soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 21 (2019) / Rubrik "Junge Wissenschaft" / Standort Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/611/1109.pdf


Barbara Theiner:

Funktionen virealer Nachbarschaftsvernetzung in Wien am Beispiel der Plattformen FragNebenan und Facebook


1. Einleitung

Nachbarschaft ist ein räumliches Phänomen, das beinahe jede Person in Österreich willentlich oder unwillentlich, aktiv oder passiv erfährt. Während oft negative Aspekte der Nachbarschaft, wie beispielsweise Streitigkeiten oder der Verlust der Anonymität, die eine Großstadt bietet, in der Literatur und den Medien präsent sind, gehen Potentiale der Nachbarschaft hingegen häufig unter. Aufgrund veränderter Lebensformen und dem damit einhergehenden Anstieg von Single-Haushalten in Österreich sowie dem Rückbau des Sozialstaats kann die Stärkung von Nachbarschaften und „Gemeinschaftlichkeit“ als Möglichkeit angesehen werden, dem potentiellen Verfall der sozialen Infrastruktur entgegenzuwirken. Laut Statistik Austria stieg die Anzahl der Single-Haushalte von 1971 bis 2017 bei Männern von 5,4% auf 15,0% und bei Frauen von 12,1% auf 18,2% an (vgl. Statistik Austria 2018). Den Abbau des Sozialstaats, der in Österreich gerade unter der Schwarz-blauen Regierung stattfindet, bekommen durch die Änderung der Notstandshilfe insbesondere ältere Personen sowie Personen mit einer Behinderung zu spüren. Die Politik verfolgt den neoliberalen Ansatz, der Sozialstaat dürfe keinesfalls zu großzügig sein, um keine „Fehlreize“ zu setzen die dazu führen, dass sich beispielsweise Arbeitslose in die „soziale Hängematte“ legen (vgl. Meister 2017).

Durch die Entwicklung neuer Lebensformen und den Rückgang sozialstaatlicher Leistungen steigt für die Soziale Arbeit die Notwendigkeit, betroffene Personen bestmöglich zu unterstützen. Sie hat die Aufgabe, Nachbarschaften zu stärken sowie Selbstverantwortung und Subsidiarität zu fördern. Nachbarschaft kann als ein mögliches Netzwerk für Personen gesehen werden, die Unterstützung brauchen. Insbesondere die Gemeinwesenarbeit, die als ein Ziel die Aktivierung von sozialem Kapital hat, versucht materielle und immaterielle Lebensbedingungen in einem Gemeinwesen zu verbessern. Sie zielt unter anderem auf die Vernetzung durch Herstellung und Intensivierung der Kontakte zwischen Bewohner_innen ab (vgl. Landhäußer 2013: 154f.).

Mit der wachsenden Bedeutung und Präsenz des Internets in unserem Alltag steigt die Notwendigkeit, Nachbarschaft und Nachbarschaftsvernetzung nicht nur wie bisher in der regulären physischen Umwelt zu betrachten, sondern dieses Phänomen auch im sogenannten virealen Raum (virtuell und real) zu beobachten. Dabei steht die Soziale Arbeit vor einem noch weitgehend unerforschten Phänomen.

Da es im Bereich virealer Nachbarschaften eine Forschungslücke in der Sozialen Arbeit bzw. auch in der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit gibt, zielt dieser Artikel darauf ab, einen Einblick in vireale Nachbarschaftsvernetzung zu geben und Funktionen von Online-Plattformen, die der Nachbarschaftsvernetzung dienen, zu erforschen. Das herangezogene Datenmaterial wurde im Rahmen der eigenen Masterarbeit erhoben und für die Thematik dieses Artikels erneut ausgewertet. Somit ergeben sich hauptsächlich neue Erkenntnisse, Teilergebnisse stammen aus ebendieser Arbeit (vgl. Theiner 2018). Die herausgearbeiteten Funktionen sollen dazu dienen, Online-Nachbarschaftsvernetzungsplattformen besser verstehen zu können und gegebenenfalls weiterführende Gedanken für die Soziale Arbeit ableiten zu können.


2. Was bedeutet vireale Nachbarschaft?

Um vireale Nachbarschaftsvernetzung beobachten und verstehen zu können, ist eine Definition bzw. Klärung der Begriffe Nachbarschaft und virealer Raum notwendig.


2.1 Nachbarschaft

Der Begriff der Nachbarschaft ist nicht allgemein fassbar, da sich unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen mit dieser Thematik befassen und es somit zu unterschiedlichen Begriffsdefinition kommt. Je nach Forschungsschwerpunkt umschreibt der Begriff eine soziale Gruppe, Wohn- und Siedlungsnähe oder soziale Beziehungen. Die fehlende aktuelle systematische Darstellung bzw. allgemeine Theorie von Nachbarschaft ist auf die hauptsächlich empirische Herangehensweise an Studien zum Nachbarschaftsthema zurückzuführen (vgl. Alle/Kallfaß-de Frênes 2016: 11ff.).

In der mittelalterlichen Stadt hatte der Begriff der Nachbarschaft einen stark räumlichen Bezug, der sich ab dem 19. Jahrhundert lockerte. Nachbar_innen waren zur gegenseitigen Hilfe verpflichtet, was sich insbesondere beim Feuerschutz zeigte. Diese gegenseitige Abhängigkeit der Bürger_innen wurde durch die Industrialisierung und das Entstehen von Feuerwehr und Wasserwerken aufgelöst und es eröffnete sich die Möglichkeit, soziale Beziehungen auf einer frei gewählten und gestaltbaren Basis entwickeln zu können (vgl. Häußermann/Siebel 2004: 110f.).

Im 21. Jahrhundert setzt sich diese Lockerung des ursprünglich stark räumlich geprägten Begriffs der Nachbarschaft fort (vgl. Reutlinger/Stiehler/Lingg 2015: 59ff.). Die individuelle Lebensperspektive kann aufgebrochen und durch nachbarschaftliche Einbindung freiwillig erweitert werden. Nachbarschaftliche Beziehungen stellen somit eine „individuell zu erbringende Leistung“ dar (vgl. ebd.:71). Nachbarschaft kann als neue Beziehungsform gesehen werden, die Gemeinschaft auf der Grundlage von einem individuellen Nutzenkalkül entstehen lässt. Voraussetzung dafür ist jedoch das Interesse an anderen Menschen. (Staatliche) Förderprogramme und (eigeninitiierte) Vereine wollen dem Verfall sozialer Verantwortung entgegenwirken und versuchen Nachbarschaft neu zu entwickeln. Da sich Nachbarschaft heute vorwiegend über soziale Nähe organisiert, stellt die aktive Nachbarschaftshilfe ein wichtiges Werkzeug dafür dar. Insbesondere Internetangebote sollen dabei helfen, dass sich Menschen kennenlernen, die räumlich nah aneinander wohnen und ähnliche Interessen aufweisen (vgl. ebd.).


2.2 Virealer Raum

Durch die Entwicklung des Web 1.0 zum Web 2.0 und die damit einhergehende Veränderung der One-to-many-Kommunikation zu einer sogenannten Many-to-many-Kommunikation stellt das Internet ein praktikables Werkzeug für die Nachbarschaftsvernetzung dar. Die Möglichkeit, nicht nur Informationen im Internet zu erhalten, sondern sich selbst einzubringen und Plattformen und Beiträge mitgestalten zu können, führt zu einer Verschmelzung von realer und virtueller Welt. Mit diesem fließenden Übergang bzw. der Entstehung neuer Dimensionen durch die Unmöglichkeit der Trennung virtueller und realer Systeme hat sich das Institut für neue Medien in Frankfurt am Main, dessen Direktor damals Peter Weibel war, auseinandergesetzt und den Begriff der Virealität geprägt. Es wird an „ein Umdenken, weg von der dualistischen ‚realen und/oder virtuellen‘ Sicht, hin zu virealen Objekten, Zuständen und Erfahrungen“ (INM 1996: 12) appelliert. Zudem wird die Ansicht vertreten, dass vorhandene Konzepte von Räumen, Objekten und Zuständen durch diese neue Dimension der Virealität erweitert werden und sich real-virtuelle Phänomene als vireale Objekte und Zustände äußern (vgl. ebd.).

Unterschiedliche Autor_innen greifen diese Überlegungen zu einem virealen Raum auf und befassen sich mit der Thematik. Sowohl Angela Tillmann (2014) als auch Verena Ketter (2014) argumentieren für die Anerkennung des virealen Raums. Tillmann versteht unter virealer Aneignung „die Fähigkeit, kompetent mit und innerhalb der unterschiedlichen Wirklichkeitswelten zu agieren sowie bei der Aneignung von Lebenswelten sowohl virtuelle (4. und 5. Welt) als auch reale Erfahrungen (2. Welt) miteinander zu verknüpfen“ (Tillmann 2014: 268). Sie weist auf die Möglichkeit hin, durch das Internet die Lebenswelt aus einer anderen Perspektive kennenzulernen und bestehende Deutungsmuster erweitern zu können (vgl. ebd.: 268f.). Auch Ketter argumentiert, dass Medienräume an bereits vorhandene Wahrnehmungs- und Handlungsräume anschließen und eine Ergänzung bzw. Erweiterung der Raumkonstitution darstellen. Sie plädiert dafür, nicht mehr zwischen virtuellem und realem Handeln zu trennen, sondern vielmehr vom Verständnis eines relationalen Sozialraums zu dem eines virealen Sozialraums zu gelangen (vgl. Ketter 2014: 299ff.).

Das Internet stellte zu Anfangszeiten nur eine Erweiterung der Realität dar, da es lediglich einen Informationsaustausch ermöglichte. Mittlerweile wird in den sozialen Medien die Dualität von virtuell und real aufgelöst, da das Web 2.0 gegenseitigen Austausch und soziale Beziehungen ermöglicht und es somit zu einer Verschmelzung kommt. Dieser vireale Raum kann als relationaler Raum gesehen werden. Obwohl der physisch-materielle Aspekt in der Virealität nicht gleich ersichtlich ist, ist er dennoch beispielsweise in Form von klar verorteten Servern vorhanden, welche in unterschiedlicher Art und Intensität das Handeln der Nutzer_innen strukturieren bzw. determinieren. Umgekehrt hat das Handeln der Akteur_innen auch Einfluss auf den virealen Raum. Da Personen auch abseits des Internets existieren, soll der vireale Raum den relationalen Raum nicht – wie von Ketter gefordert – ablösen, sondern vielmehr als Ergänzung zu bestehenden Sozialräumen in einem relationalen Raumverständnis gesehen werden. Insofern erscheint es sinnvoll, ihn als einen Sozialraum zu verstehen, der neben bereits bestehenden Sozialräumen, wie beispielsweise privaten Räumen, öffentlichen Räumen, Konsumräumen usw., die sich je nach Dimensionen unterschiedlich beschreiben lassen und mit dem relationalen Raumbegriff gefasst werden, als erweiterter Sozialraum besteht.

Der vireale Raum ist noch ein sehr großer unerforschter Sozialraum. In diesem Artikel wird ein Teilaspekt näher beleuchtet, um ihn besser fassen zu können. Es werden Plattformen, die der Online-Nachbarschaftsvernetzung dienen, erforscht, um deren Nutzung und Funktionen aufzuzeigen.


3. Forschungsmethodik und Forschungsfeld im virealen Raum

Für die Auseinandersetzung mit Online-Nachbarschaftsvernetzung im virealen Raum ist es notwendig, sich mit sozialen Netzwerken, die der lokalen Vernetzung und dem Austausch dienen, zu befassen. Als Forschungsfeld wurden für die Betrachtung die Plattform FragNebenan für zwei unterschiedliche Wohngegenden in Wien, sowie Facebook-Gruppen, die der Nachbarschaftsvernetzung in Wiener Bezirken dienen, gewählt.

Facebook ist eine Plattform, die Personen nach einer Registrierung und der Erstellung eines Profils die Vernetzung mit anderen Nutzer_innen ermöglicht. In überwiegender Mehrzahl geschieht dies mit dem realen Vor- und Zunamen. Über Facebook können viele Empfänger_innen gleichzeitig erreicht werden. Dies geschieht in Form von geposteten Fotos, Videos oder Textinformationen (vgl. Grabs/Vogl/Bannour 2017: 180). Das Mindestalter für die Registrierung bei Facebook liegt in Österreich und Deutschland bei 13 Jahren (vgl. Facebook 2018). Neben vielen unterschiedlichen Funktionen gibt es bei Facebook die Möglichkeit der Gruppennutzung. Sinn und Zweck dieser Gruppen sind die Vernetzung und Verbindung von Personen mit gleichen Interessen. Jede_r Nutzer_in hat die Möglichkeit, selbst eine Gruppe zu gründen oder bestehenden Gruppen beizutreten. Während es für geschlossene Gruppen einer Bestätigung der Beitrittsanfrage durch die Administrator_innen bedarf, kann öffentlichen Gruppen ohne Gruppenanfrage beigetreten werden. Beide Gruppenarten werden über die reguläre Suchfunktion gefunden. In Facebook-Gruppen können Beiträge verfasst oder kommentiert werden. Zudem besteht die Möglichkeit, Umfragen zu erstellen (vgl. ebd.). Administrator_innen können Gruppenmitglieder aus der Gruppe entfernen sowie gruppenspezifische Einstellungen vornehmen. Um Nachbarschaftsvernetzung bei der Facebook-Plattform zu betrachten, wurden Gruppen nach Wiener Bezirksnamen gesucht. Für die Beobachtung wurden vier Bezirksgruppen jener Gruppen gewählt, bei denen Nachbarschaftsvernetzung als Zweck in der Gruppenbeschreibung angegeben war.

FragNebenan ist eine Plattform, bei der Nutzer_innen die Möglichkeit haben sich mit Personen, die im Umkreis von 750 Meter vom eigenen Wohnumfeld leben, zu vernetzen. Dies entspricht in etwa zehn Gehminuten. Die Plattform wurde ursprünglich von Privatpersonen in Wien gegründet und wird mittlerweile als GmbH geführt. Neben Wien gibt es auch noch andere Städte in denen FragNebenan genutzt werden kann. Für Gemeinden, in denen sich mehr als 50 Personen bei FragNebenan vormerken lassen, wird die Plattform ebenfalls geöffnet (vgl. FragNebenan 2017). Die Plattform soll der Anonymität in der Stadt entgegenwirken und Nachbar_innen „unterschiedlicher Herkunft, in unterschiedlichsten Lebenssituationen […] mit den unterschiedlichsten Talenten, Interessen und Bedürfnissen“ (FragNebenan o.J. a) verbinden. Sie wird aktuell von über 55.000 Personen genutzt. Fast 50.000 Personen davon sind in Wien lebende Nutzer_innen (vgl. ebd.). Für die Anmeldung auf FragNebenan wird die Verifizierung der Wohnadresse benötigt. Hierfür wird an die angegebene Adresse eine Postkarte mit einem Code zur Freischaltung geschickt, um zu gewährleisten, dass sich auf der Plattform „richtige“ Nachbar_innen anmelden (vgl. FragNebenan 2017). Auch bei dieser Plattform können Nutzer_innen Beiträge lesen, kommentieren und verfassen. Für die Archivierung der Beiträge auf der Plattform ist es notwendig, diese einer bestimmten Kategorie zuzuordnen. Als Auswahl gibt es die vier Kategorien Zusammenleben, Nachbarschaftshilfe, Empfehlungen und Wissenswertes. Zudem können auf FragNebenan Kleinanzeigen erstellt werden, die einer der drei Kategorien Verschenke, Verkaufe oder Lokale Unternehmen zugeordnet werden müssen (vgl. FragNebenan o.J. b).

Für dieses Forschungsvorhaben wurden für die Datenerhebung eine teilnehmende Beobachtung und ein Online-Leitfadeninterview gewählt. Die Beobachtungen wurden in allen vier Facebook-Bezirksgruppen, sowie beiden FragNebenan-Seiten an unterschiedlichen Tagen und zu unterschiedlichen Zeiten durchgeführt. Dabei wurden einerseits Beobachtungen zum Verhalten der Nutzer_innen notiert und andererseits willkürlich Beiträge gesammelt. Die Online-Umfrage wurde ebenfalls auf beiden Plattformen geteilt. Konkret wurde bei der Umsetzung der Datenerhebung im Internet darauf geachtet, sowohl bei den Beobachtungen als auch bei der Befragung möglichst so zu agieren, wie es im realen Raum auch der Fall wäre. Die Beiträge der beiden Plattformen wurden deshalb nicht nach dem Inhalt (vor-)ausgewählt und gesammelt, sondern nach ihrem Erscheinen in der Timeline zum Zeitpunkt der Beobachtung, ohne im Vorhinein auf deren Inhalt zu achten.

Die Offenlegung der Rolle als Forscherin wurde versucht, bestmöglich umzusetzen. Dies ist jedoch nicht ständig gelungen. Auf beiden Plattformen werden beispielsweise täglich Beiträge verfasst, die vorhergehende ältere Beiträge weiter nach unten verschieben. Aus diesem Grund ist es unmöglich, dass alle Nutzer_innen einen Beitrag, bei dem die Beobachtung offengelegt wird, sehen. Es würde auch nicht funktionieren sich zu diesem Zweck zu Beginn jedes Beobachtungszeitpunktes auf der Plattform zu erkennen zu geben, da es möglich ist, Beiträge und Unterhaltungen von Personen zu beobachten, die gerade nicht online sind und somit Personen zum Beobachtungszeitraum nicht darüber informiert werden können, dass deren Beiträge soeben beobachtet werden. Beim Online-Leitfadeninterview wurde darauf geachtet, dass bei der Beantwortung der offenen Fragen eine uneingeschränkte Worteingabe möglich war. Dennoch zeigten viele Nutzer_innen ein kurzes Antwortverhalten, was auf die Internetsprache zurückzuführen sein könnte oder auf das als umständlich empfundene Tippen.

Die Daten der beiden Plattformen wurden im Zeitraum Juni 2017 bis August 2018 erhoben, wobei der Großteil der Protokolle aus dem Jahr 2017 stammt. Insgesamt ergaben sich 41 Protokolle im Umfang von 313 Seiten. Das Online-Leitfadeninterview wurde von 120 Personen ausgefüllt.

Die Auswertung der Daten erfolgte mittels Themenanalyse nach Froschauer/Lueger (2003). Die Themenanalyse weist zwar insgesamt geringe analytische Tiefe auf und beinhaltet keine Analyse des Entstehungshintergrundes eines Textes, bietet allerdings die Möglichkeit der systematischen Bearbeitung größerer Textmengen und einer thematischen Zusammenfassung von Gesprächen. Sie eignet sich gut, um sich einen Überblick über Themen zu verschaffen, anschließend Kernaussagen zu bilden sowie den Kontext ihres Auftretens zu erkunden. Bei der Themenanalyse kann auf das Textreduktionsverfahren oder das Codierverfahren zurückgegriffen werden. Um zentrale Themen herauszuarbeiten und die Argumentationsstruktur zu erfassen, wurde das Textreduktionsverfahren gewählt. Das gewählte Vorgehen hat den Vorteil, dass die Gefahr einer Beeinflussung der Interpret_innen sehr gering ist, da sich die Auswertung auf den manifesten Inhalt beschränkt (vgl. Froschauer/Lueger 2003: 158ff.).

Die Beschreibung der gewählten qualitativen Forschungsmethoden zeigt bereits, dass eine Passgenauigkeit der Methoden schwierig ist, da es keine Forschungsmethoden für das Internet gibt, sondern reguläre qualitative Methoden für Online-Forschung adaptiert oder übernommen werden. Während die Umsetzung des Leitfadeninterviews im Internet formal keine große Schwierigkeit darstellt, kann die Beobachtung keiner klaren Methode zugeordnet werden. Sie enthält im Internet sowohl Aspekte der teilnehmenden Beobachtung, als auch der Dokumentenanalyse. Zudem ist die Erfassung der Grundgesamtheit im Internet aufgrund der weltweiten Nutzung nicht wie bei einem Telefonbuch oder Melderegister möglich, was dazu führt, dass es nicht einfach ist, eine repräsentative Stichprobe zu erhalten (vgl. Baur 2009: 108). Da dieses Forschungsvorhaben allerdings auf das Erheben subjektiver Erfahrungen und Nutzungsweisen abzielt und kein Anspruch darauf besteht, allgemeingültige Aussagen machen zu können, ist diese Schwierigkeit in diesem Fall nebensächlich.

Obwohl die Umsetzung qualitativer Forschungsmethoden im Internet nicht eindeutig bzw. einfach ist, bietet Online-Forschung auch viele Vorteile. So ist es beispielswese möglich, auf ökonomisch effiziente Weise umfangreiche, qualitative Informationen zu erhalten. Zudem können im Internet auch Informationen jener Personen eingeholt werden, die im realen Raum nicht oder nur schwer erreichbar sind (vgl. Holtz/Wagner 2009, zit. n. Gnambs/Batinic 2010: 320). Insbesondere in Bezug auf die Methode der Online-Befragungen zeigen sich einige positive Aspekte. Darunter fallen beispielsweise eine schnelle Durchführbarkeit, der Wegfall von Intervieweinflüssen, geringere soziale Erwünschtheit und kaum Erhebungskosten (vgl. Baur 2009: 108).


4. Welche Funktionen zeigen sich bei den Nachbarschafts-Plattformen?

Für die Auswertung wurden sowohl die Beobachtungsprotokolle herangezogen, als auch einzelne Fragen des Fragebogens. Um herauszufinden, welche Funktionen die beiden Plattformen erfüllen, wurden die Antworten folgender Fragen ausgewertet (vgl. zum Folgenden Theiner 2018: 26f.):

  • Wieso nutzen Sie solche Internetseiten?
  • Wie nutzen Sie solche Internetseiten?
  • Welchen Einfluss hat die Nutzung solcher Internetseiten auf ihr (alltägliches) Leben?
  • Was finden Sie an den jeweiligen Internetseiten positiv und was negativ? Wie würden Sie gewisse Dinge ändern oder welche Verbesserungsvorschläge hätten Sie?
  • Fänden/Finden Sie eine Moderation solcher Seiten sinnvoll?

Bei allen Fragen sind Internetseiten, die der Nachbarschaftsvernetzung dienen (FragNebenan und Facebook), gemeint.

Bei den Beobachtungsprotokollen und Teilen der Fragebögen wurden zuerst mittels Themenanalyse nach Froschauer/Lueger Themen bzw. Kategorien gebildet, von denen anschließend Funktionen abgeleitet wurden. Zu den Beobachtungsprotokollen zählen Protokolle eigener Beobachtungen zum Verhalten der Nutzer_innen sowie Beiträge bzw. Konversationen, die sich auf den Internetseiten finden ließen.

Da es sich beim Leitfadeninterview um keine repräsentative Stichprobe handelt, können nur Tendenzaussagen gemacht werden. Die folgenden Ergebnisse sind somit nicht allgemeingültig für Facebook-Gruppen oder die Plattform FragNebenan, sondern geben lediglich einen Einblick in mögliche Funktionen, die diese für ihre Nutzer_innen haben. Diese sind sowohl bei Facebook als auch bei FragNebenan nicht klar voneinander zu trennen und verschwimmen teilweise.


4.1 Funktionen von Facebook-Nachbarschaftsvernetzungsgruppen

Bei den Beobachtungen der Nutzer_innen der Facebook-Gruppen kristallisierten sich vier Funktionen heraus, welche die Plattform erfüllt: Sie dient als Informationsplattform, Alltagsbeschäftigung, Fundgrube und Diskussionsplattform.

Die Nachbarschaftsgruppen werden als Informationsplattform wahrgenommen und verwendet. Es finden sich einige Informationen zu aktuellen Geschehnissen im Bezirk und Personen, die erst seit kurzem im Bezirk wohnen, berichten teilweise davon, die Bezirksgruppe als Orientierung herangezogen zu haben. Zudem wird fast täglich nach Empfehlungen für Ärzt_innen gefragt. Manche Nutzer_innen verwenden die Bezirksgruppen auch, um ihre Freizeit zu füllen. Bei den Bezirksgruppen auf Facebook geschieht diese Art der Kommunikation schriftlich oder durch das Teilen bestimmter Bildinhalte. Einige Nutzer_innen berichten davon, die Bezirksgruppen als Freizeit- bzw. Alltagsbeschäftigung zu verwenden und dort aus Langeweile Beiträge zu lesen, zu kommentieren oder zu verfassen. Die dritte Funktion, die sich bei den Facebook-Gruppen zeigt, ist jene der Fundgrube. Einerseits werden Fotos von Tieren gezeigt, die vermisst werden, oder es werden verlorene Gegenstände über die Gruppen gesucht und gefundene Dinge geteilt, damit der/die Besitzer_in rasch gefunden wird. Die meisten Beiträge und Beantwortungen der Fragen aus dem Fragebogen lassen sich der Funktionsrubrik der Diskussionsplattform zuordnen. Hier finden sich neben Beiträgen zu politischen Themen in den Gruppen auch häufig rassistische und sexistische Beiträge. Während der Beobachtungszeit zeigte sich, dass in den Gruppen eine forsche und teilweise auch respektlose Diskussionskultur herrscht.

Alle vier Funktionen beinhalten direkt oder indirekt auch Nachbarschaftshilfe, allerdings hauptsächlich nur über den schriftlichen Austausch im Internet, ohne sich im physischen Raum zu treffen. Im Beobachtungszeitraum findet sich nur ein Beitrag, in dem davon berichtet wird, dass eine Person zu einer anderen nach Hause gefahren ist, um diese bei handwerklichen Tätigkeiten zu unterstützen.


4.2 Funktionen der Plattform FragNebenan

Bei der Plattform FragNebenan lassen sich aufgrund des Datenmaterials fünf Funktionen ausmachen, die die Plattform erfüllt: Sie fungiert als Informationsplattform, Tausch- und Verkaufsplattform, Unternehmungsplattform, Kennenlern-Plattform und Unterstützungsplattform.

FragNebenan wird ebenfalls, wie die Bezirksgruppen bei Facebook als Informationsplattform verwendet. Es werden primär Alltagstipps, Ärzt_innentipps oder allgemeine Informationen über den Bezirk gegeben. Als Tausch- und Verkaufsplattform wird FragNebenan verwendet, indem Inserate mit Fotos veröffentlicht werden. Artikel werden sowohl verkauft, als auch gegen andere Gegenstände getauscht. Vereinzelt werden auch Gegenstände zum Verschenken angeboten. Auf konkrete Gesuche wird häufig reagiert und ausgeholfen, ohne Gegenleistung einzufordern. Nutzer_innen von FragNebenan organisieren darüber hinaus eigenständig gemeinsame Unternehmungen, um Nachbar_innen kennenzulernen. Somit erfüllt die Plattform auch die Funktion der Unternehmungsplattform. Es werden eigeninitiiert Picknicks in Parks veranstaltet oder Mütter aus der Nachbarschaft treffen sich mit ihren Kindern. Zudem werden Spaziergesellschaften gesucht oder Personen, die Hobbys teilen. Neben gemeinsamen Unternehmungen werden auf FragNebenan auch konkrete Aufrufe gestartet, sich gegenseitig aufgrund der lokalen Nähe kennenzulernen und soziale Kontakte zu knüpfen. Nutzer_innen berichten, dass FragNebenan die Stadt zum Dorf macht und die Möglichkeit bietet die direkten Nachbar_innen besser kennenzulernen. Somit kommt FragNebenan auch die Funktion einer Kennenlern-Plattform zu. Die Funktion als Unterstützungsplattform und als Nachbarschaftshilfe ist bei FragNebenan gut sichtbar. Durch die lokale Nähe, aber auch eine gewisse Distanz, die das Internet bietet, können Personen möglicherweise auch leichter um Hilfe bitten. Während des Forschungsprozesses fanden sich einige Beiträge dieser Kategorie. Bei diesen handelt es sich beispielsweise um das Aushelfen mit Lebensmitteln oder Werkzeugen, gegenseitiges Kinder- oder Katzensitten, Pflanzen gießen oder die Erledigung von Einkäufen während körperlicher Einschränkungen.


4.3 FragNebenan und Facebook-Gruppen – Ein Vergleich

Die Plattformen FragNebenan und Facebook weisen Funktionen auf, die alle der Überfunktion der Vernetzungsplattform zugeordnet werden können. Die untenstehende Grafik soll noch einmal die jeweiligen Funktionen verdeutlichen.

Abbildung 1
Abbildung 1: Funktionen der Nachbarschaftsplattformen (eigene Darstellung).


Auf den ersten Blick scheinen die Plattform FragNebenan und die Bezirksgruppen von Facebook ähnliche Funktionen aufzuweisen. Dennoch werden anhand der Beobachtung unterschiedliche Nutzungsweisen sichtbar. Die Unterschiede der Plattformen verdeutlichen gut, auf welche unterschiedlichen Arten bzw. durch welche unterschiedlichen Motivationen sich Nachbarschaftsvernetzung zeigt.

Der erste Unterschied zeigt sich in der Diskussionskultur. Während bei Facebook häufig ein forscher Ton herrscht, wird auf FragNebenan sehr freundlich miteinander kommuniziert. Die Bezirksgruppen auf Facebook werden oft als Diskussionsplattform verwendet, während im Vergleich dazu auf FragNebenan maximal ein freundlicher Meinungsaustausch zu beobachten ist – eine Diskussion entsteht jedoch nicht. Eine teilnehmende Person des Online-Leitfadeninterviews, die beide Plattformen verwendet, berichtete, dass die Plattform FragNebenan als angenehmer empfunden wird, da dort im Vergleich zu Facebook ein freundlicherer Umgangston herrscht.

Der forsche Umgangston auf Facebook, der im Internet häufig anzutreffen ist, kann nach Ingrid Brodnig (2013) auf die enthemmende Wirkung des Internet zurückzuführen sein. Da Internetnutzer_innen als Personen unsichtbar sind, bleiben Beteiligte in Kommunikationen zumeist unbekannt. Nach Brodnig führt dies automatisch auch dazu, dass auf Bösartigkeiten oder Untergriffe nicht mit sozialen Sanktionen reagiert werden kann. Verbale Ausbrüche haben online somit fast immer weniger Konsequenzen als offline, da das Gegenüber nicht greifbar scheint. Dieser Enthemmungseffekt nennt sich Online Desinhibition Effect und geht, so Brodnig weiter, auf den Psychologen John Suler zurück. Unter diesen Begriff fällt neben dem eben genannten problematischen Aspekt auch die „gutartige Enthemmung“. Darunter wird beispielsweise die Möglichkeit verstanden, dass Personen durch die Anonymität im Internet leichter über Gefühle sprechen können oder es Betroffenen beispielsweise weniger schwerfällt, die eigene Homosexualität zu thematisieren (vgl. Brodnig 2013: 70).

Der beschriebene Enthemmungseffekt, der durch eine gewisse Anonymität im Internet bzw. die physische Abwesenheit des Gegenübers entsteht, ist auf beiden Plattformen zu finden. Während er sich auf Facebook negativ in Form von ausfallender und teilweise beleidigender Sprache zeigt, wird bei FragNebenan der positive Aspekt des Effekts sichtbar. Da man sich dem Gegenüber nicht direkt stellen muss, können Personen leichter um Hilfe und Unterstützung bitten und müssen sich nicht überwinden und direkt an der Wohnungstür anklopfen. Dies zeigt sich einerseits dadurch, dass auf FragNebenan viel öfter um Hilfe gebeten wird als in den Facebook-Gruppen, andererseits schildern FragNebenan-Nutzer_innen beim Leitfadeninterview, dass sie sich online mit ihren Nachbar_innen vernetzen, da es eine einfache Möglichkeit ist, Hilfe zu erhalten.

Bei den beobachteten Facebook-Gruppen entsteht der Eindruck, dass sie als Möglichkeit genutzt werden, Menschen mit ähnlicher politischer Einstellung unter dem Deckmantel der Nachbarschaftsvernetzung zu finden. Auffallend ist, dass sich in den Gruppen viele Beiträge finden, die nicht den Facebook-Richtlinien entsprechen, denen entsprechend beispielsweise rassistische Beiträge unerwünscht sind (vgl. Facebook 2018). Da Gruppen, deren Gruppenbeschreibung einen Verstoß gegen die Richtlinien von Facebook implizieren, schnell entdeckt und gelöscht werden, kann es sein, dass Gruppen unter dem Deckmantel einer unverfänglichen Beschreibung gegründet, dann jedoch zweckentfremdet werden. Der beschriebene Effekt kann auch darauf zurückzuführen sein, dass auf Facebook jede_r Nutzer_in eine Gruppe erstellen kann, während auf FragNebenan die Plattform grundsätzlich vorgegeben ist und explizit damit wirbt, dass Personen unterschiedlicher Herkunft und Interessen miteinander verbunden werden.

Auf Facebook zeigt sich im Vergleich zu FragNebenan noch ein weiterer Unterschied im Bereich der Kommunikation. Wie sich insbesondere im Bereich der Funktion der Alltagsbeschäftigung zeigt, wird in den Facebook-Gruppen häufig auf phatische Kommunikation zurückgegriffen. Unter phatischer Kommunikation versteht der polnische Anthropologe Bronislaw Malinowski (1923) eine auf linguistischer Ebene stattfindende kontextunabhängige Sprachfunktion mit dem Ziel der Initiierung und Etablierung zwischenmenschlicher Kontakte. Dies geschieht beispielsweise in Form von Grußformeln oder allgemeinen Floskeln ohne konkrete Informationsvermittlung (vgl. Sassen 2000: 90). In jeder Beobachtung, die auf Facebook durchgeführt wurde, fand sich mindestens ein Beitrag, der als phatische Kommunikation beschrieben werden kann. Dies fand beispielsweise in Form eines Bildes statt, bei dem ein gezeichneter winkender Bär in einer Sprechblase „Guten Morgen“ sagt.

Obwohl durch die Vernetzung auf den Plattformen sowohl über Facebook als auch über FragNebenan Treffen im realen Leben initiiert werden, tritt die Funktion als Kennenlern-Plattform verstärkt bei FragNebenan auf. Bei den Facebook-Gruppen hat sich während der Beobachtungszeit mehr oder weniger das gleiche kleine Grüppchen ein bis zweimal privat getroffen, während auf FragNebenan regelmäßig Personen, die Interesse daran haben Nachbar_innen kennenzulernen, koordinieren und beispielsweise gemeinsame Parktreffen organisieren.

Ein weiterer wesentlicher Unterschied beider Plattformen zeigt sich im Bereich der Nachbarschaftshilfe. Diese findet zum Großteil auf FragNebenan statt. Eine mögliche Erklärung dafür könnte ein Aspekt sein, der beide Plattformen voneinander unterscheidet und dem in diesem Artikel bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde: die räumliche Nähe. Während sich die Facebook-Gruppen jeweils auf einen ganzen Wiener Bezirk erstrecken, werden auf FragNebenan Nachbar_innen vernetzt, die sich im Umkreis von 750 Meter befinden. Auf jener Plattform, auf der Personen geographisch näher beieinander sind, lässt sich Nachbarschaftshilfe in einem höheren Ausmaß beobachten, als in den Bezirksgruppen. Ob dies in einem direkten Zusammenhang miteinander steht, kann anhand des vorliegenden Datenmaterials nicht festgestellt werden. Allerdings ist es möglich, dass die lokale Nähe gewisse Barrieren abbauen kann. Ein weiterer möglicher Grund, weshalb Nachbarschaftshilfe eher auf FragNebenan zu finden ist, könnte darin liegen, dass die Funktionen der Plattform konkret vorgegeben sind und verwaltet werden. Für Nutzer_innen ist somit klar, welchem Zweck die Plattform dient und wie sie zu verwenden ist. Auf Facebook hingegen sind Gruppen eigeninitiiert und können mehrere Administrator_innen haben, die ihre eigenen Interessen in Beiträgen einbringen und nach individuellem Gutdünken Beiträge von Nutzer_innen löschen oder bestehen lassen können. Von mehreren Nutzer_innen wurde auf Facebook eine bessere Moderation gefordert, wobei keine konkreten Vorschläge gemacht wurden, welche Kriterien eine gute Moderation erfüllen müsste.

Neben den Beobachtungsprotokollen kamen beim Leitfadeninterview von Nutzer_innen, die sowohl Facebook als auch FragNebenan nutzen, zusätzlich wahrgenommene Unterschiede zur Sprache. FragNebenan wurde von einigen als praktischer empfunden, da bessere lokale Informationen vorhanden sind. Zudem wurde die Kommunikation auf Facebook häufig kritisiert und eine bessere Moderation gefordert. In Bezug auf Diskussionen bzw. Meinungsaustausch spalteten sich die Meinungen. Während es Personen gibt, die den rauen Umgangston auf Facebook als negativ empfinden und FragNebenan als angenehmer wahrnehmen, kritisieren andere genau diesen fehlenden Meinungsaustausch auf FragNebenan.


5. Fazit

Bezugnehmend auf die Frage, welche Funktionen sich bei Plattformen der Nachbarschaftsvernetzung zeigen, wird ersichtlich, dass diese je nach Art der Plattform variieren. Selbst wenn ähnliche Funktionen bei beiden Vernetzungsseiten auftauchen, werden sie je nach Plattform unterschiedlich intensiv wahrgenommen. Den Facebook-Seiten kommt die Funktion als Informationsplattform, Alltagsbeschäftigung, Fundgrube und Diskussionsplattform zu. Bei FragNebenan zeigen sich die fünf Funktionen Informationsplattform, Tausch- und Verkaufsplattform, Unternehmungsplattform, Kennenlern-Plattform sowie Unterstützungsplattform. Im Vergleich zu Facebook ist die Funktion der Nachbarschaftsunterstützung auf FragNebenan als Hauptfunktion vorhanden. Da die Plattform die Nutzung als Nachbarschaftshilfe vordefiniert, gibt sie diese Funktion bereits eigens vor. Facebook ist in dieser Hinsicht offener gestaltet, was Nutzer_innen die Möglichkeit gibt, „Raum(-aneignung)“ gruppenspezifischer bzw. individueller zu gestalten, weshalb die Funktion der Nachbarschaftshilfe nur als ein Teilbereich zum Tragen kommt. Bei Facebook kann die Nutzung als Diskussionsplattform als Hauptfunktion beobachtet werden.

Nachbarschaftsvernetzung zeigt sich somit im Internet auf unterschiedliche Art und Weise, wobei alle Ausprägungsformen ihre Legitimation haben. Während einige Personen vermehrt das Bedürfnis haben sich lokal zusammenzuschließen und gegenseitig zu helfen, gibt es andere, die mit ihrem Umfeld ihre Meinung austauschen wollen. Facebook stellt einen größeren räumlichen Rahmen für eine viel breitere Nutzung bereit und gibt damit zusammenhängende akzeptierte Handlungen in Form von Normen und Regeln vor. FragNebenan versucht hingegen durch die Vernetzung der Nachbar_innen im Umkreis von 750 Metern gegen die Anonymität in der Großstadt zu wirken und bietet Personen dadurch effektive Nachbarschaftshilfe.

Bei beiden Plattformen wird Nachbarschaftsvernetzung über das Internet organisiert. Es wird ersichtlich, dass sich das Internet durch seine Allgegenwärtigkeit im Alltag gut als Werkzeug eignet, um viele Personen zu erreichen. Dies ist insbesondere für die Soziale Arbeit sowohl in der Theorie als auch in der Praxis relevant ist.

Darüber hinaus wurde deutlich, dass gerade in der qualitativen Forschung die Notwendigkeit steigt, Methoden vermehrt an das Internet zu adaptieren oder neue Online-Methoden zu entwickeln. Das Internet müsste bereits während der Ausbildung in der Lehre qualitativer Forschung größere Aufmerksamkeit bekommen.

Die Gegenüberstellung von FragNebenan und Facebook als zwei unterschiedlichen Plattformen der Nachbarschaftsvernetzung zeigt, dass unterschiedliche Funktionen herauskristallisiert werden können, die alle unter den Begriff der Nachbarschaftsvernetzung gefasst werden können. Weiterführende Forschung darüber, unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen sich die jeweiligen Funktionen entwickeln, könnte insbesondere für die Soziale Arbeit wertvolle Erkenntnisse liefern.

Die Lebenswelt der Menschen ist, soweit die Möglichkeit eines Internetzuganges besteht, mittlerweile auch im virealen Raum situiert, weshalb dieser neue relationale Raum als weiterer Sozialraum anerkannt werden sollte. Die vorherrschende Dualität von virtuellem und realem Raum sollte aufgelöst werden und durch den Begriff der Virealität ersetzt werden. Damit einhergehend würde auch der Anspruch schwinden, Regeln und Normen des realen Raumes auf den virtuellen Raum zu übertragen. Der vireale Raum stellt durch die Verschmelzung von real und virtuell keine Kombination beider Räume dar, sondern stellt einen eigenständigen Sozialraum dar, bei dem sowohl bekannte als auch neue Handlungsweisen sichtbar werden. Auch die Soziale Arbeit soll sich diesem neuen Sozialraum widmen und Handlungsperspektiven entwickeln. Insbesondere in der Jugendarbeit, der Gemeinwesenarbeit und Streetwork wird die Notwendigkeit der Integration des virealen Raums (und somit des Internets) in die Arbeitsweise offensichtlich, da diese Handlungsfelder auch im virealen Raum bzw. der virealen Lebenswelt der Klient_innen angesiedelt sind. Das Bewusstsein für den virealen Sozialraum, welches aktuell durch die Thematisierung in der Forschungsliteratur immerhin in der Theorie vorhanden ist, lässt darauf hoffen, dass es auch in die Praxis vermehrt Einzug finden wird.


Literatur

Alle, Katrin/Kallfaß-de Frênes, Vera (2016): Nachbarschaft und Nachbarschaftlichkeit. Nachbarschaft in der soziologischen Forschung. In: Kallfaß, Sigrid (Hg.): Altern und Versorgung im nachbarschaftlichen Netz eines Wohnquartiers. Zur Kooperation eines Altenhilfeträgers und einer Wohnbaugenossenschaft bei der quartiersbezogenen Gemeinwesenarbeit. Wiesbaden: Springer VS, S. 11–40.

Baur, Nina/Florian, Michael J. (2009): Stichproben bei Online-Umfragen. In: Jackob, Nikolaus/Schoen, Harald/Zerback, Thomas (Hg.): Sozialforschung im Internet. Methodologie und Praxis der Online-Befragung. Wiesbaden: Springer VS, S. 109–128.

Brodnig, Ingrid (2013): Der unsichtbare Mensch. Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert. Wien: Czernin.

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Über die Autorin

Barbara Theiner, MA
th.barbara@gmail.com

Bachelorstudium Bildungswissenschaft, Universität Wien; Masterstudium Sozialraumorientierte und Klinische Soziale Arbeit, FH Campus Wien; seit Februar 2018: Jugendarbeit – Jugendzentrum (NÖ), davor bereits mehrere Jahre tätig in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, sowie in der Wohnungslosenhilfe; Forschungsschwerpunkte: Virealer Raum, Nachbarschaftsvernetzung






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