soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 25 (2021) / Rubrik „Editorial“ / Redaktion soziales_kapital
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/view/739/1362.pdf


Editorial Online-Journal soziales_kapital

25. Ausgabe März 2021: Soziale Arbeit & Krise


Seit etwas mehr als einem Jahr ist ein großer Teil der Welt, Europas und auch Österreichs in einem Krisenmodus aufgrund der Covid-19-Pandemie. Um die Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung zu reduzieren, war und ist es notwendig, Sozialkontakte vor Ort zu reduzieren. Die Krise ist vielgestaltig: Zu Beginn stand eine Gesundheitskrise, mit der Schließung weiter Teile des öffentlichen Lebens, wie der Schulen, des Handels, der Kunst- und Kulturstätten. Die Pandemie und die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung führ(t)en unter anderem zu einer Wirtschaftskrise und einer psychosozialen Krise. Wie ein Brennglas verstärkt sich soziale und gesellschaftliche Spaltung entlang unterschiedlicher Linien der Differenz. Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status sind stärker betroffen, sowohl von Arbeitslosigkeit als auch von verschärften Arbeitsbedingungen. In vielen Familien zeigt sich auch eine verstärkte Re-Traditionalisierung der Geschlechterverhältnisse. Die Care-Arbeit und die Betreuung der Kinder im Home-Schooling wird in hohem Ausmaß von Frauen übernommen. Die Bedingungen für Kinder und Jugendliche unterscheiden sich stark. Während die einen ausreichend Raum, Ruhe und Unterstützung erhalten, finden andere schlechtere Bedingungen vor. Ein ausgleichender Effekt durch die Schule oder Lernräume fällt weg. Während manchen Familien ein Miteinander möglich ist, verstärken sich in anderen die Spannungen und führen teilweise zu psychischer und physischer Gewalt. Mit zunehmender Dauer der Krise verstärkt sich die Spaltung der Gesellschaft in zunehmendem Ausmaß.

Aufgrund all dieser Problemfelder wird die Soziale Arbeit mit ihrem gesellschaftspolitischen Mandat in den kommenden Jahren noch stärker gefordert sein. Gleichzeitig waren und sind die Soziale Arbeit und die gesamte psychosoziale Versorgung, bei der direkte Kontakte eine große Rolle spielen, in der Pandemie und angesichts der Maßnahmen zur Reduktion unmittelbarer Kontakte vor große Herausforderungen gestellt. Einerseits soll die Versorgung bestmöglich aufrecht erhalten werden, andererseits muss aber auch die Gesundheit der Klient*innen und der Sozialarbeiter*innen geschützt werden. Trotz ihrer Dringlichkeit sollten wir jedoch nicht aus dem Blick verlieren, dass die Corona-Pandemie nicht die einzige Krise ist, mit der wir konfrontiert sind. So verliert z.B. der Klimawandel nicht an Bedeutung und Kriege und katastrophale Lebensbedingungen nötigen weiterhin viele Menschen, ihre Herkunftsorte und Länder zu verlassen.


Die ersten Beiträge zum Themenschwerpunkt widmen sich der Covid-19-Krise. In weiteren Beiträgen stehen Möglichkeiten des Umgangs mit Krisen auch jenseits der Pandemie im Fokus. Ines Findenig geht in ihrem Beitrag auf die Situation der Kinder und Jugendlichen ein. Anhand analysierter Beratungsprotokolle von Rat auf Draht aus der Lockdown Zeit im Frühjahr 2020, beschreibt sie die Belastungssituation der jungen Generation und problematisiert die Verschärfung der Situation durch den Wegfall professioneller Unterstützungsnetzwerke. Aus einer anderen Perspektive, jener der Schulsozialarbeit, beleuchtet Sandra Jensen die Schulschließungen im März 2020. Sie berichtet über Erfahrungen der ISOP-Schulsozialarbeit in Graz. Dabei geht sie auf die Arbeit und Arbeitsbedingungen der Schulsozialarbeiter*innen aber auch auf die Lebensrealitäten von Schüler*innen aus sozial und finanziell schlechter gestellten Familien ein. Auch Elisabeth Zehetner, Marcel Reiner, Gerlinde Janschitz und Karina Fernandez widmen sich in ihrem Beitrag psychosozialen Unterstützungssystemen an Schulen zur Zeit der Pandemie. Sie stellen dar, wie die Methoden und Arbeitsweisen aufgrund der sich wandelnden Umstände regelmäßig adaptiert werden mussten. Trotz aller Herausforderungen sehen die Autor*innen darin auch einen Anstoß für Innovation und einen positiven Einstellungswandel gegenüber neuen digitalen Formaten und Medien.

Dass die Notwendigkeit einer Intensivierung der digitalen Jugendarbeit eine unmittelbare Auswirkung der Covid-19-Pandemie war, betonen auch Lisa Maria Gingl und Viktoria Stifter. Sie empfehlen in ihrem Beitrag, basierend auf den Ergebnissen qualitativer Interviews mit Fachkräften, die Entwicklung einer langfristigen Gesamtstrategie für die Digitalisierung der Jugendarbeit auf organisationaler Ebene, welche die Bedürfnisse der Zielgruppe, der Mitarbeiter*innen und deren Teamstrukturen berücksichtigt. Da auch Student*innen psychosoziale Problemstellungen und Krisen erleben, wurde 2017 in St. Pölten ein studentisches und kollegiales Peer-Unterstützungssystem entwickelt. Elisabeth Weber-Schigutt beschreibt in ihrem Beitrag dieses System und geht dabei auch auf die Bedürfnisse und Herausforderungen im Zuge der Covid-19-Pandemie ein.

Cornelia Forstner beleuchtet in ihrem Beitrag das Spannungsfeld fremdinitiierter Kontaktaufnahme: zwischen der Forderung, dass Hilfestellung immer den ausdrücklichen Wunsch der Betroffenen voraussetzt, und der Wichtigkeit zeitnaher Interventionen, um das Risiko späterer Traumafolgen zu reduzieren. Mit Krise in einem weiteren Sinn befassen sich Franz Schiermayr und Charlotte Sweet in ihrem Beitrag. Sie konstatieren eine umfassende Vertrauenskrise, die sich auch auf die Soziale Arbeit auswirkt, und fordern, das dritte, politisch-strukturelle Mandat der Sozialen Arbeit wieder zu stärken. Mit einer dergestalt handlungsfähigen, selbstgestaltenden Sozialen Arbeit könnte ein konstruktiver Beitrag zu struktureller und systemischer sozialer Innovation geleistet werden.


Vielleicht ist es ein Merkmal dieser außergewöhnlichen Zeit, dass für diese Ausgabe besonders viele Artikel eingereicht wurden. Neben den Beiträgen zum Thema Krise, finden sich auch einige sehr interessante Beiträge in den Rubriken Sozialarbeitswissenschaft, Junge Wissenschaft und Werkstatt. Während viele der Beiträge dieses Heftes auf junge Menschen fokussieren, beschäftigen sich Marc Diebäcker und Anna Aszódi mit einer alltagsorientierten Perspektive älterer Menschen in Wohn- und Pflegehäusern. Sie beschreiben, dass der Einzug oft als biographischer Bruch erlebt wird, und stellen dar, dass eine Einrichtungspraxis gefordert ist, die ressourcenorientierte und partizipative Methoden nutzt. Eva Fleischer, Sabine Kröll und Magdalena Meindlhumer beschäftigen sich mit dem Thema inklusives Wohnen. Sie stellen die Ergebnisse eines Evaluationsprojektes vor, in dem die Perspektiven der Bewohner*innen, der Mitarbeiter*innen und der Nachbarschaft berücksichtigt wurden.

Hubert Höllmüller plädiert in seinem theoretischen Beitrag dafür, dass sich mit der Systemtheorie Luhmanns die Gegensätze zwischen realistischen und konstruktivistischen Konzeptionen aufheben lassen, und zeigt den daraus resultierenden Nutzen für die Sozialarbeitsforschung. Die Wahrnehmungen marginalisierter Menschen am Praterstern in Wien stehen im Zentrum des Beitrages von Mira Liepold. Sie betont die Notwendigkeit einer sozialräumlich orientierten Sozialen Arbeit und zeigt die Bedeutung des öffentlichen Raumes für gesellschaftliche Teilhabe auf. Malgorzata Michling weist darauf hin, wie wichtig die Weiterqualifizierung von Mitarbeiter*innen in Notunterkünften für Obdachlose ist, um eine angemessene Betreuung sicherzustellen und die eigene körperliche und psychische Gesundheit zu sichern. Eine auf die Zukunft gerichtete Perspektive nimmt Roland Urban in seinem Beitrag ein, in dem er eine Vision einer krisenreflexiven, nachhaltigen, beteiligenden und vernetzten Sozialen Arbeit entwirft. Johannes Vorlaufer stellt in seinem Beitrag Überlegungen zur Gegenwartserfahrung im professionellen Gespräch an und legt dar, dass sich Zeit und Zeiterfahrung in der Sozialen Arbeit von jenen in anderen Kontexten unterscheiden.

In der Rubrik Junge Wissenschaft stellen Melina Eder, Stefan Fercher, Beate Haberhofer und Jacqueline Zeilinger dar, vor welchen Herausforderungen die Soziale Arbeit im Feld der Akutsozialarbeit steht. Sie arbeiten heraus, welche Verweisungs- und Vermittlungsprobleme auftreten können, welche Erwartungen die Klient*innen haben und wie die Perspektiven der professionellen Helfer*innen und der Sozialarbeiter*innen zusammengebracht werden können. Natalie Eller fordert in ihrem Beitrag von der Sozialen Arbeit ein, sich im Kontext des White Saviorism – als Auswirkung von Kolonialismus und Rassismus – mit den eigenen Privilegien, den eigenen Rassismen und deren Auswirkungen auseinanderzusetzen.

Persönliche Krisen von Sozialarbeiter*innen und die Auswirkungen auf deren Arbeitsfähigkeit stehen bei Timna Langer im Zentrum. Sie stellt dar, dass persönliche Krisen auf das Arbeitsfeld wirken, sich jedoch nicht unbedingt auf die Qualität der sozialarbeiterischen Betreuung auswirken – vor allem wenn die Krisen reflektiert werden und entsprechende Unterstützung durch Kolleg*innen und Vorgesetzte gegeben ist. Elsa Lindner setzt sich mit Fragen der Wirkungsmöglichkeiten von Entwicklungszusammenarbeit auseinander. Sie reflektiert kritisch, warum bis jetzt keine globale Chancengleichheit erreicht werden konnte und welche Rolle der Sozialen Arbeit in der internationalen Zusammenarbeit zukommen kann. Sophie Lukacs beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der Personalauswahl im Sozialbereich. Sie argumentiert, dass das Personalmanagement bis dato einen untergeordneten Stellenwert einnahm und stellt Kriterien für passgenaue Personalauswahl in den Flexiblen Hilfen vor. Das Erlernen der Geschlechtlichkeit im Kindergarten steht im Zentrum von Melanie Schinnerls Arbeit. Sie hat untersucht, wie im Kindergartenalltag Geschlecht auf unterschiedliche Arten dramatisiert und de-thematisiert wird.

In den Werkstattberichten stellen Magdalena Habringer, Christoph Stoik, Michael Poigner und Katharina Kirsch-Soriano da Silva dar, wie durch Prozessbegleitung, zusammen mit den Bestandsbewohner*innen die Nachverdichtung von bestehenden Wohnhausanlagen besser gelingen kann. Cornelia Pickl beschreibt die Situation von Menschen mit Behinderung während des ersten Lockdowns. Aus der Sicht einer Begleiterin gibt sie ihre Beobachtungen wieder. Barbara Thalmann setzt sich mit dem Sterben und dem Tod von wohnungs- und obdachlosen Menschen auseinander. Sie zeigt die Notwendigkeit einer persönlichen und gesellschaftskritischen Auseinandersetzung mit den Themen und rückt dabei das Recht auf ein Sterben in Würde in den Mittelpunkt. Janine Winter fordert als Ergebnis einer intensiven Fallrekonstruktion Reformen in Hinblick auf die Verwahrung von jungen, als abnorm eingestuften Rechtsbrecher*innen auf forensische Abteilungen psychiatrischer Krankenhäuser.

Den Abschluss des Heftes bildet eine Rückschau auf die Internationale Konferenz der Sozialen Arbeit zum Thema „Globale Agenda 2020–2030“ von Marina Tomic Hensel und Florian Zahorka. Sie betonen dabei die Forderung nach einer Re-Politisierung Sozialer Arbeit entlang professionsethischer Leitlinien als zentrales Anliegen der Beiträge. Außerdem finden sich drei interessante Rezensionen: Christian Fischer hat den Sammelband Streetwork und Aufsuchende Soziale Arbeit im öffentlichen Raum (2020), herausgegeben von Marc Diebäcker und Gabriele Wild, gelesen; Paul Haller berichtet über Frauen*Rechte und Frauen*Hass. Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt (2019), verfasst vom Autor*innenkollektiv AK Fe.In; und Julia Kopf stellt Die Grenzen der Demokratie. Politische Auseinandersetzung um Rechtsextremismus im österreichischen Nationalrat (2019) von Matthias Falter vor. Ich wünsche viel Freude und spannende Lektüre der vielen interessanten und hoch qualitativen Beiträge dieser Ausgabe.



Johanna Muckenhuber (Standort Graz) für die Redaktion