soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 23 (2020) / Rubrik "Einwürfe/Positionen" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/669/1209.pdf


Janine Khandoker:

Freiwilligeneinsätze und Auslandspraktika im globalen Süden

Abbau oder Reproduktion ungleicher Machtverhältnisse?


1. Einleitung

Immer wieder entscheiden sich junge Menschen für Praktika oder Freiwilligeneinsätze im globalen Süden.1 Studierende der Sozialen Arbeit haben speziell die Möglichkeit, ihre Langzeitpraktika über die österreichische Entwicklungszusammenarbeit (EZA) zu absolvieren (vgl. FH Campus Wien o.J.). In lateinamerikanischen, asiatischen oder afrikanischen Ländern übernehmen sie Lehrtätigkeiten, kümmern sich um Straßenkinder, beschäftigen sich mit Randgruppen, wagen den Blick über den Tellerrand. Der Wunsch, fernab des westlichen Wohlstands zu helfen und zeitgleich Erlebnisse und Erfahrungen in fremden Ländern zu sammeln, ist groß. Was aber sagen diese Einsätze über die ungerechten Machtverhältnisse zwischen dem globalen Süden und dem globalen Norden aus? Wem nützen Freiwilligeneinsätze überhaupt und wie können Freiwillige mit bestehenden sozialen Machtverhältnissen umgehen?


2. Wem nützen Auslandspraktika?

Ich bin selbst eine ehemalige Auslandspraktikantin und Freiwillige. 2015 absolvierte ich mein Langzeitpraktikum im Rahmen des Bachelorstudiums Soziale Arbeit in Südindien in einer NGO, die sich für Straßenkinder einsetzte. Im darauffolgenden Jahr leistete ich einen Solidareinsatz2 auf den Philippinen bei einer NGO, die auf Kinder- und Frauenrechte spezialisiert ist. Beide Erfahrungen waren fachlich und persönlich sehr lehrreich für mich. Einige Jahre später betrachte ich sie mit genügend Abstand und bin fähig, mich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen: Entsprechen unsere Einsätze nicht einer elitären Logik? Denn solche Formen des Austauschs sind in diesem Ausmaß nur „uns Weißen“ vorbehalten. Helfen wir uns mit unserem Helfen-Wollen schlussendlich selbst am meisten?

In den letzten Jahrzehnten stieg die Zahl jener, die gleichzeitig die Welt erkunden und einen sozialen Beitrag leisten möchten, enorm an. Die Nachfrage nach Freiwilligeneinsätzen in afrikanischen, lateinamerikanischen und asiatischen Ländern ist groß, bezeichnet wird dieses Phänomen mit dem Begriff Voluntourismus – einem Kunstwort, das sich aus den Worten volunteering und Tourismus zusammensetzt (vgl. Haas 2016: 1). Die Einsätze sind oft nicht von langer Dauer, manchmal verbringen Freiwillige nur wenige Wochen in einer Einrichtung, um dann mit neuen Erfahrungen im Gepäck weiterzuziehen. Doch was macht das mit jenen, denen eigentlich geholfen werden soll? Für diese Menschen, die ohnehin besonders vulnerablen Gruppen angehören und häufig wenige stabile Beziehungen erleben, kommt es immer wieder zu Beziehungsabbrüchen (vgl. Krobath 2015). Zudem sind vor allem kurze Freiwilligeneinsätze für das Personal der Einsatzeinrichtungen sehr arbeitsintensiv. Die Freiwilligen sprechen oft die Landessprache nicht, sind in den Einsatzregionen auf Hilfe angewiesen, es sind viele Formalia und Schreibarbeiten (z.B. das Erstellen eines Dienstzeugnisses für den Lebenslauf) zu erledigen.

In den Einrichtungen kommt den weißen Helfer_innen eine besondere, von Privilegien gekennzeichnete Position zu, die unbewusst die bestehenden ungleichen globalen Machtverhältnisse zwischen Nord und Süd reproduziert. Dieses Machtverhältnis fußt einerseits auf einer historisch übermittelten Vorstellung, die Weiße auf ein Podest hebt. Andererseits basiert die privilegierte Position auf der Tatsache, dass mit den Aufenthalten der Freiwilligen oft dringend benötigte Spendeneingänge – durch diese selbst oder deren Familien – einhergehen. Im Alltag zeigt sich diese besondere Stellung zum Beispiel darin, dass die Voluntär_innen besseres Essen bekommen, öfter um eine fachliche Meinung gebeten werden, bei feierlichen Anlässen oder Besprechungen besondere Rollen einnehmen oder von Autoritäten (anders) wahrgenommen werden.

Diese Position ist häufig auch im Denken und Handeln der Freiwilligen (unbewusst) präsent. Man zeigt sich beispielsweise überrascht über die doch vorhandene fachliche Kompetenz der Kolleg_innen oder über eine durchaus theoretisch fundierte Soziale Arbeit im Gastland. Anfänglich war man vor allem gekommen, um einen sozialen Beitrag zu leisten, etwas zu lernen habe man weniger erwartet. Geblendet vom eurozentristischen Weltbild der Erhabenheit der westlichen Welt stolpern Weiße häufig über (unbewusste) Glaubensätze wie z.B. den, grundsätzlich mehr zu wissen, fachlich versierter zu sein oder „denen da unten“ helfen zu müssen. Eine „europäische Lebensweise“ gilt dabei als erstrebenswertes Maß für Entwicklung.

Aufgrund solcher Annahmen waren unzählige Projekte der Entwicklungshilfe zum Scheitern verurteilt. Die Menschen wurden vielerorts nicht zum selbständigen Weiterführen angefangener Projekte befähigt, geschweige denn in deren Gestaltung eingebunden. Die aus dem Westen kommende Entwicklungshilfe fing sich den Ruf ein, Menschen lethargisch und abhängig von fremder Hilfe zu machen (vgl. Endres 2012). Allein der Begriff Entwicklungshilfe lässt auf einen paternalistischen Zugang schließen. Vor allem seit den 1990er Jahren hat sich der Begriff Entwicklungszusammenarbeit (EZA) etabliert. Die im Jahre 2000 in einer Versammlung der Vereinten Nationen von 189 Ländern verabschiedeten Millenniumsentwicklungsziele trugen maßgeblich zu einem partnerschaftlicheren Tenor in der Entwicklungszusammenarbeit bei. Der letzte Punkt der acht Millenniumsentwicklungsziele fordert, eine weltweite Entwicklungspartnerschaft aufzubauen (vgl. Maiwald 2012: 25f.).


3. Welche Strukturen stecken dahinter?

Die meisten Weißen haben sicherlich gute Absichten und glauben, niemals jemanden aufgrund seiner beziehungsweise ihrer Herkunft zu diskriminieren. In Wahrheit lassen sich aber selbst in gebildeten und aufgeklärten Kreisen Annahmen wie die oben beschriebenen finden. Rassismusforscher_innen widmen sich diesen subtileren und unbewussteren Formen von Rassismus, die sich als Relikte kolonialer Strukturen in institutionellen Systemen und Ordnungen und in unserem Denken und Handeln manifestiert haben. Im Alltag der Betroffenen zeigt sich dieser Rassismus in Form von subtilen Botschaften, wenn beispielsweise der Sitzplatz im Bus neben einer Person mit dunkler Hautfarbe frei bleibt, oder in Form von institutionalisiertem Rassismus. Dieser zeigt sich beispielsweise bei längeren Wartezeiten im Krankenhaus oder in Anbetracht schlechterer Bildungschancen (vgl. Wing-Sue 2010: 8f.).

Das im Kolonialismus entstandene eurozentrische Weltbild – welches beinhaltet, dass der Rest der Welt an den Entwicklungen des Westens gemessen wird – wird mit einer strukturellen und subtilen Ungleichbehandlung nicht-weißer Menschen zu selten in Verbindung gebracht (vgl. Ganser 2010: 5). Es wird heute nicht mehr als geschichtlich gewachsen begriffen, sondern als „normale“ Ordnung der Welt. Europa wird beispielsweise immer noch auf den meisten Landkarten als Zentrum der Welt und größer, als es eigentlich ist, dargestellt. Menschen aus nicht-westlichen Kulturkreisen werden automatisch als rückständig, hilfsbedürftig und schlussendlich als weniger wert wahrgenommen (vgl. Ziai 2016: 14ff.). Aram Ziai nennt das Nicht- oder Wenig-Wissen über den Kolonialismus und über die Verbrechen, die in dieser Zeit in weiten Teilen der Welt durch die Weißen begangen wurden, als maßgeblichen Grund den unreflektierten Fortbestand rassistischer Denkmuster und Weltbilder (vgl. Ziai 2016: 14ff.). Die durch den Kolonialismus entstandene Schuld und die entstandenen Vorurteile finden in westeuropäischen Kulturkreisen allgemein und bis heute noch zu wenig Beachtung. Dies zeigt sich unter anderem anhand fortwährender ausbeuterischer Handelsbeziehungen und darin, dass in öffentliche Debatten rund um Migration und Flucht diese Schuld nie thematisch wird.


4. Sind Auslandspraktika sinnvoll?

Es stellt sich die Frage, ob Freiwilligeneinsätze im globalen Süden für rassismuskritische Personen unter diesen Voraussetzungen überhaupt sinnvoll sind. Bestätigen sie ausschließlich die vorherrschende Ordnung der Welt oder sind sie zugleich wertvolle Begegnungszonen für interkulturellen Austausch, die zum Abbau festgefahrener Denkstrukturen beitragen können? Diese Frage lässt sich natürlich nicht eindeutig beantworten und ist sowohl kontext- und situationsabhängig als auch individuell zu betrachten. Abschließend möchte ich einige Überlegungen präsentieren, die zu reflektierten Formen der interkulturellen Zusammenarbeit beitragen können.


5. Wie können Freiwillige mit ungerechten Machtverhältnissen umgehen?


5.1 Ein kritisches Bewusstsein entwickeln

Eines ist klar: Außerhalb postkolonialer Strukturen werden Freiwilligeneinsätze wohl nie stattfinden, dessen müssen wir uns bewusst sein. Das fängt schon damit an, dass sich im Gegensatz zu den Freiwilligen ein Großteil der Menschen in den Einsatzländern keine Flugreise leisten kann. Trotzdem kommt es darauf an, was wir aus unseren Freiwilligeneinsätzen machen und was wir transportieren möchten. Allein der Aspekt, die eigenen Einstellungen in Frage zu stellen und sich mit eurozentristischen Dynamiken auseinanderzusetzen, verändert den Zugang zu Freiwilligeneinsätzen und trägt zu einem reflektierten Umgang mit bestehenden Machtverhältnissen bei. Ein kritisches Bewusstsein für globale Ungerechtigkeiten wirkt zudem über die Dauer der Freiwilligeneinsätze hinaus und kann bei Freiwilligen ein kritischeres Konsumverhalten und ein anderes Verständnis für z.B. Migrationsgründe bewirken. Freiwillige tauchen in die Lebensrealitäten von marginalisierten Gruppen ein. Armut und die Folgen von Ausbeutung – zum Beispiel in der Textilindustrie – werden greifbar. Ich kann mir heute beispielsweise kein Kleidungsstück mehr kaufen, ohne darüber nachzudenken, unter welchen Umständen es produziert wurde.


5.2 Kritische Reflexion der Ansprüche, Ziele und des Kontexts

Auf Grundlage eines kritischen Ausgangspunktes müssen auch Ansprüche, Kontexte und Ziele eines Auslandseinsatzes hinterfragt werden. Der Anspruch, helfen zu wollen, wird beispielsweise weniger zum Abbau von Machtverhältnissen zwischen dem globalen Süden und dem globalen Norden beitragen, als der Anspruch, zu lernen. Das Vorhaben, sich nur wenige Wochen intensiv um einzelne Waisenkinder zu kümmern, ist für mich ethisch wenig vertretbar – auch wenn es durchaus andere, weniger auf Beziehung aufbauende Einsatzbereiche gibt, von denen auch bei kürzer angelegten Aufenthalten alle Beteiligten profitieren. Wer nur auf Reisen gehen und etwas erleben möchte – und diese Erlebnisse gar noch in Form von Fotos von armen Menschen in Slums festhält –, wird Scham und Unbehagen bei den Betroffenen auslösen. Die Einladung in das Haus einer von Armut betroffenen Familie anzunehmen und Interesse für die Lebenslagen der Menschen zu zeigen, wird im Vergleich dazu viel eher ein Gefühl von Anerkennung und Gesehen-Werden erzeugen.


5.3 Abgrenzung

Für uns Studierende der Sozialen Arbeit ist es von besonderer Bedeutung, uns von fragwürdigen Formen der Freiwilligenarbeit im globalen Süden abzugrenzen. Manche Einsätze sind für mich fragwürdig, weil Freiwillige recht hohe Summen an Vermittler- und Einsatzorganisationen bezahlen, um „helfen“ zu dürfen (vgl. Krobath 2015). Das hat für mich Zoo-Charakter: Eintritt bezahlen, um einen Einblick in eine andere Welt zu erlangen und deren Bewohner_innen bestaunen zu dürfen. Manche Einsätze sind fragwürdig, weil sie von den Freiwilligen kaum Vorkenntnisse und Vorbereitung erfordern, andere wiederum, weil sie stark an Missionarstätigkeiten erinnern oder klar als solche deklariert sind. Abgrenzen können wir uns von solchen fragwürdigen Formen der Freiwilligenarbeit zu allererst dadurch, dass wir sie nicht eingehen. Sollte jemand erst vor Ort erkennen, wie der Einsatz tatsächlich aussieht und welche Privilegien Weiße haben, ist dies kritisch zu hinterfragen und auch so darüber zu berichten.

Wir müssen ganz klar Haltung zeigen. Soziale Arbeit ist politisch. Politisch zu sein heißt für mich nicht nur mit Worten für das einzustehen, was uns auf (global)politischer Ebene wichtig ist. Politisch zu sein bedeutet auch, durch die Art und Weise wie wir mit Menschen arbeiten und ihnen begegnen, Statements zu setzen. Eine spezifische Aufgabe für Auslandspraktikant_innen oder Freiwillige, die Soziale Arbeit studieren, sehe ich darin, die Thematisierung globaler Ungerechtigkeiten (soziale, wirtschaftliche, historisch gewachsene) zum Ziel der Einsätze zu machen. In den Einsatzeinrichtungen übernehmen Freiwillige häufig Lehrtätigkeiten und leiten Workshops. Dabei haben sie meist viel Gestaltungsfreiraum. Warum nicht mit den Praktikumsanleiter_innen, den Kolleg_innen und den Klient_innen gemeinsam Workshops zu Themen wie Ausbeutung oder globale Rollenbilder gestalten?


Verweise
1 Fortan wird nur noch der Begriff Freiwilligeneinsätze verwendet, gemeint sind auch Praktika.
2 Durch die Dreikönigsaktion vermitteltes Volontariat.


Literatur

Endres, Alexandra (2012): Hilfe, die arm macht. Zeit Online. https://www.zeit.de/kultur/film/2012-10/film-suesses-gift-rezension (05.06.2019).

FH Campus Wien (o.J.): Outgoing. https://www.fh-campuswien.ac.at/studium/internationales/outgoing.html (05.06.2019).

Ganser, Christine (2010): Die sprachliche Darstellung der eurozentristischen Weltsicht im Kolumbusbrief. Norderstedt: Grin.

Haas, Benjamin (2016): Voluntourismus: Annäherung an einen schwammigen Begriff. BBE-Newsletter für Engagement und Partizipation in Europa, Nr. 8/2016, S. 1–8. https://www.b-b-e.de/fileadmin/inhalte/aktuelles/2016/08/enl-8-haas-gastbeitrag.pdf (05.06.2019).

Krobath, Salomea (2015): Wie Organisationen von freiwilligen Helfern profitieren. Profil. https://www.profil.at/portfolio/voluntourismus-vermittlungsorganisationen-volontariat-sozialprojekte-5542694 (05.06.2019).

Maiwald, Ulrike (2012) Der Begriffswandel von der „Entwicklungshilfe“ zur „Entwicklungshilfe“ am Beispiel der BRD. Unveröffentlichte Masterarbeit. Universität Wien.

Wing Sue, Derald (2010): Microaggressions in Everyday Life. Race, Gender, and Sexual Orientation. Hoboken/New Jersey: John Wiley & Sons.

Ziai, Aram (2016): Einleitung: Unsere Farm in Zhengistan. In: Ziai, Aram (Hg.): Postkoloniale Politikwissenschaften. Theoretische und empirische Zugänge. Bielefeld: Transcript, S. 11–24.


Über die Autorin

Janine Khandoker, BA
janine.rabitsch@gmail.com

Bachelorstudium der Sozialen Arbeit an der FH-Kärnten. Derzeit Masterstudentin der Sozialen Arbeit an der FH-Joanneum in Elternkarenz.






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