soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 20 (2018) / Rubrik "Sozialarbeitswissenschaft" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/592/1057.pdf


Sabine Klinger & Linda Kagerbauer:

Professionalisierung und Generationenkonflikte im Kontext feministischer Mädchen_arbeit und neoliberaler Sozialpolitik1


1. Einleitung

In medialen Diskussionen und Konstruktionen werden die Positionen verschiedener Generationen von Feminist_innen meist gegensätzlich dargestellt. Zum einen gibt es fachliche Diskurse um Spannungsfelder zwischen queeren und differenzfeministischen Positionen, einhergehend mit der Frage um theoretische Positionen und politische Subjekte. Neben diesen oft wissenschaftlich geprägten Diskursen hält sich zum anderen die mediale Diskussion um die junge – unpolitische – und alte – verbitterte – Generation (vgl. Kurz-Scherf/Lepperhoff/Scheele 2009: 10). Dies macht eine Identifizierung mit alten Zielen des Feminismus unattraktiv und negiert die Relevanz von feministischer Solidarität (vgl. Kailer/Bierbaum 2002: 179f). Auf diese Konflikte und Spannungsfelder wird hier der Fokus legt. Es gilt, diese Bilder und Zuschreibungen kritisch, differenziert und konfliktorientiert als Ausdruck einer fehlenden intergenerativen Verständigungs- und Wahrnehmungskultur zu reflektieren.

Der „feministische Generationenkonflikt“ (Woltersdorff 2003: 920) wird weitgehend auf den Konflikt polarisierender Vertreter_innen zugespitzt, die als je einer Generation zugehörig wahrgenommen werden. Entgegen diesen personalisierten Zuschreibungen werden Generationenkonflikte im Folgenden politisiert und in gesellschaftliche Konfliktverhältnisse übersetzt. Im vorliegenden Artikel werden diese mit Professionalisierungseffekten in der Mädchen_arbeit sowie veränderten neoliberal strukturierten Handlungsbedingungen der sozialen Praxis in Verbindung gebracht. Dabei sind folgenden Fragen zentral: Wie werden Professionalisierungsprozesse, wie jene in der feministischen Mädchen_arbeit von Protestpraxen beeinflusst? Welche Rolle spielen dabei sozialpolitische und neoliberale Individualisierungsmechanismen? Inwiefern werden dabei Generationenkonflikte forciert und wie können diese produktiv genutzt bzw. gelöst werden? Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt dieses Artikels und werden im Anschluss kritisch diskutiert. Vor diesem Hintergrund verfolgt der Artikel zudem das Ziel, zu einer Verständigung verschiedener Generationen von Mädchenarbeiter_innen und einer Politik der Artikulation beizutragen, die sich als Verknüpfung fachpolitischer, wissenschaftlicher sowie pädagogischer Positionen verstehen lässt (vgl. McRobbie 2010: 48). Ziel ist es, die Entwicklung eines intergenerativen Politikverständnisses als Prozess der Verständigung sowie der Repolitisierung feministischer Positionierungen (vgl. Kagerbauer 2014: 66f) anzuregen.

Im ersten Schritt werden Generationenverhältnisse als Projektions- und Konfliktflächen politischer Veränderungen und neoliberaler Einflussfaktoren thematisiert. Im zweiten Schritt wird der Blick auf die Professionsgeschichte feministischer Mädchen_arbeit gerichtet. Hier lassen sich die veränderten neoliberal strukturierten Handlungsbedingungen der sozialen Praxis und ihre Aus-/Einwirkungen auf die Kinder- und Jugendhilfe nachzeichnen. Dargestellt wird dies anhand der Entwicklung feministischer Mädchen_arbeit von einer feministischen Protestbewegung hin zu einem professionalisierten Angebot der Jugendarbeit. Dabei liegt im dritten Schritt der Fokus auf Widersprüchen und Konflikten, die sich als wichtige gesellschaftskritische Marker und Hinweise verstehen lassen (vgl. Kagerbauer 2014: 61). Zudem wird auf die Analysefolie des Verdeckungszusammenhangs (Bitzan 2002: 30) Bezug genommen und die Frage nach Geschlecht und Generation im Kontext neoliberaler Aktivierungspolitiken diskutiert. Im vierten Schritt wird skizziert, wie Generationenkonflikte zu Generationendialogen erwachsenen können und inwiefern Organisationen und Institutionen als Gedächtnisorte (Kessl/Maurer 2009: 96) zur Verständigung politischer, feministischer und widerständiger Aneignungsprozess relevant sind. Den Abschluss bildet ein Plädoyer dafür, dass es im Kontext aktueller politischer Spaltungen und rechtspopulistischer Meinungsmache notwendiger ist denn je, Orte der Verständigung und intergenerative Bündnispolitiken zu schaffen.


2. Generationenverhältnisse und neoliberale Einflussfaktoren

Generationenverhältnisse werden in diesem Artikel als Projektions- und Konfliktflächen verstanden, an denen sich veränderte politische Bedingungen und neoliberale Einflussfaktoren verdeutlichen (vgl. Kagerbauer 2014: 61). Innerhalb der Generationenverhältnisse stehen nicht die Abgrenzung zwischen alt und jung im Zentrum, sondern die Bedingungen, unter denen sich Themen und Generationenkonflikte artikulieren. Wir folgen dabei der Annahme, dass es sich bei den Generationenkonflikten auch um Folgen der Rationalisierung intergenerativer Begegnung und Verständigung im Kontext verschärfter sozialer Bedingungen und Diskurse im Feld der Kinder- und Jugendhilfe handelt. Das Konfliktpotential der Generationenverhältnisse ist als ein neoliberal organisiertes Kalkül zu verstehen, dass „darauf abzielt, die gruppenübergreifende politische Nutzbarmachung von intersektionalen Differenzkategorien und die Weitergabe feministischen Denkens von einer Frauengeneration zur nächsten zu unterbinden“ (McRobbie 2010: 49). Hier gilt es, Bilder und Zuschreibungen kritisch, differenziert und konfliktorientiert als Ausdruck einer fehlenden intergenerativen Verständigungs- und Wahrnehmungskultur zu reflektieren. Dafür kann auf drei analytische Dimensionen des Generationenbegriffes verwiesen werden: 1. Generation als strukturierendes Moment, 2. Generation als Erfahrung und 3. Generation als Deutungsmuster (Dörr/Kaschuba/Maurer 1999: 78).

Während Generation als strukturierendes Moment die Abfolge der Generationen im zeitlichen Sinn meint, wird unter Erfahrung „das Empfinden zu einer bestimmten Zeit, zu einer bestimmten Gruppe von Menschen, die unter ähnlichen Umständen ihr Leben bewältigen mußten [sic!]“ (Dörr et al. 1999: 78) verstanden. Generation als Deutungsmuster hingegen kann eine bestimmte historische Erfahrung sein, die zwar individuell erlebt und verarbeitet wird, aber gleichsam als generationentypische Erfahrung gedeutet werden kann (vgl. ebd.: 79). Dieser Prozess reflexiver Aneignung setzt allerdings einen gemeinsamen Weg der Anerkennung, Verständigung, Informationsweitergabe sowie die Bereitstellung oder Besetzung von Räumen voraus. In Bezug auf den Differenzbegriff, wie er von den Tübinger Sozialforscherinnen genutzt wird, liegt der Fokus auf der Frage, wie Bewertungs- und Deutungszusammenhänge und die damit verbundenen Differenzen hergestellt und reproduziert werden.

„Denn […] im gesellschaftlichen/politischen Rahmen machen wir die Erfahrungen, als Unterschiedliche gegeneinander ausgespielt zu werden. Es gibt gesellschaftlich kaum Gelegenheit für positive Erfahrungen unserer realen Differenz. […] Die methodische Konsequenz heraus muß [sic!] also lauten: Räume zu schaffen für Gegenerfahrung, ohne dabei die Differenz zu idealisieren“ (Tübinger Institut für frauenpolitische Sozialforschung e.V. 2000: 66).

In Anschluss daran wird im Folgenden der Blick exemplarisch auf die Professionsgeschichte feministischer Mädchen_arbeit gerichtet. Damit soll deutlich werden, dass der Umgang mit generationsspezifischen Differenzerfahrungen und deren Thematisierungsformen geprägt ist von unterschiedlichen Veränderungen und Wirkungsfeldern.


3. Feministische Mädchen_arbeit von einer politischen Protestbewegung zur pädagogischen Professionalisierung

Feministische Mädchen_arbeit ist im Kontext der zweiten Frauen_Lesbenbewegung entstanden. In Deutschland und Österreich machten Frauen_ der unterschiedlichen Bewegungen2 darauf aufmerksam, dass die Lebensbedingungen und konkreten Lebensumstände durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Machtverhältnisse hervorgebracht und/oder bedingt sind (vgl. Klinger 2008: 48). Einer der Fortschritte frauen_bewegter Geschichte war die Einforderung feministischer Mädchen_arbeit. Das Bestreben feministischer Mädchenarbeiter_innen war und ist bis heute vor allem die Kritik an der durch Geschlechterhierarchie geprägten Sozialen Arbeit und im Besonderen an der Jugendhilfe zu formulieren. Inspiriert von den politischen Auseinandersetzungen unterschiedlicher Bewegungen machten Pädagog_innen sowohl die Situation von Mädchen_/jungen Frauen_ als auch ihre eigenen Lebens- und Berufssituationen systematisch zum Thema. Diese persönliche Auseinandersetzung der (Sozial-)Pädagog_innen mit den eigenen Unterdrückungserfahrungen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen galt dabei häufig als Prämisse und Voraussetzung feministischer Mädchen_arbeit.3 Ziel war es, von einer vermeintlich geschlechtsneutralen Jugendarbeit abzurücken:4

„Die Entscheidung für Parteilichkeit für Mädchen als die am meisten Unterdrückten und Benachteiligten setzt die Erfahrung eigener Unterdrückung und Benachteiligung, verbunden mit der daraus resultierenden Wut und dem Entschluss, gegen den herrschenden männlichen Machtanspruch in allen Bereichen anzukämpfen, voraus“ (Berliner Pädagoginnengruppe 1979: 87).

Die daraus entstehende Mädchen_arbeit verstand sich daher in den Anfangsjahren als Erscheinungs- und Ausdrucksform praktisch gewordener Patriarchatskritik, als kritische Stimme gegen eine sexistische Jugendhilfe und als Ausgangspunkt feministischer Politik und Pädagogik (vgl. Brückner 1996: 43, Kagerbauer/Lormes 2014).


3.1 Politische und pädagogische Protestbewegung in den1980er-Jahren

Das erste theoriebezogene Konzept feministischer Mädchen_arbeit entwickelten Monika Savier und Carola Wildt 1979 in ihrem Buch Mädchen zwischen Anpassung und Widerstand (vgl. Klinger 2008: 47). Die Pädagog_innen in der feministischen Mädchen_arbeit setzten dabei häufig voraus, dass eine patriarchale Gesellschaftsordnung auf alle Mädchen_ und eben auch Pädagog_innen in gleicher Weise wirk(t)e. Von diesem Betroffenheitsparadigma gilt es aus intersektionaler Perspektive allerdings Abstand zu nehmen. Parteinahme und parteiliche Vertretung sollten sich vielmehr aus einem politischen, als aus einem auf Identität basierenden Konzept ableiten (vgl. Bergold-Caldwell/Kagerbauer 2017: 111ff). Zudem zeichnen sich die Anfänge der Mädchen_arbeit vor allem durch diese Gleichzeitigkeit von pädagogischer und politischer Arbeit aus. Projekte verstanden sich häufig als eine strukturelle Form des Protests und des Widerstands, zeigten sie doch strukturelle Ausschlüsse und Marginalisierungen von Mädchen_ in der Jugendhilfe auf. Ziel war es, eigene Konzepte, Theorien und Methoden zu entwickeln, die sich bewusst von der patriarchalen Logik der Jugendhilfe distanzierten. Damit verstanden sich Projekte in den Anfängen der Mädchen_arbeit eben immer auch als Orte des Protestes, der Kritik und der Solidarität. Mit der feministischen Mädchen_arbeit ist also der Versuch verbunden, sowohl neue pädagogische Räume zu besetzen, Wissen und Erfahrungen zu generieren als auch Protest gegenüber einer sexistischen Gesellschaftsstruktur, wie sie sich in der Jugendhilfe abbildet, anzumelden. Kollektive Reflexionsorte und solidarische Widerstandspraxen waren handlungsleitend, um die Situation von Pädagog_innen und von Mädchen_ zu stärken.5

Die enge Koppelung von pädagogischen und politischen Sichtweisen mündete in eine Protestpraxis und ein berufliches Selbstverständnis, das seinen Ausdruck in einer Vielzahl feministischer Projekte und mädchenpolitischer Einmischung (Mädchen_politik) sowie in der Gründung und dem Aufbau (institutioneller) Vernetzungsstrukturen fand. In Österreich haben sich zum Beispiel im Herbst 1981 in Wien Betreuerinnen aus verschiedenen Wiener Jugendzentren zum Arbeitskreis feministische Mädchenarbeit zusammengeschlossen, um Konzepte für die Mädchen_arbeit zu entwickeln sowie ihre eigene Rolle in ihrer Arbeit zu reflektieren. Im Laufe der Zeit wurden in diesem Rahmen auch Konzepte für arbeitsmarktpolitische Beratungs- und Betreuungseinrichtungen entwickelt und es wurde gefordert, dass Mädchen_arbeit etabliert sowie institutionalisiert werden soll und feministische Mädchen_arbeit kein Spezialprojekt der Jugendarbeit mehr darstellen soll. Seit dieser Initialzündung Anfang der 1980er-Jahre wurden viele Mädchen_projekte gegründet. Im berufspädagogischen Bereich entstanden Einrichtungen wie z. B. Kassandra (1988), Sprungbrett (1989) und MAFALDA (1990) oder die Alte Molkerei Frille (1985) in Ostwestfalen. Im freizeitpädagogischen Bereich haben besonders die Jugendzentren parteiliche Mädchen_arbeit für sich adaptiert (Klinger 2008: 52, Kagerbauer/Klinger 2013: 132).

Im Zuge der eigenen Professionalisierungsgeschichte veränderten sich allerdings die politischen Wirkungsfelder und Ansprüche feministischer Mädchen_arbeit. Die pädagogische Ausgestaltung der Konzepte ist als Konsequenz und Folge einer politischen und persönlichen Reflexion zu verstehen. Das Private politisch zu denken, sich selbst als Teil einer politischen Haltung und Handlung – im Sinne einer „Politik in der ersten Person“ – zu verstehen, kennzeichnen die Anfänge der Gründungsjahre und die politische Relevanz der Tätigkeit der Aktivist_innen. Die pädagogische Ausgestaltung von Angeboten war damit die Folge einer feministischen Analyse und eng gekoppelt an das politische Selbstverständnis, dem entsprechend sich die meisten Mädchenarbeiter_innen als politische und parteiliche Initiatorinnen verstanden. Brücker hält dazu fest: „Erst allmählich entstanden aus den Projekten berufliche Kontexte mit bezahlter Arbeit und einem beruflichen Selbstverständnis“ (Brückner 1996: 13). Gerade in den Anfangsjahren waren die Projektformen Ausdrucksform feministischer Kritik und Proteste und stellten androzentristische Politik und Pädagogik in Frage (vgl. Brückner 1996: 43, Kagerbauer 2008: 100).


3.2 Pädagogische Professionalisierung in den 1990er-Jahren

Waren die 1980er-Jahre eher durch die Differenzierungen der Angebote gekennzeichnet, lassen sich die 1990er-Jahre durch politische Veränderungen, theoretische Ausdifferenzierungen sowie die damit zusammenhängenden Professionalisierungsmechanismen kennzeichnen. Durch die Erarbeitung von Leitbildern und Konzepten wurde der Alltag professionalisiert und somit die Profile und Prinzipien der Mädchenarbeit geschärft.6 Zudem wirkte sich der Einzug der Frauen- und Geschlechterforschung in die Hochschullandschaft auf die Professionalisierungsprozesse der Mitarbeiter_innen sowie ihr professionelles Selbstverständnis aus. Mädchen_arbeit erfuhr durch diese fachlichen und politischen Errungenschaften zunehmend pädagogische Anerkennung im Feld der Jugendhilfe. Verstärkt wurde dieser Effekt in Deutschland 1990 durch die Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetztes. In diesem wurde explizit der rechtliche Auftrag der Berücksichtigung der unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen formuliert. Die Mädchen_arbeit hat somit auch in Deutschland bereits eine lange Tradition. Sie richtet sich an Mädchen_ in ihrer kulturellen, ethischen, körperlichen und sexuellen Vielfalt und hat hier lebensweltorientierte, intersektionale Angebote mit Blick auf Migration, Antirassismus, Queer, Handicaps entwickelt. Die pädagogische Fachzeitschrift Betrifft Mädchen (LAG Mädchenarbeit in NRW e.V.) bietet hierzu bereits seit 1998 einen reichen Fundus an theoretischen und praktischen Zugängen (vgl. Graff 2013: 76).

Aus heutiger Sicht gilt es, die Erfolge struktureller Verankerung anzuerkennen und gleichzeitig die daraus resultierenden Konsequenzen zu hinterfragen. Denn die Professionalisierung – von der politischen Aktivität hin zum Berufsfeld – ermöglichte durchaus, dass Mädchen_arbeit ein wesentlicher Bestandteil einer sozialen Versorgungslandschaft werden konnte. Gerade die gesetzliche Verankerung von Mädchen_arbeit lässt sich als zentrale Errungenschaft benennen, veränderte aber ebenso die Bedingungen politischer wie auch feministischer Praxis. Diese Prozesse der Professionalisierung, Etablierung und vor allem gesetzlichen Verankerungen strukturierten die Bedingungen und Praxen und Protestfelder feministischer Kritik neu, denn „[d]as ‚Projekt‘ ist nicht länger Lebenszusammenhang, sondern Dienstleistungsbetrieb mit allen daraus erwachsenen Vor- und Nachteilen“ (Hörmann 2002: 125). Neben individuellen Zugängen und Motivationen hat sich damit ein personenübergreifendes Konstrukt feministischer Sozialarbeit gefestigt. Indem der Kampf von der Straße in die Einrichtungen verlagert wurde, wurde die Abkopplung der Mädchen_politik von der aktivistischen und praktischen Arbeit vorangetrieben: Spezifische strategische Themenbereiche und Öffentlichkeitsarbeit ersetzen somit politischen Aktionismus und begründen die pädagogische Etablierung von Mädchen_arbeit innerhalb einer sozialen Versorgungslandschaft neu. Ein eher institutionalisiertes Politikverständnis bedingt und ermöglicht aber vor allem auch die Trennung von Politik und Person und verändert zugleich die strukturellen Zugänge für neue/jüngere Kolleg_innen (vgl. Kagerbauer 2014: 59).


3.3 Aktuelle Partikularisierung feministischer Mädchen_arbeit und Mädchen_politik

Sozialpädagog_innen, Sozialarbeiter_innen und Pädagog_innen (zumindest im deutschsprachigen Raum) können heute auf die erkämpften und zum größten Teil etablierten (feministisch-institutionalisierten) Strukturen aufbauen. Diese veränderten Ausgangsbedingungen und damit verbundenen inhaltlichen Anforderungen sind bestimmend für die Aneignung, das Einfordern und Praktizieren von politischen Selbstverständnissen. Anders als noch in den Anfängen wird heute weniger von einer „Politik in der ersten Person“ gesprochen, da politische Zuständigkeiten oftmals an Strukturen und Funktionen geknüpft sind (vgl. Kagerbauer 2014: 59). So ist die Geschäftsführung oder ein_e bestimmte_r Kolleg_in autorisiert auf der strukturellen und inhaltlichen Ebene politische Arbeit zu machen, indem sie_er z. B. zu örtlichen Vernetzungstreffen geht. Diese Funktionalisierung und Partikularisierung von politischen Selbstverständnissen verändern die Formen und Praxen von Mädchen_arbeit und politischer Arbeit. Somit wird politische Arbeit und Vertretung nicht (mehr) als Aufgabe jede_r Pädagog_in gesehen, sondern ist häufig eingebettet in Hierarchien und individualisierte Zuständigkeiten, die weniger von persönlichen Fragen und Engagement als von strukturellen Gegebenheiten und Zuständigkeiten bestimmt werden (vgl. Kagerbauer 2014: 59).

Ein komplexes Gefüge aus neoliberalen Individualisierungsdynamiken in der Sozialen Arbeit sowie geschlechtshierarchischen Verdeckungen führen darüber hinaus dazu, dass viele jüngere Kolleg_innen ihren Zugang zu feministischen Themen vor allem in und durch die Praxis erfahren. Die Reflexion eigener Erfahrung erfolgt tendenziell also eher durch die Auseinandersetzung mit den Themen, die Mädchen_ heute in der Lebenswelt beschäftigen. Erst darüber wird es möglich, Erfahrungen zu politisieren und zu kontextualisieren und diese an politische Selbstverständnisse zu knüpfen (vgl. Kagerbauer 2008: 91). Es ist zentral, innerhalb pädagogischer Strukturen und Einrichtungen Räume zur Politisierung eigener Erfahrungen zu ermöglichen, in denen das Private politisch gedacht werden kann.

Gibt es ein politisches, feministisches Interesse bei Kolleg_innen, werden diese Diskussionen oft ins Private oder an subkulturelle Szenen delegiert und eben nicht an Arbeitsstrukturen geknüpft. Damit finden auch andere, neuere Formen der Auseinandersetzungen sowie Themen nur bedingt Einzug in den Alltag der Mädchen_arbeit und werden damit schwer wahrnehmbar bzw. bleiben oft unsichtbar. Hier kommt es also in unterschiedlichen Formen zu einer Verdeckung und Dethematisierung politischer Zugänge, wodurch eine solidarische und intergenerationale Verständigung erschwert wird.7 Dadurch werden nicht (nur) Sozialpädagog_innen, Sozialarbeiter_innen und Pädagog_innen, sondern vor allem Strukturen entpolitisiert und Verständigung funktionalisiert. Die hier skizzierten Veränderungen und Verdeckungen sind nicht nur Resultat interner Professionalisierungseffekte, sondern das Produkt veränderter sozialpolitischer, neoliberaler Bedingungen, die sich wesentlich auf politische Selbstverständnisse und damit Widerstandspraxen und deren Akteur_innen einwirken und die Handlungsbedingungen Sozialer Arbeit grundsätzlich verändert haben. Vor allem Projekte in größerer oder städtischer Träger_innenschaft bringen zum Ausdruck, dass politische Vernetzung und damit feministische Praxis zunehmend weniger Interesse und Anerkennung erfährt und kaum Ressourcen erhält. Im Zuge der neoliberalen Mobilisierung und dem damit verbundenen sozialpolitischen Paradigmenwechsel gerät Mädchen_arbeit in ihrer politischen Tradition und ihrem kritischen Potenzial in einen Widerspruch zu einer post-wohlfahrtsstaatlichen, neoliberalen Sozialpolitik (vgl. Kagerbauer/Klinger 2013: 132).


4. Veränderungen und Widersprüche im Kontext neoliberaler Aktivierungspolitiken

Neoliberalismus kann als Liberalisierung der Wirtschaft zur Herstellung einer freiheitlichen, marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung verstanden werden, die sich auf den Rückzug des Staates bei gleichzeitiger Verankerung eines Leistungs- und Effizienzprinzips konzentriert. Diese geht mit der weitgehenden Ökonomisierung aller gesellschaftlichen Bereiche einher, die an den Verwertungsinteressen des Kapitals ausgerichtet werden (vgl. Winker 2007: 15). Realisiert wird all das durch Prinzipien wie das „Fordern und Fördern“, die dazu führ(t)en, dass Menschen ebenso wie Institution ihren Anspruch auf wohlfahrtsstaatliche Leistungen über ihre kapitalistische Verwertbarkeit und Leistungsbereitschaft (so z. B. über Leistungs- und Qualitätsvereinbarungen) nachweisen müssen. Den damit einhergehenden Paradigmenwechsel innerhalb der Sozialen Arbeit, der sich im aktivierenden Sozialstaat konkretisiert, analysiert Maria Bitzan treffend als die moderne

„Entöffentlichung geschlechtshierarchischer Widersprüche und Individualisierung gesellschaftlicher Konflikte, die ihre Lösung zu einer Privataufgabe machen. […] Hinter individuellem Scheitern stehende gesellschaftliche Konflikte sind als solche nicht mehr erkennbar und somit auch nicht mehr politisierbar“ (Bitzan 2000: 340).

Mädchen_arbeit als Teil des Versorgungsapparats gerät dabei mit ihrem Blick auf Geschlechterverhältnisse in einen strukturellen Widerspruch zu einer neoliberalen Sozialpolitik, die eben nicht mehr Verhältnisse, sondern das Verhalten, die Verwertbarkeit und die Aktivierung einzelner Menschen in den Mittelpunkt stellt: „Tragfähige und vertrauensvolle Beziehungen, die Voraussetzung von Bildung sind und gelungene sozialpädagogische Unterstützung ausmachen, sind einer unmittelbaren Nützlichkeitserwägung fremd“ (Bütow/Chassé/Hirt 2008: 229).

Im Fokus dieser Aktivierung stehen individuelle Normierungsprogramme sowie die Logik der kreativen Selbstunternehmerin, die sich beispielsweise in der Figur der Alphamädchen realisiert. Denn Mädchen_ und junge Frauen_ werden zunehmend zum Symbol der Transformation des Sozial- und Bildungssystems, zum Marker neoliberaler Errungenschaften: Als Bildungsgewinner_innen erweisen sie sich als Erfolg versprechende Objekte von Bildungsinvestitionen, gerade im Kontext einer arbeitsmarktorientierten Bildungspolitik. Als Alphamädchen symbolisieren sie das Ende des „alten Feminismus“ bzw. das Ende von dessen Notwendigkeit (vgl. Kagerbauer/Klinger 2013: 135). Dieser hoch selektive und vereinnahmende Blick lässt alle weiteren wichtigen feministischen Themen verschwinden und verkürzt sich auf einen mittelschichtsorientierten, weißen, deutschen Bildungsdiskurs: Mädchen_ mit intersektionalen Diskriminierungserfahrungen werden dabei ausgeblendet und nicht beachtet, ungleiche Startchancen bzw. Ressourcen und Barrieren negiert. Diese Entöffentlichung von gesellschaftlichen Konfliktverhältnissen bezeichnet das Tübinger Institut für frauenpolitische Sozialforschung als Verdeckungszusammenhang. Dieser prägt nicht nur die Lebenswelten von Mädchen, sondern reguliert auch die sozialpädagogische Handlungspraxis, das Erleben und die Wahrnehmung von Pädagog_innen. Zudem wird die Situation der Sozialpädagog_innen in der sozialen Praxis durch die Zunahme von Steuerungsinstrumenten erschwert. Diese führen vor allem zu einer Verankerung marktorientierter Effizienz- und Leistungsprinzipien sowie zu einem systematischen Verschluss politischer Reflexions- und Partizipationsräume vor Ort. In dieser neoliberalen Verwertbarkeitslogik, gekoppelt an finanziellen und inhaltlichen Legitimationsdruck, bleibt für politisches Engagement, kritische Analysen oder Widerstand oft wenig Zeit (vgl. Kagerbauer/Klinger 2013: 132). Die Zunahme organisatorischer und administrativer Aufgaben verbunden mit Überforderung sowie die stetig unsichere Finanzierung feministischer Einrichtungen verdeutlichen den sozialen Rückzug sozialstaatlicher Verantwortung und verlagern den Umgang mit diesen Prozessen auf individuelle Leistungen und Bewältigungsformen – die „Entlastung einer staatlichen Verantwortung“ (Bitzan 2000: 341).

Diese Form politischer neoliberaler Beschäftigungsstrategie kann als eine moderne und zugleich subtile Form der Entpolitisierung verstanden werden. Sie führt dazu, dass es eher um persönliche und individualisierte Probleme als um strukturelle Auseinandersetzungen, fehlende Verständigungsräume und gesellschaftliche Konfliktverhältnisse geht. Damit werden Machstrukturen und ihre dahinterliegenden Logiken systematisch verdeckt. Die Verdeckung von gesellschaftlichen geschlechtlich formierten Herrschaftsverhältnissen und den damit verbundenen Widersprüchen geschieht dadurch, dass sie als Individualbelastungen definiert und auch erlebt werden. Damit geht eine strategische Unterbindung gruppenübergreifender Solidarität einher sowie die Institutionalisierung der Argumentation, dass für solche gruppenübergreifenden Initiativen wie z.B. die einer feministischen Vertretung keine Notwendigkeit mehr bestünde (vgl. McRobbie 2010: 50, Klinger 2013). Als eine hierauf bezugnehmende und relevante Interventions- und Reflexionspraxis möchten wir Maria Bitzans Konfliktorientierung (2000) hervorheben. Sie geht davon aus, dass die Lebenspraxis immer eine Bewältigung von Konflikten ist und somit Erkenntnisquelle und Ansatzpunkt zugleich darstellt. Somit verschiebt sich der Fokus von der Betrachtung einzelner Personengruppen (jung und alt) hin zu den dahinterliegenden Konfliktverhältnissen: „Aufgabe ist es also nicht nur, ein öffentliches Problem zu lösen, sondern vor allem, es überhaupt erst kenntlich zu machen, öffentlich hervorzubringen“ (Bitzan 2000: 343). Doch unter welchen Bedingungen können Konflikte als konstruktive Form einer dialogischen Aushandlung verstanden werden?


5. Feministische Mädchen_arbeit als Erfahrungsspeicher

Bei der folgenden Analyse liegt der Fokus auf Widersprüchen und Konflikten, die sich im Anschluss an die Konfliktorientierung (vgl. Bitzan 2000) und auch in Bezug auf Generationenfragen als wichtige gesellschaftskritische Marker und Gedächtnisorte (Kessl/Maurer 2009: 96, vgl. Kagerbauer 2014) weiterdenken lassen. Mit dem analytischen Konzept des Gedächtnisortes wird eine Denkfolie erschlossen, die es ermöglicht, Erfahrungen in der jeweiligen Organisation als „Erfahrungsspeicher professionellen Handelns“ zu begreifen (Maurer/Weber 2006: 243). Gedächtnisse von Organisationen sind zum einen eine Art Speicher und ermöglichen zum anderen die Transmission von Wissen, das Menschen als Angehörige der jeweiligen Organisation haben. Das gespeicherte Wissen zeigt sich in Leitkulturen und Strukturen der Organisation, an Arbeitsplätzen, in Archiven oder Handbüchern, in Konzepten, Richtlinien und Materialien der Öffentlichkeitsarbeit. Auch Mythen und Geschichten über wichtige Personen und die Organisation selbst dokumentieren sequenzielle oder auch temporäre Transmissionen des organisationalen Gedächtnisses. Organisationen und Projekte – wie das der feministischen Mädchen_arbeit – können nach Maurer Erfahrungsspeicher sein, in denen vergessene oder nicht-erinnerte Erfahrungen ihre spezielle Wirkung entfalten können: „Sie repräsentieren bestimmte Wahrnehmungen sozialer Probleme ebenso wie bestimmte Perspektiven und nicht zuletzt Politiken der Praxis des Umgangs mit gesellschaftlichen Wandel und sozialen Konflikten“ (Maurer/Weber 2006: 243). Maurer und Weber sprechen hierbei von individuell-kollektiven Erfahrungen. Diese ebenso wie institutionelle Erfahrungen bilden sich in Erfahrungsspeichern ab und etablieren die Dimension eines Gedächtnisortes (Maurer/Weber 2006: 243).

Im Rückgriff auf das Konzept des Gedächtnisortes lassen sich feministische Projekte als offenes Archiv gesellschaftlicher Konflikte mit gespeicherten Antworten und gesellschaftlichen Erfahrungen denken, die dem „mehr oder weniger unbestimmten Unbehagen in der Gesellschaft“ (Kessl/Maurer 2009: 96) einen Ort zur Artikulation ermöglichen. Die Bedeutung dieser Orte wird vor allem vor dem Hintergrund einer Entwicklung, die politische Räume immer prekärer werden lässt, und in Bezug auf die wechselseitige Verständigung von Generationen unersetzlich, da sie einen gemeinsamen Bezugshorizont als Form der kollektiven Bewusstseinsbildung ermöglichen. Für das Generationenverhältnis ist diese Analysefolie deswegen so interessant, weil auch das Generationenverhältnis als ein Produkt einer ermöglichten oder eben verunmöglichten Erinnerungspolitik verstanden werden kann. Die Initiierung von Generationendialogen ist demnach als eine Aktivierung des sozialen Gedächtnisses zu fassen, dass sich als Medium der Verräumlichung, als „dynamische[r] Prozess aktueller Erinnerungspolitik“ versteht (Maurer/Weber 2006: 246).

In diesem Sinne leitet auch Maurer in Anlehnung an eine gedächtnistheoretische Theorie und Tradition die Notwendigkeit von Gedächtnisorten her, in denen es kritische Erinnerungsarbeit zu leisten gilt, „nicht zuletzt, um die eigene Verwicklung und Verstrickung in das ‚Netz der Macht‘ zu reflektieren“ (Maurer/Weber 2006: 249). Dieser Prozess reflexiver Aneignung setzt einen gemeinsamen Weg der Anerkennung von Differenzen sowie Verständigung, Informationsweitergabe und die Bereitstellung oder Besetzung von politischen Denkräumen voraus. Denn gerade die inhaltlichen, zeitlichen und räumlichen Verkürzungen im Kontext jener bereits skizzierten neoliberalen Strategien schüren Vorbehalte, Skepsis und Widersprüche zwischen verschiedenen Generationen. Das systematische Schließen von Gedächtnisorten lässt sich zudem als Entsolidarisierung, Individualisierung sowie Personalisierung struktureller Konflikte verstehen. Daher sollte es in Hinblick auf den Generationenkonflikt auch nicht um eine Abgrenzung zwischen alt und jung oder zwischen mehr oder weniger politisch gehen, sondern um die Dekonstruktion von Differenzen, Kategorien und Konkurrenzen. Es gilt den gesellschaftlichen Rahmen, in dem sich die Themen und Konflikte artikulieren, kritisch zu analysieren und zu hinterfragen. Denn die strukturellen Verkürzungen, die Geringschätzung feministischer Arbeit, die finanzielle sowie ideelle Marginalisierung entsprechender Projekte wirken sich auf Generationenverhältnisse aus. Die Frage, wer wie wahrgenommen oder für Formen der Anerkennung zuständig gemacht wird, ist daher nicht nur eine Frage des Alters.


6. Ausblick: Raum und Zeit für Generationendialoge

Mit dieser Form der Politisierung des Generationenthemas lässt sich der Fokus (wieder) auf strukturelle Bedingungen und Begründungszusammenhänge von Mädchen_arbeit richten, in der es eben nicht nur um Aneignung von pädagogischen, sondern auch von politischen Räumen geht. Insgesamt hat das die Konsequenz, kollektive, intergenerative und solidarische Bündnis- und Gestaltungskräfte in der Mädchen_arbeit und -politik zu initiieren. Das sollte mit einer bewussten, öffentlichen und damit politischen Positionierung sowie der Entwicklung intersektionaler und intergenerativer Feminismusbegriffe einhergehen. Gayatri Chakravorty Spivak (1996) rät zu einem strategischen Bezug auf Identität und nennt das ein „strategisches Wir“, einen Entwurf des strategischen Essentialismus, mit dem sich unterschiedliche Zugänge und Erfahrungen zusammen und gleichzeitig denken lassen (Spivak 1996). Dabei kommt dem Dialog der Generationen in der und über die Mädchen_arbeit als Ausgangspunkt eines neuen, intergenerativen Politikverständnisses und einer aktiven Erinnerungs- sowie Gestaltungspolitik eine ganz besondere Bedeutung zu. Ziel der alltäglichen Praxis sollte es darum sein, Generationendialoge, ihre Konfliktdimensionen und damit feministische Perspektiven wieder mehr zu institutionalisieren, Räume zu besetzten und Verständigung zu organisieren, um Unterschiedlichkeiten zu integrieren, Themen in ihrer Kontinuität zu benennen, unterschiedliche Feminismen zuzulassen und gleichzeitig Gemeinsamkeiten zu bewahren (vgl. Busche et al. 2010: 10f). Das bedeutet, den eigenen Konflikten, Verstrickungen und Verdeckungen Relevanz einzuräumen, das pädagogisch-politische Selbst ernst zu nehmen und das Private politisch zu denken, um daraus kollegiale und solidarische Strukturen, kritische feministische Positionen und intersektionale Kritik zu formulieren. Denn gerade die inhaltlichen, zeitlichen und räumlichen Verkürzungen im Kontext jener neoliberaler Strategien schüren Vorbehalte, Skepsis und Widersprüche zwischen verschiedenen Generationen sowie Positionen feministischer Politik. Indem hier bewusst gegen diese Strategien angearbeitet wird, lässt sich das eigene Erleben von Arbeitsverhältnissen vielleicht auch wieder und mehr an herrschaftskritische, feministische Diskussionen knüpfen. Die Autorinnen von Feministische Mädchen_arbeit weiterdenken nennen das „Reloading Feminismus“ (Busche et al. 2010: 11). Das Ziel, so die Autorinnen, sind Analysen, die das konflikthafte Generationenthema bzw. die fehlende Zeit für Verständigung als eine Form der politischen Spaltung entlarven, wodurch Solidarisierung und damit Widerstand verhindert wird. Zur Erfüllung dieses Ziels braucht es aber Zeit und Raum. Damit appellieren wir auch an eine feministische, kritisch solidarisch reflektierte politische Tradition und ein Professionalitätsverständnis, das Reflexion, Verständigung und Dialoge – sich in Beziehung zu sich und anderen setzen – als einen wesentlichen Bestandteil von Mädchen_arbeit denkt. Für diese Form der feministischen Aneignung und Politisierung braucht es ebenfalls Raum und Zeit, z.B. für Qualitätsprozesse, Dokumentation oder pädagogische/therapeutische Arbeit. Mädchen_arbeit als Teil politischer Bildungsarbeit und als Feld kritischer Sozialer Arbeit hat die Chance, sich weiter als Protestpraxis zu denken. Feministische Bündnisse zu stärken und intergenerative Bezugnahmen zu ermöglichen, erscheinen uns in diesen Zeiten zentrale Aufgaben einer politisch und kritischen Sozialen Arbeit zu sein.


Verweise
1 Mit dem Unterstrich (gender gap) soll den Personen Raum geschaffen werden, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen. Er soll weiterhin verdeutlichen, dass wir die Kategorie Mädchen/Frau und Mann/Junge nicht als natürliche, sondern sozial konstruierte Kategorien innerhalb eines hierarchischen Geschlechterverhältnisses betrachten (vgl. Busche et al. 2010: 7).
2 Obwohl häufig auf den Kontext der Frauen_bewegung zurückgegriffen wird, wollen wir auch andere Bewegungen nennen, die sich mit Sozialer Arbeit und ihrer Stellung im gesellschaftlichen Kontext auseinandergesetzt und damit Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen aus den eigenen Lebenslagen heraus formuliert haben: Frauen_bewegungen, Heimbewegung, Anti-Psychiatrie Bewegung, Student_innenbewegung usw.
3 Feministische Mädchen_arbeit war und ist aus intersektionalen Analysen und Forderungen heraus aufgefordert sich die Frage zu stellen, welche Auswirkungen dies auf Selbstverständnisse und Prinzipien wie z. B. Parteilichkeit hat, wenn nicht die gemeinsame Unterdrückungserfahrung als Frau_ die vorrangige Grundlage des Prinzips sein kann. Denn die ausschließliche Konzentration auf die Kategorie Geschlecht bringt die Gefahr mit sich, eine hegemoniale und verkürzte Praxis zu reproduzieren, welche die vielschichtigen, komplexen Unterdrückungs- und Privilegisierungserfahrungen, Lebensrealitäten, aber auch Widerstands- und Bemächtigungspraxen von Mädchen_ und Frauen_ ausblendet, Widersprüche glättet und Herrschaft etabliert bzw. aufrechterhält (vgl. Kagerbauer/Lormes 2014, Bergold-Caldwell/Kagerbauer 2017).
4 Mit dem Slogan „Jugendarbeit ist Jungenarbeit“ kritisierten und skandalisierten in der Frühphase die Frauen_ im Kontext der zweiten deutschen Frauenbewegung die soziale Versorgungslandschaft und die außerschulische Jugendarbeit und ihren Umgang mit den Bedarfen und Bedürfnissen von Mädchen_ (Savier/Wildt 1979: 166).
5 Gleichzeitig wurde dabei immer wieder die Hegemonie eines weißen, deutschen Mittelklassefeminismus kritisiert, der sich anmaßen wollte, die Stimme aller Frauen_ und Mädchen_ zu sein, ohne die unterschiedlichen Unterdrückungs- und Diskriminierungsmechanismen zu reflektieren, gleichzeitig machtvolle rassistische und koloniale Kontinuitäten negierte bzw. verschleierte und in Folge die eigenen, damit verbundenen Privilegierungen ausblendete (vgl. hierzu Brebeck 2008, Bergold-Caldwell/Kagerbauer 2017, Graff 2004, Kagerbauer/Lormes 2014, Wallner 2006).
6 vgl. hierzu u. a. Bitzan/Daigler 2004, Brebeck 2008, Graff 2004, Klinger 2008, Wallner 2003.
7 Es gibt sie durchaus, die politischen, jungen und engagierten Feminist_innen in der Mädchen_arbeit wie z. B. im ju*_fem_netz: https://jufemnetz.jimdo.com/ju-fem-netz/ oder bei MAFALDA einem Verein zur Förderung und Unterstützung von Mädchen und jungen Frauen in Graz: http://www.mafalda.at/


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Über die Autorinnen

Sabine Klinger, Mag.a, Dr.in, MA.
sabine.klinger@uni-graz.at

lehrt und forscht an der Karl-Franzens-Universität Graz zu den Themen geschlechterreflektierende Sozialpädagogik, Migration, Digitalisierung, qualitative Sozialforschung. Vorstandsmitglied bei MAFALDA, einem Verein zur Förderung und Unterstützung von Mädchen und jungen Frauen in Graz.
Kontaktadresse: Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft, Merangasse 70/II, 8010 Graz.

Linda Kagerbauer
info@linda-kagerbauer.de

Dipl. Sozialpädagogin, Feministin, politische Bildnerin, Aktivistin, Referentin und Autorin, Vorstandsfrau der LAG Mädchenpolitik in Hessen e.V. , Promotionsstudentin im Bereich der feministischen Mädchen_arbeit/Mädchen_politik, Mitbegründerin des ju*_fem_netzes, aktiv im fetten_widerstand, hauptberuflich im Frauenreferat der Stadt Frankfurt als Referentin für Mädchenpolitik und Kultur tätig.






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