Band 33: „Rechtsextremismus"
Die gesellschaftliche Entwicklung in Österreich gibt Anlass zur Sorge: Im ersten Halbjahr 2025 sind rechtsextreme Straftaten um 41,5% gestiegen, 91% der Täter sind männlich. Diese alarmierenden Zahlen sind mehr als ein polizeistatistisches Phänomen – sie verweisen auf tiefgreifende gesellschaftliche Herausforderungen, die auch die Soziale Arbeit in Praxis, Forschung und Lehre unmittelbar betreffen.
Aktuelle Einstellungsstudien zeigen zudem: Neben einem klar identifizierbaren Anteil von Personen mit geschlossenem rechtsextremen Weltbild existiert ein breiter Bevölkerungsanteil mit autoritären, antidemokratischen und exkludierenden Überzeugungen. Diese Haltungen überschneiden sich in weiten Teilen mit Positionen der extremen Rechten. Besonders besorgniserregend ist, dass junge Menschen zunehmend in den Fokus rechtsextremer Agitation geraten – vor allem in digitalen Räumen. Nicht zuletzt verdeutlichen die Wahlresultate der letzten Jahre, dass extrem rechte Positionen und Personen erheblich an gesellschaftlichem Einfluss gewonnen haben.
Diese Entwicklungen stellen grundlegende Fragen an das Selbstverständnis demokratischer Gesellschaften: Ist Demokratie lediglich das Ergebnis von Mehrheitsverhältnissen, oder ist sie auch zukünftig untrennbar an zentrale Werte wie Freiheit, Gleichwertigkeit, Menschenwürde und unveräußerliche Rechte gebunden? Wie positioniert sich Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession in Spannungsfeldern zwischen liberal-kapitalistischen bis menschenverachtenden Diskursen und konkreten politischen Entscheidungen, dem (vermeintlichen) Wähler*innenwillen, institutionellen Rahmenbedingungen und demokratischen Grundwerten?
Mit dem Themenschwerpunkt wollen wir Raum für kritische Auseinandersetzungen schaffen, die Rechtsextremismus als gesamtgesellschaftliches Phänomen begreifen – eines, das Soziale Arbeit auf konzeptioneller, institutioneller und praktischer Ebene herausfordert. Wir suchen Beiträge aus Forschung, Praxis und Lehre, die spezifisch österreichische Kontexte, Strukturen und Besonderheiten beleuchten.
Themenvorschläge für den Call
Professionelle Praxis und Handlungsfelder:
Wie gehen Fachkräfte mit rechtsextremen Orientierungen und Aktivitäten bei Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Familien in unterschiedlichen Arbeitsbereichen und Handlungsfeldern um? Welche methodischen Ansätze sind vielversprechend und erfolgreich?
Wie können wir Radikalisierungstendenzen frühzeitig erkennen und präventiv intervenieren?
Wie können wir jene Adressat*innen Sozialer Arbeit, die von Rassismus und rechter Gewalt betroffen sind schützen und unterstützen?
Welche intersektionalen Perspektiven sind hilfreich, um die Zusammenhänge von Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit zu verstehen?
Welche Ansätze der Demokratiebildung und Stärkung demokratischer Werte in verschiedenen Settings werden aktuell umgesetzt und entwickelt?
Welche professionellen Dilemmata entstehen rund um den Phänomenbereich Rechtsextremismus? Wie können Fachkräfte zwischen institutionellem, gesellschaftlichem und fachlichem Auftrag navigieren?
Welche Rolle spielt der Ethikkodex in Zeiten rechter Landnahmen? Wie gehen wir mit Ideen von Neutralität und Allparteilichkeit um?
Welche fachlichen Antworten gibt es auf Zugänge von Handlungen von Kolleg*innen, die selbst extrem rechte Positionen teilen oder in der extremen Rechten engagiert sind?
Politik und Gesellschaft:
Welche Folgen hat eine wohlfahrtschauvinistische Zuspitzung der Sozialpolitik für die Soziale Arbeit?
Was bedeuten rechtsextreme Einflussnahmen auf Rechtsgrundlagen, Richtlinien und Finanzierung der Sozialen Arbeit?
Welche Themenbereiche Sozialer Arbeit werden von extremen Rechten gekapert und umgedeutet oder attackiert? Welche Methoden kommen dabei zur Anwendung?
Wie können wir Fachkräfte und Einrichtungen der Sozialen Arbeit durch Anfeindungen durch rechtsextreme Akteur*innen schützen?
Welche Gegenstrategien und Bündnispartner*innen hat Soziale Arbeit? Welche Aufgabe haben Berufsverband und Fachgesellschaften?
Welche Maßnahmen und Ressourcen benötigt es seitens des Staates, um Maßnahmen und Projekte der Sozialen Arbeit gegen Rechtsextremismus in Österreich zu entwickeln und umzusetzen?
Wir freuen uns über Beitragsvorschläge als Abstract an eine der 10 Standortredaktionen zum Schwerpunktthema bis zum 01.03.2026. Darüber hinaus sind sozialarbeitswissenschaftliche Beiträge zu anderen Rubriken willkommen. Weitere Informationen zu Rubriken, Formalkriterien für Abstracts und zum Publikationsprozess finden sich hier: https://sozialeskapital.at/index.php/sozialeskapital/einreichung
Die Rückmeldung zu den Abstracts und Einladungen zum Verfassen von Beiträgen werden bis 01.04.2026 versendet, am 01.09.2026 ist die Abgabefrist für den verfassten Beitrag, die Ausgabe #33 wird am 15.12.2026 erscheinen.