehr Forschungsergebnisse, Analysen und kritische Betrachtungen hinzu. Die nationale Perspektive hat sich dabei um eine internationale Rahmensetzung erweitert, wodurch Vergleiche möglich und Alternativen sichtbar werden.

Seit nun einigen Jahren wird mit dem Begriff Diversity, Vielfalt oder Diversität operiert, wodurch sich nun endgültig das Interesse für die Unterschiede (oder Gemeinsamkeiten, je nach Perspektive) nachweisen lässt. Dieser Zugang ist, historisch begründet, glücklicherweise stark von einer kritischen Frauen- und Geschlechterforschung getragen, wobei ebenso viele DenkerInnen einer queeren Disziplin (Forschungsfelder die sich mit Themen außerhalb heteronormativer Ordnungswelten beschäftigen) sich dem Vielfaltsbegriff sehr früh angenähert haben.

Oftmals begonnen mit dem einen, stellen heute die WissenschafterInnen nur mehr die Frage nach dem anderen, nämlich ob es ein bisschen mehr sein darf? Wenig überraschend hat sich die Perspektive rasend schnell von Geschlecht, sexuelle Orientierung und Behinderungen etc. zu weiteren Themenfeldern wie beispielsweise Migration oder Alter verbreitert, wobei ein Ende des Themenreigens noch lange nicht in Sicht ist. Viele Themen wurden, andere sollten und wenige mussten an Beachtung gewinnen. Die derzeitige Lage bringt gerne all jene VertreterInnen von akademischen Disziplinen auf die Bühne, die etwas zu Flucht und Migration beitragen können.


3. Langlebige Theorie(n)
Gerade die angewandten Wissenschaften, die sich heute mit der Vielfalt in Details auseinandersetzen, wandeln auf Pfaden der praktischen Nachprüfbarkeit und gehen dabei gerne den Fragen nach, wo sich die Vielfalt versteckt und wie diese aussieht. Gerne werden dabei altbekannte TheoretikerInnen zur Verwendung gebracht, die mit ihren theoretischen Grundlagen wunderbare Werkzeuge für die Analyse einer Gesellschaft bereitstellen. Michael Foucault (1983) wird dabei weit über die Fachgrenzen von Sexualität hinaus zitiert, Pierre Bourdieu (2005) erfreut sich ebenso großer und weitläufiger Beliebtheit. Beide dürfen zurecht gerade hinsichtlich vielfältiger Analysen nicht fehlen.

Doch diese langlebigen Theorien fordern geradezu nach einer weiteren Notwendigkeit, dessen Einlösung nur spärlich wahrzunehmen ist: die theoretische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Vielfalt und die kritische Annäherung an die Machtzentren einer Gesellschaft. Bourdieu als auch Foucault (und einige andere mehr) siebten ihre Themen in gewissenhafter Detailarbeit, um am Ende einer kritischen Reflexion von Macht (und Ohnmacht) Raum zu widmen. Eine Reflexion, die bis heute einen wichtigen wissenschaftlich-theoretischen Baustein liefert, sobald Machtsphären unter die Lupe genommen werden. Und grade hinsichtlich der Betrachtung von gesellschaftlicher Vielfalt ist die Perspektive von Machtkonstellationen niemals irrelevant.


4. Schöne, queere Zeiten?
Die zentrale Frage kann daher lauten: Leben wir in schönen, queeren Zeiten? (vgl. Gössl 2014) Sind nun Zuschreibungen und Machtfaktoren – da als Faktum bekannt – nun endlich im Visier von politischen Veränderungsprozessen? Leistet die Wissenschaft ihre Beiträge, um der Politik die notwendigen Handlungsleitlinien vorgeben zu können? Gilt es nun abzuwarten, bis die langsamen Mühlen gesellschaftlicher Verhaltensmuster verändert sind? Ist die von Judith Butler (2006) beschriebene Matrix schon im Wandel begriffen?


5. Die Last von Funktionen
Die Last der Funktionen, in denen wir uns täglich bewegen, scheinen nur wenig von der gesellschaftlichen Veränderung betroffen zu sein. Die Erwartungen an Geschlechter, an Eltern und Kinder, an ArbeitnehmerInnen oder gar an BürgerInnen (etc.) sind zunehmend von ambivalenten Botschaften umspült und Teil politischer Debatten. Die oftmals sehnsüchtig betrachteten Eindeutigkeiten der Vergangenheit verblasen im aktuellen Sturm multipler Anforderungsprofile. Die Funktion umstülpt den Menschen und belegt diesen mit einer, bzw. mehreren Rollen und den dazugehörigen Erwartungen. Der Bezugsrahmen hat sich dabei nur wenig verändert, weswegen sich die Last der Funktionen erhöhen musste. Ein Elternteil mit Karriere und Kind steht vor der täglichen Herausforderung einer Kinderbetreuung, als Tochter oder Sohn sind scheinbar alle Lebensoptionen offenen, wenn man zu funktionieren weiß. Ältere Menschen sind die attraktive Zielgruppe, solange sie fähig sind ihre Geldscheine selbst in die Hand zu nehmen. Viele dieser Themen sind altbekannt und gerne Teil politische Pamphlete seit den 1968er-Jahren. Doch die „Normalisierung“ der berühmten sozialen Bewegung um 1968 hat auch in Österreich zur Abmilderung klarer Standpunkte geführt; teils wegen fehlender Perspektiven bei der Umsetzung, teils im Eintausch für Teilerfolge. So begnügt man sich heute mit der Begrifflichkeit einer strukturellen Ungleichstellung, welche gleichsam abstrakt wie unbarmherzig die Funktionen als Sammelbegriff zusammenfasst.


6. Vorhöfe der Macht
Der Schlagabtausch für systematische Stabilität passiert in den Vorhöfen gesellschaftspolitischer Machtsphären. Dabei lässt sich Macht nur selten als Gesamtes personifizieren oder gar lokalisieren. Sie ist nur bedingt fassbar als auch nachweisbar, jedoch in erhöhtem Maße und in verdichteter Weise bei bestimmten Personenkreisen und mit bestimmten lokalen Einschränkungen vorzufinden.

Die moderne Welt eruptierte, als 1968 die sozialen Revolutionen ausbrachen und dabei die Welt in ihren Grundfesten zu hinterfragen begannen. Es waren die Zeiten einer Bürgerrechts-, Frauen-, und Schwulenbewegung (sowie vielen anderen Gruppen), die plötzlich nicht mehr bereit waren, einen Gesellschaftsvertrag zu akzeptieren, der sie als Gruppe zu einem Leben mit weniger oder keiner Anerkennung abqualifizierte. Der Begriff von Macht (bzw. Power) wurde plötzlich von zentraler Wichtigkeit; die Macht wurde nun definiert, bestimmt, klassifiziert und dokumentiert. Funktionen und Personen mit Macht standen augenblicklich im Fokus und mussten sich einem kritischen Publikum stellen, wohl wissend, keine begründete Antwort auf die Frage, warum denn sie die Macht innehatten, geben zu können. Bis heute gibt es diese Antwort nicht.

So kraftvoll die kritische Auseinandersetzung begann, so wenig scheint heute von dieser Perspektive noch Anwendung zu finden. Machtsphären scheinen wieder akzeptiert zu sein, Armut vererblich und die Frau eine Ausnahmeerscheinung in den höchsten Führungsetagen. Die Vorhöfe der Macht, also jene Bereiche, in denen Anerkennung an jene verteilt wird, die sich bereitwillig dem bestehenden System angleichen, schwächt das kritische Moment ungemein. Die Verteilung von Wohlstand, adäquaten Spielwiesen für Karrieren und gesetzlichen Mindeststandards in der Gleichstellung schafften ausreichende Stabilität um das bestehende System – die Matrix – tiefgreifend zu verankern.

Die gesellschaftliche Vielfalt dreht sich in einem Diversitätskreis um den machtvollen Mittelpunkt, wobei die Orientierung zum Zentrum über eine Solidarisierung zu den vielen anderen Dimensionen von Vielfalt triumphiert.


7. Sozialarbeit und Vielfalt
Die gesellschaftlichen Spannungsfelder sind aktuell nicht nur breiter, sondern auch vielfältiger denn je geworden. Die eigene Identität erfreut sich einer Freiheit, die noch nie so groß war wie heute, doch nicht alle können diese Offenheit an Möglichkeiten nutzen. Karrieren und Entwicklungsräume scheinen grenzenlos zu sein, doch noch nie waren Druck, Erwartungen und Unerreichbarkeiten so spürbar wie heute.

In der Tat scheint die aktuell moderne Gesellschaft neue Herausforderungen zu entwerfen und doch Altes im System zu behalten – dies gilt auch für die Soziale Arbeit. Die Diversität einer Gesellschaft spiegelt sich genau in diesen Ambivalenzen in Form von menschlichen Schicksalen wider. Es sind dabei nicht nur Gesichter, die vor einem Zaun stehen und auf Einlass warten oder auf der Straße sitzen und um Geld betteln, sondern viele weitere Formen alter und neuer sozialer Unzulänglichkeiten. Kategorisierungen machen hierbei in der praktischen Arbeit Sinn, um notwendige Lösungsmuster erstellen zu können. Dies gilt ebenso in einer praktisch-wissenschaftlichen Aufarbeitung zeitgenössischer Problemstellungen. Darüber hinaus wird es allerdings eine Auseinandersetzung mit einer gesellschaftlichen Matrix der Macht benötigen, um wichtige theoretische Konzepte für eine zukunftsträchtige Politik entwerfen zu können. Theorie und Praxis von Sozialarbeit sind jedenfalls herausgefordert.


Literatur

Bourdieu, Pierre (2005): Die verborgenen Mechanismen der Macht. Hamburg.

Butler, Judith (2006): Gender trouble, feminism and the subversion of identity. New York.

Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Frankfurt am Main.

Gössl, Martin J. (2014): Schöne, queere Zeiten? Eine praxisbezogene Perspektive auf die Gender und Queer Studies. Bielefeld: transcript.


Über den Autor

Mag. Dr. phil. Martin J. Gössl, Jg. 1983

studierte Geschichte an der Karl-Franzens Universität Graz. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt in den historischen Gender und Queer Studies; Promotion 2010. Seit 2009 fungiert er an der FH JOANNEUM als Stabstelle für „Gleichbehandlung und Vielfalt“ im Bereich Verwaltung, Lehre und Forschung.
Wissenschaftliche Schwerpunkte: Gender & Queer Studies im zeithistorischen/aktuellen Kontext, Diversity Studies, Gesellschaftliche (Ab-)Normen.






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