soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 16 (2016) / Rubrik "Junge Wissenschaft" / Standort Eisenstadt
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/476/846.pdf


Michael Proksch:

Unwürdige Arbeitslosigkeit

Zentrale Kategorie einer Masterarbeit zur Bedeutung von Langzeitarbeitslosigkeit im Wandel der späten Moderne


Erwerbsarbeit ist in der Gegenwart eine zentrale Vergesellschaftungsform der Anerkennung und sozialen Teilhabe und gleichzeitig ein exklusives Gut geworden. Durch sie sollten Menschen Sinn, Ansehen und ihre Position in den gesellschaftlichen Verteilungskämpfen finden. Die Beschäftigungsverhältnisse verlieren gegenwärtig ihre Stabilität und büßen ihre Funktion, Menschen soziale Sicherheit zu vermitteln, ein. Diese Entwicklungen sind als spezifische Merkmale der späten Moderne zu betrachten. In der späten Moderne kommt es zur Umsetzung von neoliberalen Wirtschaftsstrategien (vgl. Bourdieu 1998) und zu einer Rückkehr von Unsicherheit in die Mitte der Gesellschaft (vgl. Castel/Dörre 2009). Kurz gesagt ist gesellschaftliche Ungleichheit nach den Blütejahren des Sozialstaates in den 70er-Jahren auf ihrem Vormarsch (vgl. Castel 2000).

Das Forschungsvorhaben und die Fragestellung entwickelte sich vor dem Hintergrund dieses hier umrissenen sozialen Wandels der späten Moderne. Diese Frage, welche nun weiter diskutiert und mit der Masterarbeit verfolgt wurde, lautet:

Mit welchen sozialen Bewertungen ist der Status der Langzeitarbeitslosigkeit verbunden, den Menschen erfahren, die über ein Jahr ohne Erwerbsarbeit sind, kein Vermögen besitzen oder durch eine andere anerkannte Rolle in die gesellschaftliche Erwerbsarbeitsteilung eingebunden sind?

Die Untersuchung hält sich nicht an die vom Arbeitsmarktservice (AMS) geschaffene Differenzierung von Langzeitarbeitslosen und Langzeitbeschäftigungslosen1 und definiert als Langzeitarbeitslose alle jene Menschen, welche ein Jahr ohne Erwerbsarbeit waren, Anspruch auf Leistungen des AMS haben und schon für ein Jahr einer Erwerbsarbeit nachgegangen sind. Der Besuch von AMS-Kursen und Maßnahmen, wie etwa geförderte Beschäftigung, wird dabei auch als Arbeitslosigkeit definiert. Jugendliche und junge Erwachsene wurden auf Grund ihrer spezifischen Lebenslage als Untersuchungspersonen von der Forschung ausgeschlossen. Ab ungefähr fünfzig Jahren kommt es zu einer Veränderung in der Arbeitslosensituation und die Gruppe wird im fachlichen Diskurs des AMS „ältere“ oder „fünfzig+“ (vgl. Csarmann 2015, Grieger 2015) genannt. Für diese Gruppe bestehen eigene Beschäftigungsinitiativen und Förderungen und ihr Alter zusammen mit dem Verlust der Arbeitsstelle kann zu längerer Arbeitslosigkeit führen. Zusammenfassend sind für diese Studie relevante Personen zwischen dreißig und fünfzig Jahre alt, waren zumindest ein Jahr erwerbstätig und sind seit einem Jahr oder länger von Arbeitslosigkeit betroffen.


1. Grundlegende theoretische und methodische Überlegungen

Bevor auf die empirischen Ergebnisse der Analyse eingegangen wird, werden das der Forschung zugrundeliegende methodische Verständnis und Sampling dargestellt. Es handelt sich hier um eine Arbeitslosigkeitsforschung an deren Anfang die Marienthalstudie (vgl. Jahoda/Zeisel/Lazarsfeld 1975) steht. Diese hat für das Arbeiterdorf Marienthal, in dem eine Textilfabrik geschlossen und dadurch die Arbeiterschaft in die Arbeitslosigkeit gestürzt wurde, die sozialen, psychischen und gesundheitlichen Folgen herausgearbeitet. Sie hat veranschaulicht, wie soziale Netzwerke und Handlungsspielräume durch Arbeitslosigkeit zersplittern. Bei dieser Untersuchung werden nun die gesellschaftlichen und diskursiv konstruierten Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit analysiert. Hierfür wurde mittels Grounded Theory (vgl. Strauss/Corbin 1996) eine systematische, induktiv abgeleitete gegenstandsbegründete Theorie über die soziale Bedeutung von Langzeitarbeitslosigkeit aus der Perspektive von Betroffenen konstruiert. Der Blick auf das durch episodische Interviews erhobene (vgl. Flick/Kardorff/Keupp 1995: 124-129) Datenmaterial ist dabei durch das ethno-methodologische Paradigma begründet. Zentral sind dabei Schützes (1973) Konzeption des Alltagswissens und Garfinkel und Rawls (2006) symbolischer Interaktionismus. Eine weitere für die Forschung relevante Auffassung ist die, dass Sprache als das zentrale Symbolsystem verstanden wird. Die wissenschaftliche Erforschung sozialen Handelns widmet sich also der Untersuchung von Funktionen und Bedeutungen von Symbolsystemen (vgl. Helle 1977) und soziale Ordnung kann folglich durch Sprache rekonstruiert werden.

Die Namen der interviewten Personen und auch die Einrichtung, in welchen diese geführt wurden, sind auf Grund der Privatsphäre der Personen anonymisiert – die verwendeten Namen dienen der Veranschaulichung. Für diesen Artikel werden drei der insgesamt vier Interviews verwendet. Der Zugang zu den Interviewten erschloss sich über zwei sozialökonomische Betriebe (SÖB)2 in Wien. Die Interviewten werden im weiteren Helga, Peter und Astrid genannt. Helga ist ungefähr 45 Jahre alt, hat einen Hauptschulabschluss und ist eine ungelernte Servicekraft in der Gastronomie. Astrid ist dreißig Jahre alt und Studentin. Sie hat das Gymnasium besucht und dann ein Bachelorstudium in Anthropologie abgeschlossen. Trotz ihres momentanen Masterstudiums ist sie aber auch beim AMS als Langzeitarbeitslose gemeldet. Peter ist ungefähr 40 Jahre alt, hatte das Gymnasium besucht, es aber nach der 7. Klasse abgebrochen und besitzt folglich einen Pflichtschulabschluss. Die drei Interviews decken eine weite Altersspanne ab, beinhalten Männer als auch Frauen und es sind unterschiedliche soziale Milieus vertreten.

Bei der Bildung der hier vorliegenden Theorie wurden die offenen Kodes der Grounded Theory durch dieses ethnomethodologische Paradigma konstruiert und beim axialen Kodieren wurden demnach Interaktionen als soziale Prozesse rekonstruiert. Es handelt sich also um eine reflexive Forschung der Rekonstruktion sozialer Ordnung. Dieses Offenlegen von Prozessen der Wirklichkeitskonstruktion ermöglicht es, soziale Ordnung in einer wissenschaftlichen Logik zu analysieren und das Handeln von AkteurInnen aus einer kritischen Perspektive zu betrachten. Der Zwang des Feldes und die ihm immanente Logik ist, die gesellschaftlich konstruierte Vorstellung zu verhärten und sich so zu erhalten. Das Offenlegen von damit zusammenhängenden Zuschreibungsprozessen ermöglicht es aber, soziale Ordnung zu begreifen und Diskurse durch die Darstellung des symbolischen Kampfes zu durchbrechen. (vgl. Bourdieu 1988: 48)


2. Unwürdige Arbeitslosigkeit als zentrale Kategorie

Die Lage, in welcher sich Personen in Langzeitarbeitslosigkeit befinden, ist in der zentralen Kategorie der Masterarbeit und dem Begriff der unwürdigen Arbeitslosigkeit gefasst. Alle weiteren Forschungsergebnisse bauen auf dieser Erkenntnis auf. Hiermit ist keineswegs gemeint, dass die Person keine Würde mehr hätte, sondern es handelt sich um ein gesellschaftliches Element der sozialen Ordnung, mit dem soziale AkteurInnen als vergesellschaftete Individuen durch institutionelle Praktiken der Verwaltung und Zuschreibungsprozesse in Interaktionen konfrontiert werden. Durch die episodisch narrativen Erzählungen der vier für die Studie interviewten Personen wird begründet, weshalb Langzeitarbeitslosigkeit eine unwürdige Arbeitslosigkeit ist. Die vier Untersuchungspersonen wurden in zwei sozialökonomischen Betrieben (SÖB) in Wien interviewt und entschieden sich freiwillig dazu, an der Forschung teilzunehmen. Zur Zeit des Interviews arbeiteten sie in den gegenständlichen SÖBs, sie hatten jedoch alle auch schon über eine weitaus längere Episode als ein Jahr keine Anstellung am ersten Arbeitsmarkt innegehabt.

Einer Erwerbsarbeit nachzugehen ist keine individuelle Entscheidung von sozialen AkteurInnen. Hingegen besteht eine gesellschaftlich geschaffene Aufforderung einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Im Interview mit Petra lassen sich zwei grundlegende Merkmale solch einer Arbeit identifizieren. Sie ist erstens damit verbunden, Geld zu verdienen. Zweitens ist Arbeit als Job zu sehen, der von der Gesellschaft definiert wird. Arbeit ist auf diese Weise also nicht von gesellschaftlichen Diskursen und den symbolischen Kämpfen um die richtige Weltsicht zu trennen. Erkenntlich ist eine Doxa (vgl. Bourdieu/Pialoux/Schwibs 1979, auch König/Berli 2012) der Erwerbsarbeit, eine gesellschaftlich geteilte Vorstellung, die als Naturgesetz der sozialen Ordnung auftritt. Diese besagt, dass Arbeit ein Job ist und Geld verdient wird – sie also eine Erwerbsarbeit ist – und dass, was ein Job ist, von gesellschaftlichen AkteurInnen als solcher anerkannt werden muss. Jene Tätigkeiten, die Menschen neben der Jobsuche ausführen, finden demnach keine mit Erwerbsarbeit gleichrangige Anerkennung und sie können in der sozialen Ordnung nicht das Fehlen von Erwerbsarbeit ersetzen (vgl. I3: Z. 503-510). Zur besseren Differenzierung wird nun von Erwerbsarbeit gesprochen und darunter wird die Doxa der Erwerbsarbeit, die in den öffentlichen Diskursen gemeinhin als Arbeit bezeichnet wird, verstanden. Dies ist auch in der Benennung der zuständigen Institution – Arbeitsmarkt Service – zu erkennen. Der Arbeitsmarkt ist demnach alleine der Erwerbsarbeitsmarkt, auf dem Geld verdient wird und jegliche andere produktive Tätigkeit wird aus dem Blickwinkel ausgeschlossen.

Im System der Unterstützung gibt es dennoch die Möglichkeit, vom Zwang zur Erwerbsarbeit befreit zu werden. Kranke, Menschen mit Behinderungen, Kinder, SchülerInnen sowie Mütter in der Schwangerschaft und nach der Geburt werden durch Transferleistungen von der Erwerbsarbeit befreit und müssen temporär keiner Erwerbsarbeit nachgehen. Neben diesen geduldeten Formen der Arbeitslosigkeit lassen sich jene AkteurInnen identifizieren, welche ausreichend mit ökonomischem, symbolischem und kulturellem Kapital ausgestattet sind. Sie sind GewinnerInnen des Spiels um Anerkennung außerhalb von Erwerbsarbeit. Wenn soziale AkteurInnen aber keiner Erwerbsarbeit nachgehen können und nicht mit ausreichendem ökonomischen oder kulturellen Kapital ausgestattet sind, befinden sie sich in einer unwürdigen Position. Zentral ist hierbei die im weiteren ausgearbeitete These, dass Menschen in Langzeitarbeitslosigkeit auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind, diese in Anspruch nehmen müssen und sich als vergesellschaftete AkteurInnen gegenüber anderen sozialen AkteurInnen dafür zu rechtfertigen haben.

Ein Ausschnitt aus dem Interview mit Peter legt dar, dass neben den eben vorgestellten Situationen, in denen gesellschaftliches Verständnis für Erwerbsarbeitslosigkeit vorherrscht, noch eine weitere Differenzierung besteht. Demnach macht es einen Unterschied, ob sozialstaatliche Transferleistungen in Form von Mindestsicherung und/oder Notstandshilfe, beziehungsweise Versicherungsleistungen bezogen werden (vgl. I2: Z. 327-328).

Es kristallisiert sich heraus, dass Peter mit anderen nicht offen über seine Situation als Langzeitarbeitsloser spricht. Er bezeichnet sich als normal arbeitslos und weder als Langzeitarbeitsloser, noch Mindestsicherungsbezieher. Hier ist der Wendepunkt zu setzen, an dem die unwürdige Arbeitslosigkeit beginnt. Der Punkt, an dem über die eigene Lage nicht offen gesprochen werden kann. In der Situation der über ein Jahr langen Arbeitslosigkeit werden die Personen mit der Doxa der Erwerbsarbeit konfrontiert und stehen vor der gesellschaftlich geschaffenen Aufforderung, ihre Lage immer und immer wieder zu erklären bzw. sie gegenüber anderen zu verschweigen. Als zentrale Instanz des Umganges mit all jenen in unwürdiger Arbeitslosigkeit lässt sich das AMS und seine Politik der Verwaltung von (Langzeit-)Arbeitslosen identifizieren.


3. AMS als Verwalterin von unwürdigen Arbeitslosen

In diesem Kapitel werden die Methoden des AMS, die Langzeitarbeitslosen zu verwalten, erschlossen. Dabei wird nicht die Rückkehr auf den ersten Arbeitsmarkt diskutierten, sondern was es bedeutet, als Langzeitarbeitsloser die Position von unwürdigen Arbeitslosen einzunehmen, in einem SÖB zu arbeiten und dann in die Arbeitslosigkeit zurückzukehren. Erkenntlich wird, dass die „normale Wirtschaft“ (I1: Z. 45) für die langzeitarbeitslose Person zu einem System geworden ist, dem sie sich zwar unterwerfen muss, das ihr jedoch nicht länger reguläre Erwerbsarbeit anbietet. Sie befindet sich stattdessen im Auffangbecken des Arbeitsmarktes, dem Arbeitsmarktservice, dem AMS.

Vorerst wird die Beratung und die Politik der Weiterbildung analysiert und ein Konzept von Hilfe herausgearbeitet, das offenbart, dass diese vom AMS nur beschränkt zur Verfügung gestellt wird. Danach wird die Bedeutung des Coachings und der SÖBs für Menschen in Langzeitarbeitslosigkeit und die Rückkehr zum AMS dargestellt. Für die Darstellung wird die Perspektive der Betroffenen gewählt, ihre persönlichen Erfahrungen stehen im Zentrum. Am Ende des Artikels wird diskutiert, was unwürdige Arbeitslosigkeit für die Soziale Arbeit bedeutet und welche Handlungsaufforderungen aus den empirischen Erkenntnissen geschlossen werden können.


3.1 Beratung als Hilfe

Die Abwicklung der AMS-Beratung, welche Helga beschreibt, ist auf sachliche Fragen ausgerichtet. Der Termin fungiert dabei wohl als Kontrolle, bei der überprüft wird, ob arbeitslose Personen ihren Pflichten nachgehen. Zeit ist bei dem von ihr beschriebenen Akt eine knappe Ressource. Ihr persönliches Wohlbefinden und auch ihre derzeitige Lage sind nicht Teil der von ihr dargestellten Beratung, die das AMS anbietet. Glücklich schätzen würde sie sich dann für jede Unterstützung, welche ihr zur Verfügung gestellt wird, auch wenn es ein Kurs sein sollte, den sie schon mehrfach besucht hat (vgl. I1: Z. 126-127).

Mit der Metapher nur eine Nummer zu sein, erörtert Peter die konkrete Situation der Beratung:

„Du bist dort nur eine Nummer ehrlich gsagt“ (I2: Z. 170).

Dabei stellt sich der Interviewer die Frage, ob eine Hilfebeziehung möglich ist, wenn das Gegenüber bloß als Nummer angesehen wird. Und im Weiteren entsteht durch Peter eine Differenzierung von zwei Beratungstypen:

„Ich sag, die meisten AMS-Berater nehmen sich keine Zeit, sie hörn sich kurz an wie siehts aus, bewerben sie sich brav, OK, ja, geben da wieder zwei, drei Stellen mit – des wars, oda sie buchen dich nach ein paar Monaten wieda zu am neuen Kurs zu“ (I2: Z. 170-172).

Bei dem ersten Beratungstypen entsteht keine persönliche Beziehung und die Person fühlt sich wie eine Nummer behandelt. Von solchen BeraterInnen gibt es jedoch

„eine Minderheit, aba die kannst wirklich mit einer Hand abzählen. Wirklich gwissenhaften AMS-Mitarbeitern, die schaun sich wirklich um was passt zu dir, oda gibt’s da wirklich Kurse, die passen zu deinem Berufsbereich“ (I2: Z. 173-175).

Diese Personen würden dann auch wirkliche Hilfe leisten, da sie auf die spezifischen Bedürfnisse eingehen und den Arbeitslosen eben nicht wie eine Nummer abfertigen. Diese „gewissenhaften“ (I2: Z. 147) BeraterInnen beginnt Peter weiter zu beschreiben und es kristallisiert sich dabei heraus, was Peter als Hilfe ansieht:

„Die schaun dann wirklich gezielter, oda: aha, ich kenn privat wen, in a Firma, vielleicht. Der schickt dann dort deine Unterlagen hin“ (I2: Z. 175-176).

Das AMS bietet nur auf eine beschränkte Art und Weise Hilfe an. Diese ist nicht institutionalisiert, sondern wird von solchen BeraterInnen übernommen die „gewissenhaft“ (I2: Z. 147) sind. Solche BeraterInnen passen einerseits die Kurse an die Bedürfnisse des Arbeitslosen an, andererseits haben sie ein privates Netzwerk, in dem sie die Arbeitslosen vermitteln können. Die vom AMS vermittelten Stellen sind hingegen des Öfteren alt bzw. schon vergeben (vgl. I1: Z. 202-203) und die Arbeitslosen haben dennoch zu Vorstellungsgesprächen zu erscheinen.

Die Person ist arbeitslos gemeldet, kann selber keine Erwerbsarbeit finden und bekommt dann, wenn sie eigentlich Hilfe und Unterstützung erwarten würde, Vorstellungsgespräche vermittelt, die für sie gar keinen Sinn machen und wird in der institutionellen Betreuung als „Nummer“ behandelt. Eben darin lässt sich die Abwertung und die fehlende Unterstützung erkennen – wobei dieser Betrieb am AMS wohl von der Dauer der Arbeitslosigkeit unabhängig und als institutionelle Praxis der Verwaltung verankert ist. Die Person, welche aus dem Spiel um Erwerbsarbeit gedrängt wird und als langzeitarbeitslos deklariert ist, wird dennoch durch eben diese Praxis des AMS erniedrigt. Das Grundprinzip der Beratung des AMS wäre dabei „schnell abfertigen“ (I2: Z. 185) und dies macht die Personen zu einem Sachverhalt. Peter wünscht sich von den AMS-BeraterInnen hingegen eine „persönliche Betreuung“ (I2: Z. 186), die danach fragt, weshalb etwas nicht passt und somit eine „g[e]wisse Hilfe“ (I2: Z. 187) anbietet, welche er sich vom AMS gewissermaßen „erwartet“ (I2: Z. 187).

Peter erzählt jedoch, dass er im AMS kaum persönliche Beratung und Hilfe bekommen konnte und der Interviewer fragt ihn daher, ob er auch schon ein persönliches Coaching bekommen habe. Peter hatte solch ein Coaching schon einmal und das war „über eine andre (…) Agentur“ (I2: Z. 194). Peter wurde bei diesem Coaching von der Unternehmensberatungs-GmbH „die Berater“ (I2: Z. 197) über ein Jahr „begleitet“ (I2: Z198). Damit ging laut Peter ein fixer Termin einmal im Monat einher und Peter wurde vom AMS „hinbucht“ (I2: Z. 202) und es war „wirklich für Langzeitarbeitslose“ (I2: Z. 202). Auch hier wird sichtbar, wie wirkmächtig die Definition als Langzeitarbeitsloser ist und wie die arbeitslose Person mit dieser Definition konfrontiert ist und auch weiß, dass bestimmte Angebote eben genau für solch eine Personengruppe geschaffen werden. Peter spricht davon, dass es „zielführender [ist], weil da hatte ich dann mehr Einladungen als wenn ich nur direkt vom AMS coacht werde“ (I2: Z. 205-Z206). Herausstechend ist, dass Peter nicht das Coaching, sondern die größere Zahl an Einladungen zu Bewerbungen als das Zielführende bezeichnet. Laut Peter „wachsen die Chancen“ (I2: Z. 208) bei der Zusammenarbeit mit externen Firmen. Peter spricht hier explizit von einer Firma und er weiß wohl, dass es eben kein sozialpädagogischer Verein ist, der ihm hier ein Coaching anbietet. Peter unterscheidet nach einer Pause von einer Sekunde zwischen „Kursinstitute[n]“ (I2: Z. 207), die „mittelmäßige“ (I2: Z. 207) Chancen mit sich bringen und „externe[n] Beratungsfirmen“ (I2: Z. 208), bei denen die Chancen eben wachsen. Danach erklärt er, was diese Chancensteigerung durch solche Firmen ausmacht. Diese Steigerung liege darin, dass „Spezialisierte“ (I2: Z. 209) Stärken, Schwächen und was zu einer Person passt, testen. Durch diese Tests suchen sie dann passende Firmen und kontaktieren ihre KlientInnen.

„Dann rufens dich an Herr … [Peter] sie ham am Sa… dem Tag Zeit, weil wir hätten da für sie ein Vorstellungsgespräch organisiert. Also da ist einiges damal zusammenkommen“ (I2: Z. 210-212).

Beim Coaching geht es also neben den persönlichen Coachingterminen darum, Firmen möglichst passende ArbeitnehmerInnen anzubieten und so die von ihnen gesuchten Arbeitsstellen auszufüllen. Andererseits ist die arbeitslose Person jedoch nicht damit konfrontiert, sich bei alten oder unpassenden Stellen, was bei AMS-Bewerbungen wohl öfter der Fall ist, bewerben zu müssen. Für Peter bedeutet dies wohl eine Entlastung, allerdings wird die arbeitsuchende Person komplett den suchenden Firmen und deren ökonomischen Interessen untergeordnet. Das Bestreben ist einzig und allein, ein Unternehmen zu finden, das zu den Stärken und Schwächen der arbeitslosen Person passt. Externe Firmen übernehmen die Personalsuche für Unternehmen über das AMS und diese werden somit finanziell entlastet.

Obgleich Unternehmen aus dieser Konstruktion Vorteile ziehen können, sieht Peter im Jobcoaching einen gravierenden Nutzen. Er erklärt: „sowas Spezielles mit einer einjährigen Betreuung das bringt wieda was“ (I2: Z. 119-120). Diese Erfahrung begründet sich wohl darauf, dass „die Leute dann wirklich persönlich auf einen eingehn“ (I2: Z. 121). Hierin wird auch ersichtlich, dass Peter nicht als ein Sachverhalt verwaltet werden will, sondern persönliche Unterstützung und Hilfe sucht. Bei solchen Beratungsfirmen werden die persönlichen Kompetenzen festgestellt und es existiert auch ein Interesse an der arbeitslosen Person. Auch wenn dieses Interesse wohl ein ökonomisches ist, muss dem beigepflichtet werden, dass Peter bei solchen Firmen bessere Erfahrungen als bei anderen Angeboten gemacht hat. Sie können zu einem großen Teil das erfüllen, was zuvor als Hilfe herausgearbeitet wurde. Sie erkennen persönliche Kompetenzen und vermitteln zu passenden Arbeitsstellen. Die Arbeitslosen werden also nicht als Nummer, sondern als Person, mit Kompetenzen, Schwächen und Stärken, behandelt. Wie zuvor festgestellt wurde, macht das AMS eben dies nicht. Auch können diese speziellen Beratungsangebote erst entgegengenommen werden, wenn die Person als langzeitarbeitslos deklariert ist. Mit anderen Angeboten als Job-Coaching, wie etwa durch das AMS vermittelte Bewerbungstrainings, machen die Arbeitslosen aber eher schlechtere Erfahrungen.


3.2 Der SÖB als ein Gegenmodell zur Weiterbildungspolitik

Wenn Arbeitserfahrung zu einer knapper werdenden Ressource wird, kann das Fehlen von dieser zum Ausschluss aus dem Arbeitsmarkt führen. Es werden von Unternehmen also Personen mit spezifischen Qualifikationen, Personen, die möglichst wenig anrechenbare Vordienstzeit und Personen mit wenigen oder kurzen Phasen von Arbeitslosigkeit, gesucht. Der Mensch fügt sich sohin den Marktvorstellungen, gibt dem gesellschaftlichen Druck nach und erhöht durch Weiterbildungen die Qualifikationen, um so innerhalb des Spiels um Erwerbsarbeit bleiben zu können. Der Trumpf am Arbeitsmarkt ist jedoch die Arbeitserfahrung selbst und demnach sollen die KursteilnehmerInnen in den Bewerbungstrainings lernen, das Loch in ihrer Biografie zu „flicken“ (I2: Z. 200). Es gibt also einen Diskurs, der besagt, dass der Humankapitalwert einer Person abnimmt, je länger sie sich in Arbeitslosigkeit befunden hat. Auch das AMS fügt sich dieser Annahme und bei den Kursen soll den Personen daher gelehrt werden, ihren Lebenslauf auszuschmücken und sie müssen gegenüber den zukünftigen ArbeitgeberInnen ihre Phase der Arbeitslosigkeit möglichst gut erklären können. Es werden schlussendlich wohl eher Personen mit vorhergehender Arbeitserfahrung zu Bewerbungsgesprächen eingeladen und in solch einer Dynamik verfestigt sich folglich auch die Position von Personen in Langzeitarbeitslosigkeit. Die arbeitslose Person steht dann vor der Herausforderung, eine sehr widersprüchliche Situation zu bewältigen. Peter beschreibt dies mit der Metapher „des wurmt dann einen selba“ (I2: Z. 160).

Peter hat somit seine Qualifikation erweitert und sich in der Zeit am AMS „gsagt, ich versuch so viel noch mitzunehmen, was geht“ (I2: Z. 231-232). Da Peter wohl immer bemüht gewesen ist und dennoch schon mehrere Jahre ohne Erwerbsarbeit ist, stellt der Interviewer die Frage, ob dies nun etwas „bringt“ (I2: Z. 23). Peter antwortet darauf:

„Also anscheinend… Ich hab an Haufen Qualifikationen, im Endeffekt bringts ma nix weil des des die Arbeitserfahrung durch diese vielen Kurse (…) nicht nicht vorhanden is weil du steckst dann imma paar Monate oda paar Wochen in ein Kurs und das dann geht da dann wieda die Arbeitszeit ab und das is dann…“ (I2: Z. 238-241).

Obwohl sich Peter durch das Erweitern seiner Qualifikationen erwartet hatte, eine Arbeit zu finden, ist seine Erfahrung, dass die Arbeitserfahrung wichtiger als die Qualifikation ist. Peter erzählt weiter:

„Supa, du hast dann eine Latte von Ausbildung, du bist das, das, das und dann supa, dann fragt dich, wo war die Arbeitszeit? Ham sie das während der Arbeitszeit gmacht? Oda, na ich hab durchgängig ein Kurs gmacht. Also des is dann auch… kommt auch komisch an“ (I2: Z. 243).

Auch wenn die Person durchgängig Kurse besucht hat, kommt dieses bei einem Bewerbungsgespräch komisch an. ArbeitgeberInnen stellen lieber solche Personen ein, die vorhergehende Arbeitserfahrung nachweisen können und konsequenterweise wird diese umso wichtiger, umso länger die Arbeitslosigkeit ist. Auf dem österreichischen Arbeitsmarkt, der im Jänner 2015 eine Arbeitslosenquote von 10,5% aufweist (vgl. AMS 2015), ist es dann wohl begreiflicherweise möglich, für die Tätigkeiten andere Personen mit Arbeitserfahrung einzustellen. Die Akkumulation von Qualifikationen, die durch das AMS ermöglicht wird, kann also das Loch in der Biografie nicht stopfen.

Als ein Gegenmodell zur Akkumulation von Qualifikationen ist der hier gegenständliche sozialökonomische Betrieb (SÖB) zu sehen, in dem die Interviews geführt wurden. Gleichwohl ist dieser am zweiten Arbeitsmarkt angesiedelt und es handelt sich dabei um eine zeitlich befristete Tätigkeit.

Helga veranschaulicht die Bedeutung des SÖB damit, dass sie in ihrer Arbeitslosigkeit dann „froh“ (I1: Z. 41) ist, wenn sie „so ein[en] Job“ (I1: Z. 41) hat. Mit der Phrase wird die untergeordnete Rolle der Arbeit in einem SÖB ersichtlich. Helga schildert, dass sie ein zweimonatiges Arbeitstraining hat und dann einen auf sechs Monate befristeten Vertrag bekommt – „mit dem Ziel, dass du dann doch in die normale Wirtschaft reinkommst.“ (I1: Z. 41-45) Helga belegt durch ihr Wissen, dass die Maßnahme dem Ziel verbunden ist, auf den ersten Arbeitsmarkt zurückzukehren. Sie belegt auch, dass dieses Ziel den KlientInnen des SÖBs bekannt ist. Den ersten Arbeitsmarkt bezeichnet Helga als die „normale Wirtschaft“ (I1: Z. 45).

„[Man] Hofft auf einen Job und dann kommt‘s drauf an, ob du gewisse Tage hast, ja. Wenn du gewisse Tage hast, kriegst du Arbeitslosengeld, wenn du weniger als diese Tage hast, kriegst du Notstand3.“ (I1: Z. 429-430)

Die Länge des Dienstverhältnisses ist so gewählt, dass die Person ohne eine weitere Anstellung in dem Kalenderjahr wieder auf Notstandshilfe und Mindestsicherung angewiesen sein wird.

Es gibt eine Trennung zwischen erstem und zweitem geförderten Arbeitsmarkt. Diese Trennung bedeutet, dass das Ziel der Arbeitsstelle im SÖB eben darin besteht, eine ungeförderte Arbeitsstelle in der normalen Wirtschaft zu finden. Zudem wird in dieser Sequenz ersichtlich, welche Praxis der Herrschaft das AMS gegenüber den Arbeitslosen anwendet. Dem Anschein nach sollen die Personen, auch wenn sie sich noch so sehr um das Finden einer Erwerbsarbeit bemühen, nicht der misslichen Lage der Langzeitarbeitslosen enthoben werden. Es entstehen nicht genug Versicherungsmonate, um wieder Arbeitslosengeld zu erhalten und von Notstandshilfe befreit zu werden. Dies ist eine Praxis der Bestrafung von langzeitarbeitslosen AkteurInnen.

Prekarität, damit verbundene schlecht bezahlte Arbeit und unsichere Beschäftigungsverhältnisse werden gegenwärtig zur Norm. Obwohl die interviewten Personen eigentlich auf der Suche nach einer möglichst sicheren Beschäftigung sind, ist die SÖB-Maßnahme vertraglich auf 6 Monate begrenzt und somit eine befristete und prekäre Beschäftigung. Solch ein zweiter Arbeitsmarkt wird all jene, die den Übergang in den ersten Arbeitsmarkt nicht schaffen, für ihr Versagen tadeln. In allen vorhergehenden Interviewausschnitten lässt sich hingegen das Bemühen der interviewten Langzeitarbeitslosen um eine Anstellung erkennen. Langzeitarbeitslose AkteurInnen wollen wohl das System der institutionellen Verwaltung verlassen und eine gesellschaftlich anerkannte Tätigkeit ausführen.

Es nicht zu schaffen, nach den sechs Monaten im SÖB eine Erwerbsarbeit am ersten Arbeitsmarkt zu finden, wird von Helga als „a Sturz vom siebenten Himmel oda vom zehnten Stock aufn Erdboden“ (I1: Z. 80) bezeichnet. Im SÖB erhält die Person die Möglichkeit, das System der Transferleistungen zu verlassen, Geld selbstständig zu verdienen und einer sinnvollen – wenn auch untergeordneten – Erwerbstätigkeit nachzugehen. In dieser Zeit, in welcher Personen einer Erwerbsarbeit nachgehen können, nimmt die Abwertung auf Grund ihrer gesellschaftlichen Lage ab. Sie können sich als berufstätig deklarieren und haben einen geregelten Tagesablauf. Die Person wird jedoch vollkommen unabhängig von ihrer geleisteten Arbeit auf Grund der vertraglichen Regelung nach sechs Monaten in die Langzeitarbeitslosigkeit zurückgesandt und so scheint auch der SÖB nichts an der unwürdigen Lage von Personen ändern zu können.

Helga spricht etwa davon, im SÖB hochmotiviert zu sein, Bewerbungen zu schreiben und sie wird dennoch damit konfrontiert, dass ihre Bewerbungen zu keinem Erfolg führen. Diese Erlebnisse werden von der Interviewten als „demotivierend“ (I1: Z. 67) bezeichnet. Aus diesem Grund würde sie sich dann an „diese Arbeit, was man hier [SÖB] hat“ (I1: Z. 69) halten. Die Praxis des AMS entwertet jedoch auch die von der Person geleisteten Bemühungen, da das Ziel mit der Maßnahme nicht erreicht und sie dann durch den Bezug von Notstandshilfe ‚bestraft‘ wird. Die Prämisse ist schlussendlich, dass ein SÖB, insofern die arbeitsuchende Person die Chancen eine Arbeit zu finden nicht genutzt hätte, keinen Einfluss auf ihre Lage haben soll. In der Zeit, in der die Person im SÖB tätig ist, ändert sich dennoch kurzfristig ihre Rolle und sie ist nicht länger auf Transferleistungen angewiesen. Trotzdem kann sie die unwürdige Arbeitslosigkeit wohl erst verlassen, wenn sie eine endgültige Arbeit findet und die nötige Zeit erwerbstätig ist, um wieder reguläre Arbeitslosenversicherung beziehen zu können. Wenn dem nicht so ist, hat sie wieder Notstandshilfe zu beziehen und die Verantwortung für ihre Lage selbst zu tragen. Es handelt sich hierbei um eine institutionelle Regelung, die es den langzeitarbeitslosen Personen erschwert, das System der Notstandshilfe und Mindestsicherung zu verlassen.

Es wurde nun analysiert, wie das AMS all jene in unwürdiger Arbeitslosigkeit verwaltet. Diese Verwaltung geschieht wohl nach dem Vorsatz, den Personen die geringste mögliche Unterstützung zu bieten. Das Wohl des Arbeitslosen ist dabei nicht das Ziel der institutionellen Verwaltung, sondern vielmehr ihn zu deklarieren und seinem Weg zuzuweisen. Durch diese Praxis wird dem Langzeitarbeitslosen selbst seine Lage immer wieder vor Augen geführt. Arbeitslose zu veralteten Stellen zu schicken, aber auch die Behandlung als Nummer sind als solche Praktiken des unwürdigen Umgangs zu identifizieren. Die zentrale These lautet, dass unwürdige Arbeitslosigkeit eine Lage ist, in der die Person in Langzeitarbeitslosigkeit ihre eigene Lage gegenüber anderen AkteurInnen nicht offen ansprechen kann oder sich beim Ansprechen dafür schämen muss. Es sind Menschen, die der Doxa der Erwerbsarbeit nicht nachkommen; als gesellschaftlicher Akteur/gesellschaftliche Aktuerin in einer auf Konkurrenz durch Erwerbsarbeit und Karriere basierenden Gesellschaft haben sie also verloren. Ihre Chancen zur Teilhabe am ersten Arbeitsmarkt werden mit der Dauer der Arbeitslosigkeit geringer.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass Langzeitarbeitslosigkeit eine soziale Lage ist, welche als unwürdige Arbeitslosigkeit bezeichnet werden kann und zwar auf Grund folgender Erkenntnisse:

  1. Soziale AkteurInnen haben sich im gesellschaftlichen Raum der Doxa der Erwerbsarbeit zu fügen. Es besteht demnach eine allgemeine Aufforderung, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, und diese ist sozialisatorisch geprägt. Von dieser Aufforderung können andere gesellschaftlich anerkannte, oder rechtlich definierte Rollen befreien. So sind etwa junge Menschen, Menschen mit Behinderungen, Mütter und Väter in Karenz von der Doxa der Erwerbsarbeit befreit. Wenn solche anerkannten Rollen nicht vorhanden sind, hat die arbeitslose Person die Verantwortung für ihre Lage hingegen selbst zu tragen.
  2. Es besteht ein gravierender Unterschied zwischen AkteurInnen, welche Leistungen der Arbeitslosenversicherung beziehen und solchen, die auf Notstandshilfe angewiesen sind. Die institutionelle Rahmung führt dazu, dass sich die Person nicht länger zu den „normalen“ Arbeitslosen zählen kann und etikettiert sie mit einem Sonderstatus.
  3. Beim Übergang in das System der Langzeitarbeitslosigkeit kommt es zu einer unwürdigen Lage, in der sich die Arbeitslosen mit dem ständigen Vorwurf konfrontiert sehen, dass sie nicht arbeiten wollen. Folglich zeigen ihre Sprechweisen in den geführten Interviews diese ständige Inszenierung als gute, arbeitsuchende Menschen. Dabei ist eine persönliche Geschichte vorhanden, mit welcher sie ihre eigene soziale Lage erklären können. Auch wenn sie erklärt werden kann, erfährt die Abhängigkeit von Sozialleistungen in der sozialen Ordnung eine negative Bewertung, welche zu immer weiteren Erklärungsaufforderungen und Inszenierungen als ehrliche Arbeitslose führt. Nach unten hin grenzen sich Langzeitarbeitslose von Arbeitslosen ab, die ihre Transferleistungen missbräuchlich verwenden würden.
  4. Je größer das Loch in der Biografie ist, desto schwieriger wird es für die erwerbslosen Personen dieses zu flicken. ArbeitgeberInnen wünschen sich Angestellte, welche möglichst kurze Phasen von Arbeitslosigkeit erlebt haben. Gleichzeitig wird mit der Dauer der Arbeitslosigkeit auch die Aufforderung, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, und der geschäftliche Druck immer größer.
  5. Hilfe durch das AMS wird aus der Betroffenenperspektive nur wenig zur Verfügung gestellt und ist im vorhandenen System ein rares Gut. Hingegen gibt es viele Erfahrungen, in denen durch institutionelles Vorgehen Abwertungen erfahren wurden. So werden Arbeitslose etwa zu Bewerbungsgesprächen für bereits vergebene Stellen geschickt. Allerdings werden von den Betroffenen aber auch solche AMS-BeraterInnen hervorgehoben, welche gewissenhaft arbeiten und dadurch Hilfe ermöglichen.


4. Welche Richtung kann die Soziale Arbeit der späten Moderne einschlagen?

Soziale AkteurInnen sind in der späten Moderne vereinzelte UnternehmerInnen und sollen dabei von sozialen Transferleistungen unabhängig sein. Gleichzeitig unterliegen sie dem Zwang, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. In Phasen von Erwerbslosigkeit kommt es zu einem Abbau von sozialen Netzwerken, dessen drastischen Effekt die Marienthalstudie durch die Rückgänge in den Vereinsmitgliedschaften aufgezeigt hatte (vgl. Jahoda/Zeisel/Lazarsfeld 1975). Der Kontakt zu Erwerbstätigen könnte wohl solche sozialen Strukturen erhalten, Erwerbslose werden jedoch in SÖBs und Maßnahmen am zweiten Arbeitsmarkt untergebracht. Dabei arbeiten sie einerseits mit Menschen, die dasselbe Schicksal erlitten haben, und werden andererseits von den Erwerbstätigen am ersten Arbeitsmarkt abgespalten und systematisch ausgegrenzt. Statt im Spiel um Erwerbsarbeit am ersten Arbeitsmarkt zu bleiben, stehen die Personen davor, sich in einem SÖB zu bewerben und dann sogar von diesem abgelehnt zu werden. Aus dieser Perspektive sind die analysierten Interviews mit Privilegierten geführt worden, da sie in einem SÖB arbeiten dürfen. Es darf dabei nicht unberücksichtigt bleiben, dass Langzeitarbeitslosigkeit von der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung geschaffen wird. Erwerbsarbeit ist ein Beteiligungsinstrument des Spiels um Erfolg und Karriere und wird durch politische Entscheidungen zunehmend zugunsten von Unternehmensgewinnen flexibilisiert. Wenn aber immer mehr Menschen der Doxa der Erwerbsarbeit nicht nachgehen können, wird es zu sozialen Problemen kommen und sie werden zu Überzähligen der Erwerbsordnung – sie sind die neuen Neopauperisten (vgl. Castel 2000: 358). Dieses Problem einer zunehmenden Gruppe von Überzähligen und unwürdigen Arbeitslosen, welche auf die Solidarität der Bevölkerung angewiesen sind, kann zu einem werden, das die Gesellschaft in zwei Lager spaltet; besonders wenn die Vorstellung vorherrschend ist, dass Personen „eh alles schaffen könnten“ und nur die „Faulen“ arbeitslos werden würden. Dies wird, und das merken auch die Interviewten, zu einem zunehmenden Problem werden, auf das schon heute Antworten gesucht werden müssen. Der Trend ist aber auch in sich widersprüchlich, da Arbeitslosigkeit jeden treffen kann und darf, etwa auch AkademikerInnen, Langzeitarbeitslosigkeit aber eine Lage bleibt, welche eher jene mit niedrigen Bildungsabschlüssen trifft. Unabhängig davon ist ihre Problematik aber eben auch in den damit verbundenen sozialen Bewertungen ersichtlich.

Wie kann aber die Soziale Arbeit solchen Trends entgegenwirken? Es braucht für all diese Personen eine starke Vertretung, die durch wissenschaftliche Methoden die Diskurse und Prämissen des spätmodernen Kapitalismus analysiert und sich kritisch im Sinne der Betroffenen positioniert. Auch all jene, die behaupten, es sei unsinnig, über Überflüssige zu sprechen, oder dass auch Erwerbsarbeit ein Zwang sei, sollten sich darüber klar werden, dass trotz alledem die Personen in Erwerbsarbeit mehr Freiheit haben und in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung eine angemessene, und nicht eine beschämende Position, innehaben. Wenn nochmals auf die Arbeitslosigkeit mit Versicherungsleistungsbezug zurückgeblickt wird, wo das Eintreten der Beschämung mit dem Beginn der Langzeitarbeitslosigkeit startet, wäre eine sozialpolitische Veränderung darin möglich, dass die Zeit für den Bezug des Arbeitslosengeldes angehoben wird. Eine zweite sozialpolitische Änderung ist darin zu sehen, dass die Personen nicht auf zwei Ämter angewiesen sein sollten. Die Mindestsicherung müsste demnach auch beim AMS bezogen werden können. Wobei drittens darüber diskutiert werden müsste, auch sozialarbeiterische Beratung am AMS und in seinen Beratungsangeboten zu verankern. Es besteht in den externen Kursagenturen wenig sozialarbeiterische Beratung und das Angebot des Job Coachings wird bspw. zu einem großen Teil durch Firmen der Unternehmensberatung übernommen. Diese drei Änderungen könnten die beschämende Lage vieler langzeitarbeitsloser Personen wohl nachhaltig beeinflussen.

Neben dem Sozialstaat und dem AMS steht aber auch die Sozialpädagogik und die Soziale Arbeit davor, Kritik am eigenen Umgehen mit Arbeitslosen zu üben. Es scheint, als würde sie sich durch die zunehmende Schaffung von Kompetenztrainings und dem Angebot von Bewerbungstrainings der neoliberalen Wirtschaftsordnung fügen und keine Veränderung der Bedingungen bewirken. Genau dazu muss sie sich positionieren und nicht naiv immer neue und neue Angebote für diese Personen schaffen, sondern am besten mit ihnen und ProfessionistInnen gemeinsam dieses System hinterfragen und einen kritischen Blick darauf werfen.

Die Antworten auf den Wandel der späten Moderne bedürfen weiterer Forschungen und einer praktizierten, kritischen Sozialpädagogik. Diese sollte Gesellschaftsverhältnisse hinterfragen und gleichzeitig Angebote sowohl für Handlungsfähigkeit als auch für positive Selbstwerterfahrungen schaffen. Die Entdeckung des sozialen Nahraums und die Nachbarschaftlichkeit als Gemeinwesensarbeit stellen dabei eine zentrale Entwicklungsmöglichkeit für die zukünftige Sozialpädagogik und Soziale Arbeit dar.


Verweise
1 Als Langzeitarbeitslose sieht das AMS nur Menschen, welche über ein Jahr ohne Unterbrechungen durch Schulungen arbeitslos waren. Die AMS-Definition als Langzeitbeschäftigungslose, betrifft hingegen jene, welche ein Jahr ohne Erwerbsarbeit waren, sieht Schulungen nicht als Arbeitszeiten und erlaubt auch zweimonatige Unterbrechungen durch Dienstverhältnisse, die frühzeitig beendet werden.
2 Ein sozialökonomischer Betrieb (SÖB) wird vom Arbeitsmarktservice (AMS) gefördert und stellt zeitlich befristete Arbeitsplätze für arbeitsmarktferne Personen zur Verfügung. Diese Arbeitsplätze sollen Menschen, welche aus unterschiedlichen Gründen langen Phasen von Arbeitslosigkeit ausgesetzt sind, dazu dienen, in den ersten Arbeitsmarkt zurückzukehren.
3 In Österreich wird zwischen dem Arbeitslosengeld als reguläre Versicherungsleistung durch die Arbeitslosenversicherung und der Notstandshilfe unterschieden. Wenn eine Person ein Jahr Arbeitslosengeld bezogen hat, erlischt ihr Anspruch und sie kann beim AMS Notstandshilfe beantragen. Bei beiden Bezügen können zusätzlich Leistungen der bundesländerspezifischen bedarfsorientierten Mindestsicherung über das für den Wohnort zuständige Sozialamt bezogen werden.


Literatur

AMS (2015): Winterarbeitslosigkeit: 406.239 arbeitslose Personen im Jänner 2015. http://www.ams.at/_docs/001_Jaenner_2015_SPEZIALTHEMA.pdf (22.05.2015).

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Castel, Robert (2000): Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz: UVK Universitäts-Verlag.

Castel, Robert / Dörre, Klaus (Hg.) (2009): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt a. M.: Campus-Verlag.

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Garfinkel, Harold / Rawls, Anne Warfield (2006): Seeing sociologically. The routine grounds of social action. Boulder: Paradigm Publisher.

Grieger, Nadine (2015): Ältere am Arbeitsmarkt: Bedeutung der Generation 50+ steigt. http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/001_spezialthema_0215.pdf (31.8.2016).

Helle, Horst Jürgen (1977): Verstehende Soziologie und Theorie der symbolischen Interaktion. Stuttgart: Vieweg+Teubner Verlag.

Jahoda, Marie / Zeisel, Hans / Lazarsfeld, Paul Felix (1975): Die Arbeitslosen von Marienthal. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

König, Alexandra / Berli, Oliver (2012): Das Paradox der Doxa. Macht und Herrschaft als Leitmotiv der Soziologie Pierre Bourdieus. In: Imbusch, Peter (Hg.): Macht und Herrschaft. Sozialwissenschaftliche Theorien und Konzeptionen. Wiesbaden: Springer VS, S. 303–333.

Schütze, Fritz (1973): Zur Einführung: Alltagswissen, Interaktion und Gesellschaftliche Wirklichkeit. In: Schütze, Fritz (Hg).: Alltagswissen, Interaktion und Gesellschaftliche Wirklichkeit 1 + 2. Reinbeck: Rowohlt, S. 11-53.

Strauss, Anselm / Corbin, Juliet (1996): Grounded Theory. Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz Psychologie-Verlag-Union.


Quellen

I1: Interview geführt mit Helga am 28.08.2014, Transkript, Zeilen durchgehend nummeriert

I2: Interview geführt mit Peter am 17.10.2014, Transkript, Zeilen durchgehend nummeriert

I3: Interview geführt mit Astrid am 17.10.2014, Transkript, Zeilen durchgehend nummeriert


Über den Autor

Michael Proksch MA, Jg. 1989
m.proksch@gmx.at

2009 bis 2012 Bachelorstudium der Sozialen Arbeit an der FH St. Pölten.
2012 bis 2015 Masterstudium in Sozial- und Integrationspädagogik an der AAU Klagenfurt.
Seit 2015 Doktorat in Sozialpädagogik an der AAU Klagenfurt.






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