soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 19 (2018) / Rubrik "Thema" / Standort Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/569/1028.pdf


David Lemmerer:

Rationalisierungsweisen sozialraumbezogener Ansätze im Kontext unternehmerischer Stadtpolitik

Sozialraumarbeit im Stadtentwicklungsgebiet Hauptbahnhof Wien


Der nachfolgende Artikel basiert auf der Masterarbeit „Sozialraumarbeit und die Neuordnung des Städtischen. Eine Untersuchung sozialraumbezogener Ansätze im Stadtentwicklungsgebiet Hauptbahnhof Wien“ an der FH Campus Wien, 11/2016.


1. Einleitung

Die Raumdebatte wird seit dem Beginn der 1990er-Jahre im deutschsprachigen Fachdiskurs der Sozialen Arbeit weitestgehend unter dem Begriff der „Sozialraumorientierung“ (SRO) rezipiert. Sozialraumorientierte Ansätze kommen gegenwärtig im Großteil der Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit zur Anwendung.1 Die Vielzahl an Ansätzen umfasst ein sehr heterogenes Feld höchst unterschiedlicher Lesarten von Sozialräumlichkeit sowie theoretische, konzeptionelle und methodische Zugänge.

Zunehmend kommen auch in der Stadt Wien sozialraumbezogene Ansätze in interdisziplinären Projektzusammenhängen zur Anwendung. (vgl. Krisch et al. 2011, Stadt Wien – Beratungsgruppe Soziale Arbeit im öffentlichen Raum 2013, Stövesand/Stoik 2015). Diese sind auch im Kontext eines allgemeinen Paradigmenwechsels hin zu unternehmerischer Stadtpolitik2, wie Beyer, Hamid und Kiczka (2010) und Hamedinger (1999) für Wien reflektieren, sowie veränderter Regierungsweisen und Territorialisierungsstrategien zu sehen und häufig dem Bereich städtischer Sicherheits- und Ordnungspolitik über öffentliche Räume zuzuordnen (vgl. Auernhammer et al. 2015, Brock et al. 2010, Diebäcker 2014, Krieger et al. 2007), aber auch in Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsprojekten zu verorten.

Aus der Bemerkung, dass sozialraumorientierte Ansätze einerseits nur auf einen dünnen theoretischen Kanon über Herausforderungen, Arbeitsweisen und Ziele professioneller sozialräumlicher Praxis zurückgreifen können und andererseits nur sehr wenige empirische Befunde zu gegenwärtigen Arbeitsweisen bestehen, ergibt sich die Hauptforschungsfrage: „Wie rationalisieren sozialraumbezogen tätige Einrichtungen ihr Handeln im Kontext postfordistischer Stadtpolitik?“ Die vorliegende Praxisforschung ist in diesem Sinn als diskursive Anregung für eine stärker selbst- und machtreflexive „Sozialraumarbeit“ (vgl. Kessl/Reutlinger 2010) angelegt. Eine solche versteht sich aus einer theoretisch begründeten Perspektive als sozialräumliche Praxis, welche sich für eine transparente Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse einsetzt. Im Zentrum dieser Perspektive steht die Grundannahme, dass die beiden Aspekte – die „Rede vom Raum“ und der „Kampf um die Neuordnungen des Räumlichen“ – untrennbare und wesentliche Träger politischer Auseinandersetzungen um die Neuformierung sozialer Zusammenhänge sind (vgl. ebd.: 18).

Als Untersuchungsgebiet wurde das 1,5 km südlich des Stadtzentrums überwiegend im 10. Wiener Bezirk Favoriten gelegene Stadtentwicklungsgebiet um das 2015 eröffnete „Jahrhundertprojekt Wien Hauptbahnhof“ (ÖBB-Holding AG o. J.) gewählt. Parallel zum Bau der Bahnhofsinfrastruktur (2009 bis 2015) entsteht bis 2021 im Umfeld des extrem dicht besiedelten gründerzeitlichen Altbaugebiets ein neuer Stadtteil mit ca. 5.000 Wohnungen für 13.000 Menschen und geschätzten 20.000 Arbeitsplätzen auf einer Fläche von ca. 109 ha (vgl. ÖBB-Infrastruktur AG 2018). An den Bahnhof unmittelbar nördlich angrenzend entsteht das Quartier Belvedere, welches hauptsächlich durch Bürogebäude sowie durch eine gewerbliche Nutzung der Erdgeschosszonen charakterisiert sein wird. Südlich des Bahnhofs entsteht das „Sonnwendviertel“ mit dem Helmut-Zilk-Park und einer multifunktionalen Bildungseinrichtung (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1
Abbildung 1: Stadtentwicklungsgebiet Hauptbahnhof (Wirtschaftskammer Wien 2014)


Es wurden zwei AnbieterInnen aufsuchender Straßensozialarbeit („Sam hbhf“, „Caritas Streetwork“) und das „Stadtteilmanagement Sonnwendviertel“ der „Gebietsbetreuung Stadterneuerung Favoriten“ beforscht. Dadurch kann ein arbeitsfeldübergreifender Vergleich gezogen werden, welcher die Arbeitsrealität und die Wissensfelder zunehmend interdisziplinär operierender Teams abbildet.


2. Methodik und Forschungszugang

Die sozialraumbezogen tätigen Fachkräfte werden als Gruppe von ExpertInnen betrachtet, deren Handlungs- und Erfahrungswissen eine entscheidende Rolle innerhalb der professionellen sozialräumlichen Praxis zukommt. Es interessiert, einer kritisch-reflexiven Perspektive folgend, an welchem Deutungswissen (vgl. Bogner/Menz 2002: 43f, zit. nach Flick 2007: 215) die SozialraumarbeiterInnen ihre sozialräumliche Haltung und ihr professionelles Handeln ausrichten. Ziel ist es, die darin enthaltenen impliziten handlungsleitenden sowie explizit begründeten Raumbilder und die zugrundeliegenden normativen Orientierungen, Sinnstrukturen und Wissensbestände nachzuvollziehen. Um die nicht-systematisierten Anteile des Praxis- und Handlungswissens und die darin angelegten Sinnstrukturen einem reflexiven Gesprächsprozess zugänglich zu machen, kam ein qualitatives Forschungsdesign zur Anwendung, das eine Kombination von Ansätzen des qualitativen Interviews (ExpertInneninterview, Offenes Leitfadeninterview, Gruppendiskussion) mit der Methode der Fallvignette verbindet. Die Methode der Fallvignette ist eine sozialwissenschaftliche Erhebungsmethode, welche sich auf eine hypothetische Ausgangssituation bezieht, die den befragten Personen als Gesprächsstimulus vorgelegt wird, mit der Bitte die Situation zu beurteilen, Handlungsbezüge herzustellen und zu begründen. (vgl. Schnurr 2003, zit. nach Stiehler/Fritsche/Reutlinger 2010)

Die Gespräche wurden in Gruppendiskussionen mit MitarbeiterInnen aus Basis- und Leitungsebene durchgeführt. Der erste Teil des Interviews bestand aus der Diskussion zweier sozialraumbezogener Fallvignetten. Beide Vignetten konzentrieren sich auf ein Gebiet, das sich mit dem Arbeitsgebiet der Einrichtungen deckt. Das Gebiet wurde durch die im Theorieteil erarbeiteten Befunde auf unterschiedlichen Dimensionen sozialräumlicher Indikatoren beschrieben und in hypothetische Spannungsfelder möglicher Aufwertungsdynamiken gesetzt um die reflexiven Positionen zu diesen Aspekten rekonstruieren zu können.

In der ersten Vignette handelt es sich um einen mehrdimensionalen Konflikt im öffentlichen Raum: Es wurden vier Konfliktparteien – eine Bürgerinitiative aus dem bestehenden gründerzeitlichen Sonnwendviertel (SWV), neue BewohnerInnen im neu errichteten geförderten Wohnbau des SWV, marginalisierte BewohnerInnen eines überbelegten Altbauzinshauses und eine problematisierte Gruppe im öffentlichen Raum (Ö.R.) – in einen raumrelationalen Konflikt gesetzt, welcher eine mehrschichtige „Etablierte-vs.-Außenseiter“-Konfiguration um die Themen prekäres Wohnen, städtische Armutszuwanderung, in den Kontext von Sicherheits- und Ordnungspolitik und einer Aufwertungsdynamik setzt. In der zweiten Vignette wurde der Auftrag zur Konzeption eines einjährigen Beteiligungsprozesses im Vorfeld der Gestaltung einer großen, regional bedeutsamen Parkanalage erteilt, mit der Bitte einen möglichen Partizipationsprozess umfassend zu skizzieren.

Der zweite Teil des Interviews diente der Nachfrage hinsichtlich der tatsächlichen, konkreten Tätigkeit der Einrichtung im Stadtentwicklungsgebiet Hauptbahnhof und verallgemeinerbarem Wissen über die Transformationsdynamik dieses urbanen Raums.

Zur Auswertung wurde zunächst offen, induktiv und thesengenerierend und im darauffolgenden Schritt themengeleitet kodiert. Abschließend kam eine zusammenfassende Inhaltsanalyse zur Anwendung, die um Aspekte des Grounded-Theory-Kodierparadigmas erweitert wurde.


3. Stadtteilmanagement Sonnwendviertel der Gebietsbetreuung Stadterneuerung Wien Favoriten

Die Wiener „Gebietsbetreuungen Stadterneuerung“ (GB Stern) sind der Geschäftsgruppe „Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung“ der Stadt Wien (Magistratsabteilung 25) zugeordnet und werden von privaten AuftragnehmerInnen geführt. Sie beraten MieterInnen, WohnungseigentümerInnen, HauseigentümerInnen, unterstützen BewohnerInnen, Partizipations- und Gemeinwesenprojekte, gestalten öffentliche Räume, Kulturimpulse, Wirtschaftskooperationen, Veranstaltungen uvm. (vgl. MA 25 2013). Im Jahr 2012 erzielte die GB Stern Favoriten einen Zusatzauftrag im Rahmen des 2011 neu eingeführten Instruments „Stadtteilmanagement in Neubaugebieten“ für das Sonnwendviertel, wo sie seither mit einem Stadtteilbüro vertreten ist. Hauptziel ist die integrative Entwicklung von Alt- und Neubaugebiet durch Beratung, Vernetzung und Vermittlung (vgl. Stadtteilbüro Sonnwendviertel o. J.).

Die umfassenden Umstrukturierungsdynamiken in Form von städtebaulicher Neustrukturierung und der Zuzug neuer sozialkapitalstarker BewohnerInnen werden als positive Dynamisierung, Aufwertung, Zentralisierung und Öffnung eines peripheren, aber mit viel lokalem Potenzial behafteten Gebiets gedeutet (vgl. IV1: Z. 772-778, 774-778, 780-784, 793-796, 835-839). Die in diesen Begriffen enthaltene positiv verstandene Normativität wird nicht weiter expliziert, es wird jedoch an anderen Stellen klar, dass sich diese auf die Legitimierung der „Aufwertung“ eines vorher an manchen Stellen als peripher, undynamisch und homogen beschriebenen Gebiets beziehen, in dem es teilweise schwierig war, Neues zu entwickeln und Mehrheiten für progressivere Ansätze zu finden. Der sich daraus ergebende „Wandel der Atmosphäre“ durch die neueren BewohnerInnen kann auch als politischer Kulturwandel gedeutet werden, der von den MitarbeiterInnen des Stadtteilmanagements (STM) positiv empfunden wird, da er der Umsetzung ihrer Visionen entgegenkommt (vgl. IV1: Z. 895-898, 863-870). Dies verweist deutlich auf Wunschvorstellungen sozialräumlicher Ordnungen und Stadtbilder, welche den betonten Anspruch der „Unparteilichkeit“ (IV1: Z. 708-713) eher in Frage stellen.

Die neuen Machtasymmetrien, die sich aus dem Zuzug einer stärkeren BewohnerInnenschaft ergebe, wird reflektiert und es wird betont, dass es ein zentrales Anliegen sei, vorrangig mit lokalen BewohnerInnen zu arbeiten, sie einzubinden und Lokales zu schützen. Angemerkt werden muss jedoch, dass das Milieu- und Vernetzungsdilemma (vgl. Kessl/Reutlinger 2010: 129) dahingehend problematisiert werden muss, indem im Integrationsprozess eine neue BewohnerInnenschaft zuzieht, welche als gegenüber den bestehenden BewohnerInnen als leichter zu aktivierend und der Normativität der STM-eigenen Stadtbilder als näher stehend empfunden wird. Demgegenüber wird in Richtung veränderungsscheuer NostalgikerInnen aus dem Altbestand argumentiert, dass diese die folgenden Veränderungen und „soziale Schmerzen“ als notwendiges Übel akzeptieren müssten (vgl. IV 1: Z. 784-788). Dies verweist m. E. auf als kritisch zu betrachtende Regierungsweisen, die unter der Bezeichnung „Governing through community“ (vgl. Rose 2000, Kamleithner 2009) diskutiert werden.

Als Idealbild werden eine Balance und eine „befruchtende Durchmischung“ der unterschiedlichen Gruppen angeführt. M. E. bedeutet der Anspruch an Mitbestimmung und der Herstellung einer Balance auch, eine offene Debatte darüber anzuleiten, welche Formen und Kulturen des städtischen Zusammenlebens, gerade in Zeiten von sich grundlegend transformierender Nachbarschaften, sowohl von alten wie von neuen BewohnerInnen gewünscht werden. Das langgediente sozialpolitische Leitbild der stimulierenden Durchmischung wird in stadtsoziologischer Hinsicht schon seit längerem auch mit einer gewissen Skepsis betrachtet (vgl. MA 18 2006: 115).

Die Ergebnisse verweisen auf die begrenzte vertikale Handlungsmacht des STM in der Beeinflussung der Transformationen des Stadtteils. Vermutlich wird daher eher auf positive Aspekte geachtet und versucht, in pragmatischer Absicht das Meiste aus den „Impulsen“ herauszuholen. Es scheint einleuchtend, dass im bestehenden Rahmen lokaler Arbeit nur wenig zur umfassenden (System-)Integration der BewohnerInnen beigetragen werden kann. Das Ziel der Integration wird somit eher im Sinne sozialintegrativer Gefühle des Eingebundenseins und des Zufriedenseins mit den lebensweltlichen Bedingungen im Quartier messbar gemacht. Insofern ist auch zu verstehen, dass an mehreren Stellen als Ziel formuliert wird, über das Mittel der Bewusstseinsarbeit, aber auch durch weitere Maßnahmen wie Beteiligung, Information und Verbesserung der lokalen Infrastruktur Gefühle der Unzufriedenheit abzubauen.

Gerade die Themen Wohnen und Sicherheit im öffentlichen Raum stellen dabei auch Kernthemen der unter Druck von Opposition und Boulevardmedien stehenden Stadtregierung dar. In diesem Kontext ist es m. E. notwendig, sich deutlicher mit der Frage auseinanderzusetzen, inwieweit Stadtteilarbeit Gefahr läuft, zum Instrument der „sozialen Befriedung“ zu werden und wie alternative Handlungsentwürfe dazu entwickelt werden können, die an den Bedürfnissen und Interessen der Menschen ansetzen, mögen diese auch Widersprüchlichkeiten und Konflikte mit sich bringen.

Klar ist, dass die GB Stern, wie schon angesprochen, als befristete private Auftragnehmerin, der eine horizontale Vernetzungsperspektive zugeteilt wird, relativ wenig vertikale Macht beanspruchen kann und sich um Anerkennung, Einfluss und Beteiligung in anderen ExpertInnensystemen bemühen muss. Die Aussagen und Wahrnehmungen wachsender Anerkennung und das Interesse an Wissen und Fähigkeiten lokaler Arbeit der GB Stern in Vernetzungsstrukturen verweist darauf, dass sie gerade im Begriff ist, verstärkt Handlungsmacht aufzubauen. Dabei muss aber klar sein, dass das wachsende Interesse mächtigerer AkteurInnen an Wissen und Einflussvermögen der GB auf das Lokale, in einem machtdurchzogenen Prozess der präventiven Gestaltung des Sozialen über Nahräume zu sehen ist. Die GB Stern verfügt über vielfältiges Wissen, das einerseits das Potenzial birgt, in größere Entwicklungen einzufließen und diese zu informieren, andererseits aber auch als strategisches Herrschaftswissen nutzbar gemacht werden kann.

Der Bezug auf eine vermeintliche Unparteilichkeit ist einerseits hilfreich, um das Vertrauen aller Beteiligten in die Drehscheibenfunktion zu sichern. Darin ist andererseits jedoch die Gefahr der Verschleierung von Machtverhältnissen angelegt, insofern als die als vertrauensvoll erachtete „unparteiliche“ Kommunikation mit den BewohnerInnen auch als „Frühwarnstelle“ indirekt in neuformierte Steuerungsnetzwerke eingebracht wird.

Es ist, wie bereits beschrieben wurde, anzunehmen, dass diese, wenn auch inhaltlich positiv zu bewertenden Ziele der Unterstützungsangebote auch einen neuen Mechanismus sozialer Kontrolle beinhalten, der im Kontext von sozialpolitischer Prävention einerseits und politischer „Befriedung“ andererseits gesehen werden kann. Um der Instrumentalisierungsgefahr, die in diesem Arrangement angelegt ist, welche als „Exklusionsmanagement“ (vgl. Kröll/Löffler 2004) über den Sozialen Raum formuliert werden kann, zu begegnen, wird es, um den Selbstanspruch an im Interview genannte Empowermentkonzepte zu realisieren, stärker erforderlich sein, sich mit Mandatsverständnissen und Parteilichkeitsmodellen auseinanderzusetzen, wie sie etwa seit langem in der Gemeinwesenarbeit diskutiert werden. (vgl. Oelschlägel 2013)


4. Aufsuchende Straßensozialarbeit I: Sam Hauptbahnhof – Mobile Soziale Arbeit im öffentlichen Raum der Suchthilfe Wien

Sam ist Teil der „Mobile[n] Soziale[n] Arbeit im öffentlichen Raum“, einem Bereich der „Suchthilfe Wien gemeinnützige GmbH“ und wurde 2007 gegründet. In Kooperation mit den Wiener Linien leistet sam in halb-öffentlichen und öffentlichen Räumen sozialraumorientierte, aufsuchende Soziale Arbeit. Die Arbeitsweise wird als zielgruppenunspezifische Arbeit mit allen NutzerInnen des Sozialen Raums beschrieben, die das Ziel hat, in diesem Wirkungen und Veränderungen herbeizuführen: Genannt werden u. a. die Eingliederung suchtkranker und marginalisierter Personen in das Gesundheits- und Sozialsystem, die Förderung eines sozialverträglichen Nebeneinanders aller NutzerInnengruppen, die Förderung urbaner Kompetenz, die Steigerung des subjektiven Sicherheitsgefühls der BürgerInnen und die Gestaltung von Baumaßnahmen in Hinblick auf das Ziel konfliktfreier Nutzung. Die Angebote umfassen u. a. Beziehungsarbeit, Information, die Kommunikation von Regeln, Beratung und Krisenintervention, Beschwerdemanagement, Konfliktregelung, Notfallintervention, Begleitung und Vermittlung, Kooperationen und den Ausbau von Netzwerken mit einer Vielzahl von öffentlichen und privaten AkteurInnen sowie Monitoring (vgl. Suchthilfe Wien 2015: 3ff). Das „sam hbhf“-Team (SAM) umfasst 11 MitarbeiterInnen und kommt seit der Eröffnung des neu errichteten Hauptbahnhofs im Dezember 2015 im und rund um den Hauptbahnhof zum Einsatz.

Die SAM-MitarbeiterInnen lassen eine verstehende Perspektive erkennen, welche die subjektiven Raumdeutungen der AdressatInnen und die damit verbundenen vorder- und hintergründigen Bedürfnisse in einen stark ressourcenorientierten Blick auf ihre Zielgruppen beziehen. Unterschiede zeigen sich in den gezogenen Raumrelationen und Beschreibungskategorien, die zur Gebietsspezifizierung verwendet werden. (vgl. IV2: Z. 53-58, 70-74, 77-82, 86-92, 95-100, 118-127)

In SAMs Gebietsbeschreibung nehmen subjektive Raumdeutungen der Anspruchsgruppen viel Platz ein. Diese werden aber um allgemeinere Beschreibungen des als lebendig und durchmischt erlebten Gebiets in Hinblick auf Kategorien der Gegensätze von Homogenität/Heterogenität, der städtebaulichen Struktur, der BewohnerInnen, der Raumnutzungen und der allgemeinen Wahrnehmungen zu spezifischen lokalen Aneignungskulturen ergänzt. Dieser breite Blick kann damit in Verbindung gebracht werden, dass SAM lange Zeit einen allparteilichen Zugang verfolgte, der mittlerweile als wechselnd parteilich (vgl. IV2: Z. 1069, 1418) bezeichnet wird. Als Herausforderung in Konflikt- und Beteiligungsprozessen wird die generelle Frage nach der adäquaten Rolle von SAM, innerhalb von Aushandlungsprozessen ungleicher VerhandlungspartnerInnen, reflektiert. Wechselnde Parteilichkeit beinhalte die Unterstützung schwächerer Gruppen und den Schutz Marginalisierter, ihre Position direkt zu artikulieren bzw., falls dies nicht möglich ist, ihre Interessen in Konflikten und Gremien zu vertreten. Eine Herausforderung besteht darin, dass SAM eine auftragsgemäße „Allzuständigkeit“ für alle NutzerInnen des öffentlichen Raums hat, die als Anforderung an Neutralität verstanden wird. (vgl. IV2: Z. 332-341)

Die Raumbilder, die in der Diskussion der Konfliktvignette mit den SAM-MitarbeiterInnen deutlich werden, sind sehr stark auf öffentliche Räume als grundlegend konfliktbeladene Orte der Begegnung von Normalität und Abweichung fokussiert, welche in der professionellen Praxis von SAM immer auch als potenzielle Bildungsräume urbaner Kompetenz thematisiert werden und Verhandlungsräume darstellen. (vgl. IV2: Z. 245-252, 253-255, 355-364, 375-380)

Als allzuständige, aber wechselnd-parteiliche Drehscheibe wird versucht, die sogenannte Sozialverträglichkeit von Abweichung (unter Berücksichtigung fach- und auftragsgemäßer Prinzipien und rechtlicher Rahmenbedingungen) falls gefordert zur Verhandlung zu bringen, um ein sozialverträgliches Nebeneinander zu fördern, aber auch die Rechte der Marginalisierten zu sichern. Es wird versucht, die Akzeptanz gegenüber von Marginalisierung Betroffener im öffentlichen Raum durch die anderen NutzerInnen des öffentlichen Raums zu erhöhen. (vgl. IV2: Z. 940-952, 954-961) Die Sensibilisierung für die prekären Lebenslagen marginalisierter Personen und das Einbringen ihrer Bedürfnisse wird auch in Hinblick auf ExpertInnensysteme und Vernetzungsgremien als sehr wichtig erachtet. Zur Verbesserung der gegenseitigen Akzeptanz werden konfliktvermittelnde Methoden angeführt, welche die Herstellung von Sozialverträglichkeit in Konfliktsituationen durch eine „Begegnung“ und eine „erkennbare Bewegung des Aufeinanderzugehens“ mit dem Ziel einer kooperativen Vereinbarung als Ziel hat.

Abschließend besteht m. E. die Frage, inwieweit die Eingriffe in die Orte der Abweichenden und die Verhandlung des Verhältnisses von Normalität und Abweichung sich zunehmend zur stärkeren Kontrolle von imaginierten Mehrheiten auf Kosten von Minderheiten mit eventuell als unerwünscht thematisierten Raumnutzungen verschiebt. Es ist im Blick zu behalten, dass die räumliche Praxis der aufsuchenden Arbeit SAMs als erweitertes räumliches Regieren zwischen Kontrolle und Hilfe zu sehen ist (vgl. Diebäcker 2014), indem es zu einem Prozess der Responsibilisierung einer Minderheit an KlientInnen zur Mitwirkung an Kontrakten zur vermeintlichen Verbesserung der subjektiven Sicherheitsgefühle einer imaginierten Allgemeinheit kommt.


5. Aufsuchende Straßensozialarbeit II: Streetwork der Caritas Wien

Das Caritas Wien Streetwork am Hauptbahnhof (CSW) kommt seit der Eröffnung des Bahnhofsgebäudes im Dezember 2015 zum Einsatz und wird von der Auftraggeberin ÖBB finanziert. Das Anbot der Caritas legt den Fokus auf soziale Verantwortung am Bahnhof aus, einem Bereich in der die Caritas langjährige Erfahrung und Kompetenz im Bereich stationärer und ambulanter Unterstützungsformen aufweist. Hingewiesen wird im Gespräch auf die Vernetzung mit mobilen Notversorgungsangeboten der Caritas, die medizinische Hilfe und Nahrung anbieten, genannt wird aber auch das Beratungs- und Tageszentrum für Wohnungslose der Caritas im unmittelbaren Umfeld des Hauptbahnhofs. Die konkrete Arbeit des Nacht-Streetwork am Hauptbahnhof wird als Beratung, Betreuung, Information und Hilfsangebot an Wohnungslose beschrieben. Ebenfalls könne in einem weiteren Schritt bei Interesse und Bereitschaft der Betroffenen eine soziale Abklärung und Vermittlung in Quartiere und Tagesstrukturen erreicht werden. Betont wird das Prinzip der Niederschwelligkeit und einer Beziehungsarbeit, die Vertrauen aufbaut, Perspektiven entwickelt und alternative Aufenthaltsorte erarbeiten könne, was in weiterer Folge auch das Bahnhofsgebäude entlasten würde (vgl. Caritas 2014).

Das CSW ist auftragsgemäß auf von Marginalisierung betroffene Menschen im öffentlichen Raum fokussiert. Die Beschreibung des Gebiets durch die MitarbeiterInnen beinhaltet einen Fokus auf das Bahnhofsgebäude als unangenehm gestalteten Raum, aber dennoch „Schutzraum“, und den umliegenden Sozialeinrichtungen, mit einem auffallend lebenswelt- und bedürfnisorientierten Blick, der fast ausschließlich über die Zielgruppe geführt wird. Allfällige Raumrelationen werden in Bezug auf die Orte der Menschen gezogen, die bestimmende Relation ist immer die der Qualität eines Ortes aus Sicht der AdressatInnen gegenüber anderen potenziellen Aufenthaltsorten, mit dem Blick auf die Dynamik von Schließung und Öffnung eines Patchworks-Systems von miteinander verbundenen Orten. Es ist ein raumrelationales Raumbild erkennbar, welches als Projektion gesellschaftlicher Ungleichheit auf den Raum gedeutet werden kann, das aber räumlich gesehen nur über die Brille der Wohnungslosigkeit als fragmentiertes Netz von Orten der Wohnungslosen erscheint. Diese Raumausschnitte werden tendenziell nicht als Teil eines übergreifenden sozialräumlichen Ganzen reflektiert, sondern mit der Brille konkreter, fragmentierter Raumausschnitte beschrieben, die das Leben der Wohnungslosen zu prägen scheint (vgl. IV3: Z. 651-654, 769).

Wie von den Befragten thematisiert, kommt dem CSW nur in sehr geringem Maß räumliche Mitgestaltungsmacht zu, dies wird auch dadurch verdeutlicht, dass auffällig wenig städtebaulicher und stadtplanerischer Jargon zur Gebietsbeschreibung verwendet wird. Abgrenzend wird diesbezüglich öfters auch der klare Auftrag und Selbstanspruch betont, primär die möglichst niederschwellige Unterstützung und Notversorgung für akut von Wohnungslosigkeit und für von Marginalisierung Betroffene anzubieten, mit einer klar anwaltschaftlich-parteilichen Haltung, wodurch sowohl aus inhaltlichen als auch aus Ressourcengründen eine klare Absage an eine stärker sozialräumliche, intermediär-vernetzende oder in Raumgestaltung eingebundene Rolle getroffen wird (vgl. IV3: Z.278-280). Weiters wird es auch als explizit politische Verantwortung gesehen, auf etwaige erkennbare strukturelle Hintergründe von Wohnungslosigkeit hinzuweisen, die in ihrer Arbeit wahrnehmbar seien. Genannt werden Gentrifizierung, steigende Mieten, weniger leistbarer Wohnraum und eine zu geringe Zahl an Notschlafquartieren. (vgl. IV3: Z. 150-162, 233-237, 241-242, 244-250, 622-623)

In der vermittelnden Arbeit mit den KlientInnen wird sichtbar, dass Zweifel bestehen, inwiefern die räumliche Praxis von gelebten Tagesstrukturen, die „auf der Straße“ stattfinden, einen Raum erzeugen, dessen teilweise widerständige Raumnutzung etwas ist, das es zu stärken gelte. Einerseits sehen die Caritas-Streetwork-MitarbeiterInnen die durch Vertreibungen hervorgerufenen Wanderbewegungen der Wohnungslosen über die Netze der öffentlichen Räume als letzte Ressource der Lebensbewältigung an und den Aufenthalt im öffentlichen Raum (ÖR) als ein Grundrecht, das es zu verteidigen gilt. Andererseits scheint durch, dass diese Formen der räumlichen Praxis der Lebensbewältigung der Wohnungslosen im ÖR tendenziell als negativ beurteilt werden, da sie als hochgradig fremdbestimmter Ausschluss aus der Gesellschaft gedeutet werden (vgl. IV3: Z. 1062-1066, 1067-1070). Hier spiegelt sich das Dilemma der Inklusionsarbeit wieder, welches Öffnungen und Schließungen immer in multiskalarer, relationaler Perspektive sich mehrfach überlagernder Raumrelationen betrachten muss. Diese Reflexion des eigenen Handelns findet sich in der Reflexion der MitarbeiterInnen auch als Arbeit an der Schwelle zwischen „inneren“ (sozialen Einrichtungen) und „äußeren“ (öffentlichen) Räumen (vgl. Diebäcker 2016). Die Beurteilung des Lebens auf der Straße wird als Dilemma zwischen Einschluss/Ausschluss und der Gefahr der „einschließenden Ausschließung“ in inneren Räumen wie sozialen Einrichtungen diskutiert, deren Beurteilung immer perspektivenabhängig in Hinblick auf die Freigewähltheit zu sehen ist. Es zeigt sich eine starke Orientierung an der Schnittstelle zwischen der räumlichen Praxis des Lebens auf der Straße und der Integration der AdressatInnen in Institutionen der Wohnungslosenhilfe, die eine Pforte zu einer normalisierten räumlichen Praxis und in weiterer Folge zu einem unbeschwerlicheren und unfragmentierten Leben darstellen könnte.

Die MitarbeiterInnen des CSW merken an, dass ihre Beziehungsarbeit sehr zeitintensiv und aufgrund der Freiwilligkeit stets ergebnisoffen sei, was dazu führe, dass oft keine unmittelbaren Ergebnisse sichtbar würden, die eine versichernde Wirkung auf die Bevölkerung hätten. Interessanterweise versprechen sich die MitarbeiterInnen relativ wenig von der Einbindung in sozialraumbezogene Präventionsnetze und der Gestaltung öffentlicher Räume, sondern sehen ihre Arbeit hauptsächlich als Betreuung und Eingliederung der KlientInnen in Hilfssysteme. Das kann auch als Form der Widerständigkeit gegenüber neuer Steuerung und der Mitwirkung an der Produktion und Legitimation von Herrschaftswissen verstanden werden.


6. Raumbezogene Rationalisierungsweisen und deren Bedeutung im Stadtentwicklungsgebiet Hauptbahnhof als städtischem Raum

Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das Stadtentwicklungsgebiet Hauptbahnhof alle wesentlichen Kriterien unternehmerischer Stadtpolitik (vgl. Beyer/ Hamid/Kiczka 2010) erfüllt. Erstens handelt sich um einen zentralisierenden Ort, der mittels Public-Private-Partnerships entwickelt und erstmalig in einem dermaßen umfassenden Ausmaß realisiert wurde. Zweitens ist das Bahnhofsgebäude ein ab dem Eröffnungstag hochgradig personenbezogen und technisch regulierter Raum, der nach kriminalpräventiven Prinzipien gestaltet wurde (vgl. Auernhammer et al. 2015, wien.at o. J) und sich in eine Strategie der städtischen Sicherheits- und Ordnungspolitik einfügt. Drittens bedienen diese umfassenden Umgestaltungen und die präventive Betreuung durch unterschiedlichste sozialräumliche Maßnahmen auch den nach außen (Internationales Städtemarketing) wie nach innen (BürgerInnen) gerichteten Image- und Standortfaktor, der immer als sozial kohäsiv und lebenswert positionierten Stadt Wien, gepaart mit guter Infrastrukturausstattung. (vgl. Fassmann et al. 2006: 185, zit. nach Beyer/Hamid/Kiczka 2010: 21)

Ein wesentliches Merkmal der unternehmerischen Stadt ist, dass diese sozialräumliche Polarisierungen produziert und verstärkt. Hinweise, wie die Produktion und Regulierung dieser Räume legitimatorisch argumentiert wird, finden sich in den Aussagen SAMs und des Stadtteilmanagements: Über die Debatte um binäre Raumbilder (dynamisch/undynamisch, alt/neu) werden sozialpolitische Sorgen um soziale Risiken (Brennpunkt, sozialräumliche Polarisierung) formuliert, die unter Bezugnahme auf soziale Verantwortung oder Sozialverträglichkeit zur Legitimierung eines vermeintlich gemeinnützigen Aufwertungskurses gedreht werden können. Dieser bedient durch den Fokus auf öffentliche Räume einerseits den sicherheits- und ordnungspolitischen Diskurs sowie den Standortfaktor und steigenden Wohnbedarf und stellt andererseits ein sozialtechnologisches Instrument dar (im Sinne der sozialen Durchmischung). Am Beispiel des Wiener Bahnhofs am Praterstern schildert Marc Diebäcker, dass in städtischer Standortpolitik der unternehmerischen Stadt zunehmend auf die symbolisch-repräsentative, strategische Bedeutung gesetzt werde. Er beschreibt, wie in der stadtpolitischen Debatte Marginalität bezugnehmend auf die „Broken-Windows“-These und Segregationstendenzen dahingehend problematisiert würden, dass es nicht die „Abwärtsspirale des Territoriums“, sondern die initiierte Aufwertung und intendierte „Aufwärtsspirale“ sei, die sicherheits- und ordnungspolitisch unterstützt werde (vgl. Diebäcker 2014: 252).

Bezugnehmend auf die Feststellung, dass das hegemoniale Projekt der Stadt Wien sich vornehmlich gegenüber den eigenen BürgerInnen über den Bezug auf die „Soziale Stadt“ stützt, wird klar, dass postfordistische Stadtpolitik in Wien in einer Kombination aus neoliberalen Regierungsweisen auch gerade mittels sozialen Maßnahmen geführt wird. Diese werden als Bekenntnis zu sozialer Verantwortung thematisiert, die im internationalen Vergleich tatsächlich relativ gut verankert ist, was auch ein Ergebnis des erfolgreichen Ringens der Sozialen Arbeit um stärkere Beteiligung darstellt. Problematisch erscheint mir jedoch, dass diese Form der Rede über städtische Räume gepaart mit dem stärkeren Einbezug sozialraumorientierter Ansätze dabei zunehmend eine spezifische neue neoliberale Regierungsform darstellt, die sich nicht unmittelbar als solche zu erkennen gibt: Einerseits wird Segregation ins Gebiet gebaut und eine kapitalstärkere BewohnerInnenschaft über das Instrument des gemeinnützigen Wohnbaus angezogen, welcher bessere Chancen zur Durchsetzung ihrer Werte und politischen Kultur bescheinigt wird, und eine oben beschriebene Aufwertungsspirale bewusst gefördert. Andererseits wird ein Netz unterschiedlicher AkteurInnen der Sozialen Arbeit und das STM präventiv damit beauftragt, nicht nur die erzeugten Widersprüche abzufedern, sondern auch im Rahmen von Sicherheits- und Ordnungspolitik in konfliktvermittelnder und „beteiligender“ Manier, wie die Interviews bestätigen, eventuellen Widerspruch in der BewohnerInnenschaft, Nutzungsansprüche, Unmut und Ängste über die tiefgreifenden Veränderungen zu vermindern und nebenbei sichtbare Infrastrukturelle Verbesserungen zu erreichen, auch zur Erzielung höherer Akzeptanz dieser Prozesse (ähnlich vgl. Hamedinger 1999: 100).

Aus Perspektive einer kritisch-reflexiven Sozialraumarbeit sind die Aussagen zur gerechten (SAM) bzw. befruchtenden (STM) „Durchmischung“ und der Fokus auf positive Effekte der „Impulse des Neuen“ (STM), respektive der „Begegnung Unterschiedlicher“ (SAM), m. E. insofern problematisch, als es das Leitbild des Aufwertungsszenarios als relativ alternativlos erscheinen lässt. Bei allen Bekenntnissen zur Arbeit mit der positiven Vielfalt und der Förderung des Potenzials des Bestehenden klingt immer wieder die Affirmation des Neuen und der Dynamisierung durch, welche implizit gewissermaßen eine Abwertung des Schwierigen, Abgewohnten, Unmodernen und Undynamischen beinhaltet. Wer und was mit welchem Nutzen für wen durchmischt werden soll, ist hier dann die zentrale Frage, die sich aufdrängt.

Eine ähnlich lautende Frage kann an konfliktmanagende Ansätze gestellt werden: Der Prämisse folgend, dass Konflikte, die der neutralen Moderation und dem Management zugeführt werden, gleichzeitig entpolitisiert werden (vgl. Schreier 2011), stellt sich bei allen glaubwürdigen Bekenntnissen zum Schutz der Grundrechte schwächerer Gruppen die Frage, inwieweit „unerwünschte“ Raumnutzungen von wenigen zunehmend in responsibilisierender Manier der Verhandlung gegenüber den vermeintlichen Wünschen der unproblematisierten Vielen zuzuführen, einen nachhaltig haltbaren Kompromiss für den Schutz der schwächsten NutzerInnen darstellen kann.

Die von zwei der befragten Einrichtungen positiv erachteten neuen Vernetzungsstrukturen wie etwa Sicherheits-Jour-Fixes (Polizei, Lokalpolitik, GB Stern, SAM, Hauptbahnhof Betreiber, private Sicherheitsdienste) stellen eine neue, nicht unproblematische Regulierungsform dar: Dadurch, dass in zunehmend als intermediär und neutral bezeichneter Arbeit macht- und steuerungsstrategisch relevantes Wissen über BewohnerInnen und KlientInnen in präventiv orientierte Netze von unterschiedlichen auch nicht-demokratisch legitimierten AkteurInnen, eingebracht wird, besteht die Gefahr, dass auf diesem Wege eine Verschleierung von neuen Machtverhältnissen stattfindet. Gerade in multiprofessionellen Zusammenhängen darf nicht vergessen werden, dass dieses teils äußerst sensible Wissen, zu dessen Schutz SozialraumarbeiterInnen verpflichtet sein sollten, so auch in Kreise gelangen kann, die vorrangig nicht per-se der Wahrung der Interessen schwächerer NutzerInnen und BewohnerInnen verpflichtet sind.

Die Diskussion der vorliegenden Forschungsergebnisse zielte darauf ab, Ansätze der Sozialraumarbeit in Wien stärker an die internationale Debatte zu Sozialraumarbeit im Kontext gegenwärtiger Stadtproduktionsdynamiken anzuschließen. Im Sinne eines reflexiven Ansatzes hoffe ich damit eine offene Debatte anzuregen und noch bewusstere Auseinandersetzung mit den eigenen Rationalisierungsweisen, dem darauf bezogenen Handeln und intendierten wie nicht-intendierten Folgen in diesem neuen interdisziplinären Arbeitsfeld zu stärken, die letztlich zur weiteren Steigerung der Qualität und Schärfung des politischen Profils von Sozialraumarbeit in Wien beitragen können.


Verweise
1 Einen Überblick liefern Fritsche/Lingg/Reutlinger (2011), Kessl/Reutlinger (2010) sowie Fürst/Hinte (2014).
2 Die Verfasstheit gegenwärtiger Stadtpolitik wird in der kritischen Stadtforschung unter dem Schlagwort der „Neuordnung des Städtischen im neoliberalen Zeitalter“ bzw. als „neoliberale Stadt“ diskutiert (vgl. Belina et al. 2013, Heeg/Rosol 2007, Mullis 2011, Schipper/Belina 2009, Otto/Ziegler 2008, Wehrheim 2006) Auch in der Sozialen Arbeit wird dieses Thema zunehmend rezipiert (vgl. Oehler/Thomas/Drilling 2016).


Literatur

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Über den Autor

David Lemmerer, MA
lemmerer.david@gmail.com

Studium der Soziologie, Universität Wien (2008-2012); Masterstudium Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, FH Campus Wien (2013-2017);
Seit 2010 freier Mitarbeiter in diversen Projekten in der Stadtteilarbeit, seit 2015 selbstständig im Bergsport in Bosnien und Herzegowina (Mitgründer der NGO „Balkan Colours“), seit 2017 Projektmitarbeiter bei Caritas Stadtteilarbeit.






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